DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 11

Das Opfer Nr.16 des Vizepräsidenten hieß Paul Nashing, von Beruf Kunstmaler. Die EU konnte seine Malereien nicht ausstehen, da sie etwas Apokalyptisches an sich hatten. Paul Nashing wurde am 19. Oktober 1989 in Liverpool geboren und hatte für eine Reihe Zeitungen Kriegsbilder in Aquarell gemalt. Seine Wasserfarbenmalereien waren alle in durchsichtigen Farben, in der Art, wie man sie noch aus alter Zeit kannte.

Seine Weltuntergangsbilder waren meist in hässlichgelber Farbe gemalt. Sie drückten etwas Unsagbares und Erinnerungsloses aus, sodass das System ihm nichts anhaben konnte! Obwohl er mit blauer, grauer, goldener und terrakottener Farbe „Die neue Welt" ironisierte, und die Gräuel des Gogkrieges beschrieb, fiel er dem Überwachungsapparat erst auf, als seine surrealistischen „Traumlandschaften" (2046-48) mit den friedlichen Feldern und Wiesen, auf denen wütende Geier zusammenstieben, in der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Brüssel stufte diese als „gesellschaftsgefährlich" ein.

Paul Nashing erklärte im Gespräch mit John Edwards, dass er an Asthma leide, und dass er aus diesem Grund gleich nach der Rede des EU-Präsidenten den Kongresssaal eilig verlassen habe. Er leugnete ganz entschieden, sich gegen die Worte Mr. Clarks gesträubt zu haben, als dieser darüber sprach, dass „Europa einen starken Mann brauche, und dass sie ihm folgen wollten, ob er nun ein Gott oder ein Teufel sei…"

„Nein", erklärte Paul Nashing, „mein Asthma ist eine Art Atemnot, die in einem Anfall endet. Gründlich und gewissenhaft wie er als Künstler war, beschrieb er dem ungeduldig zuhörenden Vizepräsidenten seine Krankheit in allen Einzelheiten. „Mein Asthma ist bronchialer Art", erklärte er, „es verursacht ein krampfartiges Zusammenziehen der empfindlichen Verzweigungen in der Luftröhre. Ich muss gestehen", schloss er nachdenklich, „dass ich in dem Augenblick, als der Präsident den Teufel als möglichen Nachfolger einlud, die Atemnot bei mir anfing! Ja, als Mr. Clark sagte, dass Europa einem kommenden „starken Mann" folgen wolle, egal, ob er nun ein Gott oder ein Teufel sei, und danach ein brausender Beifall ausbrach, wäre ich fast erstickt! Aber ich bitte Sie, Herr Vizepräsident, mich recht zu verstehen. Dieser Erstickungsanfall hatte ausschließlich physische Ursachen …"

John Edwards betrachtete den britischen Kunstmaler, der ihm wie ein Fuchs erschien…

„Einige sagen", erklärte Paul Nashing weiter, „dass diese Krämpfe, die mich z.B. bei der ausgezeichneten Rede von Mr. Clark befielen, etwas mit dämonischer Aktivität zu tun hätten. Doch das ist – wie Sie wissen – natürlich Unsinn! Glücklicherweise ist man in letzter Zeit hart gegen Ärzte in verschiedenen europäischen Krankenhäusern vorgegangen, die meinen, dass gewisse psychische Leiden von Dämonen verursacht werden. Es ist gut, dass die EU sich dieser Sache annimmt! Diese Art von Sektenmenschen, sie kann ja den Leuten einen Riesenschrecken einjagen. Sie müssen auf der Stelle entlassen werden und sollen jeden Anspruch auf Pension verlieren…"

John Edwards beobachtete den Engländer mit wachsender Skepsis. Er konnte nicht richtig schlau aus ihm werden. Meinte der Kunstmaler wirklich, was er sagte, oder saß er nur dort und schwebte in einer surrealistischen Welt, in der seinen Worten eine ganz andere Bedeutung beizumessen waren?

