DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 10

Jeff Straw war mit seinem Kamerateam nach Jerusalem unterwegs. Seine Reporterseele sagte ihm, dass sich etwas Weltbewegendes zusammenbraute, und dass dies mit der Heiligen Stadt zu tun habe. Während der ganzen 60 km langen Strecke vom Mittelmeer an machte er Filmaufnahmen. Gerade hatten sie die letzten 20 km bis zum Toten Meer hinter sich gelegt. „Nun haben wir auch genügend Aufnahmen von der näheren Umgebung", erklärte er seinen völlig erschöpften Kameraleuten. „Jetzt brauchen wir nur noch Aufnahmen über die Millionenstadt, die gut 800 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Lichtverhältnisse sind dort immer hervorragend! Bevor wir zur Sache kommen, werden wir uns auf die Orte konzentrieren, die den Juden, Christen und Muslimen heilig sind. Danach müssen wir den alten, orientalisch anmutenden, früher zu Jordanien gehörenden Stadtteil filmen, den die Israelis 1967 eroberten. Wir werden auch das Kedron- und Hinnontal photographieren. Bevor wir ins Stadtzentrum fahren, um Professor Fruchtenbaum zu interviewen, werden wir erst noch der 4 km langen Mauer folgen. Ich will eine ganze Serie von Aufnahmen über die 34 wiedererrichteten Türme und 8 Tore haben.

Mit gebeugten Köpfen hörten ihm die Kameraleute zu. Ab und zu schauten sie einander unmerklich seufzend an. Doch Jeff Straw fuhr fort: „Dieses Interview soll unter der Überschrift: „Ein Wort aus Jerusalem" gehalten werden. Dabei spielt die 3000-jährige Geschichte Jerusalems eine wichtige Rolle. Aus diesem Grunde müssen Sie unter anderem Aufnahmen von Golgatha, vom Grab Jesu und von der von Kaiser Wilhelm II. erbauten Erlöserkirche… machen" Das TV-Team schüttelte den Kopf und konnte sich dabei ein Lächeln nicht verkneifen. Der bloße Name „Kaiser Wilhelm" ließ ihre Gedanken zu dem „braven Soldaten" streifen, den sie vor einiger Zeit kennen gelernt hatten…

„…vor allem aber will ich eine Menge Bilder vom Tempel haben", ließ Jeff Straw zum Schluss sein Team wissen. „Ihr sollt einige Aufnahmen machen, so wie die Welt sie bisher noch nicht gesehen hat. Die Bilder von der Errichtung des dritten jüdischen Tempels werden wir für das Interview mit Professor Fruchtenbaum benötigen, doch ich kann euch versichern, dass wir sie auch in Zukunft dafür Verwendung finden werden. Denn irgendetwas wird auf diesem Tempelplatz geschehen, dabei wird die Welt den Atem anhalten…

Das Filmteam teilte sich in mehrere Gruppen auf und ging an die Arbeit. Jeff Straw begab sich in die Innenstadt, wo er schließlich die Holztür fand, die in Professor Fruchtenbaums Innenhof führte.

„Herzlich willkommen!" rief der Professor aus, als er seinen Gast bat, hereinzukommen. Die beiden Männer nahmen auf den Verandastühlen im kühlen Hofgarten Platz. Der Professor schenkte ihm Wasser aus der auf dem Tisch stehenden hohen Glaskaraffe ein.

„Sie müssen in diesem Klima viel trinken", sagte er freundlich. „Mehrere Liter pro Tag…"

„Wir wollen nun unser Gespräch über Jerusalem zurechtlegen", begann der TV-Reporter. „Ich möchte gerne mit Ihnen über den Dritten Tempel sprechen!"

…"doch sollten wir dabei Brüssel nicht vergessen", hielt der Professor ihm entgegen. „Wenn wir über Jerusalem sprechen, werden wir unweigerlich die Entwicklung in Europa mit berücksichtigen müssen."

„Was meinen Sie damit?"

