Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-09-06

Journal: Die Seele Europas
Nr. 2

Die Denunzianten
… lauern bereits an der Tür!

Da der Vatikan versucht, seinen Einfluss in Europa geltend zu machen, und erste katholische Bewegungen von Rom und Polen ausgehend - wenn bisher auch nur schwach - zu erkennen sind, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die im 17. Jahrhundert in Spanien und im übrigen Europa stattgefundenen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

Der antisemitische Geist, der bereits deutlich nach der im Jahre 1469 stattgefundenen Hochzeit von Ferdinand und Isabella zu spüren war, ist nicht verschwunden! Er sah die Juden (und Andersgläubigen unter den Christen) als "eine Gefahr für das christliche Spanien" an. Der Papst Sixtus IV veröffentliche 1478 eine Bulle, die die katholischen Könige bemächtigte, Inquisitionsrichter einzusetzen. Diese richteten in den darauf folgenden Jahren mit einer solchen Härte, dass der Papst sich gezwungen sah, einzugreifen. Doch die spanische Krone hatte eine furchtbare Waffe in ihrer Hand, die sie nicht auszuliefern gedachte, und so nahmen die Verfolgungen weiter zu…

Mit der neuen EU lauern die Denunzianten wieder an der Tür. Die Gegenreformation des Mittelalters ist in Rom niemals vergessen worden.

Als ich mich außerhalb der steilen Felsenmauer im mittelalterlichen Ronda (Spanien) aufhielt, gegenüber dem rieselnden Wasserfall, bei der tiefen Schlucht, die den westlichen Teil der Stadt umgibt, las ich folgende Geschichte:

Im Jahr 1605 wurde ein Arzt namens Felipe de Najera in der Stadt Alcazar de San Juan, von einem in der Gegend lebenden Geistlichen (der ein Freund des Arztes gewesen war) denunziert. Der Arzt wurde angeklagt, "das Fleisch sorgfältig zu waschen, bevor er es äße" und "niemals Schweinefleisch anzurühren". Demnach müsse er logischerweise Jude sein, und aus diesem Grund ein Feind der katholischen Kirche. Außerdem wurde behauptet, er besäße medizinische Bücher auf Hebräisch. Drei Jahre später, im Jahre 1608, nahmen sie sich den Arzt vor! Er wurde in eine enge Gefängniszelle gesperrt, die er unglücklicherweise mit einem maurischen Arzt teilen musste. Dieser versuchte sein eigenes Fell zu retten, indem er den Inquisitionsrichtern erzählte, dass Felipe "nie in der Zelle bete" (und aus diesem Grunde kein guter Katholik sein könne). Außerdem hätte er in einem Augenblick der Vertrautheit erzählt, dass er "aus dem Stamme Zebulons sei", und so nachweisbar ein Jude …

Danach wurde eine Anklageschrift gegen ihn verfasst. Sie bestand aus 96 Kapiteln und erwähnte u.a. seinen Fluchtversuch über Madrid nach Frankreich, um den Inquisitionsrichtern zu entkommen. Außerdem solle er anderen Juden finanziell geholfen haben, damit diese bis Kairo kommen konnten…

Najera leugnete und behauptete, sein Mitgefangener sei ein Dieb und notorischer Lügner. Die Gefängniswächter könnten dies bezeugen. Doch das "Inquisitionsgetriebe" war in Gang gesetzt worden, und am 1. Oktober 1609 wurde er zu einer 5-jährigen Sklavenarbeit auf den Galeeren verurteilt um danach eine lebenslange Gefängnisstrafe abzubüßen. Das Urteil wurde am 7. Februar auf dem Zocodoverplatz in Toledo ausgesprochen. Am Tag danach brachte man den unglücklichen Arzt in den Hafen von Santa Maria und legte ihn dort in Fesseln …