DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 19

Was in den folgenden Wochen geschah, bevor die Baupläne für den neuen Babelturm vorlegt werden sollten, ähnelte vielfach den Begebenheiten, die sich nach dem Oktobertag im Jahre 1517 ereigneten, als Martin Luther seine 95 Thesen am Tor der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hatte. Die sechs Punkte, die Präsident Clark in seiner kurzen Rede auf dem Zehnergipfeltreffen in Babylon erwähnt hatte, verbreiteten sich auf der ganzen Erde als ob (so bezeichnete es der Reformator damals) ‚Engel selbst die Boten seien’. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich niemand die Mühe gemacht, die schwerverständliche Konstitution zu lesen. Niemand kannte ihren Inhalt, und niemand war sich darüber im Klaren, wozu sie eigentlich beim Referendum am 27. September ihre Ja- Stimme gaben. Doch nachdem die sechs ‚teuflischen Punkte’ der Konstitution bekannt wurden, begannen die Leute den Inhalt des neuen Grundgesetzes zu untersuchen. Man befürchtete in Regierungskreisen, dass das Volk die vorliegende Weltverfassung verwerfen würde.

Wie der Papst im 16. Jahrhundert eine Bulle gegen Luther ausstellte und forderte, dass er seine Schriften widerrufen sollte, so wurden in diesen Wochen Verordnungen ausgestellt, in denen alle Pastoren abgesetzt wurden, die sich nicht ihren Bischöfen unterstellten. Aber wie Luther am 10. Dezember die Papstbulle öffentlich verbrannte, so wurde nun überall auf der Welt vor den Kirchen ein Feuer angezündet, in dem das neue, antichristliche Grundgesetz den Flammen zum Opfer fiel.

Da die Verhaftungen und Entlassungen den Brand nicht zu löschen vermochten, wurden die Pastoren und geistlichen Leiter, die dazu aufgerufen hatten, ‚das antichristliche und antisemitische Grundgesetz’ den Flammen zu übergeben, ins EU-Parlament in Strassburg vorgeladen. Sie wurden von ihren Freunden gewarnt, sich nicht in die Höhle des Löwen zu begeben, doch sie antworteten mit den Worten Luthers, der 500 Jahre zuvor eine Vorladung des Reichstags in Worms erhielt: „Auch wenn dort so viele Teufel sein sollten wie Ziegel auf dem Dach, so fahren wir doch dorthin."

Als sich die Flügeltüren zu der außerordentlich einberufenen Versammlung im Parlamentsgebäude öffneten, zogen Verwunderung, Verwirrung und Indignation durch die anwesende Gelehrtenschar; es bewegte sich eine seltsame Prozession nach vorne. Als erstes kamen die Männer und Pfarrer, die in Europa und anderen Kontinenten ‚Kirchenfeuer’ angezündet hatten. Dahinter wurden die vier Gemälde herein getragen, die man wenige Wochen zuvor aus den Museen in Wien und Brüssel ‚entfernt’ hatte…

Der Fernsehreporter, Jeff Straw, erklärte seiner weltweiten Zuschauerschar, dass das erste der gestohlenen Malereien den Titel: ‚Der Weg nach Golgatha’ trage! Das nachfolgende Bild, das von unschätzbarem Wert sei, stellt das furchtbare Ereignis in Bethlehem da, das Herodes zu verantworten hatte. Der flämische Maler hat es als: ‚Das Massaker an Unschuldigen’ bezeichnet."

Die Kameras folgten der Prozession, die von einer wehmütigen Orgelmusik begleitet wurde (deren Ursprung niemand kannte). „Das dritte Bild", fuhr Jeff fort, „das trotz enormen Sicherheitsvorkehrungen aus dem Museum in Brüssel gestohlen wurde, beschreibt ‚den Aufruhr der gefallenen Engel’, und das vierte Bild ist das Gemälde, das die Grundlage für die Konstruktion dieses EU-Parlamentsgebäude hier in Strassburg bildet: Pieter Brueghels ‚Turm zu Babel’ aus dem Jahre 1563."

