DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 25

Der mystische Mord an Vizepräsident Edwards erschien noch rätselhafter, nachdem Experten bei der Untersuchung der Leiche festgestellt hatten, dass der junge EU-Staatsmann an Kälte gestorben war. „Es gibt keine Anzeichen von Gewalt oder Erdrosselung", hieß es im Bericht. „Der Tod wurde durch Schock hervorgerufen. Eine eisige Waffe muss ihm auf die linke Schulter gelegt worden sein, denn sein Herz hat aufgrund einer Art Kältekrampf aufgehört zu schlagen. Der linke Arm des Vizepräsidenten wurde im Todesaugenblick steif, und die Armbanduhr an seinem linken Handgelenk hat eine Minute und sechs Sekunden nach Mitternacht aufgehört zu ticken. Man hat sowohl in John Edwards linker Schulter als auch in seinem Herzen und linkem Arm Eiskristalle vorgefunden. Selbst in seiner Armbanduhr fand man einige davon …"

In einer Pressemitteilung hieß es weiter: „Die Polizei hat an einem Vorsprung im Babelstor, genau an der Stelle unter dem Drachenkopf, wo die Leiche entdeckt wurde, eine glatte Marmorfliese entdeckt, die im Gegensatz zu den übrigen gut erhaltenen Quadersteinen mit der gleichen eisigen Waffe in Berührung gekommen ist. Die Marmorplatte wurde wie von einer inneren Kälteexplosion gespalten. Die Kriminalpolizei war bereits um 00.35 zur Stelle und konnte noch Eiskristalle in der Spalte entdecken. Experten haben das aus der Marmorspalte fließende, blutrote Wasser untersucht; es hatte keinen DNA Wert. Der rote Farbstoff des aufgetauten Eiswassers ist nicht zu erklären.

Diese letzte Mitteilung setzte die Phantasie der morgendlichen Boulevardpresse in Schwung. ‚Der Mitternachtsmord unter dem Höllentor’ hieß es in den Überschriften. Bereits am nächsten Tag forderte die Polizei Präsident Clark auf, ‚eine Reihe von Fragen zu beantworten’. Eines der Rätsel, die die Kriminalpolizei versucht aufzuklären, ist die Tatsache, dass das Diktaphon des ermordeten Mr. Edwards im Arbeitszimmer des Präsidenten gefunden wurde. „Es enthielt wichtige Informationen über den Transport des Babeltors von Berlin nach Babylon", hieß es in der polizeilichen Begründung für die Festnahme. Der Präsident wurde mangels fehlender Beweise wieder auf freien Fuß gesetzt. Kurz danach erhielt er jedoch eine neue Vorladung zum Verhör. Der Anlass hierfür war der dramatische Überfall auf den Transport der ‚Höllenpforte’…

„Die geheim gehaltene Transportroute ist nur auf dem Diktaphon verzeichnet, das im Besitz des Präsidenten gefunden wurde", hieß es in einer weiteren Polizeibegründung für das Verhör. „Nur der EU-Präsident kannte die genauen Angaben des Museumsdirektors im Hinblick auf die ‚Brücke über der Spree’, wo das Bombenattentat stattfand. Nur der EU-Präsident Clark wusste von der mitternächtlichen Unterredung zwischen dem Museumsdirektor und seinem politischen Gegner, Mr. Edwards. Der Präsident erklärt seine Unschuld, doch gibt es verborgene, politische Kräfte an der EU-Spitze, die weiter Öl auf die Flammen gießen.

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Der Außenminister Napoleons, Bischof Charles Maurice de Talleyrand, französischer Staatsmann und Diplomat, war Bischof Valentins großes Vorbild. Der Minister war dafür bekannt, dass er die Fähigkeit besaß, moralisch und politisch zu überleben. Sein Bischofsamt hinderte ihn nicht daran, ‚weltliche Genüsse für sich in Anspruch zu nehmen’. Sein diplomatisches Doppelleben als Verräter der Kirche, politischer Opportunist und Initiator von groß angelegter Korruption kam am 5. Dezember 1792 ans Licht, als man eine geheime Stahlbox in den Tuilerien öffnete. Es stellte sich heraus, dass er die Verantwortung für die Hinrichtung eines anscheinend unschuldigen jungen Adelsmannes, dem Grafen D’Enghien, trug. Obwohl er versucht hatte, alle belastenden Dokumente zu verbrennen, die ihn zum Mittäter an den ‚großen napoleonischen Verbrechen machte’, so konnte er doch nicht das Blut von seinen Händen waschen.

