DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 17

Noch vor seinem für den 25. April vorgesehenen, öffentlichen Auftritt beim Gipfeltreffen wurde der EU-Präsident davon in Kenntnis gesetzt, dass sich in Europa eine nicht zu unterschätzende Volksbewegung gegen das geplante ‚Globale Grundgesetz’ entstanden war, und dass diese sich nun auf der ganzen Erde ausbreitete. Darüber hinaus informierte man ihn, dass die treibende Kraft hinter dem Volksaufstand Pfarrer waren, die es nicht mehr dabei bewenden ließen, ihre aufrührerischen Rundschreiben in den Kirchen auszulegen, sondern sie nun an ihren Kirchentüren anbrachten.

„Sie machen es so wie der Reformator Martin Luther, der im Jahre 1517 seine 95 Thesen an der Kirchentür in Wittenberg anschlug", hieß es in einem kurzen Briefing.

„Was beinhalten diese neuen Thesen?" fragte Mr. Clark.

„Sie lehnen die Autorität der Bischöfe ab, da diese die neue globale Konstitution akzeptieren. Diese Christen behaupten, dass sie antichristlich sei, weil das neue Weltgrundgesetz Gott als Schöpfer verleugne, einen gottlosen Humanismus fördere und der Sünde Vorschub leiste."

„Der Sünde Vorschub leistet? Was soll das heißen?"

„Über dieses Thema sollten Sie sich mit Bischof Valentin unterhalten."

„Dem homosexuellen Bischof?"

„Ja, Herr Präsident. Dem homosexuellen Bischof!"

Der Präsident sah nachdenklich drein. „Ja", sagte er mit fester Stimme. „Ich werde mit dem homosexuellen Bischof sprechen!"

*

Gleichzeitig liefen beim EU-Vizepräsidenten, John Edwards, (der sich von den Aufregungen des Vorabends erholt hatte) Meldungen ein, dass der Geheimdienst aufrührerische Pläne von christlichen Fundamentalisten aufgeschnappt habe, die besagen, dass man versuchen wird, den für den 25. Mai geplanten Termin für die Präsentation der Baupläne des Babelturms hinauszuzögern, oder, wenn möglich, sogar zu verhindern.

„Den Fundamentalisten ist zu Ohren gekommen", hieß es in einem Briefing an den Vizepräsidenten, dass ‚Team Nr. 6’ eine Konstruktionszeichnung vorlegt, die genau nach dem im Jahre 1563 vom flämischen Maler Pieter Brueghels gezeichneten Babelturm-Gemälde angefertigt wurde.

„Ist es das gleiche Gemälde, das als Vorlage für das EU-Parlament in Strassburg diente?" fragte Mr. Edwards.

„Ja, Herr Vizepräsident, die Architekten des EU-Parlamentsgebäudes haben sich vom gleichen mittelalterlichen Gemälde inspirieren lassen."

„Und der Maler? Woher hat er seine Idee?"

„Aus der Bibel, Herr Vizepräsident. Im ersten Buch Mose, 11. Kapitel, wird berichtet, dass „die ganze Welt eine Sprache hatte… und dass die Völker „eine Stadt mit einem Turm bauen wollten, der bis in den Himmel reichen würde", doch dass Gott, der Herr, sie daran hinderte, sodass das Werk unvollendet blieb…"

„Wir werden es vollenden!" sagte J. Edwards…

*

In den frühen Morgenstunden des 25. Aprils wurde dem EU-Geheimdienstchef in Jerusalem, Adolf Engels, berichtet, dass christliche Fundamentalisten beabsichtigten, die beim Gipfeltreffen in Babylon vorgelegten Pläne über die Rückverlegung des originalen Ishtartors nach Babylon zu unterstützen. Das Tor, das über 12 Meter hoch ist und eine Art Triumphbogen über der kilometerlangen Prunkstraße in Altbabylon darstellte, soll den Plänen zufolge als Siegeszeichen für den am 11. September beginnenden Turmbau in Neubabylon gelten.

Adolf Engels überraschte diese Mitteilung.

„Warum liegt den Fundamentalisten so viel daran, dass das zurzeit in einem Berliner Museum stehende Babelstor nach Babylon zurückkommt?" fragte er per E-Mail seine Agenten.