Als die Prozession das Podium erreicht hatte, wurden die vier Bilder auf bereitgestellten Stativen angebracht. Vor den Gemälden hatte man Kameras aufgestellt, sodass sie auf die Großleinwand projiziert werden konnten. Die vier biblischen Bilder sollten offenbar als Anschauungsmaterial zur Verteidigung der Männer verwendet werden, die sich nun verantworten mussten.

Die kleine Gruppe Pastoren und Gemeindeleiter, von Jeffrey Jones aus Brüssel angeführt, war vorgeladen worden, um zu Fragen der ‚Anstiftung zum Aufruhr gegenüber Kirchen- und Gemeindebehörden’ einschließlich Verwüstung, Brandstiftung und Diebstahl’ Stellung zu nehmen. Eine der wichtigsten Fragen, die es zu beantworten gab, war: ‚Wie können die einberufenen Pastoren und geistlichen Leiter ihre Behauptung, das vorliegende globale Grundgesetz sei antichristlich und antisemitisch, rechtfertigen’?

Jeffrey Jones, der bei dem Geiseldrama mit seiner Frau aus dem EU-Ratsgebäude in Brüssel geflüchtet war, und seitdem auf der Interpol- Fahndungsliste stand, trat hervor, um seine Verteidigungsrede zu halten. Auf dem Großbildschirm wurde das erste Bild ‚Der Weg nach Golgatha’ gezeigt. Eine erwartungsvolle Stille stellte sich im Parlamentssaal ein. Was hatte dieser Kirchenrebell zu seiner Verteidigung vorzubringen?

*

Zu diesem morgendlichen Zeitpunkt wachten die Tauben in der Arava auf. In großen Kreisen flatterten sie über John Williams Zelt. Diejenigen, die sich zu einer solchen Morgenstunde in die Wüste begeben, werden entdecken, dass selbst die Steine lauschen. Die ganze Ebene wartet darauf, dass jemand kommt…

Ebenso ging es Antoinette Dupont. Bei den ersten Sonnenstrahlen glitt ihr Blick über den Bergkamm von Moab. Sie wartete auf die Ankunft eines Wüstenjeeps, der ihr ihren geliebten Jan zurückbringen würde. Als letztes hatte sie gehört, dass er vor dem Palast in Babylon verhaftet und ins Staatsgefängnis für politische Gefangene gebracht worden war. Sie hatte auch in Erfahrung gebracht, dass die Gefangenen in diesem berüchtigten Gefängnis gefoltert werden…

Antoinette hatte keine hohe Meinung von Jack Robinson. Sie wusste, dass er der babylonischen Wachtmannschaft in den Hängenden Gärten entwischt war. Trotzdem glaubte sie, dass er seinen Freund nicht im Stich lassen werde. Sie vertraute auch darauf, dass es Jack durch Dreistigkeit, Mut und Klugheit gelingen würde, Jan aus der Folterkammer des Staatsgefängnisses herauszuholen.

Deshalb war sie zu dieser frühen Morgenstunde in die Wüste hinausgegangen, um zu warten. Vielleicht tauchte der Jeep mit Jan ja heute auf; vielleicht war er nicht mehr weit entfernt…

Eine hohe Gestalt tauchte hinter ihr auf. Es war John Williams. Auch er war manchmal früh auf, um der ‚Zwölfpalmenoase’ einen Besuch abzustatten. In dieser Oase hatten einmal Hunderte von Palmen gestanden. Jetzt lagen sie vertrocknet am Boden. Sie waren aus unerklärlichen Gründen eingegangen. Als John Williams suchend umherging, fand er zwölf Palmen, die überlebt hatten. Deshalb nannte er den Ort ‚Zwölfpalmenoase’. Überraschenderweise waren diese zwölf Palmen mit einem großen, braunen Stein versehen, auf dem römische Zahlen eingeritzt standen.

