DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 12

Jan Apostolou und Jack Robinson gingen verwundert den Prozessionsboulevard hinunter, in südwestlicher Richtung zum Ishtartor, das in das Palastgebiet Babylons führte. Der Wiederaufbau des zwischen dem Euphrat und Tigris gelegenen Altbabylons konnte sich in jeder Weise mit dem damaligen Pomp und der Pracht des babylonischen Reiches messen. Die beiden jungen Männer gingen auf die fünf im Staatsgebiet liegenden Gebäudeblöcke zu, dessen zentraler Block mit blauen, glasierten Ziegeln dekoriert und von einem Säulengang umgeben war. In diesem befand sich der so genannte „Thronsaal". Hier sollte das vornehme Zehner-Gipfeltreffen stattfinden. Es war genau der Ort, an dem die Herrscher der Antike ihre Feste gefeiert und der in der Bibel erwähnte Belsazar sein berühmtes Gastmahl abgehalten hatte, bevor er wenige Stunden später vom Meder Darius ermordet wurde. Nach einer zügellosen Nacht verschied auch Alexander der Große im Jahre 323 vor Christus an eben diesem Ort.

Die beiden Männer mussten auf ihrem Weg dorthin immer wieder ihre Personalien und persönlichen Zugangskodes angeben, aus denen hervorging, dass sie dazu ausersehen waren, bei einem kurzen Programmpunkt der von den Medien mit großem Interesse bedachten Eröffnungsveranstaltung mitzuwirken. Diese bestand aus einer dreiminütigen, festlichen Präsentation, die unter der Bezeichnung „das Projekt" lief. Der EU Vizepräsident war für dieses Arrangement zuständig. „Ursprünglich", erklärte John Edwards in klagendem und betrübtem Ton, „war unser geliebter Präsident, Monsieur Pierre-Henri Clark mit dieser Aufgabe betraut, doch", fügte er hinzu und seufzte tief, „wie Sie alle wissen, kann er wegen der vor einigen Tagen in Brüssel stattgefundenen, verbrecherischen Geiselnahme nicht bei uns sein." Denjenigen, die an Edwards Erklärungen interessiert waren, gab er zum Abschluss folgendes Wort mit auf den Weg: „Persönlich bin ich sicher derjenige unter den Mitarbeitern des Präsidenten, die ihm am nächsten standen. Ich habe ihn oft darüber sprechen gehört, mit welch großem Interesse er dieses Projekt verfolgte; deshalb betrachte ich es als eine besondere Ehre und als Vorrecht, anlässlich dieses Gipfeltreffens bei dieser Präsentation mitwirken zu dürfen.

„Das Projekt" war die erste Präsentation des „Turmes", der zukünftig als „ Kennzeichen" Babylons gelten sollte. Die drei kostbaren Minuten sollten in Anwesenheit der zehn mächtigsten Männer der Welt dazu genutzt werden, in einer Flut von Licht und Farben das außergewöhnliche Design darzustellen, welches dem Turm „der bis in den Himmel ragt" zugrunde liegt. Die gesamte, weiß getünchte Wand des Thronsaales war für diese 180 Sekunden dauernde aufwendigen Darstellung einer neuen Welt zur Verfügung gestellt worden, die sich trotz 9/11 nicht vor „Türmen" fürchtete, sondern sich erdreistete, das Projekt zu vollenden, das die ersten Bewohner Babels aufgrund von Meinungsverschiedenheiten hatten aufgeben müssen.

„Wenn es etwas gibt, das eine Welt mit einer Regierung und einem gemeinsamen Ziel beschreiben kann, dann ist es der Turm zu Babel", hatte der EU-Präsident geäußert. Deshalb war diese Region dazu ausersehen, das edle Ziel dieser Vorführung vorzustellen…"

Die modernsten technischen Ausrüstungen waren aufgebaut. Die Mitarbeiter, die für die 3-minütige Vorführung zuständig waren, hatten sich eingefunden. Die riesige Endwand des Thronsaals schien eine ideale Leinwand für die lebendigen Bilder zu sein, die dreidimensional dargestellt werden sollten. Stundenlang hatte man Soundchecks gemacht. Bis zur letzten Sekunde war die anspruchsvolle Präsentation durchgeplant, dass nichts dieser kostbaren drei Minuten vergeudet würde.

„Warum machen wir das hier?" fragte Jack Robinson, als sich die geladenen Gäste nach und nach einfanden. Die Helme tragenden Männer der babylonischen Garde waren wie aufrechte, flammende Leuchter. Ihre antiken Schwerter und goldene Brustplatten glänzten. Die Bankettszene ähnelte einem Mosaik farbiger Steine aus der ersten persischen Dynastie. „Es wäre besser gewesen, eine Bombe zu zünden!" entfuhr es Jack.

