Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-07-15

Drama-Journal, Abschnitt  6

ARTIKEL ZEHN, STÜCK EINS
… wer ist für den Tod des Bauern verantwortlich?

Zusammenfassung: (Die fünf vorhergehenden Journale geben den bisherigen Handlungsverlauf wieder): Der Bauer Nabot ist nun auf Befehl des boshaften Königs Ahab von den Bürgern seiner Stadt hingerichtet worden. Nabots Verbrechen bestand darin, dass er sein väterliches Erbe, den Weinberg, nicht dem König überlassen wollte. Nach dem Gesetz hat das Wort des Königs Vorrang vor den Entschlüssen des Stadtrates. Der biblische Bericht geht weiter:

"Und sie sandten zu Isebel und ließen ihr sagen: Nabot ist gesteinigt worden, und er ist tot!" (1. Könige 21:14).

"… Lasst uns den Brief an den König adressieren," erklären mehrere Männer des Stadtrates. Die Schriftrolle mit dem Befehl zur Ausführung dieser Untat trägt sein blutrotes Siegel!"

Draußen auf dem Markt kläffen die Hunde. Aufs Neue senkt sich ein tiefes Schweigen über die entsetzte Versammlung. "Was ist das?" rufen einige. Andere laufen erschrocken zur Marktpforte. "Was ist das für ein Lärm? Was passiert da draußen?" Es kommen Männer vom Hinrichtungsplatz. Ihre Kleidung ist schmutzig. "Die Hunde haben an den Leichnam Nabots herangemacht. Sie schlecken nun sein Blut". In der Versammlung sind Klagelaute zu vernehmen. Unter den Männern im Stadtrat herrscht Unruhe. Einige schlagen vor: "Lasst uns den grausamen Rapport an den König weiterleiten! Jetzt liegt alles in seiner Verantwortung. Wir haben nur nach seinem Befehl gehandelt. Wir haben den Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins erfüllt!"

Ein Ratsmitglied ergreift das Wort. "Wir sollten nicht dem König einen Bericht ablegen, sondern der Königin. Der Brief soll an Isebel adressiert werden. Sie wartet auf Antwort …"

"Ein Bote für die Königin," teilt einer der Schlosskammerdiener mit.
"Von wem?" fragt die Königin.
"Von der Stadt des Bauern Nabots," antwortet der Diener.

Isebel erhebt sich hastig. "Lass ihn sofort herein." Ein berittener Kurier tritt in das Gemach der Königin. Er grüßt ehrerbietig und überreicht ihr eine Schriftrolle. Die Königin öffnet sie.

"Hier steht nur ein einziger Satz," sagt sie zu den Umherstehenden. Kein Gruß! Keine Unterschrift! Wer hat einen so unverschämten, kurzen Bescheid an seine Majestät verfasst? Übrigens: Wieso ist dieser Brief an mich adressiert? Diese Angelegenheiten werden vom König geregelt. Ich habe nicht mit dieser Sache zu tun." Die Königin reicht dem Diener die Schriftrolle mit den Worten: Lies!"

Der Diener stiert auf den Inhalt des Briefes. Danach auf die Königin. Er verbleibt stumm.

Die Königin: "Lies laut! Lass alle hören, was sie in Nabots Stadt getan haben."

Der Diener liest: "Nabot ist gesteinigt worden; er ist tot!" Er schweigt eine Weile danach fügt er hinzu: Gemäß Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins".

"Was steht im Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins geschrieben?" fragt die Königin.
Andere Diener holen das große Buch mit der Verfassung. Ein älterer, weißhaariger Ratsherr liest:

"Die Verfassung und das dem König eingeräumte Recht hat Vorrang vor den Entscheidungen des Stadtrates."

Die Königin: "Soll das heißen, dass die Bürger von Nabots Stadt in dieser Sache ein anderes Urteil gefällt hätten, wenn sie das Recht dazu gehabt hätten?

"Ja, Ihre königliche Hoheit!"
"Doch das Wort des Königs hat Vorrang?"
"Ja, Ihre königliche Hoheit!"
"Dann trägt also der König selbst die Verantwortung für diese grausame Handlung?"

Der weißhaarige Ratsherr schweigt…
"Antworte mir," ruft die Königin. "Dann ist also der König für den Tod dieses Bauern verantwortlich!"

Der Ratsherr dreht sich um und geht zur Tür. Die Königin läuft ihm hinterher und ruft befehlend: "Antworte mir!"

Der Ratsherr dreht sich um und antwortet mit Würde: "Gemäß Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins: Ja, Ihre königliche Hoheit… sonst nicht!"

Der vornehme, weißhaarige Mann verlässt das unruhige Gemach. Die Königin wendet sich zur Tür, die sich hinter ihm schließt: "Dafür werden Sie bezahlen, mein Herr!" Sie hebt den Kopf und ruft aus: "Ich höre die Hunde kläffen!"

Fortsetzung folgt