DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 16

Mr. and Mrs. Jones Versteck in Brüssel verblieb weiterhin geheim. Ihre Freunde fragten erst gar nicht danach, denn es war besser, man wusste nichts. Ihre „Versammlungsorte" mit den Kirchenrebellen änderten sich von Mal zu Mal; sie trafen sich in den so genannten „Salons"…

Veranstaltungen dieser Art hatten in Brüssel eine 300-jährige Geschichte. Diese „Gesprächssalons" gingen auf eine französische Adelsdame namens Marquise de Rambouillet zurück, die im Jahre 1618 berühmte Gäste zu sich einlud, während sie sich – wie es beim königlichen Adel üblich war – noch in ihrem Bett aufhielt. Nachdem Madame Rambouillet diese „Salontradition" viele Jahre in Frankreich aufrechterhalten hatte, breitete sie sich bis nach Brüssel aus. Dort gab es talentierte, gebildete Frauen, die keine Möglichkeit hatten, ihre Meinung hinsichtlich Kunst, Politik oder Religion kundzutun. Durch die Existenz dieser Salons übten sie einen bedeutenden Einfluss auf das Gesellschafts- und Geistesleben der damaligen Zeit aus.

Das allzeit wachsame ‚EU-Auge’ kannte diese ‚Salons’, sah in ihnen aber nur harmlose Freistätten für ‚Dialoge und Debatten’. „Die neue Weltkonstitution gewährt allen Menschen ‚Versammlungsfreiheit’", hieß es, wenn man auf die ‚Frauensalons’ zu sprechen kam. „Und an diesem Prinzip wird in unserem demokratischen System festgehalten…"

Ja, der EU-Bildungssektor rühmte sogar die Existenz der ‚Salons’. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich Leute wie Thomas Mann, Berthold Brecht und Greta Garbo darin versammelt. Allen war bekannt, dass Friedrich Hegel seinerzeit einen solchen Salon in Berlin aufgesucht hatte, und dass Oscar Wilde ein Jahrhundert später Gast im Salon Ada Leversons in London gewesen war. Ja, Pablo Picasso und Henri Matisse hatten sich im Salon von Gertrude Stein in Paris aufgehalten… Aus diesem Grund konnten diese Orte nur kulturfördernd sein (wie es so schön in der Konstitution hieß). „In einer Zeit, in der die elektronischen Medien auf dem besten Wege sind, die allgemeine, menschliche Unterhaltung im Keim zu ersticken", hieß es im EU-Kultusministerium, „sollte den ‚Salons’ nicht durch unser System der Nährboden entzogen werden. Es sollte eine freie Meinungsäußerung gewährleisten, ohne dass sich unser Geheimdienst einmischt…"

Nur wenige wussten, dass bei der Verhaftung des jüdischen Kapitäns Alfred Dreyfus im Jahre 1894 (der aufgrund erlogener Behauptungen irrtümlich des Hochverrats angeklagt war) in diesen Salons 3000 Unterschriften zu seiner Verteidigung eingesammelt wurden. Niemand hatte Notiz davon genommen, dass im Kulturkampf des 20. Jahrhunderts die Musik von J.S. Bach in den Salons gespielt wurde zum Schutz vor dem wagnerianischen Antisemitismus. Auch war nicht allgemein bekannt, dass Anna Kuliscioff zur gleichen Zeit in Mailand verhaftet wurde, weil sich ihr Salon gegen das damalige System zur Wehr setzte! Deshalb ahnte auch niemand etwas Böses, als sich Mr. and Mrs. Jones mit den Kirchenrebellen in den ‚Frauensalons’ in Brüssel trafen; es waren ja ‚Freistätten für offenen Meinungsaustausch’. Den Agenten des Geheimnisdienst war von höchster Stelle her der Zutritt untersagt. Der Salon von Genevieve Strauss in Brüssel war meistens der Ort, an dem die Kirchenrebellen ihre Strategie ausarbeiteten. Der Salon befand sich in der Rue Neuve in der Vorstadt DRogenboss in einem großen, hübschen Rotbacksteingebäude zu dem ein gepflegter Garten gehörte. Bei den Freiluftveranstaltungen trafen sich berühmte Gäste aus dem In- und Ausland am stattlichen Swimmingpool, an dem Drinks serviert wurden, oder am kleinen Tiergehege, in dem besonders ein Esel (der unter dem Namen Freddie bekannt war) die Besucher amüsierte. Mr. und Mrs. Jones und die zur Teilnahme an diesem Treffen aufgeforderten Kirchenrebellen mischten sich unter die übrigen Gäste. Während man von den Pfarrhäusern aus zielbewusst - in Schrift und Sprache - Salven auf das System abfeuerte, war der Salon von Genevieve Straus der Ort, an dem die Kugeln gegossen werden… und gerade an dem Apriltag, an dem der öffentliche Auftritt des zurückgekehrten EU-Präsident in Babylon erwartet wurde, waren Mr. und Mrs. Jones mit anderen Gästen im Haus in DRogenboss versammelt.