„Weil es mit 337 Schlangenköpfen geziert ist!"

„Was hat das zu sagen?"

„Die Zahl ist die hebräische Ziffer für ‚Hölle’. Die Christen nennen den Ishtarbogen ‚das Tor zur Hölle’. Sie wollen das Tor aus Europa weg haben. Hiermit erklären sie, dass bei der Grundsteinlegung für den neuen Babelturm in Babylon, dieses Tor der Eingang zur Hölle sein wird, und dass dies zum Untergang der Stadt führen wird!"

„Soll das heißen, dass sie versuchen wollen, im Hinblick auf die Grundsteinlegung am 11. September Unruhe zu stiften?"
"Genauso ist es, Chef! Sie werden versuchen, Unruhe hineinzubringen…"

*

Zur gleichen Zeit empfing der Geheimdienst in Brüssel Besuch von einem jungen, blonden Denunzianten aus dem Kreis der Fundamentalisten. Er erklärte, dass er an einem ‚Salontreffen’ teilgenommen habe, das in einem großen Backsteinhaus in der Rue Neuve in Drogenboss, etwas außerhalb der Stadt, abgehalten worden war. Aus den dort geführten Gesprächen habe er entnommen, dass man darauf aus sei, Unruhe zu stiften im Hinblick auf den Termin für das weltweite Referendum, in dem über ein neues globales Grundgesetz abgestimmt werden soll. Es wird daran gearbeitet, die Bevölkerung dazu zu bringen, am 27. September mit nein zu stimmen! Die theologische Begründung beruht auf den Worten des Apostels im 2. Thessalonicherbrief, dass die Gläubigen die antichristliche Entwicklung aufhalten sollen, sodass der zu erwartende Weltdiktator nicht vor seiner Zeit in Erscheinung treten kann…"

Die Geheimdienstler hörten dem jungen, blonden Fundamentalisten interessiert zu. Ihnen fiel sein wehmütiges, ja fast trauriges Gesicht auf.

„Sie sind Herr Dirk van Honthorst, und Sie sind gekommen, uns diese Dinge mitzuteilen, weil Sie Geld wollen, oder?"

„Nein." Dirk erhob sich entrüstet. „Sie können Ihr Geld behalten. Ich bin gekommen, weil mir Pläne bekannt sind, denen ich nicht zustimmen kann!"

„Was sind das für Pläne?"

„Pläne, die den Tempelplatz in Jerusalem betreffen!"

„Aha, Ihnen sind also Pläne bekannt, die den Tempelplatz in Jerusalem betreffen?"

„Ja." Dirk van Honthorst zögerte. „Ich weiß von solchen Plänen…"

„Wollen Sie uns nicht darüber berichten?"

Dirk senkte den Kopf und biss sich auf die Lippen. Seine Hände ballten sich unter dem Tisch zu einer Faust. Er atmete schwer. Es war ihm deutlich anzumerken, dass er unter Atemnot litt. Einer der Agenten brachte ihm ein Glas Wasser. Dirk trank mühsam, Schluck für Schluck.

„Es scheint Ihnen eine Not zu sein", rief eine Mitarbeiterin aus und nahm die Hand des jungen Mannes in die ihrige. „Wir verstehen sehr wohl, dass Sie dies nicht tun, um dafür bezahlt zu werden. Was Sie hier sagen, wird anderen nicht zu Ohren kommen. Wir wissen, dass Sie uns dies aus einer inneren Überzeugung heraus mitteilen wollen. Also sprechen Sie ruhig…"

Stotternd und ein wenig zusammenhangslos erklärte er, was er in den fundamentalistischen Kreisen über den so genannten Pergamonaltar gehört hatte, den deutsche Archäologen Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin gebracht hatten, und den die Bibel den ‚Thron Satans’ nennt.

„Man befürchtet, dass die kommende Weltregierung und der Weltdiktator versuchen werden, eben diesen Altar nach Jerusalem zu bringen."

Die Geheimdienstagenten lächelten. Es war ihnen klar, dass sie es mit fanatischen, religiös ‚überspannten’ Kreisen zu tun hatten. Derartige Geschichten waren sonst eher selten…

„So, Ihre Freunde meinen, die neue Weltregierung würde den Weg dafür bahnen, dass der ‚Thron Satans’ von Berlin nach Jerusalem verlegt wird!"

