DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 15

Als 13-jähriger verlor Richter Hillel Goldstein sein Augenlicht. Mit Hilfe der Braille-Blindenschrift konnte er sein Studium an der juristischen Universitätsfakultät in Haifa erfolgreich beenden. Vor sich ganze Kartonbücher mit Punkten und Strichen gefüllt, saß er nun auf dem Richterstuhl gegenüber der Anklagebank, auf der Professor Fruchtenbaum Rechenschaft ablegen musste. Er war angeklagt, ‚religiöse Slogans’ auf den Tempelplatz in Jerusalem geschrieben zu haben. Richter Goldstein war über alle Aktivitäten des Professors bestens informiert. Der Chef des EU-Nachrichtendienstes, Herr Adolf Engels, hatte ihm alle Einzelheiten über die schriftstellerische Tätigkeit des Professors, seine Verbindung mit dem religiösen Netzwerk fundamentalistischer Christen und eine mögliche Mittäterschaft bei der Geiselnahme des EU Präsidenten, sowie seine theologischen Ansichten über den Ort Bozra in Edom in Form von Blindenschrift-Dokumenten zukommen lassen. Mit seinen feinfühligen Fingern hatte Richter Hillel Goldstein alles vorliegende Material ‚durchgelesen’. Mit seinen blinden Augen ‚beobachtete’ er eingehend den jüdisch-messianischen Professor. Nach der Einleitungsprozedur begann er, ihm Fragen zu stellen.

„Sie haben etwas auf den Jerusalemer Tempelplatz geschrieben?"

„Ja!"

„Auf was haben Sie geschrieben?"

„Ich habe in den Sand geschrieben…"

Richter Goldstein hob den Kopf und ‚musterte’ den Professor. Seine Stimme klang überrascht: „In den Sand?"

„Ja, Herr Richter. Ich habe in den Sand geschrieben."

Der kleine Gerichtssaal war ein Amtsgericht, das nur wenigen Zuhörern Platz bot. An der Wand hing ein Bild Theodor Herzls sowie eine Kopie von Israels Unabhängigkeitserklärung. Auf der Zuhörertribüne waren einige Presseleute, die immer dann auftauchten, wenn eine Sache etwas mit dem Tempelplatz zu tun hatte. Hinten im Raum saß eine Gruppe Schwarz gekleideter Männer. Die Antwort des Professors schien sie zu erheitern.

„Womit haben Sie geschrieben?"

„Mit meinem Finger." Der Professor hielt seinen rechten Zeigefinger hoch.

„Na so was, Sie schrieben mit Ihrem Finger! Was haben Sie denn geschrieben?"

„Die zehn Worte!"

„Sie schrieben zehn Worte?"

„Ja, Herr Richter, ich habe zehn Worte aufgeschrieben…"

„Das heißt?"

„Das heißt",… der Professor holte tief Luft, um in einem Atemzug „die zehn Worte" aussprechen zu können. „Du sollst keine anderen Götter als den Herrn, den Gott Israels neben dir haben, und du sollst dir kein Götterbild machen. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht zu Nichtigem aussprechen, und du sollst den Sabbattag beachten, um ihn zu heiligen." Der Professor stand plötzlich auf; es war, als ob er es nicht wage, den Text weiter vorzutragen, ohne dabei aufzustehen. Die Journalisten auf der Zuschauertribüne beobachteten ihn überrascht, auch der Richter beugte sich interessiert vornüber. Der Mann auf der Anklagebank fuhr fort: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit deine Tage lange währen und damit es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott dir gibt."

Einen Augenblick herrschte andachtsvolle Stille im Gerichtssaal, der plötzlich in eine Synagoge oder einen Kirchenraum verwandelt zu sein schien. Der Professor wandte sich an die Journalistenschar und sagte mit lauter Stimme: „Du sollst nicht töten." – „Du sollst nicht ehebrechen…"

Beim letzten Satz entstand eine leichte Erregung unter den Zuhörern. Eine Frau stand auf und verließ den Saal. Der Professor machte weiter. Sein kurz geschnittener, weißer Bart leuchtete wie Silber. Der blinde Richter ‚beobachtete’ ihn mit dem größten Interesse.

