DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 18

Während sich der sehnlichst erwartete EU-Präsident auf dem Weg zum Thronsaal befand, um mit seinem eigenen Team und den neun Welt-Regierungschefs zusammenzutreffen, ging es bei den Gesprächen um den spannenden Augenblick der Begegnung zwischen Mr. Clark und seinem Vizepräsidenten, Mr. Edwards. Alle Anwesenden in Nebukadnezars Thronsaal wussten, dass die EU-Spitze, die Europa bei diesem globalen Treffen repräsentierte, zutiefst gespalten war. Zwei Titanen standen sich gegenüber. Zwei Ideologien. Ein offensichtlich sanfter und moderater Vizepräsident, der in Wirklichkeit ein Hardliner war, und ein scheinbar harter und sturer Präsident, der in Realität vielleicht ein weichherziger Mann war. Einige der im Festsaal anwesenden Gäste schielten zu der vom Vorhang bedeckten Wand hin. Es war, als ob sich die Worte des Eröffnungsabends in die Herzen eingebrannt hätten: ‚Dein Reich ist geteilt!"

Wie bei den Olympischen Spielen wurde die europäische Hymne gespielt, bevor Mr. Pierre Henri Clark in den Saal trat. Die Fernsehkameras schwenkten über die Gesichter der verschiedenen Staatsmänner. Als sie die EU-Abteilung erreichten, konnte man beobachten, - wie bei großen Fußballspielen – dass einige sangen, andere nicht. Der Text zu Beethovens ‚Ode zur Freude’ wurde überall in der Originalsprache des Musikstückes gesungen. „Wir treten in das Heiligtum" sang die bewegte Versammlung…"Zauber binden wieder!"

Die dänischen Repräsentanten sangen aus vollem Halse mit. Die deutschen etwas zögernder. Es war, als ob die Worte finstere Erinnerungen wach riefen. Die britische Repräsentation hatte einzelne Mitglieder, die mit gesenktem Haupt schweigend dasaßen. Einige sangen. Andere wollten diese Worte nicht in ihren Mund nehmen…

In diesem Augenblick schlug dem EU-Präsidenten eine Welle der Begeisterung entgegen. Vor ihnen stand der Mann, der ein Attentat von globaler Dimension überlebt hatte, der europäische Staatsmann, der den Mördern in der Wüste entkommen war. Er war eine siegreiche Antwort der neuen Weltregierung auf den religiösen Terror… und vielleicht (darüber wurde bereits gemunkelt) stand nun der erste Präsident der neuen Weltgemeinschaft vor ihnen!

Der EU-Präsident begrüßte die neun Regierungschefs, die ihm alle einzeln zu seiner Befreiung gratulierten. Hinter dem Präsidenten ging ein junger Leutnant, dessen Brust mit dem Eisernen Kreuz dekoriert war. Aufrecht und stramm folgte er Mr. Clark, der den jungen Offizier überall mit den Worten: „Dies ist mein Retter!" vorstellte. Als die zwei Hauptpersonen das europäische Team erreicht hatten, flüsterte der Präsidenten dem Leutnant zu: „Sie müssen sofort Jack und Ursula zum außerhalb Babylons gelegenen Gefängnis bringen, um Jan herauszuholen. Denken Sie daran: ‚Die babylonischen Gefängniswächter verspielen nicht ihre Zeit...!"

Mitten in der festlichen Stimmung, umgeben von Menschen, die ihm die Hand schüttelten und ihm gratulierten, schien den Präsidenten der Gedanke an den jungen Griechen nicht loszulassen; es plagte ihn, dass sich dieser in akuter Lebensgefahr befand. Es war, als ob Mr. Clark von den Schatten der Vergangenheit eingeholt würde. Doch er wollte nicht, dass sich die alten Verbrechen wiederholten.

„Beeilen Sie sich", befahl er Kaiser Wilhelm. „Die Gorillas haben sich ihres Opfers bemächtigt!"

Der Leutnant salutierte und zog sich diskret zurück. Er lief in den Palasthof, um sich für die Abfahrt bereitzuhalten… gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass die babylonische Wachtmannschaft Jack und Ursula in einen vergitterten Wagen schoben und mit ihnen losfuhren.