„Du bist unverbesserlich", wandte Jan ein, während er vorsichtig die computergesteuerte Apparatur einstellte, „du wirst sehen, dass unsere drei kurzen Minuten „Aktion" eine größere Erschütterung verursachen werden als deine Bomben!"

Die Damen, die an den Tisch geführt wurden, waren nach der damaligen, urzeitlichen „Christian Dior Mode" gekleidet. Dabei war „das Assyrische" tonangebend: Gigantische Kimonos, Hüte, die veralteten Bauten ähnelten, Seidenkleider mit Blumenmustern und Puffärmeln, die „Belle Epoche Eleganz", stilechte, hübsche Schuhe, die nur einem Zweck dienten: vorgeführt und verkauft zu werden…

Eine Truppe persischer Akrobaten trat auf. Zur allgemeinen Unterhaltung der Gäste schwangen sie ihre aus der Akkadien Periode (3. Jahrtausend vor Christus) stammenden Schwerter.

An den Wänden entlang waren Relieflöwen aus glasiertem Stein angebracht. Sie sollten die Atmosphäre aus der neo-babylonischen Zeit des Nebukadnezars (605-562 v.Chr.) widerspiegeln. Keiner der vornehmen, heiteren Gäste ahnte, dass sie in wenigen Augenblick genau in die Zeit zurückversetzt würden, in der jene dramatischen, historischen Ereignisse stattgefunden hatten, die zum Fall Babylons führten …

Das festliche Bankett, mit Vasen und Schüsseln aus Mesopotamien und dem früheren Westiran geschmückt, war in zehn Abschnitte aufgeteilt, ganz nach der in zehn Regionen aufgegliederten Weltregierung. (so wie diese Regionen bereits im Jahre 1968 im Revolutionsrat in Rom vorgeschlagen wurden): zuoberst: 1. Region, die aus Nordarmerika und Kanada bestand, dann die 2. Region: West Europa, danach die 3. Region: Japan, weiter: die 4. Region: Australien, Israel und Südafrika.

Die Bediensteten, die als Sklaven verkleidet waren, führten die freudig erregten Gäste unterwürfig an die reservierten Plätze, sodass die Regierungsmitglieder mit ihren Gemahlinnen oder „Partnern" aus Osteuropa und Russland sich auf den für die 5. Region bestimmten Plätze niederließen. Die lächelnden, gestikulierenden Paare aus Lateinamerika platzierte man in der 6. Region, während der Nahe Osten und die arabischen Lande in der 7. Region angebracht wurden. Den dunkelhäutigen, afrikanisch gekleideten Würdenträgern wurden ihre Plätze in der 8. Region zugewiesen, Südasien, Indien, die Philippinen und die bunt gemischte Bevölkerung dieser Gegend ließen sich auf den für die 9. Region vorgesehenen Plätze nieder, die Weltmacht China auf den der 10. Region

Als man den Wein hereinbrachte, wurde dieser historische Augenblick dadurch unterstrichen, dass man die besten Weine der verschiedenen Weltteile nicht nur vorstellte, sondern auch erwähnte, aus welchen persischen Altertumsgefäßen diese eingeschenkt würden. „Dieser südafrikanische Wein zum Beispiel wird von einer Weinkanne aus dem Tempel des Mondgottes Sin eingeschenkt", hieß es mit gedämpfter Stimme über den Lautsprecher. „Dieser spanische Wein wird in einer Weinkanne, die aus der zweiten Periode der frühen Dynastie stammt und dem Tempel des Gottes Abu al Eshnunnes entnommen wurde, serviert", ging es mit der Aufzählung weiter. „Dieser französische Wein wird aus einem aus der gleichen Periode stammenden Weingefäß ausgeschenkt, ein geweihter Gegenstand aus dem Shara-Tempel…. und dieser kanadische Wein wird in einer Weinkanne gleichen Datums aus dem Nintus Tempel serviert."

Ein arabischer Scheich erhob sich und rief: „Wir freuen uns darauf, den israelischen Wein vom Berg Karmel zu probieren, und gehen davon aus, dass uns dieser in einem aus dem Jerusalemer Tempel stammenden Gefäß dargereicht wird."

Alle Gespräche verstummten. Einen Augenblick herrschte eine fast andachtsvolle Stille im Thronsaal. Dann erklang mit der sanften Tafelmusik als Hintergrund eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Selbstverständlich, Ihre Hoheit, wird auch dieser Wunsch in Erfüllung gehen! In diesem Augenblick werden mehrere Tempelgefäße aus der Schatzkammer des babylonischen Königs geholt; sie stammen aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als der Tempel in Jerusalem durch Nebukadnezar zerstört wurde."