„Ihr müsst dafür sorgen, dass Eure Versammlungen nicht unter den gegen Euch gerichteten Einfluss kommen", erklärte Mr. Jones der kleinen Schar, die sich in einer Ecke des Kaminraums um ihn versammelt hatte. „Ich denke hier besonders an diejenigen Brüder, die resigniert haben und meinen, dass es doch nichts nütze, gegen die jetzige Entwicklung anzugehen.

Während er sprach, sah er sich aufmerksam nach den anderen Gästen um, die um ihn herum in Gespräche verwickelt waren. „Ich denke dabei an die Lehre, dass „ja sowieso alles vorausgesagt ist, und der Antichrist aus diesem Grund sowieso auftauchen wird, um die Macht an sich zu reißen, deshalb brauchen wir auch keinen Widerstand zu leisten."

Einige junge Männer aus dem Kreis der Kirchenrebellen rückten näher, um besser hören zu können, da sich ein Gastpianist an den großen Flügel gesetzt hatte, um zu spielen. Dabei war einer dieser jungen Männer besonders eifrig, alles mitzubekommen.

„Wir sollten an die Ermahnung des Apostels im Neuen Testament denken. Er sagt, dass „der Gesetzlose, der Sohn des Verderbens, kommen wird, doch dass er sich nicht offenbaren kann, weil ‚ihn jemand zurückhält’. „Zurückhält?" fragte einer der jungen Männer. „Was soll das heißen? „Ihn zurückhalten?" Der Fragesteller war der junge Mann, der Mr. Jones am nächsten saß. Klang in seiner Stimme ein klein wenig Ironie mit?

„Der Ausdruck ‚zurückhalten’ umfasst eine solch starke Widerstandsbewegung gegen ‚den Gesetzlosen’, der im Neuen Testament als ein Mann beschrieben wird, ‚der sich allem widersetzt, was Gott heißt oder ein Gegenstand der Verehrung ist’, dass er seine bösen Absichten erst verwirklichen kann, wenn er die Leute ‚entfernt’ oder ‚aus dem Weg geräumt hat’, die ihn hindern.

„Wie zum Beispiel?" Der blonde, junge Mann drängte auf eine Antwort.

„Herodes zum Beispiel, konnte dem Evangeliumsbericht zufolge den Höhepunkt seines Geburtstagsbanketts erst erreichen, als man ihm den Kopf des Johannes des Täufers auf einem Tablett gebracht hatte!"

„Wie meinst du das?"

„Ich meine", antwortete Mr. Jones ernsthaft, „dass wir von nun an der entscheidende Faktor sein sollten, der „zurückhält".

„Wie?" In der Stimme des jungen Fragers schien wieder ein leichter Anflug von Spott zu sein.

Mrs. Jones erhob sich und begann eine Unterhaltung mit einem Gast, der sich ihnen genähert hatte.

