DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 14

Während Kaiser Wilhelm mit seinem Konvoi durch die heiße Wüste fuhr, konnte er nicht umhin, sich den Ideen der „Greenpeace-Aktivisten" anzuschließen. Er meinte nämlich, dass die Erde „ein kühler Ort zum Leben sein sollte". Besonders, wenn das Thermometer auf über 50 Grad Celsius anstieg. „Aufgrund der Luftverunreinigung erwärmt sich die Erdoberfläche", belehrte er seine schwitzende Mannschaft. „Unsere alte EU-Konstitution stellt sicher, dass etwas gegen diejenigen unternommen wird, die unsere Wälder, Gärten und die Erdatmosphäre zerstören, und die diese elendige Wüste heißer werden lässt als sie es in den letzten 10.000 Jahren gewesen ist…"

Die Männer hörten ihrem Sergeanten geduldig zu. Es war klar, dass nur die Feinde der EU an der globalen Erwärmung der Erdoberfläche schuld sein konnten. Die Gegner der Konstitution waren dafür verantwortlich, dass es in der saudiarabischen Einöde so warm war …

Der deutsche EU-Konvoi hatte „infolge eines Befehls von höchster Stelle" (wie Kaiser Wilhelm sich ausgedrückt hatte) seine Fahrt Richtung Saudi Arabien fortgesetzt, um dort nach dem gekidnappten EU-Präsidenten zu suchen, der dort mit einem Fallschirm abgesprungen war. Als treuer Soldat sah der Kaiser nichts Verdrießliches darin, dass er unaufhörlich widersprüchliche Anweisungen erhielt. „Das geschieht nur, um den Feind zu täuschen!" beteuerte er seinen müden Soldaten. „Brüssel wünscht, dass wir den Präsidenten lebend und wohlbehalten nach Hause bringen". Kaiser Wilhelm wusste nichts von den heimlichen Treffen zwischen den EU-Botschaftern und dem Kronprinzen Saudi Arabiens, der sich höflich nach dem Wohlbefinden des gekidnappten EU-Präsidenten erkundigt hatte. Kaiser Wilhelm war nicht darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass der EU-Nachrichtendienst Meldungen aufgeschnappt hatte, die besagten, dass die offensichtliche Sorge um das Leben des Präsidenten nicht so ernst zu nehmen sei, und dass es sicherlich „zu einer Situation kommen könne", durch die in Kürze ein Wechsel an der EU-Spitze erforderlich werden könne. In drei Briefen, die am 29.3., sowie am 7. und 10. April versandt wurden, hatte der Außenminister Saudi Arabiens deutlich darauf hingewiesen, dass er jeder Anweisung des Vizepräsidenten der EU, John Edwards, im Hinblick auf die saudiarabischen Regierungstruppen Folge leisten würde, sollte Mr. Clark auf saudiarabischem Territorium landen. Die schnell aufeinander folgenden Briefe bewiesen, dass der arabische Staat über die Stichtage des umfassenden Babylon-Projektes informiert war. Der Wettlauf mit der Zeit durfte durch nichts aufgehalten werden. Nichts sollte dieser Entwicklung im Wege stehen!

Kaiser Wilhelm wusste nicht, dass er plötzlich zu einer bedeutenden Schachfigur in einem der infamen, großpolitischen Spiele geworden war, die den Weltverlauf von Generation zu Generation bestimmt haben. In seiner Begeisterung für das System ahnte er nichts von den Bombenexplosionen, die in den letzten Tagen die Fenster im königlichen Palast in Riad zerschmettert und dazu geführt hatten, dass das saudische Königshaus engere Beziehungen mit der EU-Regierung in Brüssel eingegangen war. Es war kein Thema für den Kaiser, dass die Mehrzahl (15) der an der nun längst vergessenen, 11. September genannten Terroraktion Beteiligten, Saudiarabier gewesen waren. Ihm war nur eins klar: Er musste das Leben des EU-Präsidenten retten, und er ging davon aus, dass ihm die saudischen Regierungstruppen dabei helfen würden. Denn Kaiser Wilhelm fuhr mit seinem Konvoi durch Freundesland! Er wusste ja nicht, dass diese „Freunde" nun mit den gefährlichsten Feinden des EU-Präsidenten, dem Vizepräsidium in Brüssel, gemeinsame Sache machten!

