DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 23

Der bleiche, doch gefasste und scheinbar gleichgültige Bischof Valentin, der nun am Rednerpult stand, schien sich darüber im Klaren zu sein, dass eine Entscheidung getroffen werden musste. Es war der Versuch unternommen worden, den rebellischen Pastor und seine Mitverschworenen zu den bereitstehenden Polizeiautos zu führen, doch dieser ist aufgrund des Widerstandes von Seiten des Publikums missglückt. Nun musste eingegriffen werden! Wenn es den Aufständischen gelang, diesem ‚Attentat auf das System’ zu entkommen und frei auszugehen, musste dies als eine Niederlage betrachtet werden…

Dieser Meinung war nicht nur der Bischof allein. Auch seine Zuhörer im großen Parlamentssaal ahnten, dass die immer noch wartenden Polizeibeamten zur Tat schreiten würden, wenn der Bischof nur beweisen konnte, dass man es hier ganz offensichtlich mit Gesetzesbrechern zu tun habe. Auch draußen auf dem Platz stellte man sich auf diese Möglichkeit ein. „Wenn der Bischof seine Rede beendet hat", flüsterte man sich zu, „dann werden sie wieder versuchen, Pastor Jones und seine Familie zu verhaften. Haltet euch bereit, dieses zu verhindern…"

Adolf Engels, der die Begebenheiten am Bildschirm verfolgt hatte, ging wie ein Löwe in seinem Wohnzimmer auf und ab. „Ich habe nicht umsonst meinen Leuten den Befehl gegeben, diesen Pastor und seine Anhänger zu verhaften" sagte er sich. „Der Bischof versteht sich aufs Reden. Es muss ihm doch gelingen, allen plausibel zu machen, warum die Zusage des freien Geleits nicht eingehalten werden kann! Es liegt ja nicht an uns; sie haben ihr Versprechen nicht eingehalten!"

Der Fernsehreporter Jeff Straw hatte den sich ruhig verhaltenden Bischof im Visier. „Er steht nun einer gewaltigen Aufgabe gegenüber", erklärte er seinen Zuschauern. „Er muss beweisen können, warum Pastor Jones dieses Gebäude nicht als freier Mann verlassen kann. Wenn er das Publikum nicht überzeugen kann, wird eine Verhaftung kaum möglich sein; das haben wir ja bereits erlebt. Doch der Kampf ist noch nicht vorbei. Der Bischof hat bereits klargestellt, dass ‚Gesetzesübertreter dem Richter innerhalb von 24 Stunden vorgeführt werden müssen’. Dies wird er nun mit seiner Rede versuchen zu erreichen."

Der Bischof begann nüchtern und sachlich: „Es heißt in der Konstitution, dass ‚die Union den Status der Kirchen und religiösen Vereinigungen in den einzelnen Mitgliedsstaaten im Hinblick auf ihre nationale Gesetzgebung respektiert und nicht anfechten darf. Dies können Sie alle im 6. Abschnitt der Verfassung, Artikel 51, Absatz 1 nachlesen. Diese Zusage gilt natürlich für jede Glaubensgemeinschaft. Deshalb fordern die Aufständischen, die in den vergangenen Wochen und den letzten 24 Stunden unsere Kirchengebäude beschädigt haben, sowie am Kunstraub und Geiselnahme beteiligt waren, dass die Union ihren Teil der Absprache hält, während sie unverhohlen und dreist ihren Teil nicht einhalten…"

Jeff Straw ließ in diesem Augenblick den Wortlaut des Verfassungstextes über den Bildschirm gleiten. Er wusste, dass man auf internationaler Ebene intensiv daran arbeitete, diese besonderen Paragraphen so schnell wie möglich in die Landesprachen zu übersetzen. Er ahnte, dass gerade diese Gesetzesbestimmung das Hauptargument des Bischofs sein würde, um den Pastor einsperren zu können.

