DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 13

Unter den Männern, die an diesem milden Aprilabend den Thronsaal in Babylon verließen, war auch ein ägyptischer Diplomat, der sich beim Herausgehen leicht auf seinen mit einem silbernen Drachenkopf bestückten Stock stützte. Sein Name war Saad Nasser Ibrahim; er hatte sich offenbar den Fuß verstaucht. Man konnte sich kaum vorstellen, dass diese humpelnde Erscheinung eine wirkliche Gefahr für Jerusalem sein würde; in Realität aber war dieser 54-jährige Soziologieprofessor dem israelischem Nachrichtendienst zufolge einer der gefährlichsten Männer der neuen Welt. Mit einem säuerlichen Lächeln auf den Lippen seines bärtigen Angesichts, das durch die glänzende, hohe Stirn geprägt war, hatte er die heiligen Tempelgefäße aus dem Jerusalemer Tempel betrachtet, die auf sein eigenes und anderer Geheiß in den Festsaal gebracht wurden. Als dann der Wein eingeschenkt wurde, hatte er seine Hand nach einer golden glänzenden Tempelopferschale ausgestreckt, und sie bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken! Mr. Nasser Ibrahim war mehrere Male inhaftiert worden, denn jedes Mal, wenn das Parlament über Frieden mit Israel sprach, tat er seinen Protest durch das schrille Pfeifen einer Flöte kund. Außerdem war er aufgrund seiner diskriminierenden Haltung gegenüber der nationalen Minderheit koptischer Christen hinter Schloss und Gitter gekommen. Er nahm nun als dem hoffnungsvollsten Kandidaten für den Außenministerposten in der kommenden Weltregierung an diesem wichtigen Gipfeltreffen teil.

Zwei Themen standen für den folgenden Tag auf der Agenda. Das eine war Israels Stellung innerhalb der 10 Weltregionen, und das andere „das Projekt", der Bau des neuen Babelturms. Zu beiden dieser wichtigen Themen hatte der ägyptische Diplomat ein einleitendes Wort zu sagen. Er behauptete, dass beide miteinander verbunden seien, und dass deshalb beiden gleiche Bedeutung im Hinblick auf den Weltfrieden zukomme.

Sein Weg zu diesem wichtigen Rednerpult begann im Grunde genommen, als es an einem sternenklaren 9. September, fünf Jahre vor Beginn des Gogkrieges, an seine Tür klopfte. Bei dieser Gelegenheit wurde Professor Saad Nasser Ibrahim verhaftet. Für die Feinde Israels war der berühmte Gefangene von großem Nutzen. Deshalb kämpften Journalisten und Menschenrechtsgruppen für seine Freilassung und hatten dabei Erfolg. Als er danach mit einem amerikanischen Pass in der Tasche an der amerikanischen Universität in Kairo Vorlesungen hielt, sah es ganz so aus, als ob auch das Weiße Haus auf seiner Seite stand. Professor Saad hatte jedoch einen Artikel geschrieben, in dem er behauptete, dass der dritte Tempel ein Hindernis für den Weltfrieden darstelle. „Keine Stimmen dürfen heute lauter erschallen, als diejenigen, die zum Protest gegen dieses zionistische Gebilde aufrufen, und keine Stimme darf den Appell zum Bau des Babelturms übertönen. Diese beiden ‚Konstruktionen’ sind wie heimliche Merkmale für eine neue Ära! Entweder treten wir für Zion ein oder für Babylon. Entweder wird Jerusalem oder Babylon die Hauptstadt des neuen Weltreiches!"

Diese Worte hatten Interesse in der arabischen Welt geweckt. Als er hinzufügte, dass „die Türme in New York fallen mussten, um Platz für den Turm in Babylon zu schaffen", hatte ihm das Weiße Haus die Tür vor der Nase zugemacht und ihn seinem Schicksal überlassen. Europa trat jedoch demonstrativ für ihn in die Bresche. So hatte der Vizepräsident der EU dafür gesorgt, dass er beim Gipfeltreffen am 10. April auf dem Podium stehen konnte…

*

John Edwards war zufrieden und erleichtert darüber gewesen, dass der schlaue Angriff auf das Gipfeltreffen im letzten Augenblick abgewehrt werden konnte. Er spazierte nun in der angenehmen, morgendlichen Aprilsonne durch die für die Öffentlichkeit unzugänglichen, hängenden Gärten. Gleich sollte Professor Saad in der Plenarversammlung im Konferenzsaal des Palastes seine Rede halten. Der Vizepräsident setzte sich auf eine taunasse Marmorbank und ließ seine Finger über den glatten, feuchten Stein gleiten.