„Wie z.B. die Rede unseres geliebten Präsidenten", fuhr Paul Nashing fort, während er seinen Kopf schräg zur Seite neigte, „wenn es dort Dämonen gegeben hätte, wären sie sicher durch den Kongresssaal gesaust, als Mr. Clark unter dem Beifall der Versammelten erklärte: „Und wenn es der leibhaftige Teufel ist, so wollen wir ihm folgen!" Solche „bösen Geister", habe ich mir sagen lassen, „können ganz außer sich geraten vor Begeisterung. Wäre dies der Fall gewesen, hätte meine Atemnot sehr wohl von der Bemerkung des Präsidenten kommen können. Doch hierbei sollten wir nicht den Beifall der Versammlung vergessen, Herr Vizepräsident! Die Versammlung stimmte in ihrer Meinung ganz mit der des Präsidenten überein. Die gesamte Kongresshalle jubelte – das habe ich mit meinen eigenen Ohren gehört – als unser EU-Präsident den leibhaftigen Bösen einlud, die Regierung zu übernehmen… und genau da überkamen mich diese widerwärtigen Krämpfe in der Luftröhre. Ich muss sagen, diese würde ich nicht meinem ärgsten Feind wünschen. Deshalb musste ich schnellstmöglich an die frische Luft…"

„Ich mag Ihre Malereien", unterbrach ihn John Edwards. „Und ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen!"

„Einen Vorschlag?"

„Ja, einen gut bezahlten Vorschlag. Wir könnten Ihr Talent bei unserer pädagogischen Arbeit gebrauchen: Buchumschläge, Plakate, Bilder… Ausstellungen mit anderen gleich gesinnten Malern."

„Gut bezahlt, das klingt wie Hochzeitsmusik in den Ohren eines armen Kunstmalers!"

„Ja, nicht wahr? Das heißt, dass wir Ihre hübschen Bilder unter dem Titel: „Traumlandschaften", die mit den Geiern, für eine Zeit beschlagnahmen werden.

„Welche Geier?"

„Ja, die wütenden Geier, in denen unsere Kunstkritiker eine gewisse Symbolik erkannt haben!"

„Symbolik?" Paul Nashing hielt seinen Kopf wieder schräg zur Seite, so wie ein lauschender Fuchs. „Sie meinen die kleinen Piepvögel? Die sind nicht „wütend". Sie singen fröhlich zur Ehre unseres Herrgottes; sie würden keiner Fliege etwas zuleide tun. Warum mögen Sie meine kleinen Piepvögel nicht?"

„Weil sie etwas symbolisieren!"

„Symbolisieren? Dieses Wort verstehen meine kleinen Piepvögel nicht einmal. Es ist viel zu lang und zu kompliziert. Das können sie nicht singen. Dann müssen sie nach Luft schnappen. So wie ich im Kongresssaal. Wenn sie übers „Symbolisieren" singen sollen, bekommen sie Krampfanfälle in der Luftröhre. Im Übrigen reimt sich dieses Wort auf nichts, deshalb können es die kleinen Piepvögel auch nicht singen…"

„Ausgezeichnet", unterbrach ihn John Edwards. „Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen. Ein anderes Mal sprechen wir weiter darüber."

„Sehr gerne", schloss Paul Nashing mit einem fuchsigen Lächeln. „Ich habe mich jedoch geirrt, bitte entschuldigen Sie, als ich sagte, dass das Wort „symbolisieren" sich auf nichts reimt. Das stimmt nicht! Es reimt sich auf „synchronisieren", doch wird es schwer sein, darüber einen Vers zu dichten."

„Das verstehe ich", antwortete John Edwards und erhob sich.

„Oh, das freut mich", rief Paul Nashing dankbar aus. Er schüttelte dem Vizepräsidenten herzlich die Hand. „Ich begegne so selten Menschen, die mich verstehen…"

John Edwards zog entsetzt seine Hand zurück.

„Keine wütenden Geier, Herr Vizepräsident."