Bischof Valentin sah Maurice de Talleyrand als den großen Staatsmann an, der nach dem Wiener Kongress Ruhe und Ordnung in Europa schaffte. Er las besonders gerne das Dokument, das der französische Bischof am 17. Mai 1838, nur wenige Stunden vor seinem Tod, in Paris angefertigt hatte! In diesem ‚versöhnte’ er sich mit der Kirche und äußerte Bedauern über seinen schlechten Lebenswandel. Bischof Valentin zitierte gerne die Worte seines verstorbenen Kollegen aus Paris: ‚Die Sprache ist dem Menschen gegeben, damit er sie gebraucht, um seine Gedanken zu verstecken…"

„Dieses korrupte Milieu an der EU-Spitze scheint jetzt unmittelbar vor der globalen Abstimmung zur Weltkonstitution am 27. September ans Tageslicht zu kommen", erklärte der CNN-Reporter Jeff Straw. Er fuhr fort: (wobei er offen auf die Bewunderung Bischof Valentins für seinen französischen Vorgänger hinwies): „Es ist, als ob in Brüssel eine geheime Stahlbox geöffnet wurde. Man versucht, die Unschuldigen zu verurteilen, und danach die Papiere zu verbrennen, sodass die Verantwortlichen – wie Pilatus – ihre Hände in Unschuld waschen können…"

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Dies war Jeff Straws letzte Sendung über CNN. Verborgene Kräfte im System ließen ihn einfach ‚verschwinden’. Wegen ‚mangelnder Objektivität’ war die Union seiner überdrüssig geworden.

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Die Situationsbeschreibung des CNN-Journalisten schien jedoch ins Schwarze zu treffen. Die wachsende Gegnerschaft des Präsidenten Clarks sah die Durchführung einer großzügigen Amnestie für politische Gefangene vor dem 27. September als ‚einen schlauen, politischen Schachzug’ an. Man sprach davon, dass er veranlasst habe, die in der Spree liegenden Transportkassen so schnell wie möglich wieder zu finden, damit das ‚Tor zur Hölle’ wieder in Babylon aufgebaut werden könne, um so von allen Anklagen freigesprochen zu werden.

Es gelang jedoch Bischof Valentin, so viel Beweismaterial gegen den Präsidenten zu sammeln, dass für ihn die für Parlamentsmitglieder geltende Immunität außer Kraft gesetzt werden konnte. „Es ist von so ernsten und begründeten Verdachten wie Mord an einem politischen Gegner die Rede, sodass die Bevölkerung regelrecht die Festnahme des Präsidenten fordert", erklärte der Bischof.

Damit waren drei Feinde der globalen Konstitution eingesperrt: Professor Fruchtenbaum in Jerusalem, weil er Unruhe auf dem Tempelplatz gestiftet hatte, Pastor Jones in Straßburg als Initiator eines Kirchenaufruhrs, und jetzt der EU-Präsident Pierre Henri Clark, dessen politische Haltung sich derart verändert hatte, dass er nicht mehr der gleiche war. Der eiserne Griff des Systems schloss sich langsam. Niemand wagte zu hoffen, dass diese drei Hauptpersonen des Aufruhrs gegen die neue Weltverfassung vor dem großen Wahltag wieder freigelassen würden.