„Im Augenblick gibt es drei Daten, die wir in irgendeiner Weise verhindern müssen", flüsterte Mr. Jones, während er sich zu seinen Zuhörern hinüberbeugte, „das erste ist der 25. Mai. An diesem Tag sollen die Konstruktionszeichnungen für den ‚Babelturm’ in Babylon vorgestellt werden. Das zweite Datum ist der 11. September, an dem der erste Spatenstich erfolgen soll und das dritte Datum ist der 27. September. An diesem Tag sollen alle Länder der Welt durch offene und freie Wahlen ihre Stimmen für ein Referendum im Hinblick auf die Konstitution abgeben, die als Grundlage für eine neue Weltregierung angesehen wird!"

Die um den Tisch versammelten Männer nickten. Nur der blonde Zuhörer zeigte keine Reaktion.

„Es steht uns ein bitterer, schmerzvoller Kampf bevor", beendete Mr. Jones seine Rede. „Mit diesen bereits festgelegten Daten versucht der Gesetzlose - vor der für ihn bestimmten Zeit - das Zepter zu ergreifen. Sollte ihm dies gelingen, wird uns das alle teuer zu stehen kommen. Doch wenn wir diese Entwicklung ‚zurückhalten’ bzw. ‚aufhalten’ können, dann ist damit ein großer Sieg errungen."

Nach diesen Worten ging die Gruppe hinüber ins Musikzimmer, um sich das Klavierkonzert des Gastpianisten anzuhören. Nur der blonde, junge Mann, der Mr. Jones eifrig Fragen gestellt hatte, blieb im Kaminzimmer zurück. Das Feuer im offenen Kamin, das man an diesem etwas kühlen Aprilabend angezündet hatte, verbreitete eine angenehme Atmosphäre. Gedankenverloren saß der junge Mann und starrte in die Flammen. Sein Gesichtsausdruck war wehmütig, ja fast ein wenig bekümmert. Während die Klavierklänge den Raum nebenan erfüllten, und mehrere der Salongäste die Fingerfertigkeit des berühmten Pianisten bewunderten, erhob sich der junge Kirchenrebell plötzlich von seinem Platz, durchquerte das Musikzimmer und ging auf die Eingangstür zu. Mr. Jones sah ihm betrübt nach. Draußen hörte man die schnellen Schritte des jungen Mannes auf dem Kieselsteinweg, der sich auf den Weg nach Brüssel machte…

*

John Edwards suchte nach einem Platz im Thronsaal, wo er ungestört sein konnte. Er war nicht, - wie die meisten Gäste meinten - ‚bewegt’; er war ‚erschüttert’! Mr. Edwards war von der Rückkehr des EU-Präsidenten überrumpelt worden. Er hatte damit gerechnet, eine Nachricht über das traurige Schicksal eines von Banditen in Saudi Arabien ermordeten Mr. Clarks, zu erhalten, doch stattdessen tauchte er nun morgen leibhaftig in Babylon auf. Er war bereits in Bagdad gelandet. Was würde der morgige Tag bringen?

Der unglückliche Vizepräsident sah sich nach einem verborgenen Winkel um, doch überall wimmelte es von festlich gekleideten, heiteren Gästen, die ihn – sobald sie ihn sahen – mit Glückwünschen zur „grossartigen Rettung" von Mr. Clark überhäuften. Schließlich flüchtete John Edwards hinter den großen Bühnenvorhang, der die Wand des Thronsaals bedeckte.

Der Raum hinter dem Vorhang war nur schwach beleuchtet. Man hatte hier einige Geräte und ein paar Klappstühle abgestellt. John Edwards nahm einen Klappstuhl, öffnete ihn und setzte sich erschöpft hin. Einen Augenblick saß er mit dem Kopf zwischen beiden Händen, dann richtete er sich auf und holte tief Luft. Als er den Kopf erhob, sah er für den Bruchteil einer Sekunde die große Wand. Er kniff schnell die Augen zu, um nicht noch einmal das gleiche Bild sehen zu müssen, das ihm gerade vor die Augen gekommen war. Die Buchstaben der EInleitenden Präsentation auf der Wand traten wieder aus der Kalkmauer hervor! Es war, als ob sie sich durch die neue Schicht Kalk und Farbe gefressen hatten, die in aller Eile über den laserprojizierten Text gestrichen worden war. John Edwards öffnete vorsichtig ein Auge und las: „Mené, mené, tekel ufarsin."