Wovon der Kaiser in seinem Eifer keine Ahnung hatte, waren die Einflüsse, die sich durch die wirtschaftliche Lage weltwert bemerkbar machten. Es überstieg auch bei weitem sein Auffassungsvermögen. Er wusste nicht, dass Thailand am 2. April ds. Jahres seine Währung nicht länger stützen konnte, und dadurch in eine schlimme, finanzielle Situation geraten war. Er hatte keine Kenntnisse darüber, dass Hongkong ein paar Tage später den Untergang seiner Wirtschaft erlebte, und dass sich die übrige Welt auf dem Weg in eine Wirtschaftsdepression befand. Ihm war nicht bekannt, dass Japans viertgrößte Börsenagentur zur gleichen Zeit Bankrott ging. Südkorea hatte aus Angst vor einem wirtschaftlichen Ruin einen neuen Präsidenten gewählt. Der Aufstand in Indonesien war auf die verzweifelte finanzielle Lage des Landes zurückzuführen. Russland hatte die Weltbank darum gebeten, die Wirtschaft seines Landes zu retten und damit die amerikanische Börsenwelt in Panik versetzt. Der Dominoeffekt hatte sich nun weiter nach Europa fortgesetzt. Kaiser Wilhelm hätte niemals begriffen, dass einer der Gründe, weshalb er die ganze Zeit widersprüchliche Anweisungen hinsichtlich seiner Suche nach dem verschwundenen EU-Präsident aus Brüssel bekam, Europas Abhängigkeit von den arabischen Ländern war. Seine Anwesenheit in Saudi Arabien hatte mit diesen übergeordneten Spielregeln zu tun. Er wusste nicht, dass dem EU-Vizepräsidenten eine furchtbare Deadline für den Bau des Turmes in Babylon gesetzt worden war: der 11. September.

Der verstaubte Konvoi mit den flatternden EU-Sternefahnen kämpfte sich langsam aber sicher vorwärts. In seinem Feldstecher gewahrte Kaiser Wilhelm manchmal andere Wüstenfahrzeuge, die in der gleichen Richtung unterwegs waren. Erst dachte er, dass es sich um saudiarabische Regierungstruppen handle, aber als er einmal zu seiner Überraschung sah, wie sich diese nicht zu identifizierenden Konvoifahrzeuge gegenseitig beschossen, musste er davon ausgehen, dass irgendein unbegreiflicher Wettlauf im Gange war. Vielleicht ging es darum, den Präsidenten als erstes zu finden. Er befahl seinen Leuten näher an den plötzlich entstandenen Wüsten-„Kriegsschauplatz" heranzufahren, um die Situation untersuchen zu können. Sie entdeckten einen angeschossenen Wüstenjeep, und rings um ihn herum blutverschmierte, leblose Körper. Vier Mujahin- Krieger mit grünem Kopfbund lagen im Sand. Drei waren tot, der vierte lebte noch. Die Männer des EU-Konvois hoben ihn vorsichtig auf eine Bahre und verarzteten ihn, so gut sie konnten, mit ihrer Ersten Hilfe Ausstattung.

Der Verwundete war ein junger Araber mit schwarz glänzendem Haar, das mit Blut verklebt war. Er weinte vor Schmerzen leise vor sich hin, während er ängstlich die ihn umringenden Soldaten anstarrte. Als sie für eine Blutübertragung die Nadel am Arm befestigten, beobachtete er sie mit einer Mischung aus Furcht und Dankbarkeit. Der junge Mann hatte tiefe Wunden in der Brust und am Kopf; eins seiner Beine hing schlaff in dem blutigen Hosenbein, das von Granatsplittern durchlöchert war.