„Ja!"

„Was haben diese Fundamentalisten für Pläne?"

„Das weiß ich nicht! Doch sie sagen, dass Jesus vor einem furchtbaren Ereignis warnt, das im Tempel stattfinden wird und enorme Zerstörungen anrichtet."

„Aha, woher hat er denn das?"

Ernsthaft betrachtete Dirk den Fragesteller. „So sollten Sie aber nicht sprechen", rief er aus. „Übrigens weist Jesus im gleichen Atemzug auf den Propheten Daniel hin, der dasselbe sagt.

„…dass ‚der Thron Satans’ von Berlin nach Jerusalem gebracht werden soll?"

„Nein, doch dass dies oder etwas ähnliches, ungeheuerliches, irgendwann stattfinden wird!"

„… und wie sind die Pläne Ihrer Freunde in diesem Zusammenhang?"

„Die kenne ich nicht!"

„Ausgezeichnet! Wir haben ja leider keine Möglichkeit, an diesen ‚Salontreffen’ teilzunehmen. Sie haben aber recht daran getan, uns davon zu unterrichten. Machen Sie nur so weiter."

Dirk erhob sich. Er war leichenblass. Ohne ein Wort verließ er den Raum. Als er am Treppengeländer angelangt war, brach er in Tränen aus. Die Mitarbeiterin stand auf und folgte ihm.

Die Versammelten schauten einander an. „Ihr solltet ihn nicht für ganz verrückt erklären!" rief einer der Agenten aus. „Vor dem Zweiten Weltkrieg ließ Adolf Hitler eine Riesenkopie dieses besonderen Altars anfertigen und in Nürnberg aufstellen. Von diesem Altar aus gab er die so genannten Nürnberger Gesetze bekannt, die den Tod von sechs Millionen Juden zur Folge hatten. Von diesem Teufelsaltar aus wurde er als der kommende Messias verehrt."

Als er schwieg, fügte ein anderer Geheimdienstler hinzu: „Es ist wichtig, dass wir von den Plänen erfahren, die die Fundamentalisten in diesem Zusammenhang schmieden. Sie wollen drei Termine zunichte machen: Den 25. Mai, den 11. und 27. September. Das darf ihnen nicht gelingen…

*

Jan hatte nach seinem Fluchtversuch aus den ‚Hängenden Gärten’ 24 Stunden im babylonischen Gefängnis außerhalb der Stadt zugebracht. Er war mit acht anderen Häftlingen in einer Sicherheitszelle untergebracht. Einer von ihnen hatte wegen Mord und Entführung bereits 16 Jahre hier ‚abgesessen’. 400 von den gut 6000 Sicherheitsgefangenen der Stadt Babylon waren hinter diesen Mauern eingesperrt. Der Großteil bestand aus politischen oder religiösen Gefangenen, die sich gegen das System aufgelehnt hatten. Es gab aber noch größere Gefängnisse und Gefangenlager, die in einsamen, schwer zugänglichen Wüsten und Wäldern lagen. Hierher wurden besonders Systemgegner aus Europa verbannt. Wie in allen totalitären Staaten waren einige davon Todeslager. Niemand kam von dort zurück…

Die Zellen, in der sich die Männer fast 24 Stunden aufhielten, waren mit Stockbetten, Regalen, auf denen persönliche Gegenstände der Gefangen lagen, gefüllt: Bücher, Handtücher, Nahrungsmittel, Gebetsteppiche und Kleidungsstücke. Ein Fernsehapparat lief pausenlos mit besonders ausgewählten Programmen. Jahrelang war die am meisten gelesene, religiöse Literatur in der Zelle der Koran. Jetzt kamen jedoch mehr und mehr Leute mit Bibeln. Jan war einer von ihnen.

„Du wirst in ein paar Minuten zum Verhör gerufen" teilte ihm ein Gefangener mit. „Bereite dich auf das Schlimmste vor! Hier gelten weder Gesetze noch Konventionen; sie haben hier ihre eigenen Methoden…"

„Was meinst du damit?"