*

Im Thronsaal setzte der Präsident seine Begrüßungsrunde fort. Als Mr. Clark seinem Vizepräsidenten gegenüberstand, wurde es still um sie herum. Einige Abgesandte der EU-Delegation schauten zur Seite. Die meisten ahnten, dass es zu ‚Unregelmäßigkeiten’ gekommen war. Einzelne wussten, dass der Vizepräsident nicht damit gerechnet hatte, seinen Chef lebend wieder zu sehen!

„Es freut mich, dass der Herr Präsident wohlbehalten zurückgekehrt ist", sagte John Edwards.

„Wirklich?"

Die beiden Männer schüttelten einander nicht die Hände. Sie begrüßten sich nur mit einer leichten Kopfverneigung. Eine entscheidende Kraftprobe stand bevor…

Es gab sechs Themen, die behandelt werden mussten. In seiner Dankesansprache kam der zurückgekehrte Präsident auf alle sechs zu sprechen. Sein staatsmännisches Auftreten veranlasste viele dazu, ihn nach dem entscheidenden Referendum am 27. September als einen würdigen Kandidaten für den Weltpräsidentenposten in Betracht zu ziehen. Doch die in seiner kurzen Rede dargelegten Richtlinien ließen manche daran zweifeln, ob es sich um den gleichen Mann handle, der noch wenige Wochen zuvor im Konferenzsaal in Brüssel so dreist über den großen Führer gesprochen hatte, auf den die Welt wartete. „Ob dieser nun ein Gott oder ein Teufel ist" hatte er da gesagt, „so wollen wir ihm folgen!"

Es herrschte eine fast andachtsvolle Stille im alten babylonischen Thronsaal, als Mr. Clark seine Rede begann. Die großen internationalen Fernsehstationen waren zugeschaltet; die ganze Welt lauschte in atemloser Spannung. Was hatte der Mann, der als potentieller Kandidat für den Weltpräsidentenposten galt, in diesem Augenblick zu sagen? Es würde ihm niemals mehr die gleiche Möglichkeit oder Aufmerksamkeit geschenkt, die ihm in dieser Stunde zuteil wurde. Wie würde er die paar ihm zur Verfügung stehenden Minuten nutzen?

Der Präsident begann:

„In diesem Thronsaal stand der alte König von Babylon vor über 2500 Jahren vor seinen Ministern und Mächtigen, nachdem er eine Zeitlang seines hohen Amtes enthoben worden war. Seine Situation ähnelte sehr derjenigen, in der ich gerade stehe, wo nun die halbe Welt zuhört, was ich zu sagen habe…"

Aus der großen Versammlung kam Applaus. Den Anwesenden gefiel der Vergleich des Präsidenten mit dem Nebukadnezar der Urzeit. Historisches Gewicht ruhte auf der scheinbar klugen Einleitung des Präsidenten.

„Der Grund dafür, dass der König von Babylon damals – wie es in den alten Schriften heißt – ‚von den Menschen ausgestoßen wurde’, und ‚seine Wohnung bei den Tieren des Feldes war’ hat mich zum Nachdenken gebracht. Da mir so übel mitgespielt wurde, habe ich mir selbst die Frage gestellt, ob bei mir vielleicht die gleiche Ursache vorliegt?"

Die gute Stimmung und das Wohlwollen, das im Saal herrschte, ließ bei diesem Kommentar die Versammlung in schallendes Gelächter ausbrechen. Was könnte wohl der Grund dafür sein, dass der EU-Präsident mit dem Fallschirm über der saudiarabischen Wüste abspringen musste, und dort von blutrünstigen, verbrecherischen Elementen verfolgt wurde?

„Das erste, was ich tat, als ich in die Zivilisation zurückkam, war", fuhr Mr. Clark fort, während er die lachende, gutgelaunte Versammlung ernsthaft betrachtete, „dass ich die alten Schriften zur Hand nahm, die über die Erlebnisse des Babylonierkönigs berichten. Und ich war überrascht, als ich las, dass er eine Stimme vom Himmel gehört hatte…"

Die Heiterkeit unter den Anwesenden nahm zu! Alle kannten ja den Mann, der dort sprach. Seine letzten Worte aus dem Konferenzsaal in Brüssel klangen ihnen noch in den Ohren: „Gebt uns einen starken Mann. Ob er nun ein Gott oder Teufel ist, so wollen wir ihm folgen!" Jetzt sprach er von „einer Stimme im Himmel"; das konnte doch nur ein Scherz sein…

Der Präsidenten sprach weiter: „Ich las in den alten Schriften und fand folgenden Satz beim Propheten Daniel, der in allen Einzelheiten über dieses sonderbare Ereignis von damals berichtet: „Man wird dich von den Menschen ausstoßen, und bei den Tieren des Feldes wird deine Wohnung sein… bis du erkennst, dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es verleiht, wem er will!"

