DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 9

"Nr. 19 und Nr. 20", Mr. and Mrs. Jones, die nach der Rede des EU-Präsidenten (in der er den Fürsten der Finsternis eingeladen hatte, Europa in Zukunft zu regieren) eilig den Konferenzsaal verlassen hatten, waren in der allgemeinen Verwirrung nach den Schießerei im Europäischen Ratsgebäude nirgends mehr zu sehen. Während sich die Sicherheitskräfte in das Chaos der Vorhalle stürzten, war es dem Ehepaar gelungen zu entkommen. Niemand hatte sie zurückgehalten, denn alle waren davon ausgegangen, dass der etwas korpulente Herr und seine Frau, nur Leute waren, die versuchten, sich vor den Schiesssalven und dem um sie herum fliegenden Glassplittern in Sicherheit zu bringen. Ja, ein fürsorglicher EU-Offizier hatte Mr. Jones und seiner weinenden Frau sogar seine Hilfe angeboten, sodass sie aus dem umstellten Gebäude herauskommen konnten. „Sie sehen aus, als ob Sie unter Schock stünden!" rief er aus, als er die schluchzende Mrs. Jones durch einen Strom bewaffneter, Helm tragender Männer führte. Er brachte das ganz offensichtlich tief unter Schock stehende Ehepaar zu einer Ambulanz mit Blinklicht, das gerade auf den Platz vorgefahren kam. „Fahren Sie diese Leute ins Krankenhaus, oder bringen Sie sie nach Hause", befahl er. Mrs. Jones wurde auf einer Bahre in den Wagen geschoben und Mr. Jones sprang vorne zum Fahrer ins Auto. Der eine der Sanitäter setzte sich neben Mrs. Jones. Mit seinen medizinischen Geräten prüfte er ihren Zustand und stellte fest, dass sich dieser langsam stabilisierte. „Fahren Sie uns nur nach Hause", sagte Mr. Jones. „Meine Frau hat sich wieder etwas beruhigt; es gibt keinen Grund, Sie ins Krankenhaus zu bringen…"

„Sie wohnen in der Rue de Repos Nr.7", sagte der Fahrer. Mr. Jones nickte bejahend. Er sah auf dem Ambulanzbildschirm, dass sie bereits identifiziert worden waren. „Mein Kollege gibt Ihrer Frau eine beruhigende Spritze. Kein Grund zur Unruhe. Ihre Blutgruppe steht hier auf dem Schirm angegeben."

„Ja, aber wir haben Ihnen doch nichts dergleichen mitgeteilt!"

„Das hat nichts zu bedeuten, Herr Pastor! Ich weiß, dass Sie Pfarrer sind, und dass die Polizei zurzeit wegen Mittäterschaft an einer Geiselnahme nach Ihnen fahndet. Mein Infoschirm sagt mir auch, dass Sie ein verschworener Gegner der Europäischen Union sind, und dass Sie hier heute den Konferenzsaal im Zorn über die Rede des Präsidenten verlassen haben, dass Ihre Frau einen EU-Polizeioffizier angegriffen hat… dass Sie über den Köpfen der EU-Sicherheitskräfte einen Schuss aus einem Revolver abgefeuert haben, und dass die leere Waffe immer noch in Ihrer Tasche ist!"

Mr. Jones tastete seine Jackentasche ab; zu seiner Überraschung musste er dem Ambulanzchauffeuren Recht geben. Nachdem der Schuss gefallen war, musste er wohl ganz automatisch die Pistole aus der Vorhalle des Ratsgebäudes eingesteckt haben.

Der Ambulanzfahrer lächelte und fuhr fort: „Am 11. März haben Sie in der Kirchenvorhalle der St.Paulskirche in Brüssel einen Brief an Ihre Gemeindemitglieder ausgelegt, in dem Sie ihnen mitteilen, dass Sie sich der Entscheidung der sechs EU-Bischöfe widersetzen, ein richtungweisendes Ritual für die Segnung registrierter Partnerschaften herauszugeben! Ihren Brief haben wir hier…" Der lächelnde Ambulanzchauffeur drehte den Infoschirm zu ihm hin, so dass Pastor Jim Jones ihn selbst lesen konnte. Während der Fahrer langsam die Ambulanz zur Seite fuhr, las er dem entsetzten Pastor laut daraus vor: „Ich möchte hiermit unterstreichen, dass die Bibel klar sagt, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen soll, wie er bei einer Frau liegt. Damit ist die Segnung homosexueller Paare von Seiten der EU-Bischöfe inhaltslos und leer, weil Gottes Wort ihr entgegensteht…"

In der Fahrerkabine trat Stille ein. Von hinten steckte der Sanitäter den Kopf durch das kleine Fenster. „Was geht hier vor sich?" fragte er. „Lass uns diese Fahrt hier zu Ende bringen, ich will ins Bett!"