Paul Nashing folgte seinem Gastgeber zur Tür.

„Nein, kleine Piepvögel, die für unseren Herrgott singen; das ist die rechte Interpretation!"

Die Tür schloss sich hinter John Edwards, der eilig den Gang entlang lief. Paul Nashing war im Büro geblieben; er machte es sich auf einem Stuhl bequem und lehnte sich zurück. Auf seinem Gesicht war ein seltsames Lächeln zu sehen… Dann musste er laut lachen, in einer Art, wie dies nur schlaue Füchse tun können!

John Edwards hingegen eilte zum geplanten Treffen seiner engsten Mitarbeiter. Noch wusste keiner, was mit Mr. Clark geschehen war. Es hatte sich Unruhe ausgebreitet, da die meisten die Geiselnahme mit dem „Kirchenaufruhr" in Verbindung brachten. Nun war die Stunde gekommen, in der hart eingegriffen werden musste gegenüber solchen „Kirchenrebellen"…

John Edwards sah auf seine Uhr. Es galt keine Zeit zu verlieren. Noch heute musste er den Flug nach Bagdad erreichen. Morgen sollte er in Babylon an den Vorbereitungen zum großen Gipfeltreffen „der Zehn" teilnehmen, und man würde ihm im Hinblick auf Mr. Pierre Henri Clark Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte…

Der vom Geheimdienst als „Kirchenrebellion" bezeichnete Aufruhr war kein offener Krieg gegen ein kommendes globales Totalitärsystem. Jedenfalls nicht offiziell! Die leitenden Männer dieses Aufruhrs bezeichneten jedoch die wachsende Verfolgung und den vorgelegten Weltverfassungstext als einen „Krieg gegen die Heiligen". „Wie in jedem anderen Krieg muss Widerstand geleistet werden", erklärten sie. „Denn auch wir haben einen Feind, der bekämpft werden muss…"

In den letzten Monaten war eine bestimmte Art Krieger an die Front gesandt worden. Sie hatten die offenen Grenzen der EU genutzt und sich über die ganze Union verteilt. Sie waren wie eine Guerillastreitmacht, die nun bereitstand, um den Vormarsch der nachfolgenden „Truppen" zu leiten. In den vergangenen Jahrzehnten hatten sich viele der Männer, die nun zur „Kirchenrebellenelite" gehörten, bei den mehr organisierten Einsätzen zurückgehalten. Doch diese Zeit war nun vorbei! Nach und nach war es der internen Leitung der Kirchenrebellen klar geworden, dass der Feind, den sie bekämpften, aus einem unsichtbaren Heer von Beamten des Systems bestand, das einigen „unausgesprochen, in der Luft schwebenden Befehlen Folge leistete. Sie hatten einsehen müssen, dass ihre Gegner überall und nirgends waren. Sie waren zu der Ansicht gelangt, dass einige ihrer Leute ins Feld ziehen mussten, die genauso clever, willig, selbstaufopfernd und zu einem gewissen Grad rücksichtslos waren wie ihre Feinde. Sie mussten ihr neues Heer nach der Strategie von James Bond aufbauen. Die „Kirchenrebellen" sahen sich genötigt, ein Netzwerk zwischen den früheren europäischen Ländern zu errichten. Die Missverständnisse und Fehler, die dazu geführt hatten, dass der Gogkrieg eine grausame Realität geworden war, da man nicht vermocht hatte, alle Gläubigen rechtzeitig zu warnen, durften nicht wiederholt werden!