„Es gibt zwei Wörter in diesem Gesetzesartikel, die ich hervorheben möchte; es sind zwei Zusagen, an die die Union sich gebunden hat. Sie sind allerdings an eine Bedingung geknüpft, oder besser gesagt, sie nehmen den Bürger in die Pflicht. Es sind die Wörter: ‚respektieren’ und ‚nicht anfechten’. Das heißt, dass unsere Konstitution allen Bürgern weltweit verspricht, ihre religiösen Vereinigungen zu respektieren. Ja, man geht sogar so weit, dass der Staat ihnen verspricht, ihre kirchlichen Verordnungen niemals anzufechten. Es ist schwarz auf weiß nachzulesen, dass unsere Verfassung feierlich und mit Nachdruck Religionsfreiheit gewährt. So frage ich: ‚Worüber haben sich also Pastor Jones und seine Jünger zu beklagen? Was verschafft ihnen das Recht, Gesetz und Ordnung zu brechen? Ist vielleicht nun der Augenblick gekommen, in dem sich die Gesellschaft gegen diesen Terror verteidigen sollte? Und als Bischof muss ich noch hinzufügen: ‚Ist nicht die Stunde gekommen, um ungehorsame und aufrührerische Pastoren zur Ordnung zu rufen, damit sie ihren Vorgesetzten wieder Gehorsam entgegenbringen? Selbst die Apostel fordern die Christen auf, sich den Obrigkeiten und Regierungen unterzuordnen und ihnen Gehorsam zu erweisen’…"

Der Bischof sah sich ruhig im Saal um. Es schien kein Zweifel daran zu bestehen, dass seine Worte einen mächtigen Einfluss auf die Hörer ausübten.

„’Respekt’ beruht immer auf Gegenseitigkeit! Dieser Aufstand kann jedoch keinen Respekt aufbringen. Er ist in sich selbst und seiner Vorgangsweise respektlos! Deshalb kann auch die im Grundgesetz gegebene Zusage des Nichtanfechtens’ nicht eingehalten werden! Selbstverständlich ist die Staatsmacht verpflichtet einzugreifen und jeden ‚anzufechten’, der Gesetz und Ordnung bricht! Aus diesem Grund sollte Pastor Jones inhaftiert und vor Gericht gestellt werden. Ich schlage vor, dass man ihm keine weitere Wortmeldung gestattet! Dieses religiöse Schauspiel mit den gestohlenen Gemälden hat lange genug gedauert! Ihm kann kein Respekt entgegengebracht werden! Es muss ‚angefochten’ werden! Pastor Jones sollte auf der Stelle verhaftet werden!"

Bei diesen Worten begann man draußen eine Menschenkette zu bilden. Männer und Frauen stellten sich der mit Helmen, Schilden und Stöcken ausgerüsteten Polizei Schulter an Schulter entgegen. Im unruhigen Saal näherten sich die Handlanger des Gesetzes wieder dem Pastor und seiner Familie. Mrs. Jones legte beschützend ihre Arme um die Jüngsten. Es sah wieder nach einem Handgemenge aus.

In dem Augenblick sprang Jeffrey Jones aufs Podium. Er rief mit lauter Stimme: ‚Keiner soll Widerstand leisten. Ich ergebe mich gerne in die Hände der Obrigkeit. Niemand soll von uns sagen können, dass wir einen Anlass gegeben haben zum Blutvergießen!"

Bei diesen Worten wich die Schar vor dem Gebäude zurück, und die Leute im Saal beruhigten sich. Pastor Jones fügte hinzu: „Wir können alle sehen, wohin dies führt! Ich selbst und verschiedene andere werden gleich in Handschellen fortgeführt. Die Behörden werden ihre Zusage über freies Geleit brechen! Wenn es denn nun so sein muss, so lasst es ohne Blutvergießen geschehen. Ich selbst werde freiwillig mitgehen und möchte auch alle anderen dazu auffordern, keinen Widerstand zu leisten."

Langsam wichen die Leute im Saal zur Seite, um den Polizeibeamten Platz zu machen.

Mr. Jones sprach weiter: „Ich habe jedoch noch eine Bitte: ‚Geben Sie mir abschließend noch einige Minuten Zeit, um etwas zu sagen, das mir sehr am Herzen liegt. Dann können Sie mit mir machen, was Sie wollen!"

Der Bischof erhob sich. „Dieser Bitte soll nicht stattgegeben werden", rief er.

Draußen rückten die Scharen wieder zusammen; mit ihrer Haltung wollten sie zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht um eine Bitte handelte, sondern um eine Bedingung! Im Parlamentssaal wurde das Ersuchen des Pastors unterstützt. Die Zuhörer setzten sich wieder. „Was hatte er noch zu seiner Verteidigung vorzubringen, bevor er endgültig ins Gefängnis gebracht wurde..?