Bei dieser Mitteilung brach stürmischer Beifall aus! Die Musik spielte zum Tanz, und die Elite Babylons, - die Mächtigen der neuen Welt -, begab sich mit ihren männlichen und weiblichen Partnern auf die schwach erleuchtete Tanzfläche. Hier schwangen Männer mit Frauen und Frauen mit Männern das Tanzbein, ebenso wie Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzten. Es herrschte eine gute, ein wenig ausgelassene Stimmung. Als die Tempelgefäße aus Jerusalem hereingebracht und der funkelnde Karmelwein eingeschenkt wurde, kannten die Fröhlichkeit und das Jubeln keine Grenzen. Alle spürten den Augenblick der Einheit; es war, als ob in dieser Stunde der alte Fluch über Babel gebrochen sei. Durch die neue Weltordnung konnte nach und nach dieser alte Hauptsitz zurückerobert werden…

Vizepräsident John Edwards aus der 2. Region trat lächelnd ins Scheinwerferlicht. Er deutete auf die Wand des Thronsaals, die von einem riesigen, roten Bühnenvorhang bedeckt war. „Meine Damen und Herren", begann er. Zweifellos war dies der richtige Augenblick, das Babelturmprojekt vorzustellen. Alle im Saal erwarteten bewegende Minuten, denen eine tiefere Bedeutung beigemessen wurde. „Sie wissen alle mit welcher Trauer wir heute den leeren Stuhl vor uns betrachten; die ganze Welt weiß von dem tragischen Schicksal, das den EU-Präsidenten Pierre Henri Clark ereilt hat, wie er von einer Terrorbande als Geisel festgehalten wird, um unter anderem dieses faszinierende Treffen zwischen allen unseren zehn Regionen zu verhindern…"

Bei den Vorführgeräten hinten im Saal beugte Jack Robinson andachtsvoll seinen Kopf und hörte mit offensichtlichem Kummer die einleitenden Worte des Vizepräsidenten. Zu seiner Überraschung – wobei er ein Lächeln nicht unterdrücken konnte - hörte er danach den Vizepräsidenten sagen: „Aus zuverlässiger Quelle habe ich auf meiner Reise hierher vor einigen Stunden erfahren, dass der Präsident für die 2. Region, Mr. Pierre-Henri Clark noch am Leben ist. Wir haben Leute, die in diesen Stunden intensiv nach ihm suchen, und zwar in den saudiarabischen Bergen."

Bei diesen Worten erhoben sich Mitglieder der saudischen Königsfamilie und begannen zu applaudieren. Die ganze Versammlung stimmte in einen langen, herzlichen Beifall ein. Auch Jack Robinson klatschte begeistert im Hintergrund mit…

Als sich die Begeisterung etwas gelegt hatte und John Edwards wieder das Wort ergreifen konnte, hatte die persisch- inspirierte Hintergrundmusik bereits angefangen zu spielen. Voller Erwartung nahm die Versammlung wieder Platz. Das Licht wurde gedämpft, die Scheinwerfer fielen nur auf den Vizepräsidenten und den roten Bühnenvorhang vor der Projektionswand.

„Meine Damen und Herren, ich habe nun anstelle des Präsidenten Pierre Henri Clarks das Vergnügen, Ihnen ein Projekt vorzustellen, das mehr als alles andere die Nationen der Welt unter einer freien, demokratische Regierung vereinen kann. In den folgenden Minuten werden Sie mit Ihren Augen einen Entwurf sehen, das Sie bisher nur vom Hörensagen kennen…"

John Edwards hielt einen Augenblick inne. Der gewaltige, rote Vorwand glitt langsam zur Seite. Die ein wenig fremdartig anmutende, doch außerordentlich melodische Musik der mesopotamischen Harfen und Flöten wurde lauter. Bronzefarbige Sklaven trugen Steinlampen mit alten babylonischen Reliefen in den Saal. Die Leute waren begeistert. Krieger aus der frühen babylonischen Zeit nahmen ringsum an den Wänden Aufstellung; ihre Dolche, Schwerte, Bogen und Degen glänzten im Schein der Lichtkegel. Bildschöne Sklavinnen überreichten den Damen des Festsaals babylonische Gold- und Silberornamente, Edelsteine, Kosmetik, Spiegel, Armbänder und Ringe als Geschenk. Der Thronsaal hatte sich in wenigen Augenblicken in einen wahren Festsaal verwandelt, in dem nun ein Gastmahl gehalten wurde in der Art, wie es die babylonischen Könige vor über 2500 Jahren zu tun pflegten.