Jan Apostolou war einer dieser heimlichen, geistlichen „Frontsoldaten". Man hatte sich bemüht, seine wirkliche Identität zu verbergen, sodass nicht einmal die ihm am nächsten Stehenden von seinem eigentlichen Auftrag und seiner Mission wussten. Jan hatte sich gegenüber Professor Fruchtenbaum und John Williams Andersen sehr zurückgehalten. Nicht einmal Antoinette Dupont kannte sein wahres Ich. Jan Apostolou gab allen ein Rätsel auf…

„Der Krieg gegen die Heiligen" hatte allen Ernstes am 9. November, fünf Jahre vor Ausbruch des Gogkrieges, begonnen. Bereits Anfang des Jahrhunderts wurden aufgrund des wachsenden Widerstands gegen die damals vorgelegte EU-Konstitution Verfolgungen in Gang gesetzt. Alle Namen und Personalien potentieller Gegner waren in den Brüsseler genauestens Akten verzeichnet. Unmittelbar nach dem Gogkrieg wurde Jan Apostolou mit einem neueren Model des in der früheren Sowjetunion gebauten MI-17 Helikopters in den Nahen Osten gebracht. Zuvor hatte er Filmaufnahmen im Panshirtal, nordöstlich von Kabul, gemacht, und dies war nun seine letzte, geheime Transportmöglichkeit gewesen. Seitdem war er als Filmproduzent mit „einem besonderen Interesse am Tempelplatz in Jerusalem" im Nahen Osten tätig. Jan war jedoch mehr mit seinem Laptop beschäftigt als mit seiner Kamera. Täglich sandte er Berichte an die „Farm", die in einem dicht bewachsenen, 100 Hektar großem Waldgebiet in den Bayrischen Alpen lag. „Was schreibst du da eigentlich immer?" fragte Antoine neugierig.

„Tagebuch!" antwortete Jan lächelnd. „Es passiert jeden Tag so viel, dass ich kaum mithalten kann…!

Einige Minuten später lag die große EU-Transportmaschine im Sand, nur 50 Meter von John Williams Jeep entfernt. Jack Robinson kam rasch auf sie zu. Jan Apostolou lief ihm entgegen.

„Natürlich kannst du Richtung Süden mitfahren!" rief er lachend, während er Jack herzlich die Hand schüttelte. Antoinette betrachtete überrascht die freundliche Begegnung. Es beunruhigte sie, dass die beiden jungen Männer wie alte Freunde miteinander sprachen. Kannten Sie einander? Was war das für eine heimliche Beziehung, von der sie nichts wusste? Was war das für ein unlösbares Rätsel, das man hinter dem äußeren Auftreten Jans vermuten musste?

„Dies ist Jack Robinson, der Geiselnehmer des EU-Präsidenten!" stellte Jan den Neuangekommenen vor. Jack lächelte und grüsste John Williams und Antoinette. Die Situation war ein wenig angespannt. Das schräg einfallende Sonnenlicht schien wie der Lichtkegel einer Theaterlampe auf die kleine Menschenansammlung, die vor der havarierten EU-Transportmaschine stand. Der eine Flügel des Flugzeugs zeigte zum Himmel, sodass das Eiserne Kreuz wie eine schwarz gemalte Kulisse hinter den vier auf der Bühne befindlichen Personen anzusehen war. Nun kamen drei weitere Personen hinzu: Zwei Piloten und ein Steward, der dem EU-Präsidenten als Hilfe zur Seite gestellt worden war, kletterten aus dem Flugzeug. Alle sieben standen eine Weile still und starrten einander an. Etwas kühl schüttelte Antoinette Jacks Hand. Danach wandte sie sich gleich an den einen Piloten: „Sie sind verletzt", rief sie aus, als dieser sich das Blut von der Stirn abwischte.

„Es ist nichts Ernstes!" antwortete er. „Nur eine Schramme…"

„Sie werden hiermit zu Schafshirten ernannt!" John Williams Andersen brach das Schweigen. Er erfasste sogleich den Ernst der Situation und schritt zur Handlung. Seine „Ernennung" galt den drei Neuankömmlingen des Flugzeugs.

„Schafhirten?"