„Wer hat auf Sie geschossen?" fragte der Kaiser. „Die anderen!" schluchzte der junge Mann. Soweit sie verstehen konnten, rief er nur noch nach seiner Mutter.

„Die anderen? Welche anderen?"

„Die anderen Gefangenen."

Nachdem ihm der Kaiser einige weitere Fragen gestellt hatte, wurde ihm bewusst, dass die saudiarabische Regierung die Gefangenen freigelassen hatte, damit diese ihren eigenen Rachfeldzug gegen den verschwundenen EU-Präsidenten unternehmen konnten. Mit Entsetzen musste er sich eingestehen, dass man sich diesbezüglich mit Brüssel abgesprochen hatte. Zum ersten Mal dämmerte es Kaiser Wilhelm, dass es irgendetwas im System gab, das nicht stimmte. Ein übler Plan, der über seinen Verstand und seine Soldatenmoral ging, sollte ausgeführt werden.

Er beugte seinen Kopf und lauschte auf das Flüstern des sterbenden, jungen Mannes. Dabei fiel ihm auf, dass er einen Ehering am Finger trug. Der Araber tastete in seiner Brusttasche nach einigen zerknüllten Papieren und zog das Bild einer jungen, hübschen Frau heraus, die sich in ihrem langen, grauen Gewand und dem Schleier über der Stirn über einen kleinen, lachenden Jungen beugt. Der Araber zog mit seiner blutigen, rechten Hand den Ring vom Finger und gab ihn Kaiser Wilhelm. Dieser betrachtete ihn mit fragendem Blick, worauf der Araber schwach nickte. Der Kaiser nahm den Ring und den zerknitterten Personalausweis und hielt sie dem Sterbenden vor die Augen. Er wollte ihm damit zu verstehen geben, dass er sich persönlich darum kümmern würde. Der Araber lächelte schwach und schloss die Augen. Nur wenige Minuten später starb er. Kaiser Wilhelm zog vorsichtig ein weißes Tuch über seinen Kopf. Dann steckte er sorgfältig das Bild und den blutverschmierten Ausweis in seine Brusttasche. Mit düsterer Miene wandte er sich an seine Leute, die stumm um ihn herumstanden.

„Unterbrecht die Verbindung nach Brüssel! ordnete er schroff an. „Wir werden keine weiteren, irreführenden Mitteilungen von dort mehr entgegennehmen. Wir finden unseren Präsidenten, und das tun wir ganz alleine!" Dann richtete er sich auf und sah bedeutungsvoll auf die ernsten Gesichter um ihn herum. „So wie Shakespeare es dem dänischen Prinzen Hamlet in den Mund legt", sagte er feierlich: „Irgendetwas ist faul im Staate Dänemark!"

Eine Stunde später setzte der Konvoi mit den wehenden blauen Sternefahnen ihre Fahrt fort. Hinter ihnen in der großen Einöde lagen vier aufgehäufte Sandhügel. Auf dem einen war ein Pfahl mit einem Schild, auf dem die kleine EU-Truppe versucht hatte, einige der arabischen Namenszeichen einzuritzen, die sie den gefundenen Ausweisen entnommen hatten. Als die Gräber zugeschüttet waren, hatten sich die Männer still um sie herum versammelt. Es war, als ob sie erwarteten, dass ihr Sergeant ein Gebet sprechen solle, doch der Kaiser wusste nicht, was er beten sollte. Einen Moment dachte er daran, das „Vaterunser" aufzusagen, denn das kannte er auswendig, doch es schien ihm nicht passend, da die Toten Muslims waren. Dann brach er plötzlich das Schweigen, indem er zwei Sätze aussprach, die auf seltsame Weise in der vibrierenden, warmen Luft hängen blieben. Kaiser Wilhelm erhob seine Augen zum Himmel und erklärte mit gebrochener Stimme: „Alles Blut ist rot, und alle Tränen sind salzig!"