„Dies ist mein Erbteil", erzählte John, wenn er anderen gegenüber diese eigenartige Palmengrabstätte beschrieb. „Wenn ich morgens oder abends zwischen den toten Palmen hin- und herspaziere, dann denke ich an den Propheten, den der Herr ‚unter die Totengebeine im Tal’ gesandt hatte. „Dies ist das Haus Israel", sagte Gott seinem Diener, der verwundert im Tal umherging. „Mein Volk sagt nämlich, dass es aus ist mit ihnen, und dass alle Hoffnung dahingeschwunden ist!"

Jedes Mal wenn John Williams an diesen Punkt in seiner Erklärung gekommen ist, scheint er wie verklärt. „Dann fragt mich der Herr", erzählt er ohne zu zögern und über allen Zweifel erhaben: ‚Glaubst du, dass alle diese Palmen zu neuen Leben erwachen können’? Und ich antworte: ‚Das weißt du, Herr’!"

An diesem Morgen lud John Williams das junge Mädchen ein, mit ihm zur Oase zu gehen. „Es ist gut eine englische Meile Fußmarsch, um zu ‚meinem’ Stück Land zu kommen."

„Ist es wirklich deins?" fragte Antoinette erstaunt.

„Nein! Die israelischen Behörden sind nicht dieser Ansicht, doch ich glaube, dass mir nicht nur diese Oase, sondern die ganze Strecke von hier bis nach Bozra in den Bergen Edoms, die über einen Kilometer breit ist, zur Verfügung gestellt wird, so dass ich ‚dem Herrn einen Weg bereiten kann’."

„Einen Weg für den Herrn bereiten?"

„Ja, ich bin mit meiner Familie hierher gekommen, weil beim Propheten Jesaja geschrieben steht, dass ‚dem Herrn in der Arava Wüste ein Weg bereitet werden soll’. Der Herr sagt, dass dort ‚ein Weg sein soll’, der der heilige Weg genannt werden wird. Er deutet an, dass er sich von hier bis hinauf nach Zion erstreckt!"

„Wie soll das geschehen?"

John Williams blieb stehen und betrachtete das junge Mädchen voller Ernst. „Und das sagst du, die du selbst auf ein Wunder wartest?"

Antoinette starrte suchend hinaus in die Wüste…

„Wir leben in einer neuen Zeit, Antoinette. Wir sollten in diesem Zusammenhang nicht am Alten festhalten. So wie Gott einen Weg durch das Meer geschaffen hat, in dem die Ägypter ertranken, wird er auch einen Weg in der Wüste bahnen!"

Sogleich war in der Ferne eine Staubwolke zu erkennen. Antoinette stand einen Augenblick mit gefalteten Händen. Dann lief sie dem sich schnell nähernden Wüstenkonvoi entgegen. Die vier Jeeps hielten an, wobei jemand aus dem ersten Fahrzeug sprang. Er lief dem jungen Mädchen entgegen. Es war, als ob die aufgehende Sonne über ihnen in ein glückliches Gelächter ausbrach. Tauben umkreisten die beiden, während sie aufeinander zustolperten, bis sie sich endlich ganz außer Atem in die Arme fielen. Antoinette weinte vor Freude…Jack und Ursula standen abseits und betrachteten lachend die Wiedersehensfreude der beiden.

Kaiser Wilhelm nahm seinen Feldstecher herunter und brummte: „Liebe und Wüstensand!" Er wandte sich an einen seiner Männer und fragte: Wie weit ist es bis zu den beiden?"

„600 Meter, Herr Leutnant!"

„Gut. Die fahren wir. Dann müssen die beiden wieder zu sich gekommen sein. Wie weit, sagten Sie?"

„600 Meter, Herr Leutnant!"

„Gut, wir kommen nun!"