„Du sollst nicht stehlen!"

„Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten."

Einem der TV-Kameraleute fiel etwas Schweres aus der Hand. Alle starrten ihn an. Er nestelte an seiner digitalen Kamera herum; anscheinend konnte er sie nicht funktionstüchtig machen. Der Professor, der sich unterbrochen fühlte, wiederholte den letzten Satz, der wie ein Ruf durch die versammelte Presse erschallte:

„Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten!"

„Danke, das reicht", unterbrach ihn der Richter. „Jetzt ist mir klar, welche „zehn Worte" Sie mit Ihrem Finger in den Sand geschrieben haben. Ich finde, dass man dies kaum als einen Verstoß gegen das Gesetz ansehen kann, und noch viel weniger, dass man Sie dafür bestrafen kann." Indem er sich gleichzeitig an Adolf Engels wandte, fügte er hinzu: „Ich bin der Auffassung, dass man Sie unnötig verhaftet und vor den Richterstuhl geführt hat!"

In diesem Moment erhob sich hinten im Saal einer der schwarz gekleideten Männer, der sich bis dahin ruhig verhalten hatte und rief: „Dieser Mann hat Kontakt zu einer gefährlichen, christlichen Sekte, die beabsichtigt, uns am Bau des Tempels zu hindern."

Da er nicht aufhören wollte, dem weißbärtigen Rabbiner zu drohen und ihm Warnungen zuzurufen, eilten ein paar Gerichtsdiener in Uniform herbei, ergriffen den Störenfried und wollten ihn aus dem Saal bringen. Der Mann setzte sich jedoch zur Wehr, sodass ein wildes Handgemenge entstand. Die Presse filmte und photographierte eifrig. Der blinde Richter schlug mit seinem Hammer aufs Pult und verlangte ‚augenblicklich’ Ruhe!

Als sich die erhitzten Gemüter wieder ein wenig beruhigt zu haben schienen, setzte Richter Goldstein, sich an den Professor wendend, weiter fort: „Ihren Büchern habe ich entnommen, dass Sie der Auffassung sind, es gäbe dem Propheten Hesekiel zufolge keinen Tempelvorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten."

„Ja, das stimmt!"

Bei diesen Worten erhob sich wieder eine schwarze Gestalt und legte lautstark Protest ein. Auch er wurde festgenommen und aus dem Gerichtssaal geführt.

„Was ist mit dem Tempelvorhang passiert?" fragte Richter Hillel Goldstein und fügte hinzu: „Ich frage, weil Ihre Behauptung Ursache für die auf dem Tempelplatz herrschenden Unruhen sein kann, so wie dies heute hier im Gerichtssaal der Fall ist. Also: Wo ist der Tempelvorhang hingekommen?"

„Das ist auch meine Frage, Herr Richter. Was ist mit dem Tempelvorhang passiert? Im griechischen Teil der Heiligen Schrift haben wir drei glaubwürdige Zeugen. Als man im Jahre 33 einen jungen Juden aus Nazareth außerhalb Jerusalems hinrichtete und er starb, wurde der Tempelvorhang von oben nach unten entzweigerissen. Trotz dieses Ereignisses wurde der Tempeldienst danach noch bis zum Jahre 70 unverändert fortgesetzt. Auch ich frage mich: „Was ist mit dem zerrissenen Vorhang passiert? Wurde er wieder zusammengenäht oder hat man einen neuen Vorhang hergestellt? Ihre Frage ist berechtigt, geehrter Herr Richter: Was hat man mit dem Tempelvorhang gemacht?"