Dann gab er das Zeichen zur Abfahrt. Eine milde Brise blies über die Ebene. Schwarze Vögel kreisten dicht über den Gräbern. Durch die große Spannweite ihrer Flügel kamen sie fast mit dem Pfahl und dem mit arabischen Zeichen versehenen Schild in Berührung. Doch dann stiegen die Geier wieder in den dunstigen Himmel hinauf, als ob sie ihr blutiges Vorhaben aufgegeben hätten. Der Wind trieb ganze Büschel Kugeldisteln über die vier neu ausgehobenen Gräber. Einige blieben am Pfahl hängen; immer mehr angeflogen kamen. Es war so, als ob die große Wildnis selbst die letzte Ruhestatt der Toten mit ihren eigenen dürftigen Blumen und Kränze schmücke. „Alles Blut ist rot", murmelte er. Er tastete nach dem zerknitterten Ausweis, dem Bild und dem Ring und zog sie aus seiner Brusttasche. Während der Wüstenjeep in nördlicher Richtung weiterrumpelte, betrachtete er lange die verblichene, eingerissene Photografie der Frau mit ihrem Sohn. Dann fügte er für sich selber hinzu: „Und alle Tränen sind bitter und salzig…"

Ein paar Stunden später sah Kaiser Wilhelm als erstes die tanzende Gestalt, die ein zerrissenes, weißes Hemd umherschwenkte. Lange betrachtete er in seinem Feldstecher die wilden Gebärden des einsamen Mannes. Als der Konvoi näher kam, konnten der Kaiser und seine Männer schwache Rufe vernehmen.

„Es ist der Präsident", rief der Sergeant glücklich aus. Danach befahl er, den Konvoi anzuhalten. „Alle aussteigen!" rief er. „Aufstellen!"

Die verwirrten EU-Soldaten stellten sich unter der glühenden Sonne gehorsam in Reih und Glied auf. Einige warfen sich nachsichtige Blicke zu. Sie kannten ihren gutmütigen Sergeanten und wussten, dass er Feierlichkeiten und militärische Formen liebte. Nicht umsonst nannten ihn alle „den Kaiser".

Der staubige, schmutzige Unteroffizier wischte sich das Öl und Blut von den Händen und schritt an der Reihe der stramm stehenden Männer entlang. Unterwegs bürstete er Sand und Staub von ihren Uniformen. Er befahl allen, sich schnell den Sand von ihren Stiefeln zu putzen. Dann richtete er die Fahnen an den Fahrzeugen auf, und polierte die Eisernen Kreuze auf den Jeeptüren.

„Weiter!" befahl er.

Der EU-Konvoi näherte sich der winkenden Gestalt auf dem Sandhügel. Als die Fahrzeuge ankamen, sprangen die Männer auf Befehl ihres Sergeanten heraus und stellten sich auf. Kaiser Wilhelm ging auf den zerlumpten, wild aussehenden Mann zu und umarmte ihn.

„Herr Präsident!" stammelte der Sergeant. „Melde gehorsamst, dass der EU-Konvoi Nr. 330 dem Präsidenten zur Hilfe geeilt ist."

„Ausgezeichnet… Herr Leutnant!" rief Mr. Pierre Henri Clark bewegt aus.

„Sergeant, Herr Präsident!"

„Nicht länger… Herr Leutnant!"

Kaiser Wilhelm stand einen Augenblick verblüfft da, dann salutierte er vor dem Mann mit dem zerrissenen Hemd.

„Danke! Herr Präsident!" Kaiser Wilhelms Lippen zitterten.

„Das haben Sie sich verdient… Herr Leutnant!"

Der frischgebackene Leutnant schlug die Fersen zusammen und ging – immer noch mit zitternder Unterlippe – zu seiner Abteilung zurück. Diese empfing ihn mit warmem Händedruck und Glückwünschen.