Professor Fruchtenbaum erhob sich und gab dem Reporter heimlich ein Zeichen ihm zu folgen. Als sie in eine abseits gelegene Ecke des Innenhofs gelangt waren, bot der Professor ihm einen Stuhl an und setzte sich neben ihn. „Vor einigen Tagen erhielt ich den Besuch eines EU-Offiziers, dessen Leute überall versteckte Kameras und Mikrophone eingebaut haben. Ich weiß, wo sie sind. Hier können wir ungestört reden."

Professor Fruchtenbaum erhob sich und gab dem Reporter heimlich ein Zeichen ihm zu folgen. Als sie in eine abseits gelegene Ecke des Innenhofs gelangt waren, bot der Professor ihm einen Stuhl an und setzte sich neben ihn. „Vor einigen Tagen erhielt ich den Besuch eines EU-Offiziers, dessen Leute überall versteckte Kameras und Mikrophone eingebaut haben. Ich weiß, wo sie sind. Hier können wir ungestört reden."

„Sie wissen auch, dass ich die Sache mit dem „Malzeichen" erforsche. Auch schicke ich Unterrichtsmaterial an gewisse Leute, die daraufhin Rundbriefe veröffentlichen."

„Was für Rundbriefe?"

„Ja, das sind die von vielen Pfarrern in Europa verfassten, aufrührerischen Schreiben, die als Gemeindebrief am Kircheneingang ausliegen. Darin erklären sie, dass sie die EU-Bischöfe nicht länger als ihre geistlichen Mentoren anerkennen. Die Ursache dieses wachsenden Widerstandes innerhalb des religiösen Bereichs im EU-System ist die positive Haltung der Bischöfe gegenüber einer kirchlichen Trauung homosexueller Paare. Der Widerstand breitet sich wie ein Steppenbrand aus und kann meiner Meinung nach ernste Folgen für Brüssel haben, wo nach der Geiselnahme des EU-Präsidenten gerade ein Machtvakuum entstanden ist."

Jeff Straw machte sich Notizen. Sein Block war mit Aufzeichnungen für das TV-Programm gefüllt, das er über den Bau des Dritten Tempels in Jerusalem zu produzieren beabsichtigte. Ein innerer Aufruhr in der totalitären EU war sicherlich eine Geschichte, die man unbedingt ausschlachten musste. Er rückte näher an den Professor heran, um seinem halb geflüsterten Bericht besser folgen zu können. Es wunderte ihn, dass er in einem Innenhof im Zentrum Jerusalems saß und es ihm vergönnt war, Einsicht in alle diese Dinge zu bekommen…

„Der Aufruhr begann vor etlichen Jahren, als der dänische Außenminister, der inzwischen verstorbene Per Stig Møller, einen homosexuellen Diplomaten und seinen männlichen Partner als Botschafter nach Israel sandte", erklärte der Professor mit leiser Stimme. „In Jerusalem war man verblüfft, als sich dieses homophile Paar in der dänischen Botschafterresidenz in Tel Aviv niederließ. In der israelischen Regierung und der hiesigen Bevölkerung sah man diese „Begebenheit" nicht als etwas typisch Dänisches an, sondern eher als eine europäische Handlungsweise. Dadurch wurde nicht nur die ernste Warnung des Neuen Testaments vor dieser Sünde in den Wind geschlagen, sondern auch die Ermahnungen und Gesetze der hebräischen Schriften mit Füßen getreten."

Der Professor nahm seinen einen Schuh und ging zur Wand, wo er mit einer raschen, ärgerlichen Bewegung den Schuh links neben den Türrahmen an die Wand schlug. Jeff Straw folgte bestürzt diesem plötzlichen Angriff auf einen unsichtbaren Feind.

„Ein Minispion!" seufzte der Professor. „Gut, jetzt können wir offener sprechen! Es sieht so aus, als ob der Aufruhr gegen das EU-Ungeheuer bereits anfing zu brodeln, als der Entwurf des ersten Traktats für ein neues europäisches Grundgesetz Anfang des 21. Jahrhunderts verabschiedet werden sollte. Es gab damals vieles, das in Frage gestellt wurde, doch die Gläubigen hatten ihr Augenmerk besonders auf den Paragraphen des „Verbots gegen Diskriminierung" gerichtet. Sie betonten in ihren Aktionen, dass sie 100% damit einverstanden seien, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben und akzeptierten voll, dass Diskriminierung im Allgemeinen als ein Übel angesehen werden muss. Doch nahmen sie deutlich Abstand von dem Teil des EU-Paragraphen, der mit „sexueller Orientierung" zu tun hat. Genau dieser Punkt ist wie eine tickende Bombe. Sie hat dazu geführt, dass die Pfarrer in Aufruhr geraten sind.