…. und dann passierte es wieder!" „Der Unbekannte" kam und setzte sich neben ihn. Es war, als ob die Marmorplatte zerbarst. Diese hohe Gestalt schien einen sechsten Sinn zu haben, denn er sprach direkt in John Edwards Gedanken hinein.

„Sie sollen einen Wettbewerb ausschreiben", sagte er mit gedämpfter Stimme. „Sechs Teams werden sich melden, um den Turm zu bauen. Das sechste Team ist meins, diesem sollen Sie diese große Aufgabe anvertrauen…"

John Edwards versuchte verstohlen einen näheren Eindruck von dem Fremden zu bekommen. Es schien ihm, als ob er ihn bereits früher gesehen habe. Auf einem Großbildschirm! Eine überirdische, ranke Gestalt, die von einem Hausdach zum anderen sprang. Mit einem finsteren Fledermausumhang. Wie eine moderne Ikone… in 3-D Grafik! „Das sechste Team wird seinen Entwurf bereits Ende nächsten Monats fertig gestellt haben. Genauer gesagt am 25. Mai…"

John versuchte, seinen 3-D x-Mann zu Gesicht zu bekommen, denn er meinte, ihn von irgendeinem Superheld-Videospiel her zu kennen, doch wurde dabei unterbrochen!

„Sie sollen nicht sehen, nur hören! Wenn Sie mich vorzeitig sehen, sind Sie ein Mann des Todes. Hören Sie deshalb gut zu: „Mein Turm soll eine hohe Spitze haben. Er soll sich wie Spirale nach oben winden und genau 1.666 Fuß hoch sein. Die Vorschläge für die Zwillingstürme in New York waren feige. Der eine war 1.776 Fuß hoch, d.h. zehn Fuß höher, dieses Maß war ja nur eine amerikanische Metapher, und dem anderen fehlte mit seinen 1.665 Fuß nur ein Fußbreit, um von Bedeutung zu sein, d.h.: 1.666 Fuß!

In meinem Turm soll es kulturelle Einrichtungen geben, u.a. Konzertsäle und Theater, denn ich bin ein Mann der Kunst und des Humanismus. Auch soll er ein religiöses Heiligtum beherbergen, in dem der Mensch im Zentrum steht, dieses wunderbare Wesen, das so weitentwickelt ist, dass es den Sieg errungen hat, und Herr der Welt geworden ist. Der Turm soll den vornehmsten Festsaal der Erde besitzen, in dem Wissenschaft und Vernunft gekrönt und belohnt werden. In diesem Turm, meinem Thron, werde ich mich mit meinen zehn treuen Weltführern versammeln, und ihnen meine Pläne im Hinblick auf Jerusalem vorlegen. Der Turm wird mein Machtzentrum sein, in dem die Weltbank mit einer neuen babylonischen Währung ihren Hauptsitz haben wird. Von hier aus soll der Geist ausströmen, der mit der Leidenschaft einer neuen gleichgeschlechtlichen, freien Liebe die Menschen miteinander verbindet, Männer mit Männern und Frauen mit Frauen…"

Der 3-D x-Mann zögerte ein wenig, stieß danach einen langen, sehnsuchtsvollen Seufzer aus und fügte hinzu: „Doch ich bin ganz oben! Mein Büro ist nicht oval; es folgt der Form des Turms; es ist sechseckig! Von dort oben kann ich alle Weltreiche und ihre Herrlichkeit sehen, die mir gehören, und"… das ausdruckslose, graue Gesicht wendete sich John Edwards zu; dieser schloss jedoch schnell die Augen… „ich gebe sie, wem ich will."

