Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-09-07

Journal: Die Seele Europas
Nr. 3

Der Scheiterhaufen
... dessen Flammen nicht die Stimme der Märtyrer zu ersticken vermochten!

Im Jahre 1559 schrieb einer der "Spezialisten" der spanischen Inquisition, Arce de Otalora, den folgenden, bemerkenswerten Satz:

"Die Juden haben durch die Beleidigung menschlicher als auch göttlicher Majestäten jegliche Form von Würde verloren. Und diejenigen, die Christus verließen, haben damit ihr Blut verseucht. ("Summa nobilitalis hispanical", Salamanque, 1559, Seite 187-188).

Die Idee von der "Verseuchung des Blutes" wurde auf grausame Weise von den Nazis direkt vor und während des 2. Weltkrieges übernommen und weitergeführt.

Die Inquisition zeigt jedoch, dass ihr Ausgangspunkt nicht alleine (wie behauptet wird) die Vernichtung des biologisch und genetisch "unreinen Blutes" ist. Folgender Bericht über Don Lope de Vera y Alarcon kann als Beweis dafür angesehen werden. Dort, wo sich totalitäre Kräfte mit einer religiösen Oberherrschaft vereinigen, kann der individuelle Glaube des Menschen an Gott und seine persönliche Überzeugung in Bezug auf die biblische Botschaft nicht toleriert werden. Dort, wo Gemeinde und Glaubensgemeinschaften von der offiziellen religiösen Auffassung abweichen, sind die "Andersgläubigen" als "Sekte" verschrien. Sobald die Verfolgung einsetzt, werden sie als eine "ansteckende Krankheit" angesehen, die man ausgerottet. Sie sind eine "Pest", die bekämpft werden muss (Apostelgeschichte 24:5).

Als ich im Mai 2004 die spanische Stadt Granada in Andalusien besuchte, hörte ich spät am Abend - nachdem wir uns die Tanzvorführung der Zigeuner im maurischen Teil der Stadt angesehen hatten - folgende bewegte Geschichte über Don Lope de Vera y Alarcon.

Er wurde im Jahr 1620 geboren. Bereits als 14-jähriger wurde er aufgrund seines großen Talents an die Universität nach Salamanque gesandt. Dort studierte er hebräisch, griechisch und aramäisch. Dies führte dazu, dass er sich intensiv mit dem Alten Testament beschäftigte. Sein Wunsch war Theologe zu werden; bereits als 19-jähriger hielt er selbst Vorlesungen an der Uni. Die biblischen Studien in der Originalsprache hatten großen Einfluss auf sein Leben. Irgendwann besorgte er sich verbotene, hebräische Kommentare, und in ihm stiegen Zweifel auf hinsichtlich der Messfeier sowie der Marien- und Heiligenverehrung. Dieser Umstand führte dazu, dass er Gemeinschaft mit "heimlichen Juden" hatte. Durch die mit ihnen geführten Gespräche wurden seine Zweifel an den Überlieferungen der katholischen Kirche bestätigt. Am 24. Juni 1639 wurde er von den Inquisitionsrichtern verhaftet, da er seine neue Überzeugung nicht für sich behalten konnte.

Der Prozess zog sich lang hin, denn Lope de Vera y Alarcon bekannte offen, dass er mehr an die Schriften des Mose glaube als an die Lehre der katholischen Kirche in Bezug auf die Päpste und das Zölibat. Am 29. Mai 1641 schockierte er das Gericht mit der Aussage, er wolle lieber ein überzeugter Jude sein als ein ungläubiger Katholik. Von diesem Augenblick an hatte sein Auftreten fast etwas Heldenhaftes an sich. Seine enorme Gelehrsamkeit verwies die Inquisitionstheologen in ihre Schranken. Die schlimme Behandlung im Gefängnis setzte ihm jedoch derart zu, dass schließlich sein Geisteszustand ihn dazu führte, sich in biblische Phantastereien zu verlieren. Am 27. Januar 1643 wurde er zum Tod auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch erst am 25. Juli 1644 wagten die Priester, den beliebten Gefangenen zur Hinrichtungsstätte zu führen. Zu diesem Zeitpunkt war er erst 26 Jahre alt. Die Menschenmenge war sehr bewegt, als er beim Heraufsteigen zum Scheiterhaufen die davidschen Psalmen auf Hebräisch sang. Es wird gesagt, dass viele weinten, als sie den jungen Mann aus den Flammen die Worte aus dem 25. Psalm rufen hörten: "Herr in Deine Hände übergebe ich meinen Geist!"

Viele zum Tode verurteilte Juden und Protestanten folgten dem ergreifenden Beispiel dieses jungen Märtyrers…