Der Professor senkte wieder seine Stimme zu einem vorsichtigen Flüstern. Langsam zog er seinen Schuh aus und näherte sich wieder dem Türrahmen; es schien, als ob er noch eine gefährliche „Wanze" entdeckt habe. Mit einem Schlag knallte er seinen rechten Schuh an die Wand und rief: Da war noch eins!" Dann fuhr er fort: „Die in Brüssel unter der Bezeichnung „Aufruhr in der Kirche" bekannten Schreiben kamen zuerst an die Öffentlichkeit, als der homosexuelle Bürgermeister von Paris mit 700.000 Anhängern durch die Boulevards der französischen Hauptstadt paradierte, und der homosexuelle Bürgermeister in Hamburg es ihm kurz danach gleichtat. Diese beiden Männer liegen nun, ebenso wie der frühere dänische Außenminister, in ihrem Grab und nur die Ewigkeit kann darüber Aufschluss geben, welche schlimmen Folgen ihre Handlungen gehabt haben. Der Aufruhr ist nun in vollem Gange. Überall am Eingang der Kirchen in Frankreich liegen revolutionäre Briefe aus, in denen darauf hingewiesen wird, dass man sich den Bischöfen nicht mehr unterordnet; dieser Aufruhr kann tragische Dimensionen annehmen!"

Jeff Straw, der ahnte, dass ihm Informationen zugetragen wurden, die größere Aktualität hatten als seine Untersuchungen über den Tempelplatz, versuchte die Notizen in seinem Block neu zu ordnen. Irgendwie musste er die Geschichte mit den Aufnahmen verbinden, mit denen sein Team bereits beschäftigt war. Er musste dabei immer noch den Titel: „Ein Wort aus Jerusalem" wahren, wobei der Aufruhr in der Kirche einen zentralen Platz einnehmen sollte.

„In Schweden hat das Feuer lange geschwelt. Dort wurde ein Pastor als erster zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nur weil er über dieses Thema gepredigt hatte. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde er jedoch vom Obersten Gericht freigesprochen. Ein schwedischer Chefredakteur der Tageszeitung „Nachrichten des Tages" wurde angezeigt, weil er die Predigt des Pfarrers abgedruckt hatte. In der anglikanischen Kirche musste der Erzbischof von Canterbury einschreiten, um einen öffentlichen Aufruhr gegen die „Homo-Bischöfe" zu vermeiden. In diesen Stunden ist die Revolution innerhalb der Kirche eine Tatsache! Sie sammelt Millionen Menschen, und man sagt, dass eine Verbindung zwischen diesem Aufruhr und der Geiselnahme in Brüssel bestehen soll."

„Glauben Sie etwa daran?"

„Nein, denn in der Kirche liefern die Gläubigen ihre „Waffen" ab; in ihrem „Krieg" brauchen sie keine irdischen Waffen …"

„Nein, denn in der Kirche liefern die Gläubigen ihre „Waffen" ab; in ihrem „Krieg" brauchen sie keine irdischen Waffen …"

Ein großer, distinguierter und offensichtlich einflussreicher Mann mit grauen Haarsträhnen, Mr. Aldrich Nelson von der „Monetary Commission" der EU, fragte beiläufig: „Was beinhalten eigentlich diese Rundschreiben? Stellen sie eine Gefahr für unser Projekt dar?"

„Eine größere als zwölf Bataillons gut gerüsteter und gut trainierter Elitesoldaten!" Die Antwort kam von einer untersetzten, behäbigen Gestalt im Hintergrund, Mr. Paul Warburg, aus dem EU-Parlament in Brüssel.