„Ja, Sie sehen die Herde um Sie herum und hören das Blöken der Schafe. Es sind insgesamt 50 Tiere, Schafe und Ziegen, die Sie in Sicherheit bringen sollen, und zwar zum Hirten, Machmed, der sich drei Tagesreisen von hier in der Nähe von Bozra niedergelassen hat…"

Die Piloten und der Steward starrten John Williams ungläubig an. Dieser fuhr fort: „Wir werden Sie mit Proviant und Waffen versorgen, sodass Sie unversehrt zum früheren Grenzgebiet von Jordanien gelangen und die Herde in gutem Zustand wieder abgeben können!"

„In gutem Zustand?"

„Ja, in gutem Zustand… denn Sie sind in der schrecklichen Wüste Zin nicht allein!" John Williams deutete auf den Kampf, der vorm Eingang der Höhle stattgefunden hatte. Er sicherte ein Gewehr und übergab es den Piloten, zusammen mit etlichen Magazinen Munition. Jack machte eine viel sagende, warnende Bewegung mit der Hand, als ob er nach einem unter seiner Jacke verborgenen Gegenstand griff. Die Piloten nickten verstehend und abwehrend, dabei legten sie das Gewehr vor sich auf den Boden.

John Williams warf den dreien eine Tasche hin. „Hier ist Brot, Wasser und Feuer", rief er. „Die Herde gibt Milch, und Sie können unterwegs ein Zicklein schlachten, wenn Sie wollen. Gute Reise!"

Danach setzte sich der Jeep in Bewegung. Jack und Jan sprachen vertraut miteinander. Antoinette beobachtete sie mit steigender Unruhe…

*

Der Vizepräsident flog mit der Präsidentenmaschine. Diese war mit einem Salon, einem abseits gelegenen Ruheraum, sowie ausreichendem Platz für eine Hilfsgruppe und für Journalisten ausgestattet. Darüber hinaus gab es einen ausgezeichneten Speiseservice. Der Flug würde gut fünf Stunden dauern. Es war, als ob dieses Flugzeug mit den 18 Sternen des EU-Präsidenten schwerelos davon schwebte. Wenn man erst einmal an Bord war, konnte man sich gleich entspannen. Draußen vor den Kabinen war es in einer Höhe von 10 km seltsam weiß und kalt. Die Flügel glichen Flügeln aus Perlemutter. Vor ihnen lag Bagdad und … Babylon. John Edwards nippte am Wein; wie abenteuerlich das Ganze war!

Er bemerkte, dass sich jemand hinter ihn setzte. Das missfiel ihm. Es war weder günstiger Augenblick für ein Gespräch noch für irgendwelche Fragen. Die Maschine bebte; es war, als ob sie durch diesen unerwarteten Besuch nach unten gezogen würde.

„Wie angenehm es doch ist, mit der Präsidentenmaschine zu fliegen, nicht wahr?"

John Edwards Sinne versteiften sich; er hatte die Stimme wieder erkannt. Dieses Mal unternahm er erst gar nicht den Versuch sich umzudrehen; es wäre sowieso nutzlos.

„Schmeckt dem Vizepräsidenten der Wein?"

John Edwards nickte…

„Ein Burgunder 2038, nicht schlecht! Die Sonne im Weingebiet Ostfrankreichs hat es gut gemeint."

Die Stimme hinter John Edwards war tief und mild. Dann änderte sich der Tonfall. Sie klang scharf und empört. „Pierre Henri Clark ist noch am Leben!"

John Edwards stellte sein Glas von sich. Ob es die Maschine oder seine Hand war, die zitterte, schien unklar. Jedenfalls hinterließ der Wein ein paar rote Spritzer auf der weißen Tischdecke.

„Machen Sie sich nichts draus!" sagte die Stimme beruhigend. „Die Tischdecke lässt sich waschen. Dabei können rote Weinflecken entfernt werden… anders verhält es sich jedoch mit roten Blutflecken!"

„Was meinen Sie damit?"

„Wir kommen nicht ohne Makel ans Ziel, Herr Vizepräsident! Der Job muss erledigt werden. Die Saudis haben die genaue Position, an der der EU-Präsident abgesprungen ist. Sie müssen sicherstellen, dass er hier nicht auftaucht. Sie haben die Verantwortung für seinen Tod!"