Der EU-Vizepräsident war ganz gerührt, als er in einem Augenblick spontaner Inspiration hinzufügte: „Die Bilder, die Sie jetzt zu sehen bekommen, werden nicht nur Ihre Herzen anrühren. Nein, sie stellen nicht alleine eine goldene, friedvolle Zukunft dar, sondern gelten gleichzeitig auch als Warnung an alle, die versuchen wollen, dieses Projekt zu behindern! Diese sollten, - wenn sie die Verwirklichung dieses Baus erleben -, den wir hier nur als einen wunderbaren, ja, göttlichen Plan vorstellen können, begreifen, dass die kommende Einweltregierung von nichts und niemanden aufgehalten werden kann…" Während mächtige Bronzegongs ertönten, und dumpfe kupferne Kesselpauken um die Wette schlugen, endete der Vizepräsident seine Rede, indem er warnend ausrief: „Die Gegner des Babelturmes sollten in dieser Stunde die Warnung ernst nehmen und sich die Schrift an der Wand merken …

In diesem Augenblick herrschte hinten im Thronsaal eine fieberhafte Geschäftigkeit. Neue Kodes wurden in das ultramoderne Vorführgerät eingegeben, die den weiteren Verlauf des Geschehens bestimmten. John Edwards hatte ja nicht ahnen können, dass der von ihm nur als Redewendung angewandte Ausdruck „Schrift an der Wand" nun durch die Computertechnik wirklichkeitstreu wiedergegeben werden würde. Inzwischen war der Vorhang ganz zurückgezogen. Nun konnte die von Jan inszenierte Vorführung beginnen: Heitere Stimmen wie von einem riesigen Festbankett waren aus den Lautsprechern zu hören. Die gleiche Musik, die kurz zuvor die verantwortlichen Männer und Frauen dieser Welt auf den Tanzboden begleitet hatte, vermischte sich nun mit den Computerbildern des Abends. Man sah Krieger, Sklaven und die zum Trinken erhobenen, mit dem Wein der Nationen gefüllten Tempelbecher. Die Stimme des arabischen Scheichs wiederholte deutlich die Worte: …"und wir gehen davon aus, dass uns der Wein aus den Gefäßen und Goldbechern des Jerusalemer Tempels eingeschenkt wird"… Das Bild hielt den Augenblick fest, in dem der ausgelassenen, tanzende Menge die goldenen Tempelgefäße aus der Heiligen Stadt gereicht wurden…

Die Versammlung saß wie versteinert da und verfolgte mit einem gewissen Unbehagen ihren eigenen Auftritt. Bei der Wiederholung der spottenden Worte des Araberscheichs über „die Tempelgefäße aus Jerusalem" erhob sich der in Weiß gekleidete saudische Kronprinz und griff nach seinem Dolch. Er spürte, dass beleidigende Worte in der Luft lagen. Der Redakteur der englischsprachigen Zeitung, Arab News aus Zeddah, filmte den verbitterten Prinzen. Westliche Diplomaten bemühten sich, ihre zu Tode erschrockenen Frauen zu beruhigen, als diese aus dem Thronsaal flüchten wollten.

In eben diesem Augenblick hörte die Musik auf zu spielen. Das Dröhnen der Pauken verstummte. Das laute Stimmengewirr erlosch. Einige wenige Ewigkeitssekunden herrschte eine totale –fast befohlene – andachtsvolle Stille im alten Thronsaal Nebukadnezars. Auf der Wand war der Finger eines Mannes zu sehen, der mit großen Buchstaben die Worte: MENÉ, MENÉ, TEKEL UFARSIN schrieb.

Während die Worte geschrieben wurden, schien der Finger die Buchstaben in die weiße Kalkwand einzugravieren. Eine dünne Rauchschwade, die – wie es schien - durch einen Laserstrahl hervorgerufen, sickerte aus den vier Worten heraus, die für allezeit auf der Endwand eingemeißelt zu sein schienen. Ja, einen Augenblick lang konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Worte nicht aufs Neue geschrieben, sondern nur aufgedeckt wurden, doch dies musste eine Sinnestäuschung sein. Der Kalk war von der Wand wie weggespült. Dabei kam die ursprüngliche Mauer zum Vorschein. Mit einer 2500-jährigen Verspätung waren diese vier Worte an ihr Ziel gekommen. Sie waren wie das Licht weit entfernter Sterne, die nach vielen Lichtjahren endlich die Erde erreichten. Im Thonsaal herrschte Totenstille. In atemlosem Staunen betrachteten die Staatsmänner, Politiker, Finanzfürsten und religiösen Führer der zehn Weltregionen das überraschende Phänomen, das sich vor ihren Augen abspielte.