„Das wirst du sehen…"

Ein Piepton war zu hören; die Zellentür glitt zur Seite. Zwei ‚Gorillas’ in tarnfarbener Uniform standen in der Tür. Die Ähnlichkeit dieser zwei babylonischen Wächter mit Westafrikas so genannten Menschenaffen war frappierend: Sie waren fast zwei Meter groß, breitschultrig, mit kurzen Beinen und sehr langen Armen. Ihre grünen Uniformhemden waren hochgekrempelt, sodass ihre behaarten Arme zum Vorschein kamen. Ihre Gesichter waren geprägt von flachen Nasen mit großen Nasenlöchern und ungewöhnlich großen, gebogenen Augenbrauen. Hinter diesen funkelten wachsame, schwarze Augen, die in einer fast freudigen Wollust aufblitzten, als einer von ihnen gedämpft den Namen aussprach: ‚Jan Apostolou’.

Jan erhob sich und ging auf die Tür zu. Die anderen in der Zelle folgten ihm mit mitfühlendem Blick. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er die ‚Affen’ erreicht hatte. Diese traten zur Seite, sodass einer vor Jan hergehen konnte und der andere hinter ihm. Die Stille in der Zelle war lähmend. Keiner rührte sich, bis das erdrückende Schweigen vom Piepton der sich schließenden Tür unterbrochen wurde.

Draußen gingen die beiden ‚Gorillas’ mit ihrem Gefangenen einen baugerüstartigen Stahlbalkon entlang, an vergitterten Zelltüren vorbei, hinter denen diese tägliche Prozession von hunderten von Augenpaaren verfolgt wurde. Alle wussten, dass man den Mann zwischen den beiden Gefängniswächtern in ein paar Stunden in seine Zelle zurücktragen würde

Hinter einem der Stahlgitter rief eine Stimme: „Am 27. September bekommen wir ein neues Grundgesetz, dann wird das, was ihr jetzt vorhabt, wieder verboten sein!"

Von den Gittertüren war spöttisches Gelächter zu hören; mit Löffeln und Zinnkrügen wurde gegen die Gitter getrommelt.

‚Die Affen’ knurrten und blickten böse drein. Der eine schlug mit seinem schwarzen Stock zwischen die Gitterstäbe; ein paar Hände griffen nach dem Stock, um ihn dem Besitzer zu entreißen. Mordlust war in den Augen des ‚Gorillabiestes’ zu lesen. Knurrend versuchte er, den Knüppel wieder zu erlangen, doch vergebens. Er verschwand hinter den Gittern. So gingen die drei an weiteren Zelltüren vorbei, während ihnen die seltsame, rasselnde, rebellische Musik folgte. Jan ging schweigend, mit gebeugtem Haupt. Als sie am Ende des Ganges angelangt waren, öffnete sich eine Stahltür. Der erste der ‚Affen’ trat hinein. Er drehte sich um, um Jan mit seinen langen, behaarten Armen herein zuziehen, doch letzterer sprang blitzschnell zur Seite und lief am anderen, draußen stehenden ‚Affen’ vorbei. Beide ‚Gorillas’ standen wie versteinert da, als sie ihren Gefangenen den Zellenkorridor herunter laufen sahen. Mit ihren kleinen, kurzen Beinen liefen sie hinter ihm her. Als Jan an dem Gitter vorbeikam, hinter dem der schwarze Stock verschwunden war, wurde ihm dieser herausgereicht. Der ganze Gefängnisgang jubelte; es gelang Jan auf ein Stahlgitter zu springen, von wo aus er aus vollem Halse rief: „Hört mir zu!" Die Worte erreichten sämtliche Zellengangetagen und alle Gefangenen lauschten. ‚Die Affen’ hatten inzwischen das Stahlgitter erreicht, an dem sich Jan festhielt. Mit dem schwarzen Knüppel gelang es Jan eine Minute lang die wütenden ‚Gorillas’ auf Abstand zu halten. Als sie sich beim Heulen der Sirenen und der blinkenden Lampen und der Gewissheit, dass zusätzliche Hilfe von allen Seiten unterwegs war, einen Augenblick zurückzogen, rief Jan wieder: „Hört mir zu! Ihr wisst, was man jetzt mit mir macht! Dies geschieht jeden Tag in diesem Gefängnis. Stellt euch darauf ein, dass ihr vor dem 27. September Hilfe bekommen werdet!"