*

Vizepräsident John Edwards hatte beim letzten, hitzigen Wortwechsel den Saal verlassen. Es ärgerte ihn, dass es ihm nicht gelungen war, Mr. Jones zu verhaften. Der Bischof schien nun mehr Erfolg zu haben…

John Edwards ging durch eine Hintertür ins Freie. Er wollte der großen Volksmenge vor dem Gebäude entgehen. Eine Wache öffnete ihm die Tür. „Ich möchte gerne nur für ein paar Minuten alleine sein."

„Jawohl, der Vizepräsident."

Draußen holte er tief Luft. Wie würde das Ganze nun enden? Was hatte der Pastor zum Schluss noch zu sagen? Warum wollte er absolut noch einmal zu Worte kommen, bevor er abgeführt wurde? Worüber will er sprechen?

„Er will über das letzte Bild sprechen!" J. Edwards kannte die Stimme! Er erwartete nun, dass sich ihm eine Hand schwer auf die Schulter legte. Doch das geschah nicht. Ein kalter Wind fegte durch den Hinterhof, der ganz von Mauern umgeben war!

„Das letzte Bild?"

„Ja, das Gemälde, das den Turm zu Babel darstellt!"

„Ja, das Bild vom Turm zu Babel." John Edwards versuchte wieder sich umzudrehen, doch es war ihm nicht möglich. Der kalte Wind, der nur von diesem Unbekannten kommen konnte, ließ sein Herz zu Eis werden; er konnte sich nicht rühren.

„Sie erinnern sich an unsere Absprache?"

„Unsere Absprache?"

„Ja, unsere Absprache über Babylon!" Der 25. Mai. Der Turm! Das Team Nr. 6, das gewinnen soll!"

„Ja, ich erinnere mich!"

Die Stimme wurde kalt. Eisig wie der Wind, der auf seinen Rücken blies. „Ich bin nicht mit Ihrer Arbeit zufrieden!"

„Nicht zufrieden?"

„Aber wir werden sehen, ob Sie es schaffen, den Pastor aus dem Weg zu räumen… und nicht nur für 24 Stunden!"

„Jawohl, nicht nur für 24 Stunden!" Edwards nickte.

„Er soll bis zum 11. September hinter Gittern sitzen!"

„Bis zum 11. September?" John Edwards nickte wieder.

Nachdenklich…

Hinter ihm waren Schritte zu hören. Sie entfernten sich. Dann stand der Fremde still. Wieder näherten sich Schritte; dieses Mal legte sich eine eiskalte Hand auf seine Schulter. „Übrigens will ich das Babelstor nicht in Babylon haben. Es soll in Europa bleiben… in Berlin! Ich brauche es dort für meine Pläne, die ich mit Jerusalem habe. Es ist ein Höllentor; es soll bleiben, wo es ist… Es darf nicht von dort entfernt werden, verstanden?"

„Verstanden!" stammelte J. Edwards. Er hörte, wie sich die Schritte wieder entfernten.

Der Vizepräsident drehte sich hastig um und sah, dass die Hintertür, durch die er gekommen war, geschlossen blieb. Aber der Innenhof war leer! Er lief zur Torwache: „Ist nicht gerade jemand durch diese Tür gegangen?" fragte er aufgeregt.

„Nein, Herr Vizepräsident! Sie sagten doch, dass Sie alleine sein wollten!"

„Und es gibt keine anderen Türen, die auf diesen Innenhof hinausführen?"

„Nein, der Hof ist ein eingeschlossener Raum!"

„Und durch diese Tür ist niemand ein- oder ausgegangen?"

„Nein." Die Wache schien überrascht. „Nur der Herr Vizepräsident ist hier herausgegangen, und nun kommt er wieder herein…" Der junge Mann öffnete lächelnd die Tür. Mr. Edwards eilte in den Parlamentssaal zurück. Der Wachposten ging in den Hinterhof, wo ihm ein sonderbarer, kalter Wind entgegen blies. Ein eigenartiges Phänomen, denn es gab keine Stelle, an der der Wind hereinkommen konnte, und keine, von der er wieder entweichen konnte…

*

Die im Saal Anwesenden saßen schweigend da und warteten, als John Edwards bei der abschließenden Rede Pastor Jones’ wieder hereinkam. Allen war bewusst, dass man dem Pastor nach Beendigung seiner Rede Handschellen anlegen und zu den bereitstehenden Polizeiautos bringen würde. Die Zusage über freies Geleit war aufgehoben! Pastor Jones hatte erklärt, dass er sich freiwillig stellen würde, wenn er nur die Genehmigung erhielt, seine Verteidigungsrede zu beenden. Was hatte er dem bereits Gesagten noch hinzuzufügen?