Bei diesen Worten stieg die Unruhe im Saal so gewaltig an, dass mehrere Gerichtsbeamte hinzugezogen werden mussten. Bänke und Tische fielen um. Einige Reporterinnen schrieen, und Leute von draußen versuchten hereinzukommen. Der Professor sowie der blinde Richter wurden evakuiert, da einige wutentbrannte Zuhörer versucht hatten, bis zur Anklagebank und zum Richterstuhl vorzudringen, um über die beiden herzufallen. Die Gerichtsverhandlung wurde abgebrochen und alle Anwesenden nach draußen verwiesen. Danach wurden die Türen geschlossen und verriegelt. Drei Tage später sollte eine neue Gerichtsverhandlung stattfinden.

„Es besteht kein Zweifel", erklärte der CNN-Reporter Jeff Straw draußen vor dem geschlossen Gerichtssaal seinen Zuschauern, „dass die Frage des Professors eine hitzige Debatte hervorrufen wird. So weit ich weiß, hat bisher niemand gewagt, diesen mit dem Tempelbau in Verbindung stehenden Punkt anzusprechen. Aus den Werken des verhafteten Professors geht hervor, dass er sich aufgrund der Aussage des Propheten Hesekiels, Kapitel 32, Vers 10 berechtigt fühlt, die zurzeit vorliegenden jüdischen Baupläne anzufechten."

Der Fernsehreporter nahm eins der vom Professor verfassten Bücher zur Hand und zeigte auf den Titel des Buchumschlags: ‚Wo ist der Tempelvorhang geblieben’? Er schlug eine Seite im Buch auf und erklärte: „Ich lese jetzt von dem Abschnitt, in dem der Prophet der Bibel darauf aufmerksam macht, dass die vorliegenden Konstruktionszeichnungen, die einen Vorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten enthalten, näher in Augenschein genommen werden sollten…"

Als Jeff Straw sich gerade anschickte, diesen erwähnten Schriftabschnitt zu lesen, wuchs die Unruhe um ihn und seinem Kamerateam herum. Die Kameraleute und Tontechniker wurden hin und her geschubst. Die Polizei versuchte, die verbitterte Menge zurückzuhalten, doch schien dies ein unmögliches Unterfangen. Einige der anwesenden Zuschauer griffen jedoch helfend ein, und während die Polizei die Randalierer zur Seite nahm, las Jeff Straw den erwähnten Bibelvers:

„Du Menschensohn, berichte dem Haus Israel über den Tempel…"

„Er soll dem Haus Israels nichts berichten!" rief die schwarz gekleidete Schar. Umgeben von großen schwarzen Hüten, war es dem Fernsehreporter, als ob er sich inmitten brausender Meereswellen befände. Die Menge rief:

„Wer gibt ihm das Recht, uns über die Einrichtung des Tempels zu belehren?"

Jeff Straw las laut und konzentriert ins CNN-Mikrophon:

„Du Menschensohn, berichte dem Haus Israel über den Tempel, damit sie sich ihrer Sünden schämen!"

„Wir sollen uns schämen? rief ein zorniger, würdig gekleideter Mann in seidenschwarzem Mantel. „Worüber sollen wir uns denn schämen? Sollten wir uns gegenüber dem Gott Israels schämen, weil wir – so wie Moses es uns gelehrt hat – den vorgeschriebenen Vorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten aufhängen?"

Jeff Straw musste nun fast rufen, um den Lärm um ihn herum zu übertönen. Die Tontechniker versuchten, das Mikrophon so dicht wie möglich vor ihren Reporter zu halten, doch sie wurden von der wogenden, kämpfenden Volksmenge mitgerissen. Jeff Straws Stimme kam nur schwach durch, konnte aber dennoch vernommen werden: „Sie sollen das Modell messen! Und wenn sie sich wegen all dessen schämen, was sie getan haben, dann lass sie die Zeichnung des Tempels wissen…"

Die Tontechniker hatten nun wieder ihren Platz eingenommen, und die Stimme des Reporters war wieder klar zu hören, als er abschließend las: „und lass sie seine Ausgänge und seine Eingänge wissen…"

„Wir kennen das Gesetz über den Eingang ins Allerheiligste. Er muss durch einen Vorhang bedeckt sein!" rief die Menge.