John Edwards nickte.

„Ausgezeichnet", fuhr die Stimme hinter ihm fort. Der Tonfall hatte sich wieder etwas gemildert. „Im Hinblick auf die Vorbereitungen zum großen Gipfeltreffen „der Zehn" in Babylon, so haben Sie sowohl die Verantwortung für das ‚Projekt’ als auch für die neue Platzierung Israels innerhalb der zehn Regionen!"

John Edwards nickte wieder.

„Vergessen Sie nicht, dass die Welt sich nicht freiwillig zu einer Einheit zusammenschweißen lässt. Wenn ich komme, werde ich mich persönlich um die neue Weltregierung kümmern, doch Sie sollen mir den Weg vorbereiten. Ihre größte Aufgabe besteht zurzeit darin, die „Einweltkonstitution" einzuführen."

„Es gibt Widerstand!" flüsterte John Edwards…

„Den gab es auch, als die EU-Konstitution am Anfang dieses Jahrhunderts eingeführt wurde. Sie wurde jedoch niedergeschlagen! Wenden Sie die gleichen Methoden an wie damals: Überwachung, Verfolgung, Schmierkampagnen, Gefängnis und gute pädagogische Propaganda. Denken Sie daran: An eine kleine Lüge glaubt niemand! Der großen Lüge glauben alle!"

Das Flugzeug bebte wieder, doch gewann es weiterhin an Höhe. Der Unbekannte hinter dem Vizepräsidenten war so schnell wie er aufgetaucht auch wieder verschwunden. Eine leichte Unterhaltungsmusik klang aus den Lautsprechern. John Edwards atmete erleichtert auf.

*

Unter der Expertengruppe, die am 9. April dieses Jahres beim Gipfeltreffen in Babylon mitwirken sollte, war auch der bekannte, episkopale Pfarrer aus New Hampshire, Robert Genf Valentin, der 2 Wochen zuvor einen solchen Wirbel in der kirchlichen Welt verursacht hatte. John Edwards betrachtete ihn mit einem gewissen Interesse. Robert Valentin hatte sich etwas abseits gesetzt und las in einigen theologischen Schriften. Er wollte momentan offenbar nicht gestört werden, denn bis zu dem Zeitpunkt, als er in die Präsidentenmaschine einstieg, war ihm die Menge neugierig gefolgt.

Der 56-jährige Pfarrer war auf einem Konvent in Minneapolis, Minn., USA, von 62 der 107 anwesenden Bischöfe in das hohe Amt des Bischofs in der episkopalen Kirche gewählt worden. Die Sache hatte Aufsehen erregt, denn Pfarrer Robert Valentin war geschieden, Vater zweier Töchter, und hatte in den letzten Jahren mit seinem Partner in einem offenen homosexuellen Verhältnis gelebt. Ihm war nun vom EU-Präsident die Verantwortung für ökumenische, religiöse Zeremonien in Verbindung mit diesem „Zehn Regionen"-Gipfeltreffen übertragen worden. John Edwards, der nach dem unangenehmen, wiederkehrenden Erlebnis „einer zu ihm sprechenden Stimme" noch frustriert und beunruhigt war, nahm sich vor, sich mit dem frischgebackenen Bischof in Verbindung zu setzen, sobald er etwas zur Ruhe gekommen war. Eine halbe Stunde später saßen die zwei in einem vertraulichen Gespräch beisammen. Der Vizepräsident hörte sich die Erklärung Valentins mit offensichtlichem Interesse an…

„Es sind nun 17 Jahre her, dass ich „ja" gesagt habe zum Ruf Gottes, mich offen zu meiner Homosexualität zu bekennen", erklärte der Bischof.

„Zum Ruf Gottes?" John Edwards schien überrascht und interessiert, „Sie bezeichnen dies als einen „Ruf Gottes"?