Auf der Großleinwand war nun das Bild des Turms zu Babel zu sehen, das den Architekten des Europaparlaments, in dem jetzt diese Diskussionsrunde stattfand, eine Quelle der Inspiration gewesen war. Alle im Saal konnten die äußeren Konturen des halbfertigen Turms erkennen, den der Künstler vor fünf Jahrhunderten gemalt hatte, und der nach dieser Vorlage gebaut, und im Dezember 2000 eingeweiht worden war.

„Das wir uns im Augenblick in einer modernen Version des Turms zu Babel befinden, geht aus der Inschrift hervor, die Sie alle hier auf der Wand lesen können: ‚Viele Sprachen, eine Stimme!’ Die Worte stammen aus dem biblischen Bericht über eine Zeit des Aufruhrs, in der die Menschen direkt nach der Gerichtskatastrophe, aus der Noah und seine Familie als einzige hervorgingen, zueinander sagten: ‚Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel’. Dass es offene Rebellion gegen den Schöpfer war, geht aus der Reaktion hervor, die im Himmel erfolgte. Die Bibel berichtet uns, dass ‚der Herr herab fuhr, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten’…"

Die zu erwartende Unruhe beim Zitat dieses Bibelverses blieb aus. Die Zuhörer hatten ein unmittelbares Verständnis dafür, dass gerade dieser Bericht, der das Gebäude beschrieb, in dem sie sich aufhielten, relevant war.

„In meiner abschließenden Rede möchte ich nur eines besonders hervorheben. Einige von Ihnen werden dies verstehen, andere nicht." Der Pastor betrachtete eine Augenblick die schweigende Versammlung. Er wandte sich an den Bischof, der ihn mit einem leichten Kopfschütteln beobachtete.

„Niemand soll glauben, dass wir in diesem Parlamentssaal allein sind. Niemand soll der Auffassung sein, dass das, was in dieser Stunde hier im Babelturm des 21. Jahrhunderts geschieht, keine Beachtung in der geistlichen Welt findet. Glauben Sie nicht Ihrem Bischof, der Ihnen erzählen will, dass ‚die Geschichte mit dem ‚Turmbau zu Babel’ nur ein Mythos ist! Wie sich beim damaligen Bauvorhaben plötzlich Besuch vom Himmel ankündigte, so geschieht es auch heute, und wie in der Urzeit die Bautätigkeit unterbrochen wurde, und das Gebäude nur halbfertig dastand, so wird dies auch in unserer Zeit der Fall sein. Die Worte, die ich Ihnen eben vorgelesen habe, - wobei ich bemerkt habe, dass Sie mir alle aufmerksam zugehört haben -, werden wieder in Erfüllung gehen: ‚Der Herr fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten’…"

Für einige Augenblicke schien sich das politische Forum wieder in einen Kirchenraum zu verwandeln. Über den Zuhörern ruhte eine wunderlich andächtige Atmosphäre.

Dem Bischof war deutlich anzumerken, dass ihm sehr unwohl war in seiner Haut…

„Es kann sein, dass Sie nicht begreifen, was hier vor sich geht, doch wenn ich zusammen mit meiner Frau und meinen Kindern gleich ins Gefängnis gebracht werde, dann weiß ich, dass ‚der Herr herabgestiegen ist, um zu sehen, was hier vor sich geht. Alle die edlen Versprechungen über ‚freies Geleit’ werden heute gebrochen, ebenso wie die goldenen Verheißungen dieser Konstitution zu einem späteren Zeitpunkt vom Tisch gefegt werden. Als Adolf Hitler 1932 mit 14 Millionen Stimmen und 270 Parlamentsmandaten an der Spitze der größten Nationalpartei stand, geschah dies unter anderem, weil er allen Bürgern ‚Gedanken- und Religionsfreiheit’ zugesagt hatte! Doch als er am 1. März 1942 folgenden Befehl ausstellte: ‚Jede Form von Weltanschauung, die dem Nationalsozialismus widerspricht, muss bekämpft werden’ und als Begründung angab, dass es sich hierbei um ‚eine kriegsnotwendige Maßnahme handle’, setzte die größte Verfolgung des Jahrhunderts ein. Und dies wird wieder geschehen!"