Im nächsten Augenblick ging alles drunter und drüber. Eine wahre babylonische Verwirrung brach über den voll erleuchteten Festsaal herein. Araber und Chinesen, Spanier und Japaner, Amerikaner, Deutsche und Inder klammerten sich aneinander und versuchten, eine Erklärung für das Geschehene zu finden. John Edwards war bleich wie die Kalkwand, auf der die fremden Worte geschrieben standen. Zitternd, doch gefasst, trat er wieder auf die Plattform und bat um Ruhe. Nach einiger Zeit wurde es einigermaßen still, sodass er sich an die Versammelten wenden konnte.

„Darf ich darum bitten, den Vorhang wieder vor die Wand zu ziehen", begann er.

Man hörte einige Stimmen von hinten aus dem Saal, die ihm zuriefen, dass dies unmöglich sei, da das Computersystem nicht funktioniere, und die Verantwortlichen bereits den Saal verlassen hätten.

„Bitte schalten Sie das Vorführungsgerät aus, damit die Wand hinter mir nicht mehr angestrahlt wird!"

Die Stimmen aus dem Hintergrund erklärten, dass auch dies unmöglich zu sein schien. Schließlich wurde einfach der Strom abgestellt, sodass das an die Wand projizierte Bild mit den vier Worten verschwand. Die Worte selbst blieben jedoch auf der Wand stehen! Sie waren wie mit einem Laserstrahl eingebrannt.

Für die unruhige Versammlung musste eine Erklärung abgegeben werden. John Edwards war ratlos; er wusste nicht, wie er die Sache in Angriff nehmen sollte. Obwohl deutlich zu erkennen war, dass es den Feinden des Systems gelungen war, Unruhe und Verwirrung zu stiften, so war es für ihn eine weitere Niederlage, dies zugeben zu müssen.

„Dieser schlechte Spaß wird bald vergessen sein", erklärte er, „und so bald wir die Mauer gereinigt haben, werden wir mit dem eigentlichen Programm beginnen…"

„Was bedeuten diese Worte?" Die Frage wurde von allen Seiten in den Saal hineingerufen. Man schob einen Prälat aus dem Iran, der altaramäisch verstand, nach vorne. Er war ein bescheidener, gelehrt aussehender Mann mit einer riesigen Brille, der tagelang an den Vorbereitungen zu diesem Gipfeltreffen teilgenommen hatte. Sein Wissen über babylonische Kunst, Waffen, Geschichte und Musik hatte den Abend im Hinblick auf Unterhaltung und dem Schmücken der Festtafel geprägt. Nun war er aufgefordert worden, die besondere Botschaft, die auf der Endwand des Thronsaals stand, zu übersetzen bzw. auszulegen. „Was hat das alles zu bedeuten?" riefen die Festteilnehmer wieder. Man spürte, dass sie mehr aus Furcht als aus Neugierde nach einer Antwort verlangten.

Eine in Ohnmacht gefallene Afrikanerin wurde von einigen der anwesenden Ärzte aus dem Saal getragen. Ein indisches Staatsoberhaupt bekam Erstickungsanfälle. Er zeigte dabei mit dem Finger immer wieder auf die aus Jerusalem stammenden Tempelgefäße. Auch er wurde von den Ärzten hinausbegleitet. Der iranische Prälat suchte in Englisch nach Worten und erklärte schließlich: „MENÉ" heißt übersetzt „gezählt" und wenn dieses Wort zweimal vorkommt, bedeutet es „zu Ende gebracht"!

Die Versammlung starrte den Redner verständnislos an. „Das Wort bedeutet also", fuhr er fort, „Gott hat deine Tage gezählt und ihnen ein Ende gesetzt… oder besser gesagt: Gott hat die Tage deines Reiches gezählt und sie beendet!"

Ein kaum wahrzunehmendes Säuseln ging durch die Versammlung. Keiner wollte den Eindruck vermitteln, als ob ihm diese Botschaft etwas zu sagen hätte. Denn gerade die hier Versammelten waren davon überzeugt, dass Babylon für immer der zukünftige Hauptsitz der kommenden Weltregierung sein würde. Von daher konnten die Anzahl der Jahre für diese neue Weltordnung unmöglich begrenzt sein.

„Und was weiter?" riefen andere.

„TEKEL" ist eine Gewichtseinheit… so wie der israelische Schekel (ein irritiertes Murmeln war im Saal zu hören) und das Wort bedeutet: „Man hat dich auf der Waage gewogen, und zu leicht befunden!"

Wieder war eine gewisse Unruhe unter den vornehmen Gästen des Thronsaals zu verspüren; der iranische Übersetzer wurde nervös.