Niemandem fiel besonders auf, dass der preisgekrönte Verfasser, Poul Hoffager, zum gleichen Zeitpunkt verhaftet worden war. In einem persönlichen Brief an Bischof Valentin hatte er sich von dessen Antrittsrede als neuer EU-Vizepräsident distanziert. Der Bischof hatte bei seiner Vereidigung die ‚gesellschaftsgefährlichen Fundamentalisten’ angegriffen: „Nachdem Darwin dem Schöpfungsbericht den Todesstoß versetzt hat, müssen die Theologen die Worte der Bibel symbolisch deuten." Der Verfasser hatte seinem Schreiben an den Bischof ein Buch mit dem Titel ‚Sechs Tage’ von John F. Ashton, beigefügt, in dem fünfzig hoch angesehene Wissenschaftler begründen, warum sie die darwinsche Entwicklungslehre ablehnen. „Mit gleicher Post", teilte der Verfasser in seinem Schreiben an den Bischof mit, „sende ich auch einen Brief an eine scheinbar unbedeutende Frau aus Ihrer Gemeinde. Sie ist verwirrt über all das, was sie hört und sieht." Als der Bischof die beigefügte Kopie dieses Briefes an die Bauernfrau eines Nachbardorfes las, wurde er wütend. Der Verfasser hatte ihr folgendes geschrieben: „Liebe Anne in Kæret! Wenn Sie daran glauben, dass das, was in der Bibel steht, von Anfang bis zum Ende die reine, unverfälschte Wahrheit ist, dann halten Sie unbedingt daran fest, weil dieser Glaube der wahre, christliche Glaube ist! Pfeifen Sie darauf, was andere sagen, ob sie nun sagen, dass Sie unwissend und naiv sind, oder was ihnen sonst noch einfällt. Glauben Sie an die Heilige Schrift, leben Sie mit dem Wort der Schrift und lieben sie es, denn es ist das Buch der Wahrheit und Seligkeit: es ist Gottes Wort!"

„Hier haben wir sie!" hatte der Bischof ausgerufen. „Dies ist das Manifest der Fundamentalisten in einer Nussschale. Nehmen Sie beide in Gewahrsam: Den Verfasser, der mir ‚verbotene Bücher’ sendet und die Frau aus Kæret, die im geheimen mit Mitgliedern dieser Mördersekte im gesellschaftsfeindlichen Briefwechsel steht!"

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Eine blutrote Sonne ging an diesem 11.September über Babylon auf. Bischof Valentin war anwesend; ebenfalls Adolf Engels. Minister und Staatsmänner von allen ‚vier Enden der Erde’ hatten sich eingefunden. Präsidenten, Kanzler, politische Rivalen, Generale mit vier Sternen, hoch ausgezeichnete Veteranen des Gogkrieges, frühere UN-Inspektoren, ‚Hardliners’ und viele Moderate. Alles atmete Frieden und Eintracht, doch unter der feurigen Sonnenkugel sah man die Schatten von Adlern und Falken, die ihre Riesenflügel über alle Aufwärtsführenden Ströme auf der Erde ausgespannt hatten.

Nun sollten die ersten Spatenstiche für den Babelsturm erfolgen. Das Modell des 6. Teams hatte gewonnen und bald würde sich das ‚Design’ des Mittelaltermalers Pieter Brueghel zum Himmel erheben. Man würde der Idee von Straßburg folgen, doch bei dieser globalen Begebenheit wurde ein unsichtbares und unbekanntes Fundament gelegt. Die verborgenen Ecksteine des Babelturms kamen langsam an ihren Platz. In den babylonischen Palästen fanden vertraute Gespräche zwischen grauhaarigen Diplomaten statt. „Keiner sollte den Willen der Weltgemeinschaft unterschätzen, die im Sinne hat, auf dem Tempelplatz in Jerusalem Frieden zu schaffen."

„Der ursprüngliche ‚Fahrplan’ funktioniert nicht, deshalb müssen wir einen neuen erstellen!"

„Israels Atomwaffen müssen unter internationale Kontrolle gestellt werden!"

„Wenn Jerusalem sich nicht beugt und dem Frieden keine letzte Chance einräumt, dann erwartet uns noch ein ‚Bellum Justum’ – ‚ein gerechter Krieg!"