Er merkte, wie er plötzlich erschauerte. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Voller Erschöpfung schien er einer Ohnmacht nahe zu sein. Die Wand mit den großen Buchstaben begann, sich vor ihm zu drehen. Es war, als ob die vier Worte lebendig wurden. Die Botschaft loderte aufs Neue auf. Sie bemächtigte sich seines Körpers, sodass er anfing zu zittern, und sie ergriff sein Herz, sodass er glaubte, er müsse sterben! Sprach Gott zu ihm? Wie in einem Film sah er vor seinem inneren Auge sein Leben Revue passieren. War er als zu leicht befunden? Waren alle seine Werke auf der Ewigkeitswaage gewogen worden, und gab es wirklich nichts, was für die Ewigkeit von Bedeutung sein könnte? War alles nur ein Trachten nach Karriere und eine Politik voller Lüge und Betrug gewesen? Gab es denn niemanden in diesem Augenblick, der ein Wort zu seiner Verteidigung für ihn einlegen konnte?

John Edwards wollte gerade verzweifelt um Hilfe rufen, da er das Gefühl hatte, ein tiefer Abgrund tue sich vor ihm auf, der bis hinunter zur Hölle führte. Die vielen Stimmen, die er von der anderen Seite des Vorhangs zu ihm drangen, waren wie verzweifelte Schreie aus der Tiefe. Ein Chor Schiffbrüchiger. Die Musik verlorener Seelen. Der unaufhörliche Untergangsgesang der Hoffnungslosen.

John Edwards hielt sich fest, um nicht in diese tödliche Höhle geschleudert zu werden; da vernahm er plötzlich eine beruhigende Stimme hinter sich. Es war die Stimme! Der Fremde! Der Besuch, den er sich kein zweites Mal gewünscht hatte…

„Entspannen Sie sich, Mr. Edwards, Sie werden diese Welt noch nicht verlassen. Fürchten Sie sich nicht, Sie kommen nicht in die Hölle; es gibt nämlich gar keine Hölle! Wenn Sie mir gehorsam folgen, können Sie sicher sein, dass ich mich Ihrer Seele annehmen werde! Ich habe Ihnen ja eine große Belohnung versprochen…"

…"Nein, nein! hörte er die beruhigende Stimme. „Drehen Sie sich nicht um! Lassen Sie mich zu Ende reden…"

John Edwards beruhigte sich und hörte resigniert und in sich zusammengesunken der Stimme hinter ihm zu.

„Die Worte, die Sie über Ihrem Kopf sehen, können nicht abgewaschen werden! Sie wurden mit speziellen Laserstrahlen durch die ganze Wand hindurch eingebrannt; sie können nur dann entfernt werden, wenn die ganze Mauer niedergerissen wird."

John Edwards hob den Kopf und betrachtete die vier Worte, die wie Feuer auf der weißen Kalkwand leuchteten. Er las leise vor sich hin: ‚Mené, Mené, Tekel, Ufarsin’.

„Ja, richtig!" fuhr die Stimme hinter ihm fort.

„’Sie sind zu leicht befunden, Ihre Tage sind gezählt’! Ich bin nicht mit Ihrer Arbeit zufrieden! Der EU-Präsident kehrt gegen meinen ausdrücklichen Befehl zurück! In diesem Augenblick hätte er ein toter Mann sein sollen, und wenn nicht mein Diener, der Bischof, die Abendvorstellung gerettet hätte, wäre dieses wichtige Gipfeltreffen im Sande verlaufen. Ich bin nicht mit Ihnen zufrieden, Herr Edwards!"