„Schreibt es auf", rief Jeff Straw. In einem Augenblick der Erregung wandte er sich an die wütende Menge um ihn herum und vergaß dabei, ins Mikrophon zu sprechen. „Schreibt es auf!" Er hielt das Buch des Professors mit dem Titel: ‚Wo ist der Tempelvorhang geblieben’ hoch und endete seine Vorlesung: ‚Schreibt sie vor ihren Augen auf, damit sie alle Weisung dafür und all seine Ordnungen bewahren und sie tun’!"

Im selben Augenblick wurde die Polizeiabsperrung durchbrochen. Die schwarzen Massen stürmten auf das zu Tode erschrockene TV-Team zu. Kameras flogen durch die Luft und blieben zerschmettert am Boden liegen. Digitalteile zersplitterten in tausend Stücke. Teure Objektive und andere elektronische Ausstattungen wurden unter den trampelnden Füßen der Menge zermalmt. Ein Kamerateil fiel Jeff Straw genau vor die Füße. Er beugte sich und nahm schnell die Mikrodisk mit den gerade gefilmten Aufnahmen heraus. Dann drehte er sich um und flüchtete zum wartenden Fernsehaufnahmewagen am Ende der Straße. Sein Team folgte ihm. Als sie alle wohlbehalten drinnen saßen, setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Sie kamen nur langsam vorwärts. Die rasende Menge schlug mit der Faust gegen Türen und Fenster. Der Zorn gegen den inhaftierten Professor hatte sich wie ein Steppenbrand ausgebreitet und war nun gegen den Reporter gerichtet, der sich erdreistet hatte, vor den vielen neugierigen Blicken der TV-Zuschauer ein Buch mit dem Titel: ‚Wo ist der Tempelvorhang geblieben?’ hochzuhalten. An der Ecke Hillel Street und St. Georges Street hielt man den CNN-Fernsehaufnahmewagen an. Die Insassen wurden daraus verjagt, und der Wagen nach dem berüchtigten Buch durchsucht. Erst als das Buch mit Benzin übergossen und angezündet war, beruhigte sich die Menge. Jeff Straw konnte die Fahrt mit seinem Team fortsetzen, doch hinter ihm auf der Straße lagen die verkohlten Reste eines Buches, dessen Titel von den Flammen zerfressen worden war. Doch ein Wort war auf dem Buchumschlag noch schwach zu erkennen: ‚Tempelvorhang…’

Eine leichte Brise wehte durch die Straßen; sie wirbelte die verkohlten Blattfetzen des Buches durch die Luft. Sie waren wie schwarze Schmetterlinge, die zu den Hausdächern Jerusalems aufstiegen und flatternd im blauen Himmel verschwanden …

*

Ursula Clemens, die Sekretärin des bayrischen Ministerpräsidenten, hatte zusammen mit ihrem Chef an der Expertengruppe teilgenommen, die der deutschen Repräsentation zum Zehner-Gipfeltreffen in Babylon gefolgt war. Sie hatte vom Vizepräsenten der EU, John Edwards eine Sondererlaubnis für diese Reise erhalten, da man sie ja zusammen mit 17 anderen ‚Konferenzteilnehmern’ in Brüssel in Verbindung mit der Geiselnahme festgenommen hatte. Die schlanke Sekretärin mit spanischem ‚Einschlag’ hatte mit ihren furchtlosen Antworten und ihrer festen Haltung hinsichtlich des vom Vizepräsidenten gemachten Angebots, ihr einen elektronischen Chip zu verpassen, Eindruck auf Mr. John Edwards gemacht. „Reisen Sie nur mit Ihrem Chef dorthin", hatte der Vizepräsident gesagt. „Ich bin sicher, dass wir Ihnen nach dem Gipfeltreffen eine besondere Aufgabe anvertrauen können …"

Ursula Clemens hatte ein persönliches Interesse an einem Besuch in Babylon. Diese Frau mit den kohlrabenschwarzen Haaren hatte ein kleines, von anderen kaum beachtetes Werk über den bekannten Venediger Maler, Tiziano Vecellio Titan verfasst, der vom Jahr 1516 bis zu seinem Tod eine Reihe Bilder gemalt hatte, die zumeist Gewalt, Krieg, Schlemmerei, Päpste, Götter, Martyrer und Geliebte der katholischen Kardinäle darstellten.