In dem Moment wurde Jack vom Gitter heruntergerissen. Er verschwand in einer Schar tarnfarbiger Uniformen. Lange, behaarte Arme mit schwarzen Knüppeln erhoben sich über ihm. Aus der Kehle der ‚Gorillas’ stieg wütendes Gebrüll auf. Stockschläge rasselten nieder, bis sie schließlich aufhörten. Man trug Jan durch den schweigenden, verbitterten Zellgang bis zur Eisentür am Ende des Korridors. Die Tür öffnete sich und der bewusstlose junge Grieche wurde zur weiteren ‚Behandlung’ hereingebracht!

*

Präsident Pierre Henri Clark wurde auf Umwegen zu seiner Suite im Babyloncenter gebracht, wo er von neun Regierungschefs und den Fernsehzuschauern weltweit erwartet wurde. Die phantastische Geschichte der wunderbaren Rettung des Präsidenten aus den Händen der Banditen in Saudi Arabien, seine Geiselnahme und Flucht durch Fallschirmsprung waren die Hauptnachrichten des Tages. Der Thronsaal Nebukadnezars, der den Rahmen für die phantasievolle Eröffnungsfeier des globalen Zehnergipfeltreffens bot, sollte auch mit zu einer angemessenen, feierlichen, würdigen und siegesfreudigen Atmosphäre beitragen, zu der der entführte und zurückgekehrte EU-Präsident allen Anlass gab. Bevor Mr. Clark willkommen geheißen wurde, führte man ihn zuerst zu den für ihn vorgesehenen Räumen im Palastgebäude, damit er sich erst ein wenig zurückziehen konnte.

Als er in den vornehmen Salon trat, fiel sein Blick gleich auf den ungewöhnlich prachtvollen Blumengruß, den Ursula Clemens auf einem Tisch angebracht hatte. Die Tür schloss sich hinter ihm; nun war der Präsident allein. Lange stand er da und betrachtete das elegante Blumengesteck. Dann nahm er eine kostbare Silberkaraffe und drei Gläser. Er schenkte funkelnden, eiskalten Roséwein ein, und ohne sich umzudrehen, oder sich weiter umzusehen, sagte er: „Herzlich willkommen Mr. Robinson und Ms. Clemens. Ich bin angenehm überrascht, Sie als meine Gäste begrüßen zu dürfen. Würden Sie so freundlich sein, und mit mir einen Willkommensgruß trinken? Es gibt auch einige Geschäftsanliegen, die wir miteinander besprechen müssen…"

Aus einer Ecke im Raum nebenan erhob sich ein junges Paar. Jack und Ursula traten zögernd, und ganz offensichtlich überrascht, ein. Er wandte sich lächelnd an die Beiden und reichte ihnen ein Glas. „Es freut mich, Sie zu sehen. Seit dem gestrigen späten Abend habe ich mit Spannung auf diesen Augenblick erwartet…"

„Ja, aber Herr Präsident", wollte ihn Ursula unterbrechen; denn sie suchte nach einer Erklärung.

„Ruhig, ruhig, Ursula", sagte Mr. Clark väterlich. „Ihr versteht jetzt nicht alles, doch mit der Zeit werdet Ihr es."

„Was ist geschehen, Herr Präsident? Sie sind ja nicht mehr der gleiche." Der frühere Bodyguard schaute seinen früheren Chef verwundert an.

„Ja, Jack!" Mr. Clark stellte nachdenklich sein Glas auf den Tisch. Er starrte auf irgendetwas Unsichtbares im Raum. „Ich bin nicht mehr der gleiche. Etwas ist mit mir dort in der Wüste geschehen."

Der Präsident machte eine einladende Bewegung. „Setzen Sie sich. Wir haben nicht viel Zeit…unten im Thronsaal Nebukadnezars wartet man auf mich… alle warten sie… Freunde wie Feinde… neun Regierungschefs… und die Kameras! Doch sicherlich kennen Sie die Geschichte von Nebukadnezar?"