*

Die internationale Aufmerksamkeit gegenüber den zunehmenden Unruhen auf dem Tempelplatz in Jerusalem nahm von Tag zu Tag zu. Sie war aber nicht nur auf den von den Medien mit Interesse verfolgten Gerichtsprozess beschränkt, bei dem es um einen messianischen Rabbiner ging, der religiöse Slogans auf den Tempelplatz geschrieben hatte, sondern auf die wachsenden Anklagen aus der muslimischen Welt. Diese behauptete, dass der Felsendom und die El-Aksa-Moschee nicht durch das Erdbeben im Gogkrieg in der Versenkung verschwunden sei, sondern dass die Juden diese Erschütterungen nur als Vorwand gebraucht hätten, um die zwei Heiligtümer in die Luft zu sprengen, damit sie den notwendigen Platz für ihren eigenen Tempelbau schaffen konnten. Der Tempelberg wurde immer noch als der drittheiligste Ort des Islams bezeichnet. Deshalb hatte man für den heiligen Monat Ramadan den Besuch von 250.000 Pilgern auf dem Tempelplatz angekündigt. Diese Gelegenheit wollte man nutzen, um den Bau eines neuen Minaretts an der Ostmauer neben dem „Golden Gate" zu fordern. „Dieses Minarett soll den Namen des verstorbenen Königs Hussein tragen", wurde gesagt, „es wird das fünfte Minarett sein, das auf dem Tempelplatz gebaut wird." Der frühere jordanische Wakf, der für die Verwaltung der verschwundenen Heiligtümer mit ihren vier Minaretten zuständig war, gab damit zu verstehen, dass alle fünf Minarette auf dem heiligen Berg errichtet würden. „Diese fünf Minarette symbolisieren die fünf Säulen des Islam", fügte er erklärend hinzu.

„Ein solches Bauvorhaben genau neben dem zugemauerten ‚Golden Gate’ wäre sowohl der jüdischen als auch der christlichen Tradition gegenüber eine Herausforderung, da beide behaupten, dass der Messias bei seiner Ankunft auf dem Ölberg, östlich von Jerusalem, genau durch dieses Tor einziehen wird. Deshalb bleibt es bis dahin auch zugemauert…" äußerte ein israelischer Kabinettminister.

In Babylon und Brüssel betrachtete man die Situation mit dem allergrößten Ernst. Es drohte die Gefahr eines heiligen Krieges (Jihad). Auf allen Kontinenten standen Hunderte von 1500-Mann zählenden Einheiten friedenserhaltender Streitkräfte bereit. Sie hatten einen Aktionsradius von 6000 km. Sie würden imstande sein, innerhalb von 24 Stunden zuzuschlagen.

„Es gibt drei arabische Wörter für ‚Frieden’, erklärten Experten ihren Politikern. „Das eine ist Salam; es bedeutet Frieden ausschließlich unter Muslimen; das zweite

Sulka; es wird gegenüber Nichtmuslimen angewandt und drückt eine gegenseitige Übereinstimmung aus, dass der Fremde sich dem Islam unterordnet. Der Betreffende wird dann ein Dhimmi, also ein Bürger oder ein Sklave, der Schutzgelder bezahlt. Das arabische Wort für Frieden, das für den Tempelplatz zutrifft, ist Hudna. Es ist ein Waffenstillstand, der nur so lange gilt, bis die Moslems stark genug sind, um ihren Feinden eine Niederlage zuzufügen…

Die Situation hatte sich dadurch verschärft, dass das neue Europa den Forderungen der Moslems nachzugeben scheint. „Auch ihnen muss der Zutritt zum Heiligen Berg gestattet sein", hieß es in den europäischen Hauptstädten. Der EU-Außenminister hatte in diesem Zusammenhang Mitglieder der Arabischen Liga besucht und ihnen seine Unterstützung beim Bau des ‚Fünften Minaretts’ zugesichert. „Der Tempelbau wird dadurch ja nicht beeinträchtigt", war sein Kommentar. „Es ist doch nur ein kleiner Gebetsturm am Ostrand des Tempelplatzes. Wenn Israel bei seinem Tempelbau nicht einmal Rücksicht auf ein so unbedeutendes Bauvorhaben nehmen kann, dann ist ihnen nicht viel an einem Frieden gelegen!"