„Deshalb möchte ich in Babylon die Gelegenheit nutzen, um einen näheren Einblick in die Altzeitillustration „Die Frau mit einem Becher" zu bekommen", erklärte sie. „Ich bin sicher, dass dieses alte Bild wieder neue Bedeutung erlangen wird. Im neuen Babylon wird man nun aus einem mit dem gleichen, todbringenden, sexistischen Inhalt gefüllten Becher trinken, wie dem, der auf dem Bild meines italienischen Malers zu sehen ist!"

Nur einige wenige verstanden, worauf Ursula Clemens hinauswollte. Während des Gipfeltreffens behielt man sie die ganze Zeit im Auge. Sie war in Brüssel dafür bekannt, dass sie keine Sympathie für das EU-System hegte. Und ganz besonders nicht, nachdem sie erfahren hatte, dass man gegen ihre beiden Kinder, - ein 9-jähriger Junge und ein 11-jähriges Mädchen - vorgehen wolle, falls sie nicht bereit sein sollte, die ihr gemachten „Angebote" anzunehmen…

Am ersten, großen Abend des Gipfeltreffens war sie mit heimlicher Bewunderung der Ausführung des kühnen Happenings gefolgt, bei dem plötzlich die Worte „Mené, mené, tekel mit einer unbekannten Laserschrift in die Wand des Nebukadnezar-Thronsaals eingebrannt worden war. Während alle im Saal erschrocken die biblische Warnung auf der riesigen Kalkwand anstarrten, hatte sie sich vorsichtig nach den Wagehälsen hinten im Saal umgedreht, die ohne Furcht den Anwesenden diese Botschaft brachten. Sie sah, wie zwei junge Männer energisch das computergesteuerte Vorführungsgerät bedienten. Besonders der eine fiel ihr auf: ein sonnengebräunter Bodyguard-ähnlicher Sportler; Jack Robinson!

Nach dem chaotischen Abschluss, der Vorführung des Babelturmprojektes, war ihr nach frischer Luft zumute. Deshalb beschloss sie, einen Spaziergang in den Gartenanlagen des Palastes zu unternehmen. Als sie die Glastür öffnen wollte, die nach draußen führte, bot ihr ein Diener etwas zu trinken an.

„Nein, danke. Ich möchte nur ein wenig frische Luft schnappen."

„Doch heute Abend ist es ein wenig kühl in Babylon, Madame", entgegnete der persische Diener. „Die gnädige Frau sollte sich etwas überziehen!"

„Da haben Sie Recht", antwortete Ursula munter, „vielleicht dürfte ich mir Ihre Jacke für ein paar Minuten ausleihen?"

„Natürlich", rief der Diener glücklich ihr helfen zu können. Er zog seine funkelnde, schwarze Seidensmokingjacke aus und reichte sie ihr. „Sie brauchen sich damit nicht zu beeilen. Ich brauche diese Jacke vorerst nicht."

„Danke", lächelte Ursula und ging zu den Hängenden Gärten herunter. Überwältigt vom Duft der vielen tausend Blumen ging sie eine Weile herum, um sich die verschiedenen Blumenarten näher anzusehen.

„Florentinische Iris!" rief sie überrascht aus. „Lavendel und Ringelblumen!" Sie spazierte weiter; das Licht der Gartenlampen schimmerte in ihrem Kleid und der über ihren Schultern hängenden Smokingjacke. „Holunderblüten", lachte sie, „Rosmarin und Thymian. Das ist ja eine ganze Apotheke!"

Plötzlich hörte sie einen Schuss und jemanden, der rief. Ursula stand wie versteinert da und lauschte. Sie hörte Schritte auf sich zukommen, dann sah sie den jungen Mann vom Thronsaal… den sonnengebräunten, Bodyguard-ähnlichen Computeroperator. Er wurde ganz offensichtlich verfolgt. Der junge Mann wollte ihr ausweichen, aber als er sich anschickte, über eine Blumenhecke zu springen, trat Ursula ihm entschlossen in den Weg.