„Was ist der Inhalt dieser Briefe?"

Die Stimme des silbergrauhaarigen Diplomaten klang weiterhin nonchalant…

„Ein Nein zum Referendum, das allen Völkern nun zur Abstimmung vorgelegt wird. Eine Ablehnung unseres Entwurfs über eine globale Konstitution. Der Inhalt ist in etwa der gleiche wie damals beim Widerstand gegen das europäische Grundgesetz aus dem Jahre 2005. Der Angriff ist jedoch dieses Mal verbissener und besser motiviert als damals. Bei der Vorlage der EU-Verfassung ahnten die Leute nicht, worum es ging, denn keiner hatte sie gelesen! Doch heute kennen sie den Inhalt. Selbst Analphabeten erfassen die Situation, denn sie haben das System an ihrem eigenen Leib erfahren!"

„Ich habe einen dieser Briefe hier", unterbrach ein schwergewichtiger, rotwangiger Gentleman, der – überraschend für diese Breitengrade – einen schwarzen Anzug trug. Er saß an einem Tisch, auf dem ein mesopotamischer Goldhelm lag. „Ich kann ihn den Herren laut vorlesen, wenn Sie wünschen. In diesem Fall ist er in englischer Sprache verfasst und wurde in einer Kirchenvorhalle in Wales gefunden. Den gleichen Text kann man jedoch auch in den Kirchen in der Bretagne, auf der anderen Seite des Kanals, finden. Obwohl er dort natürlich in Französisch verfasst ist, geht aus dem Text klar hervor, dass es sich um einen organisierten Aufruhr handelt."

„Lesen Sie!" hieß es von mehreren in der Versammlung. „Lesen Sie, Mr. Morgan! Lesen Sie!"

Der rotwangige Mr. J.P. Morgan, Mitglied ehemaliger europäischer Bankdynastien, erhob sich etwas unbeholfen und las stehend – als ob es sich um eine feierliche Erklärung handle – den Text dieses etwas zerknitterten Schreibens: „Als ehemalige Bürger Großbritanniens mit jetziger, uns aufgezwungener EU-Nationalität, möchten wir mit diesem Schreiben klar zum Ausdruck bringen, dass wir uns gesammelt und vereint mit anderen europäischen Völkern gegen das „Angebot" ein Weltbürger zu werden, zur Wehr setzen. Nachdem wir Jahrzehnte lang unter einem europäischen Grundgesetz gelitten haben, erteilen wir dem vorgelegten Weltgrundgesetz eine Absage. Ja, es ist unser Wunsch, die alten nationalen Grundgesetze wieder einzuführen. In ihnen besaßen wir den Schutz und Rechte, die uns nun verloren gegangen sind!"

In der Versammlung war ein verbittertes Murmeln zu hören. Mr. Morgan tastete mit seiner linken Hand nach dem mesopotamischen Goldhelm. Seine rechte, die den Brief hielt, zitterte. Er las weiter: „Wir widersetzen uns dem Versuch, eine Weltregierung unter „der neuen Weltordnung" zu schaffen, die wir nach der Ratifizierung des EU-Grundgesetzes kennen- und fürchten gelernt haben. Mit Schmerzen haben wir die Leiden und Verfolgungen auf uns nehmen müssen, die der so genannte „Humanismus" mit sich gebracht hat. Da wir nun einsehen, dass das vorgelegte Weltgrundgesetz nicht nur den Namen des Schöpfers leugnet, sondern sich auch ganz der neu-darwinistischen Philosophie über den „Herrenmenschen" und „das Recht des Stärkeren" hingibt, sagen wir nein zu einem Grundgesetz, das unsere Schulen und Kirchen unter dem Vorwand von „sektiererischen Aktivitäten" schließen ließ, um uns und unseren Familien das Wasser abzugraben!"

„Unverschämt!" rief der Weltbankpräsident, Mr. Frank A. Vanderlip, „Hier haben wir jahrzehntelang nach dem Prinzip „Adel verpflichtet" gehandelt, und so kommen diese Versager und behaupten, dass unser weltumspannendes Banksystem, das in Übereinstimmung mit internationalen Industriemanagern, hochrangigen Politikern und Staatsmännern seine Dienste anbietet, das Volk versklavt hat!"