Der schwarze Schatten stieß ein hässliches, kaum hörbares Lachen aus. Dann erhob er sich: „Nach der Vorführung meines Modells, das vom „Team Nr.6" eingebracht wird, gebe ich Ihnen noch vier Monate Zeit, bis der erste Spatenstich erfolgt; am 11. September dieses Jahres!"

Der Fremde im Mitternachtsumhang verließ die schneeweiße Marmorbank. Er grüßte mit kühlem Blick und wanderte würdevoll durch den Garten. Als die schwarze, eiskalte Gestalt an den üppigen Blumenbeeten vorüberging, beugten Rosen, Maiglöckchen und Iris ihre Köpfe; ihre Blätter fielen verwelkt auf den Boden. Trauerweiden brachen in Tränen aus; ihr Laubwerk wurde abgezehrt, sodass die Zweige weiß und nackt aussahen. Der Wind strich mit seinem Bogen in den tiefsten Molltönen über ein unsichtbares Cello, sodass alle Vögel davonflogen!

Während sich die Schritte des 3-D X Schattens, die wie klirrender Stahl klangen, langsam verflüchtigten, starrte John Edwards verblüfft auf die weiße Marmorbank, auf der eben noch der Fremde gesessen hatte. Er war sich sicher, dass die weiße, taufeuchte Fläche heil war, als er kam. Jetzt zeigte sich in dem glitzernden Marmor eine deutlich sichtbare Spalte. Ein dünner, klarer Streifen Morgentau sickerte in die frische Ritze. Von der Außenkante der Spalte tropften die Tautropfen wie aus einer offenen Wunde; sie waren rot wie Blut…

*

Es war ein typischer Rosh Hashana (jüdisches Neujahr) morgen in der Altstadt Jerusalems… oder dem, was nach dem Erdbeben des Gogkrieges davon noch verblieben war. Viele Frauen begaben sich auf den Weg zum Tempelplatz, wo man mit dem Bau des Dritten Tempels begonnen hatte; sie wollten mit ihrem Gebet auf den jüdischen Monat Nissan aufmerksam machen. Verschiedene Familien nahmen den Monatsbeginn als Anlass, eine Bar Mitzva Feier zu halten, während sich die ultra-orthodoxen Juden ihrem Jubelgebet hingaben und die orthodoxen Juden ihren gewöhnlichen Gottesdienst abhielten. Die kleinen Snackrestaurants waren für Touristen geöffnet. Kirchenglocken läuteten, und aus den krachenden Lautsprechern der Minarette klang der Aufruf zum Gebet.

Trotz alledem war in der Luft etwas Ungewöhnliches zu verspüren. Dreitausend EU-Polizisten (statt der üblichen 700) versuchten, die Menge in Schach zu halten. Es wimmelte nur so von Journalisten und TV-Kameras, die mitverfolgen wollten, inwieweit es den so genannten „friedenserhaltenden Streitkräfte" gelingen würde, auf dem umstrittenen Platz die Ruhe zu wahren. Hunderte arabischer Jugendlicher standen drohend abseits, und hunderte jüdischer ultra-nationalistischer Männer, junge sowie ältere, standen auf der anderen Seite, während tausende jüdische und christliche Pilger zum Tempelplatz unterwegs waren „um zu beten".

Bis zum Gogkrieg war das Beten auf dem Tempelplatz nicht gestattet. Man durfte nur umhergehen und sich die heiligen Stätten ansehen. Dieses Verbot war damals aufgrund der scheinbaren Empfindlichkeit der Muslime gegenüber dem Ort ihrer „Haram al Sharif" Moschee (Felsendom) und der Al Aksa Moschee erlassen worden. Doch jetzt waren diese beiden Heiligtümer dem Erdboden gleichgemacht. Die gewaltige Erschütterung, die sich mitten im 3. Weltkrieg ereignete, schien „den Platz" für den jetzigen Tempelbau zu räumen. Dies hatte jedoch die erhitzten Gemüter nicht beruhigen können! Die Araber forderten immer noch den Platz, um ihre verlorenen Heiligtümer wieder aufzubauen. Sie drohten mit einem Aufstand wie den der zweiten Intifada, die – ihren Erklärungen zufolge – damit begonnen hatte, dass der inzwischen verstorbene Premierminister Ariel Sharon (der damals Oppositionsführer war) am 28. September 2000 den Tempelplatz betreten hatte…