„Kommen Sie, ich will Ihnen helfen", rief sie.

Der junge Mann blieb überrascht stehen. Ursula nahm die Seidensmokingjacke und zog dem Fremden die braune Sportjacke von der Schulter. „Ziehen Sie die hier an", befahl sie und warf das braune Bündel ins Gebüsch. Im Bruchteil einer Sekunde nahm sie wahr, dass er einen Pistolengurt über die Schulter gespannt hatte. Sie legte liebevoll ihre Arme um seinen Hals und lehnte sich dicht an ihn. „Sie sind wohl ein richtiger Bodyguard", flüsterte sie. Dabei nestelte sie an seinem unter der Weste befindlichen Ledergürtel ….

Gleich darauf tauchten seine Verfolger auf. Als sie das festlich gekleidete, junge Paar dicht umschlungen im Gartengang stehen sahen, wagten sie nicht einmal zu fragen, ob sie vielleicht jemanden haben vorbeilaufen sehen. Denn es schien deutlich genug, dass die zwei vornehmen Gäste des königlichen Fests so mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie unmöglich etwas gesehen oder gehört haben konnten. Als der junge Herr sich nun bückte, um seiner Angebeteten eine rote Rose ins Haar zu stecken, war die Situation klar! Keiner wollte das Risiko eingehen, diese VIPs zu stören; vielleicht hatten sie ja einen Präsidenten vor sich …

„Sucht weiter!" befahl der Chef der Wachtmannschaft. „Ich bleibe so lange hier und behalte diese beiden im Auge!"

Die finsteren, bewaffneten Gestalten verschwanden in der Dunkelheit, ihr Chef trat unbemerkt hinter einen Baum, um das dicht umschlungene Paar, das sich langsam auf den Weg zurück zum Festsaal machte, besser beobachten zu können.

„Ich will nicht wieder da rein!" flüsterte Jack und zeigte auf die festlich erleuchteten Fenster, aus denen Musik und Gelächter bis auf die Terrasse hinaus zu hören waren. „Ich bin gerade erst von dort geflüchtet …"

„Es gibt leider keinen anderen Weg", lächelte Ursula ihn an. „Wir werden verfolgt; man beobachtet uns. Deshalb erlaube ich mir, Sie zum Tanz aufzufordern!"

Das junge Paar verschwand durch die Verandatür und mischte sich unter die tanzenden Gäste auf dem blanken Marmorboden des Thronsaals. Die Gespräche zwischen den verschiedenen, hochrangigen Staatsmännern und Politikern verlief lebhaft. Diener mit Getränken und Snacks gingen zwischen den heiteren Gästen hin und her. Vizepräsident John Edwards trat aufs Podium. Er war bleich und offensichtlich erschüttert. Seine Hände zitterten; er schien Schwierigkeiten zu haben, Fassung zu bewahren. Er hatte offensichtlich eine wichtige Mitteilung zu machen.

„Meine Damen und Herren", begann er und räusperte sich. Es wurde still im Thronsaal. Die Musik hatte aufgehört zu spielen. Die lebhaften Gespräche verstummten. Eine leichte Rauchwolke hang unter den glitzernden Kronleuchtern. Die Diener blieben mit ihren gefüllten Tabletts stehen. John Edwards beherrschte sich und wiederholte:

„Meine Damen und Herren! Ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Eine … glückliche… Nachricht über eine Sache, die uns im Grunde genommen alle angeht."

Aus einer Ecke im Thronsaal beobachtete Jack Robinson gespannt, was der offensichtlich sehr gerührte Vizepräsident zu sagen hatte. Ursula Clemens stand neben ihm und hatte sich bei ihm untergehakt. Die Aufmerksamkeit nahm immer weiter zu, als den Anwesenden auffiel, wie seltsam betroffen John Edwards war. Selbst die vertraulichen, etwas abseits geführten Gespräche zwischen Staatsmännern wurden beendet. Alle Augen richteten sich voller Erwartung auf den Vizepräsidenten.