Hier und da hörte man jemanden lachen, doch kam es einem unpassend vor, denn der Präsident schien es Ernst zu meinen. Was hatte er noch über diese ‚Stimme vom Himmel’ zu sagen?

„Als der große König über Babylon vor vielen Jahrhunderten zu einer ähnlichen Versammlung in diesem Saal sprach, nachdem er eine ähnliche Situation erlebt hatte wie ich", fuhr der Präsident fort, - und jetzt sprach er zu einer erstaunten Zuhörerschar – „wurde ihm etwas klar. Sicherlich hatte er sich auch überlegt, ob er seine Erkenntnis laut aussprechen sollte, denn nur einige würden ihn verstehen, doch bei gegebenem Anlass wie diesem hier, kam es ihm doch über die Lippen. In diesem gleichen Thronsaal gab er folgende Erklärung ab: ‚Als ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel erhob, kehrte mein Verstand zu mir zurück’!"

Nun entstand Unruhe unter den Zuhörern. Aufgrund seines sonderbaren Benehmens verschwanden das allgemeine Wohlwollen und die dem Präsidenten entgegengebrachte Sympathie. Unruhe und Verwirrung breiteten sich aus.

Der Präsident sprach weiter: „Das Gleiche ist mit mir geschehen. Dort draußen in der saudischen Wüste, in der mich ein furchtbares Schicksal erwartete, erhob ich meine Augen zum Himmel, und kam zur Besinnung. Deshalb ist das erste, was ich bei diesem Willkommenstreffen tun werde…" Der Präsident betrachtete mit Bewegung die große Versammlung, die sich langsam wieder zu beruhigen begann. Es herrschte eine neugierige Ruhe im Thronsaal: Was wollte der Präsident als erstes tun? Was konnte man von ihm erwarten?

„Das erste, was ich tue", fuhr der Präsident fort, „ist die Worte zu widerrufen, die ich bei meiner letzten Rede in Brüssel ausgesprochen habe."

Vizepräsident Edwards beugte sich nach vorn, um besser hören zu können. Ein höhnisches Lächeln umspielte seinen Mund.

„Bei diesem Anlass sagte ich, ‚dass die Welt auf einen starken Mann warte, und ob er nun ein Gott oder ein Teufel sei, dass wir ihm folgen würden’."

Die angespannte Ruhe im Thronsaal war nervenaufreibend.

„Diese Worte widerrufe ich." Der Präsident erhob seine Augen zum Himmel, als ob er mit jemandem spreche, der über Regierungschefs, Minister und Präsidenten erhaben war, und wiederholte: „Ich widerrufe diese Worte!"

Die Stille wurde durch eine lärmende Unruhe unterbrochen. Fernsehkameras zoomten auf die erhitzten Konferenzteilnehmer ein. Es war schwer für den Präsidenten weiter fort zu fahren, doch abschließend gab er folgende Warnung weiter, die sich wie eine programmatische Erklärung anhörte:

„Ich warne vor der Projektdurchführung im Hinblick auf den Bau eines Babelturms hier in Babylon. Ich warne davor, dass unsere Konstitution ‚Andersgläubigen’ Verachtung entgegenbringt. Ich warne vor der wissenschaftlichen Weltanschauung unseres Systems, die bereits zu Kriegen und großen Verlusten geführt hat. Ich warne vor einer militärischen Aggression gegenüber Israel! Ich warne vor der Errichtung eines totalitären Staates, so wie wir ihn schon in unserem Rechtssystem und unserem Überwachungsapparat verwirklicht sehen… und ich warne vor dem Paragraphen in unserem Grundgesetz, der die so genannte ‚sexuelle Orientierung’ fördert. Ein Staat oder ein System, das Homosexualität fördert, fällt der Vernichtung anheim!"