Unter diesen drohenden, dunklen Wolken wurde der abgebrochene Prozess gegen Professor Fruchtenbaum wieder aufgenommen. Aufgrund des internationalen Interesses fand die Gerichtsverhandlung in einem größeren, stattlicheren Gebäude statt. Die Anwesenheit der Polizei und umfangreiche Absperrungen sollten sicherstellen, dass keine weiteren Unterbrechungen eintreten konnten. Jeff Straw, der bei der letzten Gerichtsverhandlung ein teures Objektiv sowie anderes Material verloren hatte, sorgte dafür, dass sein Team ausreichend geschützt war.

Der blinde Richter Hillel Goldstein, der für seine unkonventionellen Gerichtsverhandlungen bekannt war, eröffnete das Gerichtsverfahren mit einer unerwarteten Frage an den Angeklagten.

„Ich stelle Ihnen diese Frage, weil dadurch Licht in die hier zur Debatte stehenden Sache gebracht werden kann. Ihre Antwort wird uns zeigen, wie Sie über das Tempelbauvorhaben denken, und inwieweit die bei der letzten Verhandlung stattgefundenen Wutausbrüche des Publikums berechtigt waren."

Professor Fruchtenbaum erhob sich. Die Rechtsanwälte hielten sich bereit, einzugreifen, falls die Frage nichts mit der Sache zu tun haben sollte. Die jüdische Presse kannte Richter Goldstein und wusste, dass von ihm alles Mögliche zu erwarten sei.

„Was halten Sie von der Forderung der Moslems ein ‚fünftes Minarett’ an der Ostmauer des Tempels errichten zu wollen?"

„Ich erhebe Einspruch!" rief einer der öffentlichen Verteidiger. „Diese Frage hat nichts mit der Sache zu tun. Der Professor ist angeklagt, religiöse Slogans auf dem Tempelplatz geschrieben zu haben!"

„Abgelehnt!" fuhr der Richter unangefochten fort. „Meine Frage hat sehr wohl etwas mit der Sache zu tun. Da unsere Gerichtsverhandlung ein so großes internationales Interesse hervorgerufen hat, bin ich überzeugt, dass sich diese Frage geradezu aufdrängt. Also, Herr Professor: Wie lautet Ihre Antwort?"

„Würde mir dieses hohe Gericht erlauben, die Antwort mit einem historischen Ereignis zu illustrieren?"

„Natürlich. Wenn Sie sich dabei kurz fassen!"

„Im frühen zweiten Jahrhundert", begann der Professor… Seine Darlegung wurde nicht nur von internationalen Fernsehkameras mitverfolgt, sondern auch von dem im Saal anwesenden Repräsentanten der Zivil- und Militärbehörden sowie des religiösen Lebens. …„gab der römische Kaiser Hadrian den Juden die Erlaubnis, ihr Heiligtum wieder aufzubauen. Als die Arbeit ein gutes Stück vorangeschritten war, warnten die Samariter den Kaiser davor, dass dieses Bauvorhaben mit einem neuen Aufruhr gegen Rom enden würde! Hadrian erkundigte sich bei den Samaritern, was er denn tun solle. „Ich habe ihnen bereits die Baugenehmigung erteilt." Die Samariter, die die Juden und ihre Gesetze gut kannten, rieten dem König, sein Wort zu halten. „Sie sollten nur zur Bedingung machen, dass eine unbedeutende Änderung im Standort des Tempels vorgenommen werden müsse. Es braucht nicht viel zu sein, nur soviel, dass sie die früher angegebenen Maße nicht vollkommen einhalten können. Kaiser Hadrian folgte ihrem Rat. Die Folgen blieben nicht aus! Da im jüdischen Gesetz keine Änderungen vorgenommen werden dürfen, führte dies zur unvermeidlichen Konsequenz, dass die Juden selbst ihr Projekt aufgaben. Sie versammelten sich im Bet Rimmontal und weinten über das Schicksal des Tempelbaus… Deshalb gibt es keinen Platz für den Bau eines Minaretts auf dem Tempelplatz. Ebenso wenig wie für einen Kirchenturm. Die Baupläne des Propheten Hesekiel müssen genau befolgt werden. Sie enthalten weder Kirchen noch Moscheen!"

