DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 21

Die Wachtmannschaft in den Museen in Wien und Brüssel waren nach dem Raub der kostbaren Malereien in besonderer Alarmbereitschaft. Es war eine Niederlage für den staatlichen Sicherheitsdienst, dass ein Coup dieser Größenordnung geglückt war. Deshalb behielt man alle, die im Verdacht standen, etwas aus dem Museum herausschmuggeln zu wollen, genau im Auge. Es war jedoch niemand beunruhigt, dass an diesem Morgen (an dem sich das Personal die Fernsehsendung aus Strassburg ansah) jemand ins Museum hineinkommen könnte, um die Gemälde zurückzubringen…

Deshalb wurden die vier gestohlenen Malereien – unter Polizeischutz – an ihren richtigen Platz zurückgehängt und der Erhalt quittiert. „Wie Sie auf dem Bildschirm sehen konnten", erklärte der uniformierte Beamte, „so befinden sich die Gemälde wieder in den Händen der Obrigkeit. Wir sorgen nun dafür, dass sie ihren rechtsmäßigen Besitzern wieder übergeben werden…"

„Ja, aber", wandten die Diensthabenden Museumswächter ein und zeigten auf den offenen Fernsehschirm, „wir sehen doch, dass die Malereien als Illustration im Parlamentssaal in Strassburg angewandt werden. Sehen Sie selbst, dort hängt das Bild des ‚Massakers an den Unschuldigen’!"

„Ja", antwortete der Beamten lächelnd, „das auf dem Bildschirm erscheinende Gemälde ist in Wirklichkeit eine gelungene Kopie, während die Malerei, die wir Ihnen hier zurückbringen, das Original ist. Das Bild im Parlamentssaal ist nur von geringem Wert… die Millionen sind hier! Also herzlichen Glückwunsch zum guten Ausgang dieses schmerzlichen Verlustes…"

Damit verschwanden die uniformierten Repräsentanten der Polizei und Stadtverwaltung. Eilig wurden Experten herbeigerufen, die die Echtheit der Bilder bestätigten. Innerhalb weniger Minuten verlautete überall die Nachricht, dass die kostbaren Originale von Pieter Brueghel wieder unbeschädigt an die betreffenden Museen zurückgeliefert worden seien.

„Dies geschah", erklärte der CNN-Reporter Jeff Straw, „als Pastor Jones noch dabei war, seine Thesen hier im EU-Parlament zu verteidigen, was also heißt, dass die vier Bilder, die im Augenblick hier im Saal als Illustrationsmaterial angewandt werden, nur Kopien sind; die Originale hängen also wieder auf ihrem Platz in den Museen in Brüssel und Wien!"

Gerade in dem Augenblick, als Pastor Jones sich anschickte, anhand des dritten Bildes ‚die Aufruhr der gefallenen Engel’ eine weitere These zu illustrieren, kamen sechs Polizisten auf ihn zu. Ihnen war nicht bekannt, dass die Malereien inzwischen zurückgeliefert worden waren. Während sie durch den Mittelgang schritten, trat John Edwards (der von dieser Sache auch nichts wusste) ans Mikrophon, um dem überraschten Publikum eine Erklärung abzugeben.

„Es wurde Pastor Jones freies Geleit im Hinblick auf die Darlegung der Thesen zugesagt. In dieser Nacht sind diese sogar noch überall an die Kirchentüren in Strassburg angeschlagen worden. Die Polizei sieht sich jedoch aufgrund des gestohlenen Vorführungsmateriales genötigt, einzugreifen. Meine Damen und Herren, vor Ihnen hängt ein Millionenvermögen an gestohlenen Werken. Es wird vermutet, dass Pastor Jeffrey Jones einer der Initiatoren dieses Kunstraubs ist. Der Haftbefehl für diese kriminelle Handlung tritt sofort in Kraft. Wenn sich Mr. Jones an die abgesprochenen Rahmenbedingungen gehalten hätte, hätten wir unser Versprechen über freies Geleit einhalten können. Weil Pastor Jones sich jedoch erdreistete, seinen Vortrag mit geraubten Bildern zu untermauern, hat er seinen Teil der Vereinbarung nicht eingehalten. Aus diesem Grund fordert die Polizei seine sofortige Verhaftung; sie wird gleichzeitig die unschätzbaren Kunstgegenstände konfiszieren…"