„Ja", antwortete Bischof Valentin nachdenklich. „Gott ruft damit seine Kirche auf, an dem Evangelium der Nächstenliebe festzuhalten. Das heißt, dass sich die Kirche nicht mehr an einzelnen, losgelösten Schriftstellen orientieren soll, die verurteilend sind, sondern dass sie von nun an den Weg der Liebe beschreiten soll, der „in seiner Ganzheit" das Zeugnis des wahren Evangeliums darstellt…"

„Ja, sieh mal einer an", sagte John Edwards, „ das haben Sie aber sehr schön gesagt; das muss doch jedermann einsehen können!"

Bevor Bischof Robert G. Valentin an Bord der Präsidentenmaschine ging, hatten ihn zwölf Kollegen unter der Leitung eines Bischofs aus Pittsburgh, Pa. zurückgehalten. Sie hatten ihm zugerufen, dass „seine Ernennung ungültig sei und dass er seiner Autorität enthoben sei!"

„Wenn Sie aus Babylon zurückkommen, werden Sie einen Brief in Ihrer Sakristei vorfinden! hatten sie hinzugefügt. „Ihr bischöfliches Gewand ist zerrissen und Ihr Bischofsstab zerbrochen! Ihre hohe Bischofsmütze liegt zertreten auf dem Boden."

„Auf dem Boden? rief John Edwards aus. „Diese Männer müssen verhaftet werden! Sie sind Rebellen! Sie sind sowohl für die Gesellschaft als auch für die Kirche gefährlich!"

„Sie haben Recht!" antwortete der Bischof betrübt. „In dieser Sache ist es jedoch von äußerster Wichtigkeit, dass vorsichtig vorgegangen wird. Alleine meine Religionsgemeinschaft hat um die 70 Millionen Mitglieder, die sich herausgefordert sehen! Sie haben Kirchen … und öffentliche kirchliche Einrichtungen in jeder Stadt! Im Augenblick wird durch die öffentlichen Schriften aus Jerusalem gelehrt, dass der so genannten „feministischen Welle", die in den letzten Jahrzehnten die ganze Welt in erobert hat, nun eine noch mächtigere „homosexuelle Welle" folgen wird. Deshalb ist es gut, dass die erste globale Konstitution, die EU-Verfassung, im Jahre 2005 bereits das Verbot über Diskriminierung in Bezug auf verschiedene sexuelle Ausrichtungen erlassen hat. Diese Linie soll in der neuen Weltkonstitution nicht nur weiter verfolgt sondern auch noch verschärft werden!"

John Edwards hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Er ahnte, dass er den Mitteln auf der Spur war, durch die den Kirchenrebellen das Handwerk gelegt werden konnte.

„Ich schlage deshalb vor, Herr Vizepräsident", fuhr der Bischof, durch die entgegenkommende Haltung John Edwards ermutigt, fort, „dass das Zehner-Gipfeltreffen der Ort sein sollte, an dem eine für homosexuelle Trauungen weltweit gültige Liturgie eingeführt wird. Die unbedeutende Zeremonie, die bislang Gültigkeit hatte, durch die homophile Paare gesegnet werden konnten, reicht nicht aus. Die Kirche und die politische Macht müssen hier Schulter an Schulter zusammenstehen!"

„Und der Erzbischof von Canterbury?"

„Er wird mit uns Schritt halten!"

„Und die übrigen traditionellen Kirchen?"

„Presbyterianer, Methodisten und Lutheraner haben sich mehr oder weniger übergeben. Alle anderen haben wir in die Flucht geschlagen. Doch werden sie sich wohl oder übel in der Kirchenvorhalle verschanzen. Sie sind todgefährlich; denn sie werden niemals nachgeben!"

John Edwards stand auf. „Was sollen wir mit ihnen anstellen?"

„Sie sollen als Feinde des Systems gelten und dementsprechend behandelt werden!"