Einen Augenblick war es stille. John Edwards war immer noch wie ein Mann, dem man einen Todesstoß versetzt hatte. „Was soll ich denn tun?" seufzte er.

„Ich gebe Ihnen eine letzte Chance!" klang es in einem etwas milderen Ton.

„Was ist es?" John Edwards hob den Kopf.

„Wenn Sie die drei Stichtage einhalten, die ich Ihnen gegeben habe, besteht noch Hoffnung für Ihre Zukunft und Ihre Ewigkeit. Am 25. Mai müssen alle Baupläne fertig sein. Am 11. September muss die Arbeit beginnen und am 27. September will ich auf dem Hintergrund der vorherigen Siege meine neue Verfassung global anerkannt und besiegelt sehen.

John Edwards richtete sich auf. „Ihre Verfassung?"

„Ja." Die Stimme hinter ihm war nachsichtig. „Meine Verfassung! Ich habe jedes einzelne Wort in diesem Eineweltgrundgesetz niedergeschrieben. Ich bin es, der hinter jedem Satz und jedem Paragraphen dieser neuen globalen Konstitution steht."

John Edwards wollte sich wieder umdrehen. Sicher um zu protestieren! Doch die Stimme befahl ihm: „Bleiben Sie sitzen, Mr. Edwards, und tun Sie nicht so schlau! Ich bin es gewesen, der die sechs Säulen errichtet hat, auf dem das neue Traktat für die Weltgemeinschaft gegründet ist. Schritt für Schritt habe ich im Laufe der Geschichte meinen Willen durchblicken lassen. Auch war ich es, der bei der Jahrtausendwende die EU-Verfassung inspiriert hat, die ein Vorläufer des globalen Grundgesetzes ist."

John Edwards war entrüstet über seinen unsichtbaren Gast. Er bemerkte in der ruhigen, überlegenen Art des Fremden einen grenzenlosen Hochmut.

„Ich meine, dass der inzwischen verstorbene, frühere französische Präsident und Vorsitzender des EU-Konvents, Giscard D’Estaing, den Grundtext für das europäische Grundgesetz verfasst hat, das immer noch in Kraft ist."

„Dummkopf!"

„Wir haben ihn dafür bei seinem Tod geehrt. Und er ist als „der Vater des EU-Grundgesetzes in die Geschichte eingegangen."

„Dummkopf!"

„Wieso? Warum: Dummkopf?"

„Weil dieser Mann sowie alle meine Diener im Laufe der Geschichte mit ‚geführter’ Hand geschrieben haben…"

„Wer hat seine Hand geführt?"

„Das habe ich getan. Er schrieb das nieder, was ich ihm befohlen habe; deshalb ist auch das EU-Grundgesetz meine Verfassung; es ist mein Werk! Als Giscard D’Estaing in die Ewigkeit einging, hat er sich mit fremden Federn geschmückt. Er ließ sich ‚Vater des Grundgesetzes’ nennen. Das war eine Lüge; ich bin der Vater der europäischen Verfassung – und ich bin nun auch der einzige Ursprung dieser globalen Konstitution!"

„Sie haben also seine Hand ‚geführt’? Durch automatisches Schreiben hat er mit seiner Schreibfeder die Worte und Paragraphen niedergeschrieben, die Sie ihm diktiert haben."

„Dummkopf!"

„Warum?"

