Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-07-13

Drama-Journal, Abschnitt  4

DAS LACKSIEGEL DES KÖNIGS
… dessen rote Farbe aussieht wie Blut!

Zusammenfassung: (Die drei vorherigen Journale geben das bisher Geschehene wieder). Der "schlimmste König" vergangener Zeiten (so beschreibt ihn die Bibel), der mit seiner Frau übereingekommen ist, den Weinbauern Nabot aus dem Weg zu schaffen, da dieser mit seinen religiösen Skrupeln das Zusammenlegen des Staatsboden behindert. Isebel befindet sich nun im Arbeitszimmer des Königs, um einen Brief zu diktieren, der den widerspenstigen Bauern insgeheim zum Tode verurteilt.

In dem alttestamentlichen Bericht heißt es weiter: "Lasst Nabot obenan im Volk sitzen! Und stellt ihm zwei ruchlose Männer gegenüber, die da zeugen und sprechen: Du hast Gott und den König gelästert! Und führt ihn hinaus und steinigt ihn, dass er stirbt" (1. Könige 21:10).

Das seidene Gewand der Königin raschelt wie eine Schlange, als sie im königlichen Arbeitszimmer hastig hin und her geht. Der gewaltige Sturm hat sich gelegt. Der Regen prasselt gegen die Schlossfenster. Die Schreiber schütteln sich. Sie sitzen mit der Schreibfeder in der Hand bereit, das in diesen Minuten in Isebels hübschem Kopf Erdachte zu Papier zu bringen.

"Schreibt," ruft sie aus, und die Schreiber beugen sich sofort über das königliche Pergament. "Schreibt, dass sie Nabot obenan im Volk sitzen lassen sollen" (V. 9).

Sie wendet sich an die schwarz gekleideten Männer, die sorgfältig jedes Wort aufschreiben. Sie sind für die Königin wie Mitglieder ihres Parlaments! Sie sollen nicht nur schreiben, sondern auch zuhören und zustimmend nicken. Ja, zwischendurch sollen sie ihr gar Beifall zollen.

"Nabot soll nicht untenan sitzen. Gebt ihm den obersten, vornehmsten Platz, denn so behandelt der König sein Volk. Er hat "Respekt im Bezug auf die Würde des Menschen". Keine Misshandlungen. Keine Tortur. Diese Art von Barbarei existiert nicht mehr unter uns. Keiner kann verurteilt werden, ohne dass Beweise für seine Schuld vorliegen. Unser Rechtssystem ist das am weitesten entwickelt. Ob man Bauer ist oder Adeliger, hier wird kein Unterschied gemacht. Deshalb: Setzt den Bauern obenan! Gebt ihm einen Ehrenplatz!"

Die Schreibfedern huschen über das Papier. Einige der Schwarzgekleideten heben ihren Kopf und rufen aus: "Wir haben verstanden!" Oder: "Ja, so soll es sein!"

Isebel diktiert weiter: "Nicht ein sondern zwei Zeugen müssen gegen ihn auftreten. Damit halten wir das Gebot der Heiligen Schrift ein. Und wie ich bereits sagte: "Das Wort Gottes achten wir hoch. Wir haben von Nabot gehört, dass er ein frommer und gottesfürchtiger Mann sei. Wir möchten dadurch seinen Glauben ehren, dass wir dem geschriebenen Wort folgen. Findet zwei Zeugen, deren Zeugnis übereinstimmt. Dadurch könnt ihr ein gerechtes Urteil sprechen.

Die Schreiber: Wir haben verstanden! Gott segne die Wahrheit! Ja, so soll es sein!"

…"Ihr werdet mit mir einer Meinung sein," fährt Isebel fort, während sie den Schreibern mit der Hand leicht übers Haar streicht, "dass wir diese Zeugen aus dem Bauernstand nehmen! Ein gutes und ehrliches Schwurgericht, das Nabots einfachen Gedankengang kennt, und sich deshalb in die Lage des Angeklagten versetzen kann. Zeugen müssen Leute sein, die den König lieben und das noble Rechtssystem, das er uns geschenkt hat.

Die Schreiber: "Wir haben verstanden! Ja, einfache Leute, die den König lieben. Das ist recht und billig…"

Isebel fährt triumphierend weiter fort: "Es müssen solche Leute sein, die die Angelegenheit im einzelnen kennen. Sie müssen wissen, dass Nabot sich gegen die Behörde aufgelehnt, und somit Gott gegenüber gesündigt hat! Sagt nicht die Schrift, dass die Gläubigen der Landesregierung gehorsam schuldig sind?. Und stimmt die Heilige Schrift nicht mit unserer Verfassung überein, die besagt, dass keiner "die Verwirklichung ihrer hohen Ziele in Gefahr bringen soll?"

Die Schreiber: "Doch! Der Artikel fünf, Stück zwei! Es steht im Abschnitt eins, Artikel fünf, Stück zwei!"

Isabel fährt den Schreibern wieder mit ihrer Hand übers Haar. "Es freut mich, dass ihr unsere Verfassung kennt und sie so schön zitieren könnt! Es ist unbedingt nötig, dass den Zeugen zuvor die entsprechenden Akten vorgelegt werden. Ebenso wie Ihr müssen auch sie wissen, dass Nabot Gott und den König gelästert hat…" (V. 10)

Sie wendet sich an die in schwarz gekleideten Schreiber und ruft: "Das tut mir von Herzen leid für Nabot!" Sie hält ihre Hände vors Gesicht: "Er hat Gott und den König verbannt! Deshalb schreibt: "Führt ihn hinaus und steinigt ihn zu Tode!"

In diesem Augenblick hämmert der Regen, vermischt mit Hagel, gegen die Schlossfenster. Die Kerzen flackern. Ein Fenster springt auf, und der Regen durchweicht das rote Lacksiegel, das Isebel in der Hand hält.

"Oh," entfährt es ihr. "Das rote Siegel des Königs ist nass. Die Farbe läuft aus" … Sie wirft den Brief von sich und ruft entsetzt: "Es sieht aus wie Blut!"

Fortsetzung folgt