Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2006-05-04
 


DIE VERRIEGELTE PFORTE HERSBRUCKS

Was ein jüdischer Rabbi sagen würde wegen dem nicht gestatteten Mahnmahl für die 4.000 KZ-Getöteten der Stadt.

Vor ca. 20 Jahren bin ich mit einem internationalen Pilger-Konvoi um Nürnberg herumgefahren. Das Ziel war, zu einer Konferenz anlässlich des 50. Jahrestages der Nürnberger Gesetze auf dem ehemaligen Reichparteitagsgelände einzuladen.

Mit diesem Konvoi, der aus alten bunten Bauerntraktoren mit Wohnwagen bestand, wurde ich im Laufe eines Jahres von Stadt zu Stadt gut aufgenommen. Nur in einer Stadt wurde mir mit meinem 4-Mast-Zelt der Zugang verweigert: Hersbruck!

Als ich jetzt noch einmal diese Gegend und die Familie Georg Mörtel im Hotel Lindenhof, Hubmersberg besuchte (diese Familie hat mir damals beigestanden, so dass eine 7-tägige Konferenz in Nürnberg durchgeführt werden konnte), lese ich zu meiner Bestürzung in der HZ, dass die Stadt noch einmal ihre Pforte verriegelt hat, für die tragische Erinnerung der Vergangenheit.

In einem Leserbrief von Hans und Luise Treuheit, Hersbruck wird am 29.04.2006 erklärt, wie die Stadträte beschlossen haben, das Angebot eines italienischen Künstlers (Hersbrucker-KZ-Überlebender), für die Errichtung eines Mahnmals abzulehnen.

Weil ich jetzt in Israel lebe, komme ich nicht umhin, dieses Ereignis aus hebräischer Sicht zu beurteilen.

Im Alten Testament steht ein Gesetz, das mich an den Beschluss des Stadtrates erinnert. Dieses Gesetz heißt: „Wenn man einen Erschlagenen findet … und er liegt im Felde und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat, so sollen deine Ältesten hinausgehen und von dem Erschlagenen messen bis an die Städte die umherliegen. Welche Stadt die nächste ist, deren Älteste sollen eine junge Kuh nehmen … und sollen sie hinabführen in einen kiesigen Grund … und daselbst ihr den Hals brechen. Da sollen herkommen die Priester, denn der Herr dein Gott hat sie erwählt. Und alle Ältesten der Stadt sollen herzutreten und ihre Hände waschen über der jungen Kuh und sollen antworten und sagen: Unsere Augen haben nicht gesehen." (5. Mose 21, 1-9)

Ein jüdischer Rabbi würde zu diesem Text eine Bemerkung äußern. Er würde in Bezug auf Hersbruck über das Wort: „Wenn man einen Erschlagenen im Felde findet…" kommentieren. Gerade das (die Getöteten auf dem freien Felde) war das grausame Schicksal vieler seiner Landsleute in Hersbruck. Hier wurden die Leichen auf die nackte Erde hingeworfen und verbrannt.

Wenn ich den halb verborgenen Obelisk passiere, der 1950 aufgerichtet wurde, (rechts an der Straße nach Hubmersberg) ist mir, als höre ich den Schrei der 300 Getöteten, die in einer finsteren Novembernacht 1944 auf diesem offenen Feld verbrannt wurden.

Sehe ich diese Gedenkstätte heute, kommt es mir vor, als sei sie versäumt und vergessen. Die verwitterte Inschrift des Steines von: „Die ewige Flamme, die sich hebt…" und von „der stummen Klage des Steines" wirkt, als ob sie nur von den umherstehenden Bäumen wahrgenommen wird.

Mein jüdischer Rabbi würde auch seinen weißen Kopf schütteln, wenn er den Text hört, dass man „…nicht weiß, wer den Ermordeten erschlagen hat…".

„Gott weiß, wer ihn ermordet hat" sagt er, „und der Schuldige wird gewiss gefunden werden".

„Wie soll er gefunden werden?"

„Die Mitglieder des Stadtrates sollen den Abstand vom Tatort zu der am nächsten liegenden Stadt messen. Sie müssen den Maßstab auspacken."

„Der Maßstab wurde schon ausgepackt. Sie haben die Größe des Denkmals bereits gemessen und befunden, dass die Größe um 2 Meter zu hoch sei."

