Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-07-12

Drama-Journal, Abschnitt  3

DAS GEWISSEN
… das niemals gekränkt werden sollte!

Zusammenfassung: (Die zwei vorherigen Journale enthalten das bisherige Geschehen. Es ist der biblische Bericht über den Unionskönig Ahab und seinen gottesfürchtigen Untergebenen Nabot. Der König will das Grundstück des Bauern und bietet ihm dafür die besten (in einer Verfassung festgelegten) Bedingungen an. Doch Nabot lehnt ab! Wütend kehrt der König nach Hause zurück, wo er seiner Frau Isebel mit Zorn in der Stimme die Situation erklärt. Danach geht die Geschichte wie folgt weiter:

" Das sagte seine Frau Isebel zu ihm: Du, du übst doch jetzt die Königsherrschaft über Israel aus. Steh auf, iss und lass dein Herz fröhlich sein. Ich werde dir den Weinberg des Jesreeliters Nabot geben. Dann schrieb sie Briefe im Namen Ahabs und siegelte sie mit seinem Siegel und sandte die Briefe an die Ältesten und an die Vornehmen, die mit Nabot zusammen in seiner Stadt wohnten. Und sie schrieb in dem Brief folgendes: "Ruft ein Fasten aus… (1. Könige 21:7-9).

Isebel tritt in der Kammer des Königs ans Fenster. Keiner weiß, ob sie mit dem König spricht oder mit sich selbst. Doch ihre Worte verheißen nichts Gutes. Der König deckt sich mit seinem Gewand zu. Er friert. "Wer übt jetzt die Königsherrschaft aus," fragt sie kalt. Sie dreht sich zum Bett um, wo der König zusammengekauert liegt. Der König zuckt zusammen, als sie sagt: "Bist du es oder der Bauer Nabot? Wer hält das Unionsszepter in der Hand? Welches Wort gilt vor allen anderen? Wem ist das königliche Siegel übergeben worden, sodass er solche Kleinigkeiten mit einem Federstrich erledigen kann. Bist du es oder ein Gemüsegartenkommissar?"

"Ich bin es," antwortet der König mit kaum hörbarer Stimme. Er spricht zur Wand hin. Isebel beugt sich anmutig doch energisch über die zusammengezogene Gestalt. "Ich kann nicht hören, was du da murmelst," flüstert sie verbissen. "Wer ist hier König?" "Das bin ich," antwortet Ahab.

"Gut," ruft Isebel aus. "Dann brauchst du dort nicht so zu liegen." Sie streicht ihm übers Haar. "Steh nur auf, mein Freund." Wieder ist dieser Hohn in ihrer Stimme zu hören, und wieder umspielt dieses Unheil verkündende Lächeln ihre Lippen. "Dem König wird bald serviert," fährt sie fort. "Seine Majestät soll keine schlechte Laune haben. Es wird sich alles regeln!" - "Was meinst du damit?" Ahab setzt sich erschrocken auf. "Ich meine," summt Isebel, während sie ihr schönes Haar vor dem Spiegel ordnet, "ich meine, dass alles in Ordnung gehen wird…"

Der dunkle Schatten weicht von Ahabs Gesicht. Der König ist bleich. Unruhig folgt er den Bewegungen seiner Frau vor dem Spiegel, vor dem sie sich dreht und wendet. Lächelnd setzt sie sich auf sein Bett. "Der König braucht sich nicht zu beunruhigen,," sagt sie mild. "Ich werde schon dafür sorgen, dass der König seinen Gemüsegarten bekommt…"

An diesem Tag ist ein Rascheln von Seide im Arbeitszimmer des Königs zu hören. Die Verfassung mit dem besonderen Vertrag einschließlich einiger Vorbehalte wird vom Schreibtisch seiner Majestät entfernt. Der 12-Sternensiegel wird hervorgeholt, und die Schreiber setzen sich an die Arbeit. Während Isebel diktiert, ist das kratzende Geräusch ihrer Federn auf dem königlichen Pergament zu hören. Dabei geht sie in dem geräumigen Zimmer auf und ab:

"An die Ältesten in Samaria,
Ich, der König Ahab, schreibe euch diesen mit dem königlichen Siegel versehenen Brief. Es geht um den Weinbauern, Nabot, "der unter euch wohnt" (Vers 8). Aus diesem Grunde wende ich mich an euch, denn ihr habt engen Kontakt mit diesem Mann. Deshalb solltet ihr auch das Recht haben, Eure Angelegenheiten selbst zu ordnen. Denn die Regeln unserer Gesellschaft sind darauf aufgebaut. Ohne euch sollen keine Entscheidungen getroffen werden. Diese Einstellung gehört mit zu den Werten der Union."

Isebel beugt sich über die Schreiber, während sie zufrieden den Inhalt des Briefes vorliest: "Dies gehört zu den Menschenrechten, auf die unsere Gesellschaft aufgebaut ist," erklärt sie den Schreibern. Diese nicken. "Es soll nicht alles hier vom Palast aus vorgeschrieben werden. Die Ältesten und die Vornehmen in Nabots Stadt haben Mitbestimmungsrecht, und in einer so ernsten Angelegenheit, die die größten Interessen des Königs anfechtet, sollte das Volk um Rat gefragt werden."

Die Schreiber nicken, und ihre Federhalter kratzen weiter. "Ruft ein Fasten aus," schlägt Isabel vor. Während sie sich an die Schreiber wendet, ruft sie aus: Da könnt ihr sehen: Der König respektiert die religiöse Einstellung des Volkes. Seine Majestät, der König Ahab, lässt einen Tag des Fastens ausrufen, denn …" Isabel wendet sich feierlich an die Schreiber, die atemlos und abwartend dort sitzen. Sie warten auf das nächste Wort… "denn der König kann in solch einer wichtigen Sache keine Entscheidungen treffen, ohne vorher Gott um Rat zu fragen!"

Die Schreiber kritzeln weiter.

"Gebet und Fasten," nickt Isebel. "So gehört sich das. Unter uns muss Freiheit sein zu glauben, und jedem muss die Möglichkeit gegeben werden, seine Religion in Übereinstimmung mit seinem Gewissen auszuüben,"

"Das Gewissen," sagt sie, sich an die Schreiber wendend, "ist ein kostbares Gut". Sie legt bewegt ihre Hand aufs Herz. "Das Gewissen gehört mit zur Würde des Menschen." So ist wieder ihr vornehmes Lächeln zu sehen. "Das Gewissen darf niemals gekränkt werden," flüstert sie…

Fortsetzung folgt