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Kaiser Wilhelm, der auch mit seinem Wüstenkonvoi anwesend war, hörte sich die vielen Sprachen Babylons an. „Viele Sprachen – eine Stimme" zitierte er aus der Inschrift des ‚Babelturmes in Straßburg’. Seine Leute hörten den Erklärungen ihres Leutnants mit der gewöhnlichen Trägheit zu… doch zwölf seiner Soldaten hörten sich aufmerksam lächelnd die weisen Worte des Kaisers an; sie nickten ihm verstehend zu…

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Das große Tor mit den Statuen der Prozessionsallee und den Reliefen war angekommen. Alles war im letzten Augenblick an Ort und Stelle gebracht worden. Nur der Inhalt einer der Transportkisten fehlte; sie lag immer noch auf dem Grund der Spree in Berlin! Es war die Friese mit dem Reliefbild des Schlangengottes Nr. 337 mit der Marmorplatte, neben der die Leiche des ermordeten Vizepräsidenten gefunden worden war. Die Marmorplatte war aus ungeklärten Ursachen gespalten; man hatte sie mit der Ziffer 337 beschriftet.

„Ausgezeichnet", kommentierte Bischof Valentin, „Sorgen Sie dafür, dass die Kiste niemals ankommt! Unsere Feinde behaupten ja, dass 337 die hebräische Zahl für die Hölle ist. Deshalb hat das babylonische Portal die Bezeichnung ‚Höllenpforte’. Dies hat hier in Babylon Unruhe verursacht. Es gab einige Leute, die uns daran hindern wollten, dieses Tor aufzubauen, ebenso wie es einige geben wird, die den Bau des Babelturms verhindern wollen. Solange jedoch der Schlangengott Nr. 337 nicht an seinen Platz gekommen ist, können wir alle beruhigt sein; dann gibt es keine ‚Höllenpforte’!" Der Bischof erhob sich; einen Augenblick sah es so aus, als ob er seine Selbstbeherrschung verlieren würde. „Sorgen Sie dafür, dass die Kiste Nr. 337 niemals ihr Ziel erreicht; sie enthält eine Schlange, die uns alle killen kann!"

Niemandem war aufgefallen, dass Kaiser Wilhelms Wüstenkolonne um einen Jeep erweitert worden war. Aus den vier fahnengeschmückten Allradantreibern waren fünf geworden. Auch die Zahl seiner Mannschaft hatte sich um 12 Personen erhöht. Als die blank polierten Jeeps nach Babylon hinein fuhren, und der mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Leutnant alle Personalien abgeliefert hatte, stellte man ihm keine weiteren Fragen. Niemand bemerkte die Transportkiste, die hinten im fünften Jeep lag. Und deshalb sah auch keiner der Kontrolleure, dass sie mit der Nummer 337 versehen war. Es war die Kiste, in der sich, wie der Bischof sich ausgedrückt hatte, ‚die Killerschlange versteckt lag’. Als der Kaiser beim Morgenappell seine Abteilung dazu aufrief ‚sich in Reih und Glied’ aufzustellen, war deutlich zu erkennen, dass die zuletzt angekommenen EU-Soldaten die Bedingungen im Hinblick auf ‚Militärpräzision’ nicht erfüllten. Als der Leutnant an ihnen entlang schritt, korrigierte er streng ihre Uniformen und ihre nicht vorschriftsmäßige Haltung. Als er zum letzten Soldat in der Reihe gekommen war, einem scheinbar hageren, jungen Mann, der mit seinem Gewehr nicht zurechtkam, blieb er längere Zeit vor ihm stehen. Seine strenge, formelle Haltung änderte sich; sein Tonfall wurde fast mild. „Wann werden Sie es lernen, dass die Hitze keine Entschuldigung ist, Ihre Uniformjacke nicht bis oben zugeknöpft zu haben…" ermahnte er, wobei er selbst den obersten Knopf an der Soldatenuniform zuknöpfte… sehr langsam und sorgfältig.

„Stehen Sie gerade, wenn ich mit Ihnen spreche!"

Der junge EU-Soldat richtete sich hastig auf. Dabei rutschte der allzu große Helm zur Seite.

Kaiser Wilhelm schob den Helm vorsichtig wieder an seinen Platz. Dabei schaute er dem jungen Soldat tief in die Augen. „Sie werden niemals zum Leutnant ernannt werden!" sagte er freundlich. „Verstanden?"