„Wir sind gerade übereingekommen", antwortete sein Kollege, als er den Infoschirm ausmachte, „dass ich das Ehepaar nach Hause bringen kann. Es besteht kein Grund zur Einlieferung in ein Krankenhaus. Sie wohnen etwas außerhalb, ich kann dich unterwegs rauslassen, dann hast du Feierabend. Du brauchst nicht mit mir zu kommen. Ich komme schon allein zurecht. Geh du nur schlafen!"

Die Ambulanz hielt nach ein paar weiteren Minuten an und ließ den Sanitäter aussteigen. Dieser winkte ihnen zu. „Gute Nacht! rief er. „Weiterhin gute Fahrt!"

Während der Chauffeur weiterfuhr, schaltete er den Infobildschirm wieder an. Das Zeichen eines großen Fisches erschien auf dem Bildschirm. Mr. Jones sah den Mann am Steuer überrascht an. Dieser nickte bejahend. „Sie sind einer der unsrigen?" flüsterte Pastor Jim Jones. Der Ambulanzfahrer nickte wieder. Er drehte den Wagen um und fuhr mit Blaulicht und Martinshorn weiter. „Wir müssen jetzt schnell handeln", sagte er. „Wir holen Ihre fünf Kinder ab, und ich fahre Sie an einen Ort, an dem Sie sich versteckt halten können!"

„Sie sagen, dass nach mir gefahndet wird?"

„Ja, und mein Infoschirm teilt mir mit, dass Sie nicht wegen Ihres möglichen Mitwirkens bei einer Geiselnahme auf der schwarzen Liste stehen. Sie sind ins Fettnäpfchen getreten, als sie sich Ihren sechs EU-Bischöfen widersetzt haben, denn Sie haben erklärt, dass eine Anleitung für die kirchliche Segnung Homosexueller niemals auf dem Altar in der St.Paulskirche liegen wird. Dadurch bringen Sie sich hinter Schloss und Riegel, weil Sie damit den EU-Paragraphen über „Nichtdiskriminierung" von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Ausrichtung übertreten."

Pastor Jim Jones saß zusammengesunken auf dem Beifahrersitz. Er achtete weder auf den Weg noch auf den Verkehr draußen. Sein Blick ruhte auf dem Infoschirm. Der Chauffeur schaltete nun das Blinklicht und die Sirenen aus. Sie näherten sich der Rue de Repos, wo die Kinder des Pastors abgeholt werden sollten.

„Dieser Abschnitt hier", fuhr der Ambulanzfahrer fort und zeigte auf den Bildschirmtext, „wird Sie mindestens 5 Jahre hinter Gitter kosten!"

Pastor Jones folgte dem Finger des Chauffeurs, der auf jede einzelne Linie des Gemeindebriefes deutete. Dabei las er laut vor: „Homosexuelle sollen nicht wegen ihrer sexuellen Neigung verurteilt werden, doch soll für sie das gleiche göttliche Gesetz gelten wie für alle anderen Menschen. Auch das Evangelium hat für jeden Menschen Gültigkeit. Deshalb lassen die sechs EU-Bischöfe nicht nur Gottes Wort im Stich, sondern auch die Homosexuellen, wenn sie durch ihren Ausspruch, „die Gesamtheit des Evangeliums wiege schwerer als einzelne Bibelstellen" den Betreffenden keine wahre Hilfestellung geben."

„Doch dies ist nicht das Schlimmste", unterbrach der Ambulanzchauffeur. „Nein, Sie zeigen durch den Abschluss Ihres Briefes, dass Sie ein echter Feind des Systems sind. Hören Sie selbst: „ In Übereinstimmung mit dem Kirchenbekenntnis weisen wir darauf hin, dass, sollte der Fall eintreten, dass die Bischöfe „etwas lehren oder über etwas entscheiden, das dem Evangelium widerspricht, so haben die Gemeinden von Gott den Befehl, ihnen den Gehorsam zu verweigern…" (Augsburger Bekenntnis, Artikel 28).