Unter der unruhigen Menge waren auch Professor Joseph Fruchtenbaum und eine kleine Schar „Kirchenrebellen", die aus verschiedenen Ländern angereist waren, um von ihm unterwiesen zu werden. „Dieser Platz ist auch für Christen von Bedeutung", erklärte er seinen Freunden. „Jesus ging auf diesem Platz herum und lehrte das Volk", erklärte er weiter. „Als Zwölfjähriger ging er in das Gebäude, das wir heute den „Tempel des Herodes" nennen, und als seine Mutter nach ihm suchte, rief er aus: „Wusstest du nicht, Mutter, dass ich im Hause meines Vaters sein musste!" Ja, nach seinem triumphalen Einzug in Jerusalem, wo die Volksscharen ihre Kleider vor ihm auf dem Weg ausbreiteten, und ihn mit Palmenzweigen schmückten, trat er in den Tempel, machte sich eine Peitsche und trieb damit die Händler und Wechsler hinaus, während er rief: „Dieses Heiligtum ist ein Gebetshaus für alle Nationen, doch ihr habt es zu einer Räuberhöhle gemacht!"

Professor Fruchtenbaum beugte sich nieder und schrieb in den Sand. Während er dies tat, kamen uniformierte Polizisten auf ihn zu. Unter ihnen war der in Zivil gekleidete Adolf Engels. Es war deutlich zu erkennen, dass es sich um kein zufälliges Treffen handelte. Der hochrangige Nachrichtenoffizier hatte diesen jüdisch-messianischen Rabbiner seit langem im Auge. Seit der Hausdurchsuchung, bei der die EU-Agenten gewisse Bücher aus Fruchtenbaums Privatbibliothek beschlagnahmt hatten, wurde der Professor überwacht. Jeder Raum seines Hauses konnte auf den Monitoren des Nachrichtendienstes gesehen werden. Außerdem hatte man heimlich Mikrophone installiert, sodass die Polizei alle Gespräche aufnehmen konnte. Es sah ganz so aus, als ob an diesem schönen Aprilmorgen der Augenblick gekommen sei, in dem sie ihm das Handwerk legen wollten, da Professor Fruchtenbaum offenbar mit der „Kirchenrebellion-Bewegung" unter einer Decke steckte. Allen war bekannt, dass sich diese in Windeseile in Europa ausgebreitet hatte und sich nun auch in Amerika und anderen Weltteilen zu erkennen gab.

Als die dunklen Kampfuniformen den Professor und seine kleine Schar ‚Kirchenrebellen’ umringte, schrieb er immer noch in den Sand.

„Was schreiben Sie da?" fragte Adolf Engels ironisch.

„Hat das irgendetwas zu bedeuten?"

„Vielleicht!" antwortete der Professor, dessen Gestalt sich weiterhin über die in den Sand geschriebenen Worte beugte.

„Was meinen Sie damit?"

„Ich meine, dass das, was ich hier in den Sand schreibe, vom Wind weggeblasen wird. So verhält es sich jedoch nicht mit dem, was ich in den Büchern geschrieben habe, die Sie sich von mir „ausgeliehen" haben. Ihren Inhalt können Sie aufbewahren und jederzeit lesen. Doch was ich hier schreibe", Professor Fruchtenbaum beugte sich wieder über die Worte, die er in den Flugsand des Tempelplatzes niedergeschrieben hatte, „ist morgen verschwunden…"

„Was haben Sie geschrieben?"

„Die zehn Worte!"

„Was meinen Sie damit: Die zehn Worte?"

„Die zehn Worte, die der Finger des Allmächtigen in die Steintafeln auf dem Sinais geschrieben hat!"