„PERES" bedeute: "Dein Reich ist zerteilt" wagte er weiter zu erklären. Die Unruhe hatte sich bis zum Lärm gesteigert. Wer wagte in dieser edlen Versammlung, die von allen Enden der Erde zusammengekommen war, um Einheit und Zusammenhalt zu demonstrieren, Spaltung und Teilung zu prophezeien? „Ufarsin" bedeutet auch, dass das Reich anderen gegeben wird" rief der gelehrte Iraner, bevor man ihm das Mikrophon aus der Hand riss. „Das Reich wird geteilt und anderen gegeben…"

*

John Edwards sah in diesem Augenblick nur noch einen letzten Ausweg. Der Vorhang konnte nicht zugezogen und die Worte nicht entfernt werden. Ihre Wirkung auf die Versammelten war nicht zu unterschätzen; etliche schickten sich bereits an, den Thronsaal zu verlassen! Wenn man nicht imstande war, zur selben Stunde eine zufrieden stellende Erklärung abzugeben, würde das ganze Gipfeltreffen bereits bei seiner Eröffnungsfeier Schiffbruch erleiden. Deshalb bat der Vizepräsident Bischof Robert G. Valentin nach vorne ans Mikrofon zu kommen. Denn plötzlich wurde ihm bewusst, dass es wohl kaum ein Zufall gewesen war, diesem Mann auf seinem Flug nach Babylon begegnet zu sein, und dass er in seinem Gespräch mit ihm darüber klar geworden war, dass er einer der treuesten Anhänger des Systems war. Denn der frischgebackene Bischof war ein leidenschaftlicher und verbitterter Feind der „Fundamentalisten", die mit Sicherheit hinter all dem Geschehenen standen. Und wenn etwas in der Bibel stand, das die für diesen Skandal verantwortlichen Täter als Motiv für ihren Angriff ansahen, dann war der Bischof der beste Mann, um diese Dinge wieder ins richtige Licht zu bringen…

Nachdem er der Versammlung kurz vorgestellt worden war, ergriff der Bischof das Wort. Er sprach bestimmt und mit einer gewissen Autorität. Die Zuhörer wurden durch sein ein wenig seltsam anmutendes Charisma mitgerissen.

…"in Wirklichkeit", begann er, „begann diese Eröffnungsversammlung im alten Thronsaal Nebukadnezars mit einem Abenteuer, an dem Sie alle haben teilnehmen können. Es schien dem Festveranstalter offenbar nicht ausreichend zu sein, unseren verehrten Gästen durch Kunst und Tanz das Gefühl zu vermitteln, ins alte babylonische Reich zurückversetzt worden zu sein. Nein, sie wollten, dass Sie an Ihrem eigenen Leib und mit Ihren Sinnen den Inhalt dieser uralten Legende erleben sollten, die man sich über diesen Ort erzählt. Dies ist ihnen so gut gelungen, dass wir alle mitgerissen wurden, und einen Augenblick lang glaubten, dieses Abenteuer sei Wirklichkeit …"

Beim Laut dieser einleitenden Worte und der ruhigen, herzlichen, ja humoristischen Art des Bischofs, beruhigten sich langsam die erhitzten Gemüter. Während das Licht im Saal gedämpft wurde und der riesige Theatervorhang langsam und würdevoll zugezogen werden konnte, begannen die persischen Harfen- und Flötenspieler wieder mit ihrer einschmeichelnden Musik die Luft zu verzaubern.

„Die alte Geschichte lautet so", erzählte der Bischof: „Zu einem Zeitpunkt sammelte der Herrscher Babylons, Belsazar, seine tausend Mächtigen, um in diesem Festsaal mit ihnen zusammen Wein zu trinken. Wie Sie es heute Abend erlebt haben, hatten die Krieger vor der Wand Stellung bezogen. Sklaven und Sklavinnen bedienten die vornehmen Gäste. Durch das professionelle und kreative Arrangement unseres Festveranstalters durften wir uns alle auf eine Reise in das Land der Legenden begeben. Dies geschah mit einer solchen Überzeugung, dass wir für einen Augenblick dachten, das Erlebte sei Realität."