Vier Polizisten ergriffen Pastor Jones, legten ihm Handschellen an und wollten ihn abführen. Gleich darauf entstand draußen wieder ein Tumult; es wurde eine Menschenkette gebildet, die es den Hütern des Gesetzes unmöglich machen sollte, den in Gewahrsam genommenen Mr. Jones fortzubringen. Im Gebäude selbst breitete sich Ärger aus. Alle wollten gerne die provozierende Verteidigungsrede des Angeklagten hören; da ihnen von mehreren Seiten mitgeteilt wurde, dass das Diebesgut zurückgeliefert worden war, und dass die zu beschlagnahmenden Bilder nur wertlose Kopien seien, begannen die Anwesenden, Mr. Jones Partei zu ergreifen. Als darüber hinaus auch Mrs. Jones und ihre fünf Kinder aus dem Saal geführt werden sollten, schlug die Stimmung vollständig um. Die Zuhörer stellten sich der Polizei in den Weg; einige riefen laut zum Podium hinüber, dass ‚die Gemälde ja zurückgeliefert worden seien’. Entsetzt musste John Edwards feststellen, dass die Verhaftung nicht durchgeführt werden konnte.

Überrascht fragte er: „Sind die gestohlenen Malereien denn wirklich zurückgeliefert worden? Aber das ist doch ganz unmöglich, die gestohlenen Gemälde sind ja hier!"

„Es sind nur Kopien!"

„Das sind nur Kopien?" Der Vizepräsident verließ verblüfft das Rednerpult und trat zu dem Bild mit den rebellischen Engeln. Er betrachtete es, als ob er auf der Stelle beurteilen könne, ob das Gemälde echt sei oder nicht. Dann ging er zurück ans Mikrophon und rief: „Ja, aber wo sind die Originale?"

„Sie sind zurückgebracht worden!"

Mr. Edwards reagierte so, wie er es gewöhnlich in Paniksituationen tat: Er stellte sich ‚unwissend’. Er begriff den Zusammenhang nicht, und konnte deswegen auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden…Er war eben ‚unschuldig’…

„Das heißt also, dass die Bilder wieder an ihren alten Plätzen in Wien und Brüssel hängen?"

„Ja! Sie wurden nur ‚geborgt’!"

„Man hat sie sich also nur ‚geliehen? Demnach sind gar keine Millionenwerte gestohlen worden!"

„Nein! Sie sind nicht gestohlen. Alle Bilder sind wohlbehalten zurückgebracht worden!"

„Ja, aber dann ist Pastor Jones doch irrtümlich verhaftet worden!" Der Vizepräsident suchte einen Ausweg aus dieser hoffnungslosen Situation, da der Haftbefehl nun ja sowieso nicht ausgeführt werden konnte…

„Ja, die Verhaftung von Pastor Jones und seiner Familie ist ein Irrtum!" Einige Zuhörer zogen die weinenden Kinder zur Seite, als ob sie sie vor dem ‚Übergriff der Polizei’ schützen wollten.

„Ja aber, dann müssen wir Mr. Jones wieder freisetzen und unser Versprechen über freies Geleit einhalten! Bitte setzen Sie die Familie wieder auf freien Fuß!" Der Vizepräsident lief hinter den Polizisten her und befahl ihnen, dem Pastor die Handschellen abzunehmen. Die Anwesenden applaudierten begeistert, und John Edwards trat erleichtert aufs Podium. „Nach diesem kleinen Intermezzo", sagte er lächelnd, „möchten wir Pastor Jones bitten, mit seinen Erklärungen fortzufahren."

Als dieser wird auf dem Rednerpult stand, traf ihn der verbitterte Blick des Bischofs. Ihm wurde klar, dass von dieser Seite ein weit größerer Widerstand zu erwarten sei als den, den er eben erlebt hatte…

*

Kaiser Wilhelm fuhr an Jan und Antoinette vorbei, die wie zwei unbewegliche Statuen in der Einöde standen. „Liebe und Wüstensand", wiederholt der Kaiser kopfschüttelnd. „Achtung, n-a-a-a-ch links! befahl er, als die Jeeps hinter ihm an den zwei umschlungenen Sandsäulen vorbeifuhren. Die Männer gehorchten willig. „Noch ein Befehl, der pünktlich ausgeführt wurde", brummte der Leutnant…