„Mein Geist ist wirksam in denjenigen meiner Diener, die mir gehorsam sind. Auch Sie sollen nichts ‚automatisch’ oder ‚gezwungenermaßen’ tun. Nein, wir werden uns schon noch einigen. Am Schluss werden Sie meine Befehle mit Freuden ausführen…"

John Edwards spürte wieder die eiskalte Hand auf seiner Schulter. Es hatte das Gefühl mit fernen, kalten Sternen in Berührung gekommen zu sein. Er wusste, dass die ruhige, nachsichtige Stimme, die bereits einige Male zu ihm gesprochen hatte, ihn letzten Endes verraten würde. Die Hand, die auf seiner Schulter ruhte, und die ihm wieder kalte Schauer über den Rücken laufen ließ, würde ihn eines Tages in die tiefste Nacht hinaus stoßen. Als der Fremde endlich seine Hand zurückgezogen hatte, entfernte er sich schnellen Schrittes. Ungläubig erhob sich John Edwards und sah hinter ihm einen offenen Klappstuhl. Er wusste, dass er bei seinem Kommen nur einen Klappstuhl geöffnet hatte. Nun standen dort zwei aufgeklappt…

Als er auf den Vorhang zuging, um in den Festsaal zurückzukehren, wandte er sich um und betrachtete die Wand, die für immer mit den vier Worten gebrandmarkt war. Der aramäische Text schimmerte im Halbdunkel. Auf der anderen Seite des Vorhangs hörte er – so kam es ihm jedenfalls vor – die Stimmen der Mächtigen, der Provinzfürsten und Richter, die zum Gastmahl des babylonischen Königs Belshassar eingeladen waren. Er sah, wie sich der König von Babel erhob und bestürzt auf das für allzeit eingravierte Urteil zeigte. Dann stand die Königin auf und versuchte, den zu Tode erschrockenen Monarchen zu beruhigen. Doch siehe, nun wurde ein alter, weißhaariger Prophet hereingeführt. Als dieser seine Hand erhebt, stürmen medische Krieger ins Schloss. Überall, wohin sie kommen, fließt Blut, und Schreie steigen zum Himmel auf.

„Entschuldigen Sie, Mr. Edwards, ich hoffe, ich störe nicht." Es war Ursula Clemens, die ihrer sanften Stimme den verwirrten Vizepräsidenten aus seinen Alptraumphantasien riss.

„… Nein, nein! Durchaus nicht." John Edwards schien erleichtert zu sein, dass man ihn in die Wirklichkeit zurückgeholt hatte.

„Ich hatte mich nur ein wenig zurückgezogen, um meine Gemütsbewegung darüber zu verbergen, dass wir morgen wieder mit unserem geliebten EU-Präsidenten zusammen sein können!"

„Dies ist genau der Grund, weshalb ich Sie aufgesucht habe. Statt das Zimmer des Präsidenten mit Glückwünschen zu überhäufen, möchte ich gerne dafür sorgen, dass alle guten Wünsche der Konferenzteilnehmer dem Präsidenten durch ein hübsches Blumenbuket überreicht werden, worüber er sich sicher freuen wird…"

„Ausgezeichnete Idee!" John Edwards setzte sich und schrieb ein paar Zeilen. „Bitte, hier haben Sie die für diese Aufgabe erforderliche Vollmacht. Sorgen Sie dafür, dass mein Name auf die beiliegende Karte gesetzt wird. Ich kann Ihnen leider nicht sagen, welche Zimmernummer er hat. Ich meine, dass er in der Hotelsuite logiert. Mit diesem Schreiben stehen Ihnen jedoch alle Türen offen…"

„Danke", sagte Ursula Clemens lächelnd. Dann drehte sie sich zur großen Wand hinter dem Vorhang um. „Ich sehe, dass man den seltsamen Text noch nicht von der Wand entfernt hat."

„Nein, nein", antwortete der Vizepräsident verwirrt. „Da ist leider nichts zu machen!"

„Da ist nichts zu machen?"

„Nein, es ist nicht möglich die Worte zu entfernen; sie sind wie in die Wand eingebrannt." John Edwards schien zerstreut, er redete ohne ersichtlichen Zusammenhang.

„Wieso? In die Wand eingebrannt?"

„Ja, genau. In die Wand eingebrannt. Durch die ganze Wand hindurch! Nicht nur auf der Oberfläche! Ganz durch alle Steine und alle Balken hindurch! Ganz durchgebrannt bis hin in die Vorzeit…" John Edwards hatte nun weit aufgerissene Augen und sprach wie im Fieberwahn. „Bis hin zum Thronsaal des babylonischen Königs… durchgebrannt 2.500 Jahre zurück zum gleichen Thronsaal mit den gleichen Menschen… und der gleichen Botschaft!"