Inzwischen hatten sich alle im Thronsaal wieder beruhigt. Wein wurde eingeschenkt, und überall hörte man die Leute lachen. „Das Abenteuer geht weiter", erzählte der Bischof auf lebhafte und faszinierende Weise, „und ich möchte, dass die Anwesenden verstehen, dass es sich nur um ein altes biblisches Abenteuer handelt. Die Begebenheit hat niemals wirklich stattgefunden! Dafür gibt es keinen historischen Beweis! Doch das Abenteuer selbst ist wahr, wie eben alle Abenteuer und Legenden wahr sind; sie haben uns etwas zu sagen. Und gerade heute Abend, an dem der Region 2 die Aufgabe anvertraut war, den phantastischen Entwurf des neuen Babelturms einer neuen Welt vorzustellen, war es den Arrangeuren dieser Show besonders wichtig, die verehrte Versammlung gleich zu Anfang mit in die Welt des Abenteuers hinein zu nehmen. Dies ist ihnen in einem solchen Maß gelungen, dass einige unserer geehrten Gäste ohnmächtig geworden sind…"

Als die Gäste dies hörten, brachen sie alle erleichtert in Gelächter aus und gaben dem Bischof stürmisch Beifall. Mit einem höchst gewinnenden Lächeln breitete er seine Arme aus. Während er weiter sprach, lauschte er angestrengt, um zu hören, was hinter dem Bühnenvorhang vor sich ging. Dort waren die Handwerker dabei, die große Wand zu reinigen. Der Bischof fuhr fort: „Das Abenteuer geht weiter, es berichtet uns, dass bei dem Gastmahl, das 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung in diesem Thronsaal stattfand, plötzlich eine Hand zu sehen war, die diese Worte auf die Wand schrieb: gezählt, gewogen und geteilt!" Genauso, wie es unseren Festarrangeuren heute Abend gelungen ist, diesen Teil des biblischen Abenteuers darzustellen.

Der König war damals noch schockierter als Sie es heute Abend bei unserer Vorstellung waren. Es wird uns berichtet, dass er leichenblass wurde, und dass „ihm die Beine zitterten". Ich weiß nicht, ob dem verehrten Vizepräsidenten auch heute Abend die Knie gezittert haben!"

Wieder brach die Versammlung in Gelächter aus. Der Vizepräsident stand auf und hob – zur Heiterkeit aller - abwehrend die Hände.

„Derjenige, der den Text übersetzen kann, wird der Legende zufolge „reichlich belohnt", und da es mir ganz lieb wäre, meinen Kontostand etwas zu erhöhen, will ich versuchen, den Text auszulegen, bevor wir in einem Augenblick den zauberhaften Film über „Das neue Babylon" zeigen.

„Hören Sie gut zu", begann der Bischof. Während das Licht im Festsaal heller wurde und die Musik aufhörte, stellte er den nächsten Programmpunkt vor. Die Versammlung saß angespannt vornüber gebeugt. Nie zuvor hatte man eine solch kühne, epochale Einleitung zu einer Projektvorstellung erlebt.

„Es geht eigentlich nur darum, dass wir ein Abenteuer ein Abenteuer sein lassen, und die Realität als Realität akzeptieren", schloss der Bischof. „Wenn wir jedes Wort in der Bibel „zählen und wiegen" würden, dann werden wir „geteilt". Doch wenn wir „die Gesamtsumme der Botschaft" verstehen, dann werden wir bestehen…"

Diejenigen, die jedes Wort „zählen und wiegen" werden „Fundamentalisten" genannt. Solche Leute gibt es heute leider noch in unserer neuen Welt! Diese religiösen Fanatiker werden den Gedanken an einen neuen Babelturm in Babylon hassen. Wenn wir den unwissenschaftlichen Behauptungen dieser sektiererischen Menschen folgen würden, wären wir geteilt und würden zugrunde gehen, doch wenn wir (so wie ich selbst in meinem eigenen persönlichen Leben dafür kämpfen musste) die Summe des Abenteuers gutheißen können, dann werden wir vereint bleiben können. Glauben Sie daher nicht an die falschen Warnungen der Männer, die den Untergang predigen. Wir gehen herrlichen, wunderbaren Zeiten entgegen. Zeiten mit Frieden, Fortschritt und Freiheit. Der dunkle Winter der Vorurteile ist vorbei. Ein neuer Frühling mit neuer Liebe und einer neuen Freiheit, so zu lieben, wie man will, und wen man will, ist angebrochen. Meine Damen und Herren, in diesem Sinne wird sich nun der Vorhang öffnen, damit Sie drei kostbare Minuten lang das neue Babylon bestaunen können."

Während der Bühnenvorhang sich öffnete, beendete der Bischof seine Rede mit den Worten: „Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und brennen… lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen, denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde …"

Während dem lächelnden, charmanten Redner brausender Beifall gezollt wird, schritten zwei junge Männer ruhig die Palasttreppe zu den hängenden Gärten hinunter. Hier wurden sie vom Chef der babylonischen Wache angehalten. „Guten Abend, meine Herren", sagte dieser freundlich. „Meine besten Glückwünsche zu Ihrer großartigen Aufführung! Wir haben alle die herrliche Abschlussrede des Bischofs über den Monitor mitverfolgen können, und wir gehen davon aus, dass das Programm plangemäß verlaufen ist."