Der Jeepkonvoi kam vor dem Zelt zum Stillstand. Er wurde von John Williams Andersen in Empfang genommen. Der Kaiser sprang aus dem Fahrzeug und meldete mit fast militärischer Disziplin: „Ich melde mich gehorsamst zur Stelle! Laut Anweisung des Präsidenten bringe ich Ihnen, Mr. Williams, Jack Robinson und Jan Apostolou zurück. Letzteren haben wir aus dem Staatsgefängnis in Babylon befreit. Die junge, allein stehende Dame hier, Frau Ursula Clemens, wurde von ihren Aufgaben bei der Konferenz in Babylon freigestellt und ist ‚aus anderen Gründen’ hier.

„Aus anderen Gründen?"

„Ja", antwortete der Kaiser, „aus anderen, unerklärlichen Gründen…"

Der EU-Konvoi campierte neben dem Wüstenzelt. Die Situation war nicht mehr die gleiche wie noch vor ein paar Tagen. Die Stimmung hatte sich geändert. Ja, es herrschte eine regelrechte Wiedersehensfreude zwischen den beiden Gruppen. Zelte und Sonnennetze wurden in der glühenden Hitze ausgespannt, und eine Feuerstelle errichtet. Von beiden Lagern in der großen Wildnis stieg bald Rauch zum Himmel auf.

John Williams und der Kaiser gingen ins Zelt. Bei ihrem Eintritt zog das Beduinenmädchen Sara gleich den Schleier vors Gesicht. Der Kaiser betrachtete verstohlen die hübsche, junge Frau aus Machmets Zelten. Auch sie hob heimlich den Kopf, während sie sich um eines der Kleinkinder kümmerte. Ihre Blicke trafen sich, doch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Der Kaiser sah verlegen auf seine Uniform und polierte sein verstaubtes Eisenkreuz…auf dem vielleicht noch winzige Reste der gelben Suppe hafteten! Das Mädchen wandte sich an Virginia Williams, worauf die beiden vertraulich miteinander lachten. Dann folgte der Leutnant Williams in eine schattige Ecke, wo das Zelttuch hochgeschlagen war, sodass eine leichte Brise herein blasen konnte.

„Es gibt da eine Sache, die ich gerne näher erklärt haben möchte", begann der Kaiser. „Sie sagten mir letztes Mal, dass meine Grabstätte dort oben zu finden sein wird!" Kaiser Wilhelm zeigte in Richtung Bozra.

„Habe ich gesagt, dass Sie dort oben begraben werden?" lächelte John Williams.

„Ja, Sie sagten, dass ich nicht lebend aus dem, was dort geschehen wird, herauskommen werde!" Kaiser Wilhelm starrte nachdenklich zu den roten Bergen im früheren Jordanien hinauf. „Sie sagten, dass ich in Bozra begraben werden würde…"

„Dem letzten, großen Krieg sind sie aber lebend entkommen?"

„Ja, das war ein Wunder. Wir kämpften gegen eine geheime Waffe, die Israel überall versteckt hatte."

„Diese Waffe haben sie immer noch."

„Ja, in solch einem Fall wird man nichts ausrichten können! Ist Ihnen diese Waffe bekannt? Plötzlich prasselte es von allen Seiten auf uns nieder. Es war wie Hagel, Pest und Blut und wie unsichtbare Scharfschützen. Ein Wunder, dass ich mit dem Leben davongekommen bin. Kennen Sie diese heimliche Waffe?"

„Ja!"

„Was ist das für eine Waffe?" Der Kaiser lehnte sich vertraulich vornüber. „Ich frage nicht um ‚Auskunft zu bekommen’ sagte er diskret. „Diese Art Aufgabe gehört nicht zu meinem Ressort. Ich frage aus ganz persönlichen Gründen. Ich habe die Wirkung dieser Waffe erlebt, und ich möchte dies nicht noch einmal erleben! Was ist das für eine Waffe, die Israel geheim hält?"

Ernst betrachtete John Williams den jungen Offizier. Dann lehnte er sich zurück und antwortete: „Israels heimliche Waffe, Herr Leutnant, ist – Gott!"

„Gott?"

„Ja, der Gott Israels."