Bei diesen letzten Worten erhob sich die Hälfte der Anwesenden und rief erzürnt, dass man den Redner fortbringen solle. Bischof Valentin stand bei den letzten Worten des Präsidenten auf und verließ als Zeichen des Protests den Saal. Vizepräsident John Edwards folgte ihm mit seinem Blick und lächelte zufrieden. Einzelne Konferenzteilnehmer wollten nach vorne zum Podium gehen, um den zurückgekehrten EU-Präsidenten persönlich willkommen zu heißen…

Dieser blieb an seinem Platz stehen. Man konnte seine ranke Gestalt auf dem Großbildschirm sehen. Dann zeigte man ihn in einer Nahaufnahme. Sein Gesicht war von einer abgeklärten Ernsthaftigkeit geprägt; sein Blick tief und durchdringend. Schließlich vernahm man seinen letzten Satz aus den Lautsprechern: Und ich schlage vor…" Die Unruhe im Saal nahm zu. Wie ein finsteres, aufgewühltes Meer schlug sie hohe Wellen…"Und ich schlage vor…" Der Präsident erhob seine Stimme; mit Entschlossenheit und Autorität übertönte er das herrschende Chaos… „Ich schlage vor, dass das neue Weltgrundgesetz, das den Völkern am 27. September vorgelegt werden soll…, im Einleitungssatz dem Allmächtigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus die Ehre gibt!"

Damit brachen alle Dämme; eine Riesenwelle von Wut und Rebellion überschwemmten den Präsidenten, der gerade das Podium verließ. Kameras, Blitzlichter und geballte Fäuste brausten in einem Stimmengewirr durch den Saal und überschütteten den Präsidenten, der von der Wachtmannschaft zum Ausgang begleitet wurde. Die erzürnte Menge wurde von wütenden Zuhörern hinten im Saal nach vorne gedrängt, sodass die Teilnehmer in den vordersten Reihen in Panik gerieten. Das Podium wurde umgeworfen und der Großbildschirm heruntergerissen. In diesem gewaltsamen Tumult griffen einige verzweifelt nach dem großen, roten Vorhang, der mit einem riesigen Getöse aus den Schienen fiel und die kämpfende Menge unter sich begrub. Als plötzlich das Licht ausging, flammte der aramäische Satz auf, der sich bei der Eröffnungsfeier des Gipfeltreffens auf der Wand eingebrannt hatte: Mené, mené, tekel, ufarsin!"

Schreckerfüllte Schreie durchdrangen die Luft. Die Notlampen am Ausgang schalteten sich ein, und die entsetzte Schar verließ fluchtartig Nebukadnezars Weltuntergangspalast.

*

Außerhalb der Palasttore fuhr eine ‚Grüne Minna’ mit hoher Geschwindigkeit zum Gefängnis. Hinter ihm folgte ein Konvoi funkelnder Wüstenjeeps mit flatternden Sternenbannern. Als sie nicht mehr sehr weit vom Gefängnis entfernt waren, hielt sich der Jeepkonvoi dicht hinter dem Gefangentransport, damit das Tor nicht schließen konnte, bis sich alle Fahrzeuge im Innenhof befanden. Der vergitterte Transportwagen erhöhte seine Geschwindigkeit. Es bestand kein Zweifel, dass er versuchte, seine Verfolger abzuhängen. Einen Moment lang schien dies den trainierten babylonischen Chauffeuren auch zu gelingen. Offensichtlich hatte ‚die grüne Minna’ Funkkontakt mit dem Torwächter, der bereit stand, um den vier Jeeps das mächtige Eisentor ‚vor der Nase’ zuzuknallen. Der EU-Konvoi holte jedoch in rasender Geschwindigkeit den Gefangenentransport ein. Das offene Tor war bereits in Sicht; bei der riesigen Staubwolke konnte jedoch keiner voraussagen, wie viele Fahrzeuge in einigen Sekunden in den Innenhof rasen würden…

*

Bei den Abendnachrichten wurden die gewaltigen Ereignisse des Gipfeltreffens in Babylon eingehend beschrieben und erklärt. Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt richtete sich auf die ungewöhnliche, dramatische Wende, die in der politischen Zielsetzung des Zehnergipfels durch die kurze Rede des EU-Präsidenten eingetreten war. Deshalb hatten nur wenige von der scheinbar unbedeutenden Nachricht Notiz genommen, dass im Laufe des Tages drei Raubversuche in drei europäischen Museen stattgefunden hatten. Zwei davon waren geglückt. Der dritte wurde entdeckt, und die Täter verhaftet.