„Beruhige dich, Frank", unterbrach der schottische Industriemagnat Mr. McFadden, „du weißt ebenso gut wie ich, dass es heute in dieser Welt eine Macht gibt, die so gut organisiert, so tüchtig, wachsam, fest verankert, vollständig, durchdringend und rücksichtslos ist, dass du nicht zu laut reden solltest, wenn du negativ über sie sprichst…"

Der Weltbankpräsident wandte sich zornig an Mr. McFadden. „Papiertiger!" rief er aus. „Die Leute bringen wir nicht zum Schweigen, es sei denn, wir werden wie sie dort." Er zeigte auf die Tempellöwen am Eingang der Bibliothek. „Sie brüllen und knurren nicht nur, sie greifen auch an!"

„Soll ich weiter lesen?" Der ehemalige Bankdynastiedirektor, Mr. J.P. Morgan, nahm nervös das zerknitterte Rundschreiben wieder zur Hand. Die Versammlung betrachtete ihn verbissen, als ob er persönlich für eine derartige widerwärtige Verschwörung verantwortlich gemacht werden könne. „Lesen Sie, Mr. Morgan, lesen Sie", rief Mr. Aldrich Nelson, der Mann mit den Silberfäden im Haar, aus. „Wir wollen gerne hören, was unsere Gegner auf dem Herzen haben…"

Mr. J.P. Morgans linke Hand tastete wieder nach dem mesopotamischen Königshelm. Seine rechte zitterte noch stärker, als er weiter las:

„Trotz unserer Warnungen, aufgrund dessen wir jahrelang verfolgt, verhaftet und hart bestraft wurden, führte das erste EU-Grundgesetz zu einem unausweichlichen Angriff auf Israel. Das Massengrab bei Abarim östlich des Meeres spricht für sich. Sieben Monate lang haben spezielle israelische Einheiten die Gefallenen aus unseren Ländern begraben. Deshalb widersetzen wir uns einem Weltgrundgesetz, das die Voraussetzungen zu einem ähnlichen, von der Bibel vorausgesagten, Angriff auf Jerusalem schafft!"

„Idioten!" unterbrach der Weltbankpräsident, Mr. Frank A. Vanderlip; die übrigen baten, ihn ruhig zu sein. Mr. Morgan las weiter: „Als man die Türkei in die europäische Gemeinschaft aufnahm, wurde diese antisemitische Nation, die Israel jahrhunderte lang unterdrückt hat, Teil der „Alliierten Streitkräfte", die unter der Leitung des „Hauses Togarma" den 3. Weltkrieg begann. Die neue Weltregierung wird die ganze Weltbevölkerung mit hineinziehen in eine vorausgesagte Endschlacht bei Bozra in den edomitischen Bergen …"

„Idioten!" unterbrach der Weltbankpräsident, Mr. Frank A. Vanderlip; die übrigen baten, ihn ruhig zu sein. Mr. Morgan las weiter: „Als man die Türkei in die europäische Gemeinschaft aufnahm, wurde diese antisemitische Nation, die Israel jahrhunderte lang unterdrückt hat, Teil der „Alliierten Streitkräfte", die unter der Leitung des „Hauses Togarma" den 3. Weltkrieg begann. Die neue Weltregierung wird die ganze Weltbevölkerung mit hineinziehen in eine vorausgesagte Endschlacht bei Bozra in den edomitischen Bergen …"

Bei diesen letzten Worten erhoben sich zwei Mitglieder der Europäischen Kommission. Als sie empört und offensichtlich beleidigt den Raum verlassen wollten, stieß der eine von ihnen beim Vorbeigehen an eine kostbare Tempelvase mit nackt dargestellten Männern, die ihre Opfergaben darbringen. Die große Alabastervase wackelte und fiel um, sodass sie zerbarst. Als die erdfarbenen Scherben sich klirrend auf dem Boden ausbreiteten, blieben die Beiden beim Anblick dieser kostbaren, zersplitterten Vase erschrocken stehen. Dann nahmen sie einander an die Hand und liefen zur Bibliothek hinaus. Mr. Morgan faltete das Schreiben zusammen, und die kleine Versammlung der Weltbankdelegierten löste sich auf.

