Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-08-03

Journal: Eisen und Ton
Nr. 1

Der Pranger
… wird für Ketzer und Sektierer bereitgestellt!

"Sollte es in Europa zu einer Volksabstimmung über die EU-Verfassung kommen, wird diese nur ein Schauplatz für Sektierer sein!" So lautete der Kommentar des europapolitischen Wortführers, Peter Hinze von der CDU. ("Die Welt" vom 22. 04.04, Seite 3), und mit diesen Worten scheinen alle bangen Befürchtungen der Gläubigen im Hinblick auf den Inhalt der neuen Verfassung begründet zu sein. Die Leute, die sich ‚erdreisten', mit ihrer Meinung zur Debatte beitragen wollen, die nicht nach dem Geschmack der EU-Beamten ausfällt, werden bereits, bevor überhaupt ein Schuss gefallen ist, als "Sektierer" verunglimpft, denn diese Bezeichnung enthält eine Schuldzuweisung. In den Augen der EU sind sie "Ketzer" oder "religiös überdrehte Menschen". "Eine gefährliche Pest", die isoliert, bekämpft und vernichtet werden muss!

Diejenigen, die in der kommenden Debatte über die Bibel, Gottes Gesetz und die Propheten sprechen wollen, können sicher sein, dass sie sich den Aufkleber "Sekte" gefallen lassen müssen. Man wird die besten Wortführer finden, um der europäischen Bevölkerung verständlich zu machen, dass diese Art von Einstellung irrelevant und unvernünftig ist.

Lass uns in diesem Zusammenhang über die gegen den Apostel Paulus erhobene Anklage sprechen. Das Neue Testament berichtet, dass der jüdische Hohepriester Ananias hatte einen "Sprecher" zur Hand hatte, also eine Art Wortführer namens Tertullus. Seine Aufgabe war es, dem römischen Beamten, Felix, der den Teil des Reiches verwaltete, eine Klage vorzulegen …

Seine Stellung hatte er dadurch errungen, dass er imstande war, seinen Worten Gewicht zu verleihen. Ein solcher Mann eignet sich sehr gut für Europas politische Parteien, um die Frontlinien aufzudecken: "Wer ist für und wer ist gegen die neue EU-Verfassung? Tertullus findet genau die richtigen Ausdrücke, mit denen er seine Gegner anschwärzen kann. Er ist imstande, seine Worte mit Schmeicheleien und Honig fließen zu lassen, um sich die Gunst der Regierungen einzuheimsen …

"Da wir großen Frieden durch dich genießen und da durch deine Fürsorge für diese Nation Verbesserungen getroffen worden sind, so erkennen wir es allseits und überall, hochedler Felix, mit aller Dankbarkeit an" lautet seine Einführungsrede (Apostelgeschichte 24:3). Die Leute des Hohenpriesters tauschten insgeheim Blicke aus. Auf diese Art sprach man mit dem obersten Befehlshaber der Besatzungsmacht. Selbst der Römer, Felix, wartete gelangweilt und schläfrig darauf, dass diese Tirade ein Ende nehme. Doch wenn man als Sprecher tätig ist, so muss man sich darauf verstehen, seine Aufgabe zur Zufriedenheit des ‚Arbeitgebers' auszuführen. Für den politischen Fürsprecher war der Zeitpunkt noch nicht gekommen "Farbe zu bekennen". Denn noch hatte er Paulus nicht mit dem Wort tituliert, das ihn umgehend an den (religiösen) Pranger gestellt hätte. Der politische Wortführer fuhr fort: "Damit ich dich aber nicht länger aufhalte, bitte ich dich, uns in Kürze nach deiner Geneigtheit anzuhören."

… und nun kommt der Wortführer zur Sache: "Denn wir haben diesen Mann als eine Pest befunden … Anführer einer Sekte… " (Vers 5).

Bei diesen Worten gab der Römer dem Paulus ein Zeichen: Er solle sich verteidigen…

Paulus sagte: "Dies bekenne ich dir, dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, so dem Gott meiner Väter diene, indem ich allem glaube,, was in dem Gesetz und in den Propheten geschrieben steht" (Vers 14).

Der Bericht endet damit, dass Felix "ihre Sache vertagte" (Vers 22). "Er hatte nämlich von "dem Weg" (der Sekte) genauere Kenntnis" (Vers 22). Deshalb sagte er zum Hauptmann, der Paulus in Gewahrsam nehmen sollte, "ihm Erleichterung zu geben" (Vers 23). Nach einigen Tagen ließ er Paulus holen, "um über den Glauben an Christus zu hören" (Vers 24).

In der kommenden Zeit wird das Wort "Sekte" häufig bei den Fürsprechern der EU-Verfassung zu hören sein. Sie wissen, dass dieser Ausdruck mit dem Wort "Pest" einhergeht, und da sie die Bevölkerung vor einer solchen Gefahr schützen wollen, haben sie bereits damit angefangen, diese Bezeichnung auf die Gläubigen anzuwenden …