Der Soldat nickte, sodass der Helm wieder über die erschrockenen, schwarzen Augen glitt. Der Kaiser schüttelte kapitulierend den Kopf. Dann wandte er sich um und ging langsam zurück. Das Gesicht neben dem jungen, unglückseligen Rekrut, war leicht zu erkennen: Die funkelnden Augen. Das schwarze Haar, das nur schwer unter dem Helm zu verbergen war. Die ‚spanische’ Schönheit, die in der allzu großen Uniform nicht zu übersehen war: Ursula Clemens! Neben ihr in einer rankeren, militärisch korrekteren Haltung, ein großer, schlanker, junger Mann mit sonnengebräuntem Gesicht: Jack Robinson! Neben ihm das hübsche Gesicht mit den Rehaugen, das Mädchen aus dem Miniprix: Antoinette Dupont, neben ihr der sportliche Grieche, Jan Apostolou.

Der Leutnant stand einen Augenblick still und schaute auf die beiden Paare. „Ich bestehe auf korrektes, militärisches Auftreten", sagte er brüsk. „Jawohl, Herr Leutnant! antworteten die vier wie aus einem Munde. Der Kaiser schritt weiter an der Reihe entlang. Er blieb vor einem älteren, graubärtigen Veteran stehen: Professor Fruchtenbaum! Der Leutnant nickte kurz und ging weiter. Danach kam eine jüngere, etwas gesetzte Gestalt. Auch dieser Rekrut hatte Schwierigkeiten, eine korrekte Haltung einzunehmen. Die schönen, blauen Augen starrten den Leutnant verschüchtert an. Auch hier musste er den Helm zurechtrücken, der das lange blonde Haar kaum zu fassen vermochte: Jennifer Jones! Neben ihr, ihr Mann, Pastor Jeffrey Jones, dessen Uniform deutlich einige Nummern zu klein war. Danach folgte Virginia Williams, die unwillkürlich lächeln musste, als sie sah, wie der Leutnant beim Vorbeigehen instinktiv sein Eisernes Kreuz am Uniformärmel polierte. Neben Virginia stand ihr Mann, John Williams, und ganz oben in der Reihe in einer adretten Sergeant-Uniform: der EU-Präsident, Pierre Henri Clark. Keiner hätte jemals diesem Anblick geglaubt, wenn er davon nur vom Hörensagen vernommen hätte. Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb einer der ‚Militärreporter’, der EU-Uniformierte Jeff Straw, hinter dem Leutnant hermarschierte, um die ‚Kaiser Wilhelm Parade’ zu filmen. Der Photograph machte gerade eine Nahaufnahme, als der Leutnant plötzlich einen jungen Rekruten hinten in der Reihe rief, nach vorne zu kommen. Der Soldat gehorchte, doch stolperte über sein Gewehr, sodass der Helm dabei zu Boden fiel. Das lange, schwarze Haar umkränzte die zugeknöpfte Uniformjacke. „Es ist doch viel zu warm", sagte der Kaiser und machte vorsichtig den obersten Knopf auf. „Aber Sie werden niemals Leutnant", fügte er hinzu. „Verstanden?"

„Jawohl, Herr Leutnant", antwortete Sara…

Dann wandte sich der Kaiser an seine kleine Kompanie und sagte: „Soldaten! Niemand wird verstehen können, wie eine solche Einheit wie die unsere heute, entstehen konnte. Wenn wir es jemandem erzählten, würde er uns nicht glauben! Deshalb wollen wir im Augenblick nicht mehr darüber reden. Jetzt geht es an die Arbeit! Bevor die Sonne untergeht, wird Babylon wissen, dass eine der gefährlichsten Kommandostreitkräfte in ihrer Mitte aktiv ist!"