An dem Abend blies ein dermaßen starker Wind in der Wüste, dass man den Eindruck hatte, er wolle die Ebene mit einem Bissen verschlingen. Die Sonne hatte sich kupferrot gefärbt; ein verschleierter Mond erhob sich im Osten. Über der ganzen vom Sand verwehten Landschaft lag eine sonderbare Vorahnung von etwas Düsterem. Die Wüstennacht war nicht wie üblich mild und still; sie kam in rabenschwarzen Orkanwellen aus dem Westen… sie war wie dunkle Hengste, die mit einer Hiobsbotschaft unterwegs waren…

Antoinette klammerte sich an Jan. „Woher kennst du ihn?" Sie sprach von Jack Robinson, der ihnen von der Geiselnahme berichtet hatte. Die kleine Gruppe war zu John Williams Zelt zurückgekehrt, und die beiden waren nach draußen gegangen, um alleine miteinander zu reden. „Er ist nicht einer der Unsrigen", fuhr sie fort, „wie du selbst gehört hast, hat er beim Schusswechsel in Brüssel einen Sicherheitsbeamten erschossen. Das ist nicht unsere Vorgehensweise…"

„Natürlich nicht", antwortete Jan, „doch deshalb brauchst du nicht gleich Angst zu haben!"

„Ja, aber woher kennst du ihn? Du hast ihn begrüßt, als ob er ein alter Freund von dir sei! Du verbirgst etwas vor mir. Ich habe Angst!"

Der Wüstenwind heulte, und die Sonne verschwand nun, ganz in einen Schmelzofen getaucht, hinter dem Berg. Die Adler schwebten über der Kluft, aus der neue Windstöße wie von einem Hinterhalt kommend, ihnen fast den Atem raubten. Antoinettes langes, schwarzes Haar wirbelte um ihren Kopf herum. Sie schmiegte sich dicht an Jan. „Du hast ein Geheimnis vor mir, ich kann es merken!"

Jan nahm sie ein wenig zurück, um ihr in die Augen zu schauen. „Es stimmt, dass er nicht zu uns gehört", rief er, als ihm der Wind und Sand ins Gesicht bliesen, „aber er ist auch keiner von ihnen; wir werden nun sehen, zu welcher Seite er pendelt. Es ist sicher kein Zufall, dass sein großes Transportflugzeug genau vor unserer Nase gelandet ist. Im Übrigen kann ich ihn sehr gut bei der gefährlichen Aufgabe gebrauchen, die in einigen Tagen ausgeführt werden muss…"

„Eine gefährliche Aufgabe?" Antoinette klammerte sich fester an Jan, so als ob sie ihn niemals wieder gehen lassen wolle. „Was ist das für eine gefährliche Aufgabe?"

„Es ist gleichzeitig ein geheimer Auftrag."

„Ein geheimer? Du hast doch vor mir keine Geheimnisse?"

Jan zog Antoinette an sich. „Doch", flüsterte er laut in ihr Ohr, so laut und so dicht an ihrem Ohr, dass der Wind die Antwort nicht davontragen konnte. „Doch, Antoinette, ich habe Geheimnisse vor dir. Dies ist notwendig und für viele Menschen lebenswichtig. Doch vertraue mir, Antoinette, sie beeinträchtigen meine Liebe zu dir nicht im Geringsten. Du musst verstehen, dass ich dich für eine Weile verlassen muss. Und zwar aufgrund der besonderen Aufgabe, bei ich Jack Robinsons Hilfe benötige. Und glaub mir, er ist wirklich kein schlechter Mensch."

„Wo gehst du hin?"

„Nach Babylon!"

… als er diesen Namen erwähnte, war es, als ob alle wild gewordenen Pferde davon galoppierten. Es war, als ob der Wind hinter der wie Lava glühenden Sonne den Berg durch seine gewaltigen Schläge lichterloh in Flammen aufgehen ließ. Eine furchtbare Waffe schien in diesem Schmiedefeuer gestählt und geschärft zu werden. Irgendetwas braute sich dort in dem fernen Babylon zusammen, das die nächtlichen Pferde dazu veranlasste, in die ganze Welt hinauszustürzen…