„Sektiererische Phantasten", zischte der Weltbankpräsident. „Bozra? Diesen Namen habe ich noch nicht gehört! Gibt es den überhaupt auf der Weltkarte...?"

*

„Fliegen Sie Richtung Bozra in Edom", befahl Jack Robinson den Piloten der Militärtransportmaschine, die von den Steppen Saudi Arabiens Richtung Aquaba-Bucht am Roten Meer unterwegs war. Alle in der Maschine hatten in atemloser Spannung den Sprung des gekidnappten EU-Präsidenten Pierre Henri Clarks hinunter in die bergreiche Gegend mit verfolgt. Auf dem Rücken hatte er den von ihm selbst gewählten Fallschirm. Als er zwischen Himmel und Erde schwebte, wusste keiner, ob er richtig gewählt hatte. Würde der Fallschirm sich öffnen, oder die fallende Gestalt zu Tode stürzen? Alle waren erleichtert als sie sahen, dass sich der große Schirm öffnete, und der Präsident der Europäischen Gemeinschaft einige Augenblicke später wohlbehalten in der wilden Berglandschaft angekommen war. Was ihn hier erwartete, konnte nur der Wahnsinn der nächsten 24 Stunden offenbaren. Nachdem die saudiarabischen Jäger verschwunden waren, musste der Geiselnehmer Jack nun die Konsequenzen seines Großmuts tragen; der ihm verbliebene Fallschirm war als „brauchbar" gekennzeichnet, doch das Merkmal hatte sich als Lügenkennzeichen entpuppt. „Es ist das Malzeichen des Teufels", hatte Jack seinen ehemaligen Chef gewarnt, der seinem Rat gefolgt war und nun wohlbehalten auf dem Boden gelandet war. Der übrig gebliebene Fallschirm war nun dazu bestimmt, sein Opfer zu töten. Jack schien nur noch eine letzte Rettungsmöglichkeit offen zu stehen: Eine Notlandung – und diese am besten in einer öden, unwegsamen Berggegend. Deshalb klang der Befehl des Geiselnehmers schnell und entschlossen: Fliegen Sie Richtung Bozra in Edom!"

Jack Robinson war während des Gogkrieges in dieser Gegend an über 50 Fallschirmeinsätzen beteiligt gewesen.

Er kannte die Höhen und die Ebenen dieser Region und schien entschlossen, in der Aravaebene, südlich vom Toten Meer, zu landen. Dies wurde nach einer halben Stunde bestätigt, als er den Befehl gab: „Fliegen Sie Richtung Zinwüste!" Bei der früheren jordanischen Grenze waren die Saudis umgekehrt. Etliche Minuten später lautete der Befehl: „Bereiten Sie die Landung vor!" Das große Transportflugzeug vibrierte in der von den Sanddünen aufsteigenden Hitze. Wie ein Riesenvogel, der nach einem Landeplatz Ausschau hält, kreiste die Maschine über der von Klippen und roten Bergen umgebenen Steppe. Das Terrain war nicht flach, und der Abstand in den offenen Abschnitten zwischen den Bergen zu kurz. Die Riesenflügel der Maschine sahen wie zitternde, gestraffte Segel aus. Der Sand unter ihnen schien als wolle er nachgeben, ja, so als ob er den Vogel weich umarmen wolle, doch in Wirklichkeit war der Sand hart wie Zement! Als der Riesenvogel schaukelnd und zögernd versuchte, Fuß zu fassen, und die Steppe sich immer weiter unter seinem schweren Körper drehte, erschien die Wüste wie ein unruhiges Meer. Die hochmütige Stille der Steppe verwandelte sich in ein brüllendes Inferno von Sand und nochmals Sand, wobei die gefährlich nah erscheinenden Felsen ihre Funken versprühten. Die brennenden, müden Augen der Piloten folgten den Signalen auf dem Armaturenbrett. Sie versuchten, dem Befehl Jacks Folge zu leisten und wieder ein wenig an Höhe zu gewinnen, denn die Abstände waren zu kurz. Das große Transportflugzeug würde mit einem ohrenbetäubenden Lärm an dem grauen Granit der vielen finsteren Höhlen zerschnellen. Gerade als Jack den flehenden Blicken der Piloten nachgeben wollte, gab er stattdessen plötzlich den Befehl zur Landung. Vor einer der Höhlen hatte er einige Gestalten und den Umriss eines Wüstenjeeps entdeckt. „Bringt den Vogel runter!" rief er. „Von hier aus haben wir eine Chance weiterkommen…"