Jack und Ursula sahen den Präsidenten fragend an. Dieser fuhr fort: „Nebukadnezar wurde hochmütig. Er machte eines späten Abends einen Spaziergang auf dem Dach dieses Palastes und sagte sich: „Dies alles hier habe ich zustande gebracht. Es ist mein Werk!"

Mr. Clark betrachtete die beiden jungen Leute, die seinem Bericht mit großen Augen folgten.

„In dem Augenblick ertönte eine Stimme vom Himmel, die sagte, dass der König wegen seines Hochmuts sieben ‚Zeiten’ abgesetzt würde und unter den wilden Tiere des Wüste leben müsse…"

Mr. Clark lächelte vor sich hin. „Das ist mit mir geschehen. Sieben Tage hat mein Leben an einem seidenen Faden gehangen. Ich landete unter den Hyänen, Schakalen und Banditen von der schlimmsten Sorte. Doch so wie der babylonische König kam ich dadurch wieder zur Besinnung. Dort in der Einöde…"

Mr. Clark versuchte einen Augenblick, seiner Bewegung Herr zu werden. „Dort bin ich Ihm begegnet!"

Es war ganz still im Raum. Jack Robinson sah Mr. Clark an, als ob er ein Gespenst sähe. Ursula wischte sich die Augen.

„Genug damit!" unterbrach Mr. Clark sich selbst. „Lasst uns in den noch verbleibenden Minuten übers ‚Geschäft’ reden. Das waren ja die Worte, die Sie gestern Abend benutzt haben", lächelte Mr. Clark, sich an Jack wendend, der sich noch nicht wieder gefasst hatte.

„Mir wurde gleich von Ihrer Idee berichtet, dieses hübsche Blumenbuket in mein Zimmer zu stellen, und da dachte ich, dass ich Sie hier antreffen müsse. Soweit ich verstehe, geht es Ihnen bei Ihrem Anliegen um zwei Dinge: Als erstes bitten Sie um die Freilassung eines Gefangenen namens Jan Apostolou aus einem babylonischen Gefängnis. Es ist aber auch schlimm, Jack, dass Sie nicht besser auf ihn haben aufpassen können; was glauben Sie, wird Antoinette Dupont dazu sagen?"

Jack betrachtete verwundert seinen ehemaligen Chef.

„Außerdem", fuhr Mr. Clark geschäftsmäßig fort, „möchten Sie freien Zutritt zu den Museen in Wien, Brüssel und der National Gallery in London haben… damit Sie… der Präsident räusperte sich…"einige Gemälde stehlen können."

Jack hatte immer noch keinen Laut von sich gegeben. Er war einfach zu überwältigt von allem.

„Hier haben Sie die notwendigen Dokumente. Die darin angegebenen Personen werden Ihnen helfen, die verschiedenen Aufgaben zu lösen…"

Der Präsident erhob sich.

„Sie warten dort draußen auf mich! Ich muss mich verabschieden. Übrigens Jack: Das war eine phantastische Nummer, die mit der Wand im Thronsaal!"

Mr. Clark ging zur Tür. Unterwegs drehte er sich noch einmal um. „Ich bin nun auf Eurer Seite. Es ist gut ‚einen Nebukadnezar’ im Hintergrund zu haben, der einem zur Hilfe eilen kann, wenn es nötig ist."

An der Tür blieb Mr. Clark plötzlich stehen. Es war, als ob er den Raum nicht verlassen könne, ohne noch etwas Entscheidendes hinzuzufügen. Er kam zurück und zog Jack zur Seite.

„Ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen!"

„Was ist es, Herr Präsident?" Jack gebrauchte die gleiche Anrede wie vorher als Bodyguard, doch sein Ton war nun ein anderer; er zeugte von Respekt und Hingabe.

„Den Namen, den ich Ihnen gegeben habe, bevor wir die erste Etage verließen, wo sie mich als Geisel festhielten…"

Jack senkte den Kopf. „Es tut mir sehr Leid, Herr Präsident!"

„Davon wollen wir jetzt nicht reden! Es geht erst mal um andere Dinge. Der Name! Sie erinnern sich, dass Sie mich zwangen, den Namen meines Nachfolgers aufzuschreiben?"