Unter dem schnell aufgerichteten Armeezelt sammelte sich die Schar kurz danach mit ihrem Präsidenten. Umgeben von phantastischen Wolkengebilden ging die Sonne langsam hinter den Bergen unter. Dies war ein in der abendlichen Wüstenstille ganz ungewöhnlicher Anblick. Das Sonnenlicht brach wie mächtige Scheinwerferstrahlen durch die treibenden Wolken. Einen Augenblick lang schien das Militärlager in einen übernatürlichen Glanz getaucht. Hinter den goldenen Sandhügeln kam Feststimmung und neue Hoffnung auf. Alle fühlten sich eins mit ihrem Präsidenten, der eine bisher nicht gekannte, verklärte Freude ausstrahlte. Doch aus einiger Entfernung wurden sie aufmerksam beobachtet. Es wurden noch einige Gäste zum Fest erwartet! Sie würden mit der gleichen Feuerkraft begrüßt, mit der sie selbst diese aufrichtige, ja, fast erhabene Wiedersehensfreude stören wollten, die in der Abteilung des neu ernannten Leutnants herrschte.

Das Fest ging bis lang in die Nacht. Ein gigantischer Silberdukatenmond stieg staunend über dem glücklichen EU-Camp auf, in dem der Präsident, Pierre Henri Clark, bewegt seine Erlebnisse schilderte. Alle waren sich einig, dass irgendetwas mit ihrem Präsidenten geschehen war. Ein furchtbarer Anschlag auf die Existenz der EU war ja im letzten Augenblick verhindert worden. Der clevere Angriff einer religiösen Mördersekte schien zerschlagen. Doch das war nicht alles. Über dem Gesicht des Präsidenten lag ein eigenartiger Schimmer. Wenn der Präsident erst einmal wieder sein rechtmäßiges Amt übernommen hatte, dann konnten die nächsten, großen Schritte in Richtung einer kommenden Einweltregierung unternommen werden. In dieser Nacht wurde mit bayrischem Bier darauf angestoßen, dass alle drei wichtigen Daten für die neue Weltregierung (die allen bekannt waren) ohne Verzögerung eingehalten werden konnten: Der 25. Mai: Vorlage des Entwurfs für einen neuen Babelturm, der 11. September: der erste Spatenstich für seinen Bau und sechzehn Tage später, der 27. September: globales Referendum für eine neue Weltregierung.

Am folgenden Morgen wurde die kleine EU-Wüstenbase dadurch geweckt, dass die Wachtposten die Ankunft von vier Wüstenjeeps am Horizont meldeten. Die Mannschaft Kaiser Wilhelms nahmen ihre Posten ein. Es war am Abend zuvor verabredet worden, dass Mr. Clark sich auf einen Sandhügel stellen würde, um von dort aus ein zweites Mal die Neuankömmlinge freudig tanzend und mit dem zerrissenen Hemd umherschwenkend zu begrüßen. Von Rachgier geblendet kam der Konvoi langsam näher. In vollem Erwartungsrausch fuhren sie direkt in die Todesfalle hinein. Ein paar Stunden später verließ der EU-Konvoi den Kampfplatz, wo sechs weitere Gräber ausgehoben werden mussten, und sechs gefesselte Männer in die Gefängnisse zurückgebracht wurden, aus denen sie kamen. Die Mitteilung über die baldige Rückkehr des Präsidenten nach Brüssel wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen…

*

Während die Dunkelheit langsam über dem Aravatal hereinbrach, stand Antoinette Dupont in der Zeltöffnung. Die ersten Sterne schimmerten am Himmelgewölbe; ein befreiender, kühler Wind fegte die Tageshitze weg. Die Kinder spielten um das flache, weiße Zelt herum, das in der Wüstendämmerung wie ein Diamant glänzte. John Williams ging langsam durch die Ebene. Er ging schweren Schrittes und mit gebeugtem Haupt, als ob er eine Last zu tragen habe. Jeden Tag um diese Zeit kam er von der Zwölfpalmenoase zurück. Dort hatte er einen Steinhaufen mit 12 Steinen errichtet. „Ich gehe dort hinaus um zu beten", erklärte er, wenn er gefragt wurde. „Diese Steinsäule habe ich als ein Zeichen zwischen dem Herrn und mir gesetzt. Ich bitte Ihn jeden Tag darum, mir mein Erbteil zu geben; dieses erstreckt sich von Bozra in den edomitischen Bergen bis zu dieser Zwölfpalmenoase. Dort bin ich ganz alleine in der großen Einöde. Kein Mensch kann mich hören, was ich sage, deshalb kann ich laut und eindringlich beten. Ich bitte Gott darum, mir diesen Streckenabschnitt zu geben, denn ich möchte einen Weg für Ihn bereiten. Die Bibel sagt, dass „dem Herrn in der Wüste ein Weg bereitet werden soll…"

