Tagesjournal - von Johny Noer
www.noer.info
2004-09-05

Journal: Die Seele Europas
Nr. 1

Eine gemeinsame Identität
… die nur durch Eisen und Feuer erreicht werden kann!

Der volle Wortlaut des Artikels im Vorschlag zur neuen EU-Verfassung, der darauf hinzielt, eine gemeinsame europäische Identität zu schaffen, lautet folgendermaßen: "Die EU-Fahne enthält einen Kreis, der aus 12 goldenen Sternen auf blauem Hintergrund besteht. Die Unionshymne stammt aus Beethovens neunter Symphonie und heißt "Ode an die Freude". Die Losung der Union: Einheit in Vielfalt. Die europäische Münze ist der Euro. Der 9.Mai wird überall in der Union als der "Europatag" gefeiert (Artikel 4.-1)

Die Geschichte hat gezeigt, dass die Folgen des Versuchs, mit politischen oder religiösen Mitteln eine "gemeinsame Identität" schaffen zu wollen, zu einem schnell sich ausbreitenden Eifer nach "Reinheit" führt. Bei diesem Reinigungsprozess erfährt man, dass eine ungeheure Macht dahinter steckt. "Gemeinsame Identität" und "Uniformität von Gedanken und Glauben" sind Voraussetzung dafür, dass diese Einheit erreicht wird. Der Augustinermönch Juan Marquez erzählt, wie Spanien während der Inquisition versuchte "Einheit in der Vielfalt" zu schaffen. "Kein Arzt kann Krebs mit feinen, angenehmen Instrumenten heilen", schrieb er, "er muss Feuer und Eisen benutzen, um den im Körper befindlichen, verdorbenen Teil unter Verursachung höllischer Schmerzen weg zu brennen." Müssen sich Andersdenkende und Andersgläubige auf einen solchen Prozess gefasst machen?

Als ich im Mai 2004 in der Stadt Sevilla (Spanien) war, und an einem Festabend hunderte von Kutschen aus Andalusien durch die Stadt fahren sah, hörte ich folgende Geschichte:

Im finsteren Inquisitionsjahr 1631 wurde der reiche Finanzier, Juan Nunez de Saravia verhaftet. Etliche Jahre zuvor war er bereits angeklagt worden, Jude zu ein, doch aufgrund seiner starken Persönlichkeit hatte er es vermocht, sich die katholischen Inquistionsrichter fast 20 Jahre lang vom Leibe zu halten.

In dieser Zeit hatte er sich als "guter Katholik" aufgeführt: Er gab reichlich Almosen, und unterstützte das örtliche Krankenhaus. Ja, in seinem Büro hatte er sogar fromme Bilder hängen. Er war Freund der Jesuiten und stand mit den Geistlichen auf gutem Fuß. Nun wurde er jedoch angeklagt, hinter der frommen, katholischen Maske ein überzeugter, praktizierender Jude zu sein, der am Gesetz des Mose festhalte, und von daher ein Gegner der katholischen Kirche sein müsse!

Die Anklage beruhte darauf, dass er ganz offensichtlich französischen Juden finanziell unter die Arme gegriffen hatte, sowie die Tatsache, dass er in seinem Heim nicht die gleichen frommen, katholischen Bilder hängen hatte wie in seinem Büro. Außerdem würde er die jüdischen Speiseregeln befolgen und darüber hinaus hätte er das Attentat auf eine junge "neubekehrte" Jüdin mit Namen Juana de Silba finanziert, weil diese "ihr Gewissen gegenüber den Inquisitionsrichtern dadurch erleichtern wollte, dass sie gewillt war, ihnen die Namen einer ganzen Reihe jüdischer Personen anzugeben, die vorgaben, Christen zu sein.

Der Prozess begann im Jahre 1633 und wurde 1635 durch Tortur intensiviert. Diese Methode brachte weitere Beweise ans Tageslicht. Es wurde nämlich bekannt, dass Juan Nunez mit anderen Juden in Venedig, Hamburg, Antwerpen, Nantes und Bordeaux in Verbindung stand. Am 8. August 1637 schrie das Opfer unter der Tortur so laut, dass die anwesenden Ärzte befahlen, aufzuhören.

Juan Nunez de Saravia wurde am 13. Dezember 1637 dazu verurteilt, seinen Handlungen abzuschwören, sowie 20.000 Golddukaten als Strafe zu zahlen. Der Prozess ist von Julio Caro Baroja beschrieben worden (Los Judios en la Espana moderna, Seite 67). Er schreibt u.a.: "Es gibt ausreichend Grund anzunehmen, dass eine mächtige Hand den Angeklagten bewahrt hat. Seine Tage hätten weit tragischer enden können…"

Diesen Bericht hörte ich in Sevilla, denn hier hatte der Verurteilte einen jüdischen Rabbiner aus Madrid dazu gebracht, 1000 Dukaten einzusammeln, um damit das Leben eines Mitgefangenen zu retten…