Die Unruhe auf dem Platz vor dem Gebäude, das wie der halbfertige Turm zu Babel errichtet worden war, nahm zu. Es war fragwürdig, ob die Bitte des Pastors, die Menge solle sich ruhig verhalten, erfüllt werden konnte. Die Leidenschaften waren in Brand geraten.

„Glauben Sie Ihrem Bischof nicht, wenn er behauptet, dass die blutigsten Jahrhunderte vorbeigegangen sind! Der Herr ist herabgestiegen, um sich die heutigen Bauvorhaben anzusehen. Trauen Sie nicht denjenigen, die Ihnen weismachen wollen, dass die schweren Zeiten nun vorbei sind. Die Tage des Tötens sind nicht vorbei! Die Augen des Allmächtigen sehen durch den Nebel, den die globale Konstitution überall verbreitet. Er ist herabgestiegen, um dieses im besten Sowjetstil errichtete, totalitäre System, das sich nun über die schlafenden Massen erhebt, in Augenschein zu nehmen. Er untersucht, warum eine Gesinnungspolizei ins Leben gerufen wurde, die über die Worte und das Handeln aller Bürger wacht. Er ist hier in diesem Saal anwesend und merkt sich die Themen, über die nicht mehr frei gesprochen werden darf. Er liest im Verfassungsentwurf, dass ‚die Union eine gemeinsame Außenpolitik festlegt und durchführt (Kap. 2, Artikel 3:195). Vor dem Gogkrieg hat er Ihnen Propheten gesandt, um Sie vor dem Untergang des Abendlandes zu warnen! Durch sie sagte er voraus, ‚dass eine solche gemeinsame Außenpolitik zu einer Schlacht auf den Bergen Israels führen würde’. ‚Dort werde Ich das Entsetzen über euch kommen lassen’, sagte der Herr. Das geschah und wird wieder geschehen!"

„Die Unruhe im Parlamentssaal breitet sich nun bis zu den Zuhörern draußen aus", berichtete Jack Straw. „Unter den Versammelten sind etliche, die bei der Invasion Israels den letzten großen Krieg überlebt haben. Sie scheinen zur Rede Pastor Jones anerkennend zu nicken."

„Ich möchte nun mit Folgendem schließen." Pastor Jones verließ das Podium und ging – wie er es von seiner Gemeinde her gewohnt war – zwischen den Stuhlreihen auf und ab. „Die Weltunion wird Ihnen gemäß Artikel 3:1 einen ‚Raum der Freiheit’ bieten. Im Deutschland der 30er Jahre nannte man dies ‚Lebensraum’. Dieser Begriff zeugt von Freizügigkeit, doch sagen Sie dankend nein dazu. Dieser ‚Raum der Freiheit’ hat den Privatschulen bereits die Tür vor der Nase zugemacht. Es besteht keine Freiheit mehr, sich der ‚losen Moral’ zu widersetzen…"

Der Pastor drehte sich um und sah den Bischof an. Danach sprach er weiter.

„Die neue Verfassung will, ihrem Vorwort zufolge, (Abschnitt 2) als ‚Stabilisationsfaktor und Haltepunkt’ in einer neuen Weltordnung gelten!" Hinter dieser Proklamation liegt ein eiserner Wille. Die Zukunftsvision besteht jedoch nicht nur darin, diese Konstitution zu einem stabilisierenden Faktor zu machen, sondern auch zu einem dominierenden. Dem Propheten Daniel zufolge soll sie ‚einem frechen, mit Ränken vertrauten König (8:23) den Weg bahnen. Dieser hat nur eines im Sinn: Mit so genannten ‚friedenserhaltenden’ Streitkräften ‚einen gerechten Krieg gegen Israel zu führen’ und gleichzeitig die Gläubigen zu verfolgen!"

Wieder trat Unruhe ein im Saal. Es schien, als ob der Pastor seine Rede nicht würde beenden können.