„Erklären Sie mir dies genauer!" Adolf Engels bemerkte, dass der Kreis der Polizisten ihn beobachtete. Seine Autorität sollte nicht untergraben werden. Deshalb suchte er in diesem Augenblick nur nach einem Vorwand, um den Professor verhaften zu können. Vielleicht war ja sein Geschreibsel auf dem Tempelplatz ein geeigneter Anlass. Aus diesem Grunde fragte er inquisitorisch: „Sie schreiben also Botschaften oder Slogans auf den Tempelplatz?"

„Ich schreibe die gleichen Worte– glaube ich – die auch schon der Finger Gottes vor über 2000 Jahren auf dem gleichen Platz in den Sand geschrieben hat…"

„Was sagen Sie? Der Finger Gottes hat etwas auf den Tempelplatz geschrieben! Das habe ich ja noch nie gehört! Wann war das?"

„Damals, als die Wachmannschaft kam und einen 33-jährigen Juden aus Nazareth umringte. Sie meinten, eine Sache gegen ihn vorbringen zu können, dessen er sich schuldig gemacht habe. Doch Er beugte sich nieder und schrieb in den Sand."

„Was schrieb Er?"

„Keiner weiß es. Die Worte wurden vom Winde weggeweht. Doch vielleicht waren es die erwähnten zehn Worte!" Der Professor stand auf und trat vor Adolf Engels hin. Er sah ihm gerade in die Augen. „Jetzt schreibt Er jedoch nicht mehr auf Steintafeln oder in den Flugsand, sondern auf das kostbarste Dokument, das es gibt!"

„Das kostbarste Dokument? Was ist das?" Der EU-Polizeioffizier schien verwirrt.

„Es sind Menschenherzen, Mr. Engels. Wenn sie nicht zu hart und unempfänglich sind…"

Adolf Engels war ganz unwohl zumute. Er gab einem der Polizisten ein Zeichen. „Verhaften Sie Professor Fruchtenbaum… aufgrund religiöser Aktivitäten auf dem Tempelplatz in Jerusalem … weil er zehn Wörter mitten auf den Platz geschrieben hat!"

Im gleichen Augenblick schnappten die Handschellen zu. Der Professor wurde, umgeben von einem schwarzen, undurchdringlichen Kreis Polizisten, abgeführt. Die große, schlanke, in Weiß gekleidete Gestalt ging wie inmitten einer grimmigen Horde schwarzer Stiere, die schnaubte, sobald sich ihr jemand näherte. Stellte sich ihnen jemand in den Weg, trampelten die unangebunden Stiere auf dem Boden herum. Wenn jemand sie angreifen wollte, beugten die gehörnten Biester ihre behelmte Stirn und stießen den Angreifer nieder…

Als Adolf Engels seinen Bericht über die Ereignisse des Tages auf dem Tempelplatz niederschrieb, benutzte er Worte wie „apokalyptische Fanatiker" und „Sabotage, die Untergangsausmaße angenommen hatte". Er betonte in seinem Rapport, dass die Verhaftung im Rahmen eines größeren Zusammenhangs geschehen sei. „Der inhaftierte Professor hatte sich mit 40 Kirchenrebellen auf dem Tempelplatz versammelt; die niedergeschriebenen Slogans war der Auftakt zu einer neuen Phase im Konflikt um den Tempelplatz. Diese neue Aufruhrbewegung, die mit der Geiselnahme in Brüssel und dem „Mené, mené, tekel"-Angriff auf dem Gipfeltreffen in Babylon in Verbindung steht, will nun die von den Christen vertretenen Ansichten auf dem Tempelplatz einführen. Zeugen haben gehört, wie Professor Fruchtenbaum seinen Nachfolgern sagte, dass sowohl der Prophet Jesaja als auch Jesus von Nazareth behauptet habe, der Tempel in Jerusalem solle „ein Gebetshaus für alle Völker sein"…

„Das heißt", beendete Adolf Engels seinen Bericht, „dass nicht nur die ultra-orthodoxen Juden und die palästinensischen Araber ihren Anspruch auf den Tempelplatz geltend machen wollen. Eine dritte, gefährliche Gruppe kommt nun mit ins Bild: die christlichen Fundamentalisten! Sie haben in allen Ländern und Landesregierungen ihre Anhänger. Ihre Lehre über den Bau des Tempels steht in direktem Zusammenhang mit ihrer Messiaserwartung."