„Das ist offener Widerstand!" sagte der Ambulanzchauffeur, während er den Wagen an die Seite fuhr. „Sie bringen hier in Ihrem Gemeindebrief zum Ausdruck, dass sie „einen Artikel" im kirchlichen Bekenntnis höher einstufen als den Gesetzesparagraphen der EU-Verfassung über „Nichtdiskriminierung". Das wird Sie teuer zu stehen kommen! Holen Sie nun Ihre Kinder und nehmen Sie nur das Allernotwendigste mit. Sie haben 10 Minuten Zeit um zu packen. Ich warte hier im Dunkeln, und fahre Sie danach zu Ihrem Versteck…"

Frau Ursula Clemens war eine der achtzehn Konferenzteilnehmer, die nach der Aufsichtserweckenden Rede des EU-Präsidenten in Brüssel festgenommen worden war. Sie kam aus einer Münchener Vorstadt und war allein erziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von neun und elf Jahren. Ursula Clemens war eine große, schlanke, dunkelhaarige Frau mit einer strammen Frisur, die ihre bildschönen Gesichtszüge und großen Samtaugen hervorhob. Sie hatte irgendwie einen spanischen Einschlag. Frau Clemens nahm im Auftrag des bayrischen Ministerpräsidenten, Herrn Heinrich Werther, an der Konferenz teil. Dieser nahm einen führenden Platz im Europäischen Rat ein.

In ihrer Heimatstadt hatte sie zuvor an einer geheimen Hausversammlung teilgenommen, die nach „dem chinesischen System" organisiert war. Das heißt, dass kleine Gruppen von Gläubigen des Nachts auf eine abseits gelegene Hütte gebracht wurden, in der sie sich eine Woche lang aufhielten. Dort wurden sie von Pastoren der Untergrundskirche unterrichtet. Während dieser Zeit durfte keiner die Hütte verlassen.

Als Ursula nach dieser Woche intensiven Trainings aus ihrem „Frühlingsurlaub" an ihren Arbeitsplatz in München zurückgekehrt war, erhielt sie den Bescheid, ihre Koffer zu packen. Zusammen mit ihrem Chef und einigen anderen Mitarbeitern sollte sie an der Konferenz in Brüssel teilnehmen. Mit Rücksicht auf ihre Kinder hatte sie zuerst versucht, sich dieser Aufgabe zu entziehen. Doch der Ministerpräsident bestand auf Ihrer Teilnahme. Bei dieser Konferenz sollte man zu „gewissen Widerstandstendenzen", die sich überall im EU-Imperium auszubreiten schienen, Stellung nehmen. „Es geht um religiöse Gruppierungen", hatte ihr Chef angedeutet. „Zurzeit werden in einer Reihe europäischer Kirchen Schreiben veröffentlicht, in denen Pastoren zum Widerstand gegen ihre Bischöfe aufrufen." Bevor sie abreiste, konnte Ursula Clemens ihre beiden Kinder bei ihrer Mutter unterbringen.

Als sie bei der Eröffnungsveranstaltung die Rede des EU-Präsidenten über die Notwendigkeit eines „starken Mannes in Europa" vernahm, „dem man folgen wolle, egal, ob es sich dabei um einen Gott oder einen Teufel handle" hatte sie ein sehr ungutes Gefühl. Sie war eine der ersten, die den Konferenzsaal verließ. Zusammen mit anderen Teilnehmern wurde sie außerhalb des Zentrums sogleich von Sicherheitsposten angehalten und zur 1. Etage des Europäischen Ratsgebäudes gebracht. Hier hörte sie kurz darauf Schüsse und große Unruhe in der Vorhalle des Gebäudes. Sie wurde darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein religiöser Phantast den EU-Präsidenten, Monsieur Pierre Henri Clark als Geisel in seine Gewalt gebracht hatte. Nach einer halben Stunde angespannten Wartens wurde sie zusammen mit 17 anderen Eingesperrten wieder „auf freien Fuß gesetzt", doch nur um in das gegenüberliegende EU-Komiteegebäude geführt zu werden, in dem alle 18 als „besondere Gäste" des Vizepräsidenten John Edwards geladen waren. Nach 24 unruhigen Stunden des Wartens wurden sie von ihrem Gastgeber empfangen. Der Vizepräsident wünschte ein persönliches Gespräch mit einem jeden von ihnen, und Ursula Clemens war sein erster Gesprächsgast.