*

Die staatlichen Sicherheitskräfte in Babylon waren in voller Alarmbereitschaft. Durch die große Amnestie waren in der ersten Woche des globalen Referendums Tausende von politischen Gefangenen freigesetzt worden. Man hatte ihnen gewisse ‚Versprechungen’ gemacht, die jedoch mit einer Bedingung verbunden waren: Sie sollten der vorliegenden Konstitution ihre Ja-Stimme geben…

„In dem Gesangsunterricht, den wir durchführen mussten, ging es sehr geheimnisvoll zu", erklärte der Kommandant des babylonischen Staatsgefängnisses. „Offenbar war dieser von Erfolg gekrönt, denn danach kehrte wirklich mehr Ruhe im Gefängnis ein, sodass die Behörden einwilligten, diesen Unterricht auch in anderen Gefängnissen und Gefängnislagern durchzuführen. Aber ich sage Ihnen: Man hat irgendwelche Vereinbarungen getroffen! Irgendetwas ist am Brodeln! Mit freigelassenen Gefangenen ist nicht zu spaßen!"

Die Sicherheitsmaßnahmen hinsichtlich der am 11. September in Babylon stattfindenden Feiern schienen ihm Recht zu geben. Man wusste, dass um die 6000 Gefangene in die Stadt gekommen waren. Die Ortsansässigen waren über den Aufbau der ‚Höllenpforte’ und die Grundsteinlegung des Babelturms in Unruhe versetzt worden. Das betreffende Gebiet war dicht abgesperrt. Am Tor arbeiteten noch Experten, um eine letzte Hand ans Werk zu legen. Innerhalb der Absperrungen hatte man im Laufe des Vormittags eine ausländische Museumsmannschaft am Sockel des großen Babeltors arbeiten sehen. Archäologinnen und europäische Handwerker waren dabei, eine letzte Marmorplatte neben dem feudalen ‚Triumphbogen’ anzubringen. Die Marmorplatte war offensichtlich beim Transport beschädigt worden. Es gelang den tüchtigen Experten jedoch, ihre Arbeit bis zum Mittag fertig zu stellen. Alles schien nun bereit zu stehen, damit der abendliche Umzug durch die originale Prozessionsallee unter festlicher Musikbegleitung und Tanz stattfinden konnte. Der Festzug sollte von dort aus durch das Babelstor einziehen bis hin zum Ort der Grundsteinlegung des Babelturms im Herzen Babylons. Die Teilnehmer der großen Prozession hatten sich durch die von Mund zu Mund gehende Mitteilung beruhigen lassen, dass ‚das Tor nicht fertig gestellt und deshalb die Zahl der 337 Schlangengötter unvollständig sei! Es seien keine magischen Kräfte am Werk! Beim Tor handle es sich nicht um ein ‚Tor zur Hölle’ sondern um den ‚Triumphbogen’ Babylons!"

„Dies ist ein historischer Augenblick", äußerte der EU-Vizepräsident, Bischof Valentin. Seit dem Zehner-Gipfeltreffen im Stadtpalast war er unter den versammelten Staatsmännern zu einer bekannten Persönlichkeit geworden. Ja, man sprach sogar davon, dass er ein würdiger Kandidat für den Weltpräsidentschaftsposten sei.

„Generationen haben auf diesen Augenblick gewartet", sagte der Bischof, bevor sich die Prozession außerhalb der Stadt in Gang setzte, „In einer Woche besiegeln wir durch die globale Konstitution, dass wir imstande sind, Frieden auf dieser Erde zu schaffen. Vor Mitternacht bestätigen wir unsere Einheit darin, dass wir den Grundstein zu dem Turm legen, der bis in den Himmel reicht!"

In diesem Augenblick meldete der Sicherheitsdienst, dass man die Prozession zurückhalten solle, bis man sich einen Überblick über die aktuelle Situation verschafft habe. „6000 ehemalige Gefangene haben sich im Zentrum der Stadt eingefunden", hieß es in der gegebenen Warnung. „Niemand weiß, was sie im Schilde führen."

„Es sind irgendwelche Absprachen getroffen worden!" wiederholte der Kommandant des babylonischen Staatsgefängnisses. Er sammelte die bewaffneten ‚Gefängnisgorillas’ um sich herum. „Irgendetwas braut sich da zusammen! Mit losgelassenen Gefangenen ist nicht zu spaßen!"