„Der Gott Israels?" Kaiser Wilhelm nickte. „Das halte ich nicht für unmöglich. Mir ist diese Waffe im letzten großen Krieg begegnet. Dabei sah ich in der Dunkelheit leuchtende Gestalten. Wir kämpften gegen einen unsichtbaren, unüberwindlichen Gegner; die Hagelklumpen, die vom Himmel fielen, waren wie Raketen; sie spalteten sowohl Eisen, als auch Stahl und Beton. Das war überirdisch. Sie meinen, dass es Gott war, der Gott Israels?"

„Ja, und bald wird wieder alles in Flammen stehen; das nächste Mal findet die Schlacht da oben statt." John Williams zeigte auf Bozra, „und wenn Sie mit dabei sind, dann kommen sie dieses Mal nicht mehr aus der Schlacht zurück. Der Prophet sagt, dass Ihre irdischen Überreste „auf den Bergen verstreut werden".

„Der Prophet? Was für ein Prophet?"

„Jesaja. Genauer gesagt, Kapitel 36. Dort können Sie den ganzen Kriegsbericht lesen; er berichtet in Details, was einige Kilometer von hier geschehen wird…"

Die junge Beduinenfrau brachte ihnen ein Tablett mit Tee. Einen Augenblick lang schienen den Kaiser die Zukunftsprophetien nicht mehr zu interessieren. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun dem Tee.

„Bitte, Herr Sergeant"! Die Stimme hinter dem Schleier klang melodisch und sanft (so erschien sie jedenfalls dem Kaiser) ja, fast vertraulich!"

„Leutnant!" rief er verwirrt aus und zeigte auf sein Schulteremblem. „Leutnant! Ich wurde zum Leutnant befördert."

„Entschuldigen Sie", tönte die unglaublich schöne Stimme; „das wusste ich nicht. Das letzte Mal, als Sie hier waren…"

„Nicht der Rede wert!" Der Kaiser war verlegen.

„… als Sie das letzte Mal hier waren, haben Sie sich als Sergeant vorgestellt. Entschuldigen Sie also! Bitte, Herr Leutnant!"

Die junge Beduinin reichte ihm eine Tasse. Ein paar Ewigkeitssekunden gelang es dem Leutnant, in die sanften, schwarzen Augen hinter dem Schleier zu blicken. Fast wäre ihm dabei die Tasse aus der Hand gefallen. „Vielen Dank… Sara…" stammelte er.

Als die junge Frau ihren Namen hörte, den sie beim Verhörsprotokoll angegeben hatte, leuchteten ihre Augen vor Glück. „Sie haben meinen Namen nicht vergessen", flüsterte sie.

Der Kaiser wollte antworten, doch hatte er sich am Tee verschluckt. Sara beugte sich anmutig nieder und setzte auch dem lächelnden John Williams eine Tasse hin.

„Worüber lachen Sie?"

„Nichts!"

„Wie lustig!" Sara reckte den Nacken hoch. „Wie lustig über ‚nichts’ zu lachen. Mit dem Tablett unterm Arm ging sie langsam zurück.

*

Im Parlamentssaal in Strassburg hatte Mr. Jones seine Antwortrede in Bezug auf die Frage des Bischofs Valentin: ‚Mit welchem Recht nennen Sie das vorliegende globale Grundgesetz antichristlich und antisemitisch’? wieder aufgenommen. Zur Veranschaulichung dieses Teils seiner Rede gebrauchte Pastor Jones Pieter Brueghels Gemälde: ‚Der Aufruhr der gefallenen Engel’.

Dieses Bild erfordert eine etwas genauere Erklärung", begann er und zeigte auf die dramatische Schilderung der ‚gefallenen Engel’, die sich gegen Gott aufgelehnt hatten.

„Der Maler hat sich u.a. von einem Abschnitt im Neuen Testament inspirieren lassen, in dem der Apostel Petrus erklärt: ‚Gott verschonte nicht die Engel, die gesündigt hatten, sondern stürzte sie hinab in finstere Höhlen des Abgrundes, zur Aufbewahrung für das Gericht…"

Einen Augenblick war es totenstill. Dann erhob sich Bischof Valentin und trat vors Mikrophon. „Es ist für unser Vorhaben von Wichtigkeit, dass wir uns an das Thema halten. Das vorliegende Grundgesetz ist für Menschen geschrieben, die hier auf der Erde leben. Ich weiß, dass Pastor Jones an ein Leben nach dem Tod glaubt…" Dabei sah er den Pastor spöttisch an. „Doch ich selbst und viele hier im Saal glauben auch an ein Leben vor dem Tod! Für dieses Leben kämpfen wir, indem wir den Armen die Hand reichen, für Freiheit und Gleichheit eintreten, und versuchen, weitere Kriege zu verhindern. Ich erhebe Einspruch dagegen, das Publikum durch theologische Darlegungen über ‚Engel’ zu ermüden. Diese sind nur für abergläubische Leute von Interesse, die nicht Mythen und Legenden von der übrigen biblischen Lehre unterscheiden können!"

Ein gedämpftes Beifallgemurmel stieg in den Zuhörerreihen auf.

„Wir wollen es der Kirche überlassen, sich mit dem Jenseitigen zu beschäftigen", erklärte der Bischof, deutlich ermutigt durch den Beifall, „und der Regierung sowie den vom Volk gewählten Männern, diese Welt zu regieren!"

Es erfolgte starker Applaus.

„Mögen Kirchen und Synagogen, Pastoren und Rabbiner sowie wir Bischöfe an den Orten über Engel sprechen, wo Leute sind, die so etwas hören wollen, doch hier im Saal wollen wir die Vernunft walten lassen. Deshalb wiederholen wir unsere Frage an Pastor Jones: „Auf welcher Grundlage erdreisten Sie sich, das vorliegende Grundgesetz als ‚antichristlich’ und ‚antisemitisch’ zu bezeichnen? Mr. Jones hat uns meiner Meinung nach immer noch keine zufrieden stellende Antwort geben können! Nur durch die Gunst und Nachsicht der Behörden hat er sich bis jetzt dem Gesetz und Recht entziehen können, doch jetzt sehe ich keinen anderen Ausweg mehr als ihn wegen seines kriminellen Verhaltens schuldig zu sprechen, und ihn in Handschellen abzuführen. Wie jeder andere Bürger muss auch er für seine Ansichten, die zu einer klaren Übertretung unserer Verfassung führen, zur Rechenschaft gezogen werden… Lasst uns hören, was er zu seiner Verteidigung zu sagen hat. Die anwesenden Polizeiagenten sollen jedoch die Handschellen griffbereit halten! Dieser Mann ist eine Gefahr für seine Umgebung. Er sollte mit seinen Mitverschworenen eingesperrt und innerhalb von 72 Stunden einem Richter vorgeführt werden, der sich - mit dem Grundgesetz in der Hand – nicht durch Visionen oder auf Mittelaltermalereien dargestellten Engeln beschwatzen lässt. Die Zeit ist gekommen, um mit diesem religiösen Terror abzurechnen. Wir wollen diesen Fundamentalisten unsere Liebe spüren lassen. Wir haben nämlich allmählich genug von ihrem übergeistlichen Gewäsch. Was wir brauchen, ist ein gutes, gesundes, irdisches Gesetz mit einer Reihe Bestimmungen, die dem Mann von der Straße eine Arbeit sichert, und ein Dasein mit Ausbildung und Zukunftsaussichten für seine Kinder. Mögen die Pastoren ihre Engel und Ewigkeit für sich behalten. Unsere globale Verfassung glaubt an ein Leben – vor dem Tod!"

Der Bischof hatte das Publikum wieder mit sich gerissen. Die Polizeiagenten nickten einander zu. Das Schicksal des Pastors hing offensichtlich davon ab, ob er sich hinreichend verteidigen konnte. Seine Einleitung mit dem biblischen Hinweis auf ‚Engel’ waren wie weggefegt. Die wertlose Malerei schien noch inhaltsloser zu sein. Das Schweigen vor dem Parlamentsgebäude war vielsagend. Es sah so aus, als ob das Schicksal der ‚Kirchenrebellen’ besiegelt sei.

Pastor Jones trat aufs Rednerpult. Unterwegs lächelte ihn der Bischof triumphierend an. Was war jetzt noch zu sagen? War diese Sache nicht ausdebattiert? Alle Augen ruhten auf der runden Gestalt des Pastors. Einen Augenblick lang stand er mit gebeugtem Kopf, dann richtete er sich auf und begann erneut…