„Ja, ganz plangemäß", antwortete Jan Apostolou. „Deshalb ziehen wir uns jetzt zurück. Unsere Aufgabe ist erfüllt!"

„Ja, aber die Show ist noch nicht zu Ende! Möchten die Herren nicht den eleganten Abschluss sehen, und am Ende mit in den Applaus einstimmen?" In der freundlichen Aufforderung des Chefs der Palastwache war ein leiser Unterton an Ironie zu hören.

„Nein, danke, wir sind müde und wollen schlafen gehen!" antwortete Jack Robinson, während er sich aufmerksam in der prachtvollen, üppigen Gartenanlage umsah. „Wir möchten bloß einen kleinen Spaziergang durch diesen berühmten Park machen, bevor wir uns zur Ruhe begeben."

„Gerne zeigen wir Ihnen die Gärten. Es gibt hier viel zu sehen…" Der Ton des Wachtmeisters wurde schärfer.

„Danke für Ihre Freundlichkeit, doch wir würden am liebsten ohne Begleitung gehen." Jack Robinson schätzte die fünf-sechs Männer ab, die er vor sich hatte.

Der Wachtmeister lächelte überlegen. „Passen Sie auf, dass Sie sich nicht verzählen", rief er warnend aus. „Es könnte sein, dass wir zahlreicher sind als Sie annehmen."

„Lauf!" rief Jack Jan zu, und schlug dabei gleich zwei Wächter zu Boden. Der Wachtmeister betrachtete Jan mit einem Lächeln, als dieser über eine Hecke sprang und versuchte, in der Dunkelheit zu entkommen. Ruhig beobachtete er, wie man ihn überwältigte und in Handschellen legte.

„Wo ist der andere geblieben?" fragte er.

„Er verschwand, doch man ist ihm auf der Spur!"

Zur gleichen Zeit waren Schüsse aus den in der Dunkelheit liegenden Gärten zu hören.

„Idioten!" rief der Wachtmeister. „Diese Vögel sollen lebend gefangen werden. Tote Vögel sind nichts wert!"

Mehrere Bedienstete trugen eine Gestalt zu ihm hin.

„Der andere ist entkommen! sagten sie ängstlich und zeigten auf die Stelle, wo Jack verschwunden war. „Einer unserer Männer ist leicht verletzt!"

„Bringt ihn weg!" sagte der Wachtmeister und zeigte auf Jan. „Der eine Vogel ist entfleucht, nun müssen wir den anderen zum Singen bringen. Und wenn er nicht unsere Lieder singen will", dabei unterdrückte er ein gemeines Lachen, „dann haben wir unsere Methoden, um ihn das Zwitschern zu lehren." Er schlug Jan hart mit der Faust ins Gesicht, sodass ein roter Streifen Blut aus seinen Mundwinkeln troff. „Wir haben viele Vögel in unserem Käfig", lachte er grimmig „und sie haben die merklichsten Melodien. Hier in Babylon singen sie in allen Sprachen – ja, selbst die kleinen Spatzen, die so still und scheu sind, wenn sie in unseren Vogelkäfig kommen, singen sie laut mit. Zu Anfang lassen sie den Schnabel hängen, doch dann gelingt es uns, sie zum Piepen zu bringen… und bald danach stimmen sie mit ein in die babylonischen Gesänge." Der babylonische Boss trat drohend an Jan heran und fauchte: „Du bist aus Israel hierher gekommen, habe ich mir sagen lassen. Du bist nicht zufällig ein kleiner flatterhafter Judenvogel. Für die haben wir eine besondere Vorliebe. Seit alter Zeit haben wir alle Arten von Judenvögeln das Zwitschern beigebracht. Ja, wir sind Meister darin; wir können ihnen mit unseren Methoden den Schnabel öffnen!" Der Wachtmeister holte wieder zu einem Schlag mit seiner großen Faust aus und traf den gefesselten Jan mitten ins Gesicht. „Weg mit ihm!" rief er. „Steckt den zerzausten Judenvogel in den Käfig!" Der Wachtmeister wischte sich das Blut von seiner rechten Hand. „Wir haben unsere Methoden" murmelte er leise. Seine Augen leuchteten krankhaft. „Wunderbare Methoden, die sie zum Piepen und Zwitschern bringen." Dann folgte er langsam seinen Leuten, die den in der Dunkelheit vorwärts stolpernden Jan Fußtritte versetzten. Der Wachtmeister summte verbissen…"Die Gesänge Babylons"… seine Stimme wurde melodisch… „Die Gesänge Babylons. Sie sollen mit einstimmen in den Gesängen Babylons!" Wie eine Unheil verkündende Drohung erlosch seine Stimme in dem finsteren Garten.