„In allen drei Fällen", erklärte Jeff Straw aus Brüssel, „ging es darum, wertvolle Gemälde des flämischen Malers Pieter Brueghel zu stehlen. Die Täter haben bei diesen dreisten Einbrüchen mit Hilfe gefälschter Papiere insgesamt vier Bilder mit religiösen Motiven aus den Museen in Wien und Brüssel entwendet. Bei einem ähnlichen Einbruchsversuch in der National Gallery in London, gelang es den Räubern nicht, das Sicherheitssystem zu überwinden. Sie wurden vom Wachpersonal des Museums auf frischer Tat ertappt. Einer der Festgenommenen ist der Kunstmaler Poul Nashing aus Brüssel, der der Polizei durch gesellschaftsgefährliche Tätigkeiten bekannt ist. „Das Sonderbare an diesem Raub ist", beendete Jeff Straw seinen Kommentar, „ist, dass dort, wo die Gemälde gehangen haben, sorgfältig ausgefertigte und unterschriebene Dokumente angebracht wurden, in denen die religiöse Mafia, die offensichtlich hinter dem Diebstahl steckt, feierlich gelobt, ihre kostbare Beute nach dem 25. Mai zurückzubringen. Auch der Kunstmaler Poul Nashing hatte bei seiner Verhaftung in London ein solches Schreiben bei sich. Interpol, der diesen sonderbaren ‚Raub’ näher in Augenschein nahm, teilt mit, dass alle Malereien aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammen. Das Gemälde in London trägt den Titel: ‚Der Aufruhr der gefallenen Engel’. Die drei Bilder aus Wien, deren Wert unschätzbar ist, laufen unter der Bezeichnung: ‚Das Massaker an Unschuldigen’, ‚Der Weg nach Golgatha’ und ‚Der zu Babel’. ‚Das Motiv dieses letzten Gemäldes’ erklärt Interpol, ‚kann uns vielleicht auf die Spur zu den unbekannten Tätern führen.

*

Eine Welle des ‚Vandalismus’ – so wurden die Begebenheiten der folgenden Stunden beschrieben – breitete sich überall aus. Scheinbar durch die deutliche Programmerklärung des Präsidenten inspiriert, wurden seine sechs Warnungen an allen Kirchentüren angebracht. Dabei wurde ganz besonders die Warnung in Bezug auf Homosexualität unterstrichen…

In England wurde folgender Satz an die Tore der anglikanischen Kirche geschlagen: „Wir sagen nein zu den Bischöfen, die durch ihre unbiblische Sicht im Hinblick auf Homosexualität bei ihren 70 Millionen Mitgliedern Spaltungen hervorrufen!" In Nigeria wurde der Protest sogar vom landeseigenen Erzbischof unterstützt, der Hirte für 17.5 Millionen Seelen ist: „Während unser Kontinent durch eine epidemische Pest zugrunde geht, die zweifelsohne durch Homosexualität gefördert wird", äußerte er gegenüber der BBC, „ist die Kirche gerne bereit, für die Schäden aufzukommen, die durch das Anbringen der Protestschreiben an den Kirchentüren entstanden sind!"

In den USA wurden bei sämtlichen episkopalen Kirchen in Minneapolis am folgenden Sonntag Thesen an der Kirchentür eingerahmt, in denen man ‚eine jede Liturgie für homosexuelle Paare ablehnt". Die anglikanische Gemeinschaft spürte in allen 38 Provinzen weltweit den ‚Kirchentürprotest’. „Wir können der Heiligen Schrift keine Gewalt antun", hieß es! Presbyter, Methodisten und evangelische Lutheraner hämmerten ihre Proteste an die Kirchentore. In einer Nacht- und Nebelaktion brachten 120 junge Christen in Dänemark an allen Kirchentoren des Landes Thesen an, die zum Protest gegen ihre Bischöfe aufrufen. „Sie segnen Sünde", hieß es.

*

Als der Gefangenentransport durch das offene Gefängnistor dröhnte, waren die vier Jeeps so dicht dahinter, dass das schwere Eisentor nicht rechtzeitig geschlossen werden konnte, um die EU-Verfolger draußen vor zu lassen. Alle fünf Fahrzeuge preschten in den Gefängnishof. Kaiser Wilhelms Leute überwältigten die Wachen und Chauffeure, sperrten sie ein und befreiten Jack und Ursula. Danach bezog das Team an strategischen Punkten in den anliegenden Gebäuden Stellung.