Unruhig betrachtete Antoinette John Williams schweren Gang. Der Wind strich durch ihr langes, dunkles Haar. Ihr weites, im Wind flatterndes Kleid machte sie eins mit Sand und Sternen. Es war, als ob das Mädchen vom Miniprix in Paris in eine Wüstentochter verwandelt worden war …

An diesem Abend hatte sie lange dort gestanden und über die Ebene gestarrt. Sie wartete auf John Apostolous Rückkehr; viele Tage waren nun vergangen, seitdem sie voller Sorge von ihm Abschied genommen hatte. Mit Unruhe im Herzen hatte sie ihn mit Jack Robinson fortfahren sehen. „Wir haben in Babylon eine Aufgabe zu erfüllen", hatten sie gesagt. Dies klang Unheil verkündend, besonders, wenn dieser „Job" zusammen mit dem Geiselnehmer aus Brüssel ausgeführt werden sollte. „Er ist nicht einer der unsrigen!" hatte Antoinette entgegnet. „Er trägt eine Waffe unter seiner Jacke…"

Und nun kam John Williams zögernden Schritts von seiner Wüstenoase zurück. Es sah aus, als ob er schlechte Nachrichten hätte. Irgendeine schmerzliche Mitteilung. Etwas, dass er am liebsten nicht anderen mitteilen möchte…

Antoinette lief der einsamen Gestalt entgegen. Je näher sie dem langsamen Wüstenwanderer kam, desto mehr wuchs die Überzeugung in ihr, dass der schwere, zögernde Schritt mit Jans Schicksal zu tun hatte. Was war mit ihm geschehen? Warum hörte sie nichts von ihm?

Als Antoinette John Williams erreichte, brach sie in Tränen aus und fiel ihm um den Hals. Lange standen die zwei in der mondbeschienenen Landschaft mit den Armen umeinander. Der Weißhaarige sprach zum weinenden Mädchen wie zu einer Tochter. „Jan ist verhaftet worden. Keiner weiß genau, was mit Jack Robinson passiert ist. Er scheint verschwunden zu sein…"

„Ich wusste, dass es schief gehen würde", schluchzte Antoinette. „Und natürlich ist Jack Robinson mit heiler Haut davongekommen. Er ist ja an solche Arten von „Jobs" gewöhnt."

„So darfst du nicht reden", ermahnte John Williams. „Sie sind beide für derartige Aufgaben trainiert. Ich verstehe deine Angst, denn es sind keine guten Neuigkeiten, dass Jan in einem babylonischen Gefängnis gelandet ist, doch wir müssen auf Gott vertrauen. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Nachfolger Jesu hinter Gefängnismauern landen, und es ist auch nicht das erste Mal, dass Gott ihnen wieder heraushilft!"

„Was sollen wir bloß tun?" fragte Antoinette.

„Nichts!" antwortete John Williams. „Wir sollen nun ruhig die ganze Sache in die Hand des Herrn legen."

Antoinette sah John Williams verzweifelt an. „Gibt es wirklich nichts, was wir tun können?"

„Doch", antwortete John Williams. „Komm, ich will dir etwas zeigen, was du niemals zuvor weder gesehen noch gehört hast…"

John Williams nahm das Mädchen vorsichtig am Arm und führte es zurück zum Wüstenzelt. Er ging mit ihr zur Hinterseite des Zeltes und fragte: „Kannst du das Licht dort oben auf dem Berg sehen?"

Antoinette starrte auf die dunkle Rundung, die sich über dem Lichtschein des Moshavs Iddan erhob.

