Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-07-14

Drama-Journal, Abschnitt  5

EIN MACHTWORT HAT VORRANG
… gemäß Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins

Zusammenfassung: (die vier vorhergehenden Journale berichten, was bisher geschehen ist). Nachdem der boshafte König Ahab vergeblich versucht hatte, dem Bauern Nabot den von seinen Vätern ererbten Weinberg zu entreißen, sendet Isebel, die Frau des Königs, den Bürgern der Stadt Nabots den Bescheid, Nabot zum Tode zu verurteilen. Die Bibel berichtet weiter: "Da taten die Männer seiner Stadt, die Ältesten und die Vornehmen, die in seiner Stadt wohnten, wie Isebel zu ihnen gesandt hatte, so, wie in den Briefen geschrieben stand, die sie ihnen gesandt hatte … Dann kamen die beiden Männer, die Söhne der Bosheit, und setzten sich ihm gegenüber. Und die Männer der Bosheit zeugten gegen ihn, gegen Nabot vor dem Volk, indem sie sagten: Nabot hat Gott und dem König gelästert." Dann führte man ihn zur Stadt aus und steinigte ihn, und er starb" (1. Könige 21:11-13).

In Nabots Stadt herrscht Unruhe und Bedrängnis. Bauern und Adelige, Reiche und Arme versammeln sich auf dem Marktplatz. Nabot sitzt auf einem Podest, damit alle ihn sehen können. Zwei Männer drängen sich nach vorne. Schäbig, schmutzig, einäugig und humpelnd, mit frechen Minen und betrunken vom Wein. Sie schlagen um sich und bahnen sich einen Weg zum Podium, auf dem sich Nabot (umgeben von bewaffneten Wächtern) befindet.

"Wir sind Zeugen," rufen die zwei Männer. "Gebt uns Platz! Wir sind Zeugen!

Eine Frau stellt sich ihnen in den Weg. "Ihr solltet euch schämen!" ruft sie. "Wie könnt ihr es wagen, einen rechtfertigen Mann anzuklagen? Wer hat euch für diese Schandtat bezahlt?"

"Wir sind Zeugen," rufen die Zwei, während sie die Frau zur Seite stoßen. "Wir sind persönliche Zeugen des Königs! Ihre Majestät, die Königin selbst, kann für uns einstehen! Gebt den Zeugen des Königs Platz!

Die Unruhe in der Versammlung nimmt zu. Junge Männer versuchen die Zwei zurückzuhalten, doch die Wache greift ein und stellt die Männer Nabot gegenüber.

Ein vornehmer Mann liest aus der Verfassung vor: "Im Abschnitt vier über "Gerechtigkeit im Rechtssystem" heißt es im Artikel zwei, Stück 48, dass "jeder, der einer Gesetzesübertretung angeklagt ist, soll solange als unschuldig angesehen werden, bis seine Schuld - in Übereinstimmung mit dem Gesetz - bewiesen ist."

"Deshalb," fährt er fort, während er sich an die unruhige Versammlung wendet, "werden wir, wie das Gesetz es erfordert, zwei Zeugen aufrufen, die in Gegenwart des Volkes gegen den Bauern Nabot von Jisreel aussagen werden.

Ein drückendes Schweigen legt sich auf die Versammlung. Der eine der beiden Männer tritt hervor und spricht laut: "Nabot hat Gott und dem König gelästert!" Ein Murmeln breitet sich in der Menge aus. Der vornehm gekleidete Mann gibt dem anderen Zeugen ein Zeichen. Dieser tritt ebenfalls hervor und sagt: "Nabot hat Gott und dem König gelästert!" In der darauf folgenden Stille wendet sich der Mann an Nabot und fragt: "Hast du etwas zu deiner Verteidigung hervorzubringen?" Doch der Bauer schweigt. Er sagt kein Wort. Die Ältesten und Vornehmen der Stadt versammeln sich, um zu beratschlagen…

Ein graubärtiger Mann, der würdig mit einem priesterlichen Umhang bekleidet, hervortritt, ergreift das Wort. "Es ist unsere Pflicht," sagt er ruhig, "den Befehl unserer Königin und seiner Majestät, des Königs, auszuführen!"

"Jeder sollte darüber in Kenntnis gesetzt werden," fährt er fort, "dass im Abschnitt drei, Artikel 10 und Stück eins der Verfassung geschrieben steht, dass ‚das Wort des Königs Priorität hat' vor jeder anderen Entscheidung, die hier zu treffen ist. Möge deshalb niemand so dumm sein und den Zorn Gottes auf unsere Stadt herab zu rufen. Im Brief des Königs heißt es, dass Nabot "den Tod verdient hat". Und da dies so im königlichen Brief steht, so ist er also "dem Tode geweiht"! Das Wort des Königs hat Vorrang!"

Ein anderer der Stadtältesten will das Wort ergreifen, doch er wird von den übrigen Ratsmitgliedern unterbrochen. "Das Wort des Königs hat Vorrang," sagen sie. Andere erheben sich um Einwendungen zu machen, doch auch sie werden mit den Worten: Des Königs Wort hat Vorrang," unterbrochen. - "Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück 1: Das Wort des Königs hat Vorrang!"

Während die Worte: "Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins über der ganzen Versammlung zu hören sind, rasseln die Schläge auf den Bauer von Jisreel nieder. Er wird zur Stadt herausgeführt. Immer lauter ist der Ruf zu hören: Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins, Abschnitt drei, Artikel zehn, Stück eins!"

Auf einmal verstummen alle Rufe, und die Schar kehrt zum Marktplatz zurück. Einige bürsten den Staub von ihrer Kleidung. Andere gestikulieren und zeigen, wie Nabots Steinigung vor sich gegangen war. Einzelne weinen. Langsam versammelt sich der Stadtrat. Eine letzte Entscheidung muss gefällt werden. Ein Briefentwurf wird vorbereitet…

Fortsetzung folgt