Der Rapport endete: „Professor Joseph Fruchtenbaum wird vorläufig für 24 Stunden festgehalten, während derer er mit der Anklage, den Frieden auf dem Tempelplatz gestört zu haben, vor den Richter gestellt wird…"

*

„Das dreckige Dutzend" ist wohl die bekannteste Redensart, um eine Schar rachsüchtiger „Hasser" zu beschreiben, die mit drei „kriegsversehrten" Wüstenjeeps unterwegs waren, um an die Stelle in der saudiarabischen Wüste zu gelangen, an der der gekidnappte EU-Präsident mit dem Fallschirm gelandet war. Zu Anfang waren es 150 Gefangene gewesen, die die EU an Riad ausgeliefert hatte, damit diese nach arabischen Methoden einem „speziellen Verhör" zu unterzogen wurden. Sie hatten nur eins im Sinn: „Ihre Rechnung zu begleichen". Als sie hörten, dass der EU-Präsident möglicherweise über saudiarabisches Territorium abgeworfen werden würde, kannte ihre Rachgier keine Grenzen. In den wildesten Phantasiebildern malten die früheren EU-Gefangenen sich aus, was sie mit Pierre Henri Clark anstellen würden, wenn er ihnen zwischen die Finger kam. In ihrem Blutrausch begaben sich die Rächer in verschiedene Richtungen, um sich von allen Seiten an die Abwurfstelle heranzupirschen. Es kam ihnen nicht in den Sinn, den Präsidenten zu töten. Alle dachten nur an eins: sie wollten ihn lebend fangen, um ganz persönlich einige der „Verhörsmethoden" an dem Mann auszuprobieren, der für die ihnen verursachten Qualen verantwortlich war, da er heimlich die Genehmigung erteilt hatte, das in der Verfassung festgelegte Verbot gegen Folter auf diese Weise zu umgehen.

Die narbigen, halbblinden, hinkenden, stummen und psychisch gezeichneten Bluträcher bekämpften einander, um als erste zu ihrer Beute zu gelangen. Mit ihren farbigen, in Arabisch beschrifteten Kopfbinden und europäischen Slogans durchkreuzten diese früher gefolterten Männer in verschiedenen Suchkonvois die Wüste. Den saudiarabischen Regierungstruppen war diese unheimliche Menschenjagd aufgefallen, doch sie hielten sich (nach Befehl von höchster Stelle) aus der mörderischen Verfolgung heraus. Sie übersahen es, wenn diese Rachsüchtigen aufeinander schossen, um Mr. Clark als erstes zu erwischen. Niemand rechnete damit, dass der Präsident überleben würde, und niemand würde seine furchtbar zugerichteten irdischen Überreste ausliefern wollen. Keiner empfand die Notwendigkeit zu wissen, wo er begraben sein würde, denn keiner wollte die Leiche identifizieren müssen, denn dadurch wäre die ganze Welt Zeuge dessen, was arabische Verhörsmethoden ausrichten können…

„Das dreckige Dutzend" war mit seinen drei Fahrzeugen der Stelle am nächsten, an der der Präsident sein musste. Es waren zwölf Männer, die alle in irgendeiner Form vom Terrorismus geprägt waren. Sie hatten alle Blut an ihren Händen, und waren alle unter dramatischen Umständen durch EU-Spezialeinheiten in Gefangenschaft geraten. Alle waren in berüchtigten Gefängnislagern interniert gewesen, in denen sie unaufhörlich unter Demütigungen gelitten hatten. Jahrelang waren sie ständigen Verhören ausgesetzt gewesen, und alle hatten sie geschwiegen…, bis sie zur „Sonderbehandlung" nach Saudi Arabien gesandt wurden. Dort wurden sie alle gebrochen! Sie hatten gelernt, so lange zu reden, bis sie auf freien Fuß gesetzt wurden. Ein brennender Hass gegen das System verblieb in ihren Herzen. Es hatte ihnen Gesundheit, Bewegungsfähigkeit und Verstand geraubt.