Kaiser Wilhelm marschierte mit vieren seiner Männer zum Verwaltungsbüro. Er legte seine von ‚höchster Stelle’ ausgestellte Vollmacht vor und verlangte, Jan Apostolou ausgeliefert zu bekommen.

Der Gefängnisbefehlshaber war bleich, doch gefasst. Er untersuchte langsam und umständlich die ihm vorgelegten Papiere und erklärte, dass er noch genauer untersuchen müsse, ob dieser ‚Freilassung’ stattgegeben werden könne.

Kaiser Wilhelms Geduld war am Ende. Seine vier bewaffneten Männer sperrten das Büro ab und ließen den babylonischen Chef verstehen, dass ‚sie in Eile seien’. Die Entlassung habe sofort zu geschehen. Sofern dies nicht der Fall sein sollte, ‚wären die Folgen unabsehbar…"

Widerstrebend ließ der Kommandant Jan Apostolou holen. Als dieser bewusstlos durch die Zellkorridore getragen wurde, entstand die gleiche infernalische ‚Musik’, die bei seiner Abholung zum Verhör ‚gespielt’ wurde. Den Gefangenen war aufgefallen, dass irgendetwas Ungewöhnliches die tägliche Routine unterbrochen hatte, und schlugen mit aller Gewalt Zinnkrüge und Teller gegen die Zellengitter. Das ganze Gefängnis hallte von dieser provokativen ‚Musik’ wider. ‚Die Affen’ gingen die Korridore entlang, zischten die Gefangenen an und schlugen auf sie ein. Von diesem Lärm umgeben, wurde Jan in das Büro des Kommandanten gebracht. Dieser sah zur Seite. Kaiser Wilhelm kam drohend näher. „Das ist also der Grund, weshalb Sie dem Freilassungsbefehl nicht Folge leisten wollten", sagte er barsch und griff den Kommandanten an den Kragen. „Sie misshandeln Ihre Gefangenen!"

„Er versuchte zu entkommen!"

„Ja so was, er versuchte zu fliehen? Wo sollte er denn wohl hinlaufen? Was hatten Ihre Gorillas mit ihm im Sinn gehabt? Haben sie ihn bereits ‚bearbeitet’?"

Jack und Ursula bemühten sich, Jan zu Bewusstsein zu bringen. Langsam schlug er die Augen auf.

„Wo bin ich?" fragte er.

„Im Gefängnis", antwortete Jack, „und das hast du auch verdient, der du unser aller Leben unsicher machst."

Jan sah sich um. Langsam dämmerte es ihm. „Danke", rief er aus. „Ich glaube, dass du im richtigen Augenblick gekommen bist. Doch wir können nicht von hier fort, bevor ich nicht eine Botschaft weitergegeben habe…"

Kurz danach wurde Jan mit dem Kommandanten zu einer der fünf Zellenkorridoretagen gebracht, auf der hauptsächlich politische Gefangenen untergebracht waren, die als Gegner des Systems galten. Von hier aus bat der Befehlshaber um Ruhe. Die Gorillas patrouillierten währenddessen in den verschiedenen Etagen.

„Unser Besuch hat uns etwas mitzuteilen!" rief der Gefängnisbefehlshaber unwillig. Es trat vollkommene Ruhe ein. Jan trat hervor und rief: „Ich möchte noch einmal wiederholen, dass alles getan wird, damit Ihr vor dem 27. September Eure Freiheit wieder erlangt!"

Seine Worte brachten Freudesausbrüche hervor. In Begleitung von Kaiser Wilhelm gingen Jan, Jack und Ursula an den vergitterten Zellentüren entlang. Eifrige Hände streckten sich ihnen entgegen, die die drei mit einem Händedruck erwiderten. Die ‚Affen’ folgten ihnen mit boshaften Blicken von den anderen Etagen. Niemand wagte die Fremden anzugreifen, oder das Feuer auf sie zu eröffnen, da sie den Kommandanten als Schild mit sich führten. Im Gefängnishof krochen alle in die wartenden Jeeps und fuhren durch das Eisentor, das sich hinter ihnen schloss.

„Du willst also vor dem 27. September 400 politische Gefangene befreien?" fragte Jack scherzend.

„Ja, du wirst sehen", antwortete Jan…