Der Vizepräsident hatte sich nun erhoben und schlug wild mit den Armen um sich. Er rief laut. Seine Augen waren voller Angst.

…" und heute Nacht kommt Darius. Er kommt mit 30.000 Medern. Schlächter! Es fließt Blut! Hören Sie selbst, wie die Frauen schreien!"

Der Vizepräsident stand still und wies vielsagend auf den Festsaal, aus dem viele Stimmen zu ihnen hinüber schollen.

„Die Frauen schreien!" John Edwards fasste Ursula am Arm. „Ich bin gewogen… und zu leicht befunden… das sagte er selbst… der mit der eisigen Hand!"

„Holen Sie einen Arzt!" befahl Ursula den Wächtern, die durch die lauten Rufe hinzugeeilt waren. John Edwards fuhr fort: „Sehen Sie diesen Klappstuhl, Frau Clemens?"

„Ja, Herr Vizepräsident, ich sehe den Klappstuhl!" sagte Ursula beruhigend.

„Sie sehen den Klappstuhl?"

„Ja, Herr Vizepräsident. Ich sehe den Klappstuhl!" Ursula ging zum Vorhang und rief: „Ich brauche sofort einen Arzt!"

„Er ist aufgeklappt?" John Edwards ging um den Stuhl herum, zusammengekrümmt wie ein Tier, das sich über sein Opfer hermachen will.

„Ja, Herr Vizepräsident. Der Stuhl ist aufgeklappt!"

„So, dass man sich draufsetzen kann?"

„Ja, Herr Vizepräsident. Der Stuhl ist aufgeklappt, sodass man sich draufsetzen kann!"

John Edwards erhob sich. Er war bleich, doch etwas gefasster.

„Damit hat sich die Sache erledigt", sagte er.

„Ja, Herr Vizepräsident, damit ist die Sache erledigt!" antwortete Ursula mit ruhiger, nachsichtiger Stimme. Dann wiederholte sie noch einmal: Damit ist die Sache erledigt, Mr. Edwards!"

„Sie sind Zeuge?"

„Ja, ich bin Zeuge!"

„Der Stuhl ist aufgeklappt, sodass man darauf sitzen kann?"

„Ja, der Stuhl ist aufgeklappt, sodass man darauf sitzen kann." Ursula wandte sich an den gerade eintreffenden Arzt.

„Der Vizepräsident hat offensichtlich einen Zusammenbruch erlitten, der auf eine starke Gemütsbewegung zurückzuführen ist, denn sein Chef wird morgen wohlbehalten hier eintreffen!"

„Der Mann mit der eisigen Hand saß auf diesem Stuhl", rief John Edwards.

„Sie haben Recht mit Ihrer Diagnose, gnädige Frau."

Der Arzt öffnete seine Tasche, nahm eine Spritze zur Hand und bereitete eine Ampulle vor.

Währenddessen fuhr John Edwards fort: „Der Mann mit der eisigen Hand hat sich drei Daten notiert." Er griff Ursula am Arm. „Es wird einem wirklich nichts geschenkt. Diese Daten müssen unbedingt eingehalten werden!"

„Was sind das für Daten?" fragte Ursula mit vorgetäuschter Gleichgültigkeit. Sie half dem Arzt, John Edwards Arm freizumachen.

„Der 25. Mai, 11. und 27. September!"

Der Arzt stach die Nadel in John Edwards Arm. Der Patient entspannte sich gleich darauf. „Sie sind Zeuge", sagte er apathisch. „Diese Termine müssen eingehalten werden… sonst bricht die Hölle los!"

„… und die Mauer", fügte er schwach hinzu und versuchte dabei auf die Wand zu zeigen. „Die lasse ich abreißen!"…