„Der Maßstab sollte nicht dafür gebraucht werden. Er sollte den Schuldigen herausfinden."

„Den Schuldigen? Wer sind sie?"

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Augenblick unseren alttestamentlichen jüdischen Rabbi verlassen, um einen neutestamentlichen jüdischen Rabbi zu hören. Ich denke gerade an den Apostel Paulus (der zu den Füßen Gamaliels aufgezogen wurde). Er würde in Bezug auf die Hersbrucker Tötung seiner Landsleute folgendes erklären:

„Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist. Denn worin du einen anderen richtest, verdammst du dich selbst; sintemal du eben das selbe tust, was du richtest." (Römer 2, 1)

Ich kann verstehen, dass von den zornigen Lesern der HZ jetzt der Stadtrat als der Schuldige ausgepfiffen wird. Lasst uns aber selbst den Maßstab auspacken. Ich schätze, von unseren Sofas zum Fernseher sind es etwa 2 Meter. Von diesem Abstand aus kann jeder Hersbrucker Bürger den dramatischen Entwicklungen im mittleren Osten folgen. Mit eigenen Augen kann er sehen, wie das Hamas-Terror-Regime die Ausrottung der Juden vorbereitet. Sie können hören, wie ein extremistischer islamischer Präsident im Iran dieselbe Sprache gebraucht, wie Adolf Hitler. Wenn sie dann schweigen, können sie tausende Denkmäler aufstellen und 100mal ihre Hände waschen um damit zu sagen: „Unsere Augen haben nicht gesehen" – der 2-Meter-Abstand zum Fernseher beweist, dass diese Aussage nicht wahr ist. Zehntausend Häftlinge, die den Horror in Hersbruck erlebt haben werden aufstehen und sagen: Euer Schweigen erlaubt, dass die Geschichte sich wiederholt.

Den Christen der Stadt würde der messianische jüdische Rabbi abschließend sagen: „Es sind nur 2 Meter zu Deinem Bücherregal, wo eine verstaubte Bibel steht. Nimm sie doch und lies was geschrieben ist in Römer 11, 1: „So sage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei Ferne! …Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor ersehen hat."

Es ist meine Auffassung, dass die entkräfteten Juden, die in Gruppen von 600 Mann am 05.04.1945 in einem letzten Todesmarsch durch Hersbruck, Lauterhofen, Kastl, Schmidtmühlen, Kallmünz, Abendsberg, Mainburg, Au und Pfaffenhofen zum Todeslager Dachau gejagt wurden, jetzt aufstehen und sagen: Der Maßstab wird die Schuldigen finden, die der Nazi-Theologie nachreden, dass „die Juden verworfen sind" und dass „die Juden nicht mehr als Gottes Volk gerechnet werden können".

Am 10.05.2005 wurde in Berlin neben dem ehemaligen Reichtagsgebäude, dem heutigen Bundestagssitz ein Denkmal für die Juden Europas errichtet.

Wenn man beobachtet wie kleinlich an die 4.000 Getöteten in Hersbruck erinnert wird, muss man sich darüber freuen, dass in Berlin ein 20.000 Quadratmeter großer Platz zur Verfügung gestellt worden ist. …nicht nur um eine unansehnliche Gedenktafel anzubringen (wie 1983 am Finanzamt der Amberger Straße) sondern um 2.711 große Betonblöcke aufzustellen.

Berlin hat vermutlich eingesehen, dass gerade von hier aus die Todeskommandos gesandt wurden und deshalb ist das Maßband in seiner vollen Länge ausgerollt (jeder Stein ist 95 cm breit und 2,38 Meter hoch). Hersbruck aber hat auch die nationalsozialistische Schreckensherrschaft erlebt und muss über die Worte des Apostels nachdenken: „Unser Herz ist weit. Ihr habt nicht engen Raum in uns; aber eng ist es in euren Herzen." (2. Korinther 6, 11)

Als Ausländer darf ich nur mit Zögern über diese Dinge reden. Ich habe die Leiden dieser Region nicht erlebt. Ich bin nur in Verbindung mit dem 50. Jahrestag der Nürnberger Gesetze an Hersbruck vorbeigefahren. Vor 20 Jahren wurde es mir verweigert etwas in dieser Stadt zu sagen – heute hoffe ich, dass die Pforten nicht noch einmal verriegelt sind.


Johny Noer

Journalist
Dänemark-Israel