„Ja", antwortete sie; „die Lichter auf dem Berg, die zwischen dem Moshav Iddan und Hazeva liegen?"

„Genau, du sollst in den kommenden Wochen und Monaten, die für dich vielleicht schwer sein können, dieses Licht auf dem Berg nicht aus den Augen verlieren!

„Warum nicht?"

„Weil der Messias von dort kommen wird!"

Antoinette betrachtete lange das flackernde Licht auf den Bergen Edoms. „Woher weißt du das? Ich habe immer gehört, dass der Messias auf den Ölberg zurückkehrt? Wie heißt der Ort da oben? Es sieht aus, als ob das Licht von einem kleinen Ort herrührt?"

John Williams betrachtete eine Weile still den Bergkamm. „Da hast du richtig gehört, Antoinette!" rief er aus. „Wenn der Messias kommt, muss er den Propheten zufolge zuerst seinen Fuß auf den Ölberg, östlich von Jerusalem setzen. Doch der Name dieses kleinen, unbekannten Ortes namens Bozra ist auch in der Bibel erwähnt. In diesem riesigen Wüstengebiet um die alte Hauptstadt Edom herum wird der Herr mit all denen abrechnen, die jetzt so sehr mit dem Aufbau Babylons beschäftigt sind. Wenn dies geschieht, berichtet der Prophet Jesaja, wird der Messias in herrlicher Majestät und als unüberwindbarer Sieger vom Berg herunterkommen, um sich von dort aus auf den Weg nach Zion zu begeben.

„Das heißt, dass Er hier vorbeikommen wird?" rief Antoinette aus. Es war ein Anflug von Ergriffenheit in ihrer Stimme.

„Ja", antwortete John Williams mit Überzeugung. „Wie unwahrscheinlich dies auch in den Ohren vieler Menschen klingen mag, und wie überirdisch unerklärlich dies auch für unsere eigenen Gedanken erscheinen mag, so ist es dennoch wahr, was du sagst: „Er wird hier vorbeikommen!"

…"und wir?" flüsterte Antoinette. „Was sollen wir tun?"

„Wir sollen sein Kommen vorbereiten!"

„Wie?"

„Wir sollen hier in der Wüste einen Weg für Ihn bereiten!"

„Einen richtigen Weg, auf dem man gehen kann?"

„Ja, einen solchen Weg, auf den Er entlang schreiten kann!"

„Wie wird dies möglich sein?"

John Williams seufzte. „Für Menschen ist dies unmöglich, doch für Gott sind alle Dinge möglich…"

Während John Williams Antoinette diese neuen Dinge ruhig darlegte, war es, als ob die Wüstennacht um sie herum den Atem anhielt! Einen Augenblick lang schien es, als ob der 2.300 Jahre alte Baum bei der Grenzfestung Salomons seinen müden Kopf erhob und lauschte. Nie zuvor in seinem Leben hatte er etwas Derartiges gehört. Die nächtliche Brise strich durch die alternde Baumkrone und die Sterne funkelten vor Entzücken. Doch aus den Felsen hinter den Beiden, die wie in stiller Andacht zur Lichterkette von Bozra hinaufsahen, erklang das warnende Heulen der Nachteulen. Dunkle Schatten jagten über die Ebene; auch im Abgrund schien man die kurze Erklärung John Williams bemerkt zu haben. Nächtliche Gesandte waren nun unterwegs, um dieses Vorhaben zu verhindern. „Dieser Weg wird niemals verwirklicht werden", lautete es heiser zwischen den Zwergbüschen und den verkrüppelten, verhexten Bäumen in der Ebene. „Wir werden keinen Meter wegrücken. Die Einöde gehört uns! Wer darf es wagen, in unser Territorium einzudringen?"

John Williams stand lange mit gebeugtem Kopf. Hörte er etwas? Wusste er, was dort draußen in der finsteren Nacht vor sich ging? Hatte er eine Ahnung davon, welche anderen Pläne in dieser Stunde gegen ihn geschmiedet wurden?