„Unter den ‚grundsätzlichen Freiheiten’ dieser Konstitution befindet sich die Bestimmung hinsichtlich ‚des Verbots der Diskriminierung’. In diesem Zusammenhang wird der Begriff ‚sexuelle Ausrichtung’ verwendet (Abschnitt 3, Artikel 2-21) Absatz 1). Der Pastor wandte sich wieder an den Bischof und fuhr fort: „Und Sie, Bischof Valentin, bekennen sich offen als Homosexueller! Ich wage Ihnen gegenüber zu behaupten, dass die Bibel nur eine Form von ‚sexueller Ausrichtung’ anerkennt, und das ist das natürliche, eheliche Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau! Alle anderen ‚Ausrichtungen’, wie z.B. Pädophilie und ähnliches, werden im Wort Gottes als ‚widernatürlich’ eingestuft und haben das Gericht Gottes zur Folge!"

Der Bischof erhob sich und verließ den Saal. Mehrere folgten ihm. Man konnte deutlich den Zorn in der Zuschauermenge spüren. Einige stellten sich dem Pastor in den Weg, der danach strebte, zum Rednerpult zurückzukehren.

„Glauben Sie nicht einen Augenblick daran, dass es sich bei dieser Konstitution um eine traditionelle Absprache zwischen selbständigen Ländern handelt. Es ist eine von einer erhabenen Elite ausgearbeitete Verfassung, die auf einen globalen Superstaat abzielt; sie gibt den Gesetzen einer Weltregierung 100% Vorrang vor allen früheren nationalen Gesetzen. Im Abschnitt 3, Artikel 10 Abs. 1 unter der Überschrift: ‚Die Befugnisse der Union’ steht folgendes angeführt: … Unter lauten Protesten und Pfeifen las Pastor Jones: „Die Verfassung und ihr Recht haben Vorrang vor dem Recht der Mitgliedsstaaten." Seine Stimme ging in lauten Rufen unter…

Polizeibeamte bahnten sich einen Weg nach vorn, um Pastor Jones abzuführen. Bevor sie das Podium erreichten, rief er: „Im Artikel 3:4 verheißt das Traktat, dass die Union „zu einer tragfähigen Entwicklung auf dieser Erde beitragen will. Das ist eine Lüge! Die Konstitution ist ein Kollos auf Tonfüßen; sie ist nicht tragfähig! Ihre so genannten ‚Werte’ sind die geringsten, die es gibt. Die niedrigsten Leidenschaften werden zum Gesetz erhoben. Wenn dies geschieht, sagt Gott, dann will Er ein Reich errichten, das niemals vergehen wird!"

„Bevor Pastor Jones mit seiner Familie durch die aufgeregte Menschenmenge geführt wurde", berichtete Jeff Straw seinen Zuschauern, „rief er etwas, das nach Meinung der Experten eine besondere Bedeutung hat. Wir sehen hier ein Bild von ihm; man ist gerade dabei, ihm Handschellen anzulegen und ihn vom Podium wegzuführen. Er ruft etwas Unverständliches, das die Sachkundigen als ‚Weiße Rose’ gedeutet haben."

„‚Die Weiße Rose’", erklärte der Reporter vor dem Babelturmgebäude in Strassburg, „ist der Name der Deutschen Untergrundzeitung, deren Initiatoren während der finstersten Jahre des Zweiten Weltkriegs eine Widerstandsbewegung gegen den Tyrannen ins Leben gerufen haben!" Jeff Straws Objektivität ließ im weiteren Kommentar zu wünschen übrig. „Es ist bekannt, dass die samtweichen Kronblätter der Weißen Rose mit dem Blut vieler Gläubigen getränkt wurde, als sie ihre Landsleute in glühenden Artikeln dazu aufforderten, ‚den Mantel der Gleichgültigkeit zu zerreißen’! Der Führer hasste diesen Aufstand und befahl, dass die Verfasser und Produzenten, sowie Verteiler und Anhänger ‚gehängt, erschossen oder verbrannt’ werden sollten."

Jeff Straw zeigte die letzten Bilder des Pastors, der durch die kämpfende Menge zum wartenden Polizeiauto geführt wurde. Seine Stimme war bewegt, als er die letzten Worte sprach: „ Aber die Weiße Rose wurde groß und stark, bis dass es der Finsternis gelang, die Macht ganz an sich zu reißen. Da wurde sie abgerissen und zertreten; ihre Blüten abgezupft und vom Wind in alle Himmelsrichtungen weggeblasen…"