Als John Williams Andersen und Jan Apostolou Antoinette in dem vor der Berghöhle geparkten Jeep in Sicherheit gebracht hatten, beschlossen sie, gleich hier zu übernachten. Bei Tagesanbruch würden sie dann nach dem blutigen Überfall der Wölfe Ordnung schaffen und versuchen, die aufgescheuchte Ziegen- und Schafsherde wieder zusammen zu bringen. Antoinette schlief tief und fest, und die zwei Männer lösten sich bei der Nachtwache ab.

Im Mondschein erschien die Wüstenebene wie eine eisgraue Wiese. Die Sterne bewegten sich am Firmament wie friedlich grasende, weiße Ziegenherden. Der nächtliche Schein warf ein geheimnisvolles Licht auf die Bergsohle. Eilige Schatten jagten heulend an den weiß gemaserten Felsen entlang. Die beiden Männer im Jeep hielten der Reihe nach ein Nickerchen. Ab und zu erhoben sie ihr Gewehr und starrten in die Finsternis hinaus, bis dass das erste Morgengrauen den Sternen ihren Schein stahl, und die flammende Fackel im Osten aufging. Als die Männer die Ziegen zusammen trieben, schlief Antoinette immer noch fest. Sie wurde erst geweckt, als alles startbereit war. Zusammen mit Jan folgte Antoinette einem widerspenstigen Bock, der sich in einer Berghöhle versteckt hatte und nicht herauskommen wollte. Die beiden verschwanden in der Dunkelheit. Der Bock kam schließlich alleine heraus, ohne dass das junge Paar ihm folgte. Als sie schließlich wieder auftauchten, hatte sich Antoinette an Jans Arm geklammert. John Williams Andersen betrachtete sie lächelnd. „Heute scheint es lange zu dauern, bis wir die Herde beieinander haben", sagte er scherzend.

Jan sprang lachend auf den Fahrersitz. Antoinette setzte sich dicht neben ihn. John Williams ging kopfschüttelnd hinter der Ziegenherde her. So setzte sich die merkwürdige Prozession in Bewegung.

Plötzlich ertönte über ihren Köpfen ein Brausen, wie ein gewaltiger Orkan. Ein Riesenvogel mit dem schwarz-silbernen Eisernen Kreuz unter seinen Flügeln strich über die Wüstenebene. Das Ganze ging in Sekundenschnelle vor sich. Die EU-Transportmaschine segelte in einem leeren, müden Kreis hinunter mit Kurs auf die offenen Sanddünen. Mit einem Riesenkrach schlugen die Räder des Fahrwerks in der stiebenden Wildnis auf. Die braune, runde Schnauze bohrte sich durch Zwergbüsche, Sand und Steine. Langsam bewegte sich der Koloss, Feuer um sich sprühend, auf den Jeep und die aufgescheuchte Ziegenherde zu. Ein ohrenbetäubender Lärm zerschnitt die Luft, als einer der Flugzeugmotoren explodierte. Ein Regen aus Öl und Motorteilen ergoss sich über das Fahrzeug und seinen Passagieren, die versucht hatten, sich in Sicherheit zu bringen. Dann wurde alles still. Der Gigant wippte auf die Seite wie eine an den Flügeln verletzte Möwe. Ein junger, sonnengebräunter junger Mann öffnete die Kabinentür, und sprang lächelnd heraus. Er breitete seine Arme aus und rief: „Guten Morgen! Können Sie mich mitnehmen? Ich muss Richtung Süden weiter!"