Auf ihrem Feldzug durch die Wüste waren sie wild und unbeherrscht gewesen. Sie hatten mit ihren Handfeuerwaffen in die Luft gefeuert und ihren Zorn herausgeschrieen, doch nahe am verborgenen Ziel, verhielt sich die Bande still und introvertiert. Mit bösen Blicken stierten sie in die Ferne. Sie waren wie ausgezehrte Wüstenwanderer, die ihren brennenden Durst nur noch an der aus Rache gespeisten Quelle stillen konnten. Sie wollten Blut sehen! Das Blut des Präsidenten!

Deshalb erhob sich ein sehnsüchtiges Murmeln von den Zwölfen, als sie plötzlich unter der sengenden Sonne wie bei einer Fata Morgana eine einsame Gestalt entdeckten, die ihnen von einem nahe gelegenen Höhenzug zuwinkte. Sie lachten alle hasserfüllt, vor lauter Wiedersehensfreude, als sie den Mann sahen, der ein zerfetztes Hemd in der Luft herumschwenkte. Ihre Finger strichen liebkosend über den Abzugshahn ihrer Pistolen und Gewehre. „Keine Schiesserei", befahl der dunkelbärtige, narbige Mann am Steuer des ersten Jeeps. Den anderen wurde ein entsprechendes Zeichen gegeben. Sie signalisierten mit ihren Händen, dass sie verstanden hatten.

Die drei Jeeps näherten sich dem Höhenzug, der wie eine glückliche Koralleninsel im mächtigen Ozean des nervtötenden Flugsandes aussah. Eine paradiesische Insel der Befreiung und Zufriedenheit, ja, eine Erlebnisküste, die noch von niemandem betreten worden war. Der Mann winkte wie wild mit seinem Hemd. Er war wie ein Schiffbrüchiger, der Angst hatte, dass er möglicherweise nicht gesehen worden war, und die Rettungsmannschaft in den drei Booten an ihm vorbeirudern könnte. Einen Augenblick lang waren die Zwölf beunruhigt. Wenn dies der Präsident war, musste er doch wissen, dass seine bittersten Feinde in der Nähe waren. Von daher müsste er eigentlich mehr daran interessiert sein sich zu verstecken als sich offen zur Schau zu stellen? Warum kroch er nicht tief in einen Felsenspalt hinein, um sich zu verstecken, bis die größte Gefahr vorüber war? Was war das Geheimnis hinter dieser offenkundigen Erscheinung?

Die drei Jeeps näherten sich zögernd. „Das dreckige Dutzend" kannte alle Arten „schmutziger Tricks". Sie vertrauten auf nichts und niemanden. Nun waren sie nur noch einige hundert Meter von der Gestalt entfernt, die in der sengenden Hitze auf dem goldenen Höhenzug zu tanzen schien. Das zerrissene, weiße Hemd erschien wie ein Zeichen völliger Ergebung. Es war die weiße Fahne des EU-Präsidenten. Die endgültige Niederlage der Kreuzritter. Wieder einmal hatte Saladin gesiegt.

„Salah-ud-din", flüsterte einer der Zwölf. Er fühlte sich ins zweite Jahrtausend zurückversetzt. Es war, als ob vor ihm ein hoch gewachsener, Turban bekleideter Krieger herzöge! Der ägyptische Sultan kurdischen Geschlechts; der Überwinder Jerusalems. Der Vernichter des 3. Kreuzzuges und nun der Beherrscher des europäischen Präsidenten: Saladin…

… doch was die Zwölf nicht wussten, war, dass in einigen Minuten die Hölle los sein würde! Bevor die Sonne untergeht, würde ihr Blut im Sand versickert sein; sechs von ihnen wären wieder in Handschellen!

„Der Schiffbrüchige" schien verstanden zu haben, dass „Hilfe" unterwegs war. Er tanzte wie ein Verrückter. „Das schmutzige Dutzend" war jetzt nur noch 200 Meter von ihrem großen Ziel entfernt, ihre Rachgier stillen zu können!