„Das wichtige Treffen, das in diesen Tagen hier in der alten Stadt Babylon stattfindet", fuhr John Edwards fort. Es schien, als habe er seine persönlichen Gefühle wieder unter Kontrolle, „ist von finsteren Terrormächten umgeben, die den Versuch unternommen haben, die Weltregierung zu bekämpfen, die für alle Anwesenden hier die einzige und letzte Hoffnung zur Rettung unserer durch Streit und Krieg zerstörten Erde darstellt."

Ursula Clemens beugte ihren Kopf und sah sich verzweifelt um. Wie vor etlichen Wochen im Konferenzsaal in Brüssel, als der EU-Präsident über die Bereitschaft gesprochen hatte, einem kommenden Weltführer zu folgen…"wobei es von untergeordneter Bedeutung zu sein schien, ob dieser nun ein Gott oder ein Teufel sei"…hatte sie auch jetzt wieder das Verlangen, so schnell wie möglich den Saal zu verlassen; sie merkte, wie jemand sie fest am Arm hielt! Jack Robinson hielt sie zurück. Sie sah ihn erschrocken an, doch er lächelte nur…

„Unser Ziel bleibt unverändert", hörten sie John Edwards sagen. „Und wir werden Schritt für Schritt den Sieg über die Feinde unseres Systems erringen. Dies gilt ganz besonders für die fundamentalistischen, religiösen Kreise, die hinter der Geiselnahme des EU-Präsidenten stehen. Sie werden aufgespürt, entwaffnet und dem Gericht übergeben!"

Jack Robinson sah sich vorsichtig um. Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl gehabt, der Vizepräsident starre ihn an.

„Ich freue mich, allen Teilnehmern dieses wichtigen Regierungstreffens heute Abend mitteilen zu können, dass der EU-Präsident, Mr. Pierre Henri Clark, von einer mutigen EU-Einheit in der Wüste Saudi Arabiens gerettet wurde; er ist nun mit dem Flugzeug unterwegs nach Bagdad und wird hier morgen als Repräsentant für Europa am Gipfeltreffen teilnehmen!"

Ein staunender, doch gleichzeitig freudevoller Applaus folgte der Mitteilung des Vizepräsidenten. John Edwards verließ das Podium. Es war ihm anzusehen, dass er immer wieder gegen eine überwältigende Ergriffenheit ankämpfen musste. „Wir sind wie eine große Familie", hieß es Anteil nehmend von verschiedenen Seiten. Dann wurde auf die gute Nachricht hin angestoßen. Die Feinde des Systems hatten wieder eine Niederlage erlitten! „Bald werden wir bessere Zeiten erleben. Die Zeit des Terrors und der Kriege ist vorbei", hieß es in der großen Versammlung. Das Orchester begann aufs Neue zu spielen und die Diener boten ihren Gästen Getränke an.

Jack Robinson zog Ursula zur Seite: „Ein glückliches Zusammentreffen", flüsterte er. „Ich habe ein wichtiges Geschäftsanliegen mit Mr. Clark zu besprechen. Können Sie seine Zimmernummer und Ankunftszeit im Hotel in Babylon erfragen?"

„Gerne", antwortete Ursula mit einem gedämpften Lachen. „Aber sollen wir nicht noch für ein paar Stunden die Geschäftsanliegen beiseite legen? Das Fest hat eben erst begonnen". Mit diesen Worten zog sie Jack mit auf die Tanzfläche.

Der babylonische Wachtmeister stand hinten im Festsaal und beobachtete das junge Paar unentwegt. Wie ein Schatten hielt er sich hinter den Säulen des Thronsaals versteckt. Nach der Aufsehen erregenden Mitteilung des Präsidenten hatte er mit Hilfe des an seinem Jackenumschlag verborgenen Mikrophons verschiedene Befehle erteilt. Aufmerksam verfolgte er das junge Paar, das glücklich lachend auf der Terrasse tanzte…