„Ich bedaure diese unvorhersehbaren Unannehmlichkeiten". Mit diesen Worten leitete der blonde, ein wenig unbeholfene Diplomat das Gespräch ein, als er der gepflegten, braungebrannten Mrs. Clemens vertraulich die Hand schüttelte. „Ich versichere Ihnen, dass das wir uns ausschließlich aus Sicherheitsmäßigen Gründen veranlasst sahen, diese drastischen Vorkehrungen zu treffen. Ich habe erfahren, dass Sie zwei Kinder haben, die auf Ihre Rückkehr warten. Wir haben bereits Ihrer Mutter Bescheid gegeben, dass Ihnen nichts zugestoßen ist."

Ursula Clemens nickte reserviert. „Danke, Herr Edwards."

„Wie Sie wissen", fuhr der Vizepräsident fort, indem er mit seinen blauen Augen versuchte, - was ganz seiner Gewohnheit entsprach -, einen fürsorglichen Kontakt mit seinem Gegenüber herzustellen. „Wie Sie wissen, wurde unser Präsident von einem religiösen Verrückten gekidnappt; er steht im Augenblick in Gefahr, mit dem Fallschirm über Saudi Arabien abgeworfen zu werden und dort in die Hände einiger Mörderbanden zu fallen. Wir bedauern heute, dass wir unseren Präsidenten nicht mit einem kleinen Chip ausgestattet haben, dann hätten wir ihn nämlich nun innerhalb kurzer Zeit orten können. Ein solch kleiner Chip kann ohne Schwierigkeiten, für andere unsichtbar, am Körper angebracht werden, und dieser könnte ihn überall schützen, egal wo er sich befände."

Ursula Clemens hörte ihm aufmerksam zu. Während der Unterrichtswoche in der Hütte war gerade dieses Thema aktuell gewesen. Man hatte sich mit den Schriften eines gewissen Professor Joseph Fruchtenbaums beschäftigt. Ihnen war klar zu entnehmen, dass der Professor alle Gläubigen vor jeglicher Form von Einoperierung elektronischer Chips oder Tätowierungen warnte.

„Es ist unsere Absicht", fuhr der Vizepräsident fort, „eng mit einer kleineren Gruppe unserer Mitarbeiter zusammenzuarbeiten, um ein besseres Verständnis dafür zu schaffen, wie wir unseren EU-Stab, unsere Gesellschaft und unsere Bürger gegen solche Terrorhandlungen, wie wir sie im Augenblick erleben, schützen können. Gleichzeitig", fügte er mit einem kleinen Lächeln hinzu, „könnten wir uns ein Bild über die Bereitwilligkeit unserer Mitarbeiter hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit machen. Ja, wir würden auf diese Weise erfahren, wer bereit wäre, alles zu geben (indem er sogar einen mikroskopischen Teil seines eigenen Körpers zur Verfügung stellt). Dadurch wären wir imstande, zu einem inneren Kern von vertrauenswürdigen Personen vorzustoßen, die in diesem großen EU-Imperium, das nun einen globalen Einfluss auf die ganze Welt ausübt, wichtige Führungspositionen übernehmen könnten…"

Die schwarzen Samtaugen der dunkelhaarigen Frau betrachteten aufmerksam den Vizepräsidenten John Edwards, während er sich mit seinen Erklärungen warm redete. Ihr sanfter Blick folgte interessiert, ja fast scharfsinnig, seinen Handbewegungen, während sie seinem intensiven Tonfall lauschte. Hin und wieder flackerten John Edwards blaue Augen auf, jedes Mal, wenn sie ihn ganz durchdringend ansah. Er erschrak zutiefst, als sie ihn plötzlich bei seiner Darlegung über die Beweggründe der Einoperierung eines Chips unterbrach.

„Der Herr Vizepräsident lügt!" sagte sie.

„Lügt? Was meinen Sie damit? Ich lüge nicht."

John Edwards Stimme erschien fest und überzeugend, doch seine blauen Augen sahen sie ein wenig unsicher an.

„Ja, Sie lügen, Mr. Edwards", sagte die Dame, die ihm gegenüber saß. „Sie wollen mir nicht diesen