„Den, den Sie einen Teufel nannten?"

„Ja!"

Jack nahm ein zerknittertes Stück Papier aus seiner Tasche. „Der Name, den Sie auf diesen Papierfetzen geschrieben haben?"

„Ja! Genau! Diesen Namen!"

Jack stand mit dem Papier in der Hand da; der Präsident streckte seine Hand danach aus. „Geben Sie mir es bitte! Es ist nicht der richtige Name…"

„Es ist nicht der richtige Name? Ich meine nicht, dass Sie mich angelogen haben!"

„Das habe ich auch nicht. Ich glaubte selbst, dass er es sei. Doch ich bin eines besseren belehrt worden!"

Jack hielt immer noch das zerknüllte Stück Papier fest. „Ich hatte mir vorgenommen, ihn zu beseitigen!"

„Damit würden Sie den größten Fehler Ihres Lebens begehen!"

„Was hat Sie dazu veranlasst, Ihre Meinung zu ändern?"

Mr. Clark gab keine Antwort. Er stand einen Augenblick und überlegte. Dann sagte er ruhig: „Jack! Ich verstehe noch nicht viel von geistlichen Dingen, doch weiß ich nur soviel, dass es viele Menschen gibt, die versuchen, den Namen dieses Mannes zu erraten! Viele bemühen sich, seine Zahl zu errechnen. Doch sie werden sich alle verrechnen! Um herauszufinden, wer er ist, - also ‚der Name des Tieres oder die Zahl seines Namens -, dazu ist Weisheit erforderlich! Weder Sie noch ich besitzen diese. Der Name wird auch nicht einfach auf ein Stück Papier geschrieben und uns überreicht! Nein, wir stehen einem Prozess gegenüber; ich glaube, dass wir langsam und stückweise verstehen lernen, worum es geht! Ich bin bereit, diesen Prozess, in der vor uns liegenden, schwierigen Zeit, zu durchlaufen. Sind Sie bereit?"

Jack starrte seinen alten Chef wieder voller Erstaunen an. Niemals zuvor hatte er ihn so reden hören. Statt zu antworten, gab Jack ihm den Papierfetzen mit der Schrift des Präsidenten. Dieser nahm das Papier und zerriss es. Ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen, öffnete er das Fenster und ließ die vielen, kleinen Papierstreifen herausflattern. Er ging wieder zurück zur Tür, drehte sich noch einmal um und sagte lächelnd: „Ein Leutnant, ‚Kaiser Wilhelm’ genannt, hat mich hierher gebracht. Er hat den Befehl erhalten, Sie beide und den jungen Jan Apostolou wohlbehalten in die Arava zurückzubringen. Ich glaube, dass dort eine junge Dame mit Sehnsucht auf Ihren Freund wartet. Sie müssen sich aber beeilen; in den babylonischen Gefängnissen wird keine Zeit verspielt…"

Als Mr. Clark das Zimmer verlassen hatte, standen Jack und Ursula einen Augenblick und sahen einander verwundert an. Dann fielen sie sich vor lauter Freude um den Hals.

„Ich bin ganz baff! Jan wird wieder auf freien Fuß gesetzt!"

„Ja, Jack. Komm, lasst uns gehen. Der Präsident sagte, dass wir uns beeilen sollen!"

Sie liefen heraus und die Treppe hinunter.

„Sie verschwenden keine Zeit in den Gefängnissen in Babylon", rief Jack…

*

Unter der Suite des Babylonpalastes stand der Chef der babylonischen Wachtmannschaft, der das junge Paar am Vorabend beobachtet hatte. Er hatte seine Leute bei sich. Als er zum Gebäude hoch starrte, sah er, wie ein Fenster geöffnet wurde, und der Wind viele, weiße Papierstreifen fort blies. „Es sieht so aus, als ob ihr Auftrag in der Präsidentensuite erledigt ist", rief er aus. „Bald kommen sie hierher, um wegzufahren. Sobald sie auftauchen, müssen sie verhaftet und dorthin gebracht werden, wo ihr junger Freund ist…" Der Wachhabende sah zufrieden auf seine Uhr…"wo in dieser Stunde ihr Freund um Gnade bettelt!"