„Sie wiesen auch bei der letzten Gerichtsverhandlung darauf hin, dass in den alten Dokumenten kein Vorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten erwähnt wird?"

„Ja, Herr Richter, dabei möchte ich gleichzeitig auf einen Abschnitt im Neuen Testament hinweisen – wenn Sie mir erlauben – (der Richter nickte), in dem geschrieben steht, dass „der Tempel so eingerichtet ist, dass die Priester zwar allezeit in das vordere Zelt hineingehen, um ihren Dienst zu verrichten, dass aber nur der Hohepriester einmal im Jahr in das zweite Zelt hineingeht, doch nicht ohne Blut…"

„Was soll das heißen?"

Wieder entstand Unruhe auf den Zuschauerplätzen, doch die Gerichtsdiener patrouillierten warnend durch die Bankreihen.

„Darf ich es wagen, Ihre Frage mit dem erwähnten Abschnitt aus dem Neuen Testament zu beantworten?"

„Selbstverständlich!"

Ein schwarz gekleideter Rabbiner protestierte. Er wurde gleich abgeführt. Es bestand kein Zweifel: die Ordnungsmacht würde keine Unterbrechungen mehr dulden.

Prof. Fruchtenbaum nahm ein kleines Buch aus seiner Innentasche. Er fand die erwähnte Stelle und las mit lauter Stimme: „Damit zeigt der Heilige Geist an, dass der Weg zum Heiligtum noch nicht geoffenbart ist, solange das vordere Zelt noch Bestand hat."

„Was ist damit gemeint?" Richter Goldstein lehnte sich interessiert nach vorn. Gleichzeitig schlug er mit dem Hammer auf den Pult und forderte zur Ruhe auf.

„Darf ich weiter lesen, Herr Richter?"

„Ja, das scheint höchst interessant zu sein!"

Prof. Fruchtenbaum erhob sich und las den letzten Abschnitt vor. „Dieses ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit, nach dem sowohl Gaben als auch Schlachtopfer dargebracht werden, die im Gewissen den nicht vollkommen machen können, der Gottesdienst übt. Es sind nur Speisen und Getränke und verschiedene Waschungen, irdische Satzungen, die bis auf die Zeit einer rechten Ordnung auferlegt sind…"

„Das heißt?" Richter Goldstein musste wieder seinen Hammer gebrauchen.

„Das heißt, dass die entscheidende Frage nicht darin besteht, inwieweit die Moslems den Bau eines Minaretts auf dem Tempelplatz fordern!"

„Erklären Sie dies bitte eingehender!"

„Die entscheidende Frage besteht darin, ob der Tempel mit einem oder zwei Räumen gebaut wird!"

„Und was wird Ihrer Meinung nach geschehen?"

Der Professor zögerte. Er hatte das Gefühl, als ob bei seiner Antwort der Himmel über ihm einstürzen würde. Dann flüsterte er: „Ich fürchte, dass er mit zwei Räumen gebaut wird… und deshalb…" Der Professor beugte sich voller Rührung. Er konnte seine Tränen kaum zurückhalten. „Deshalb wird auch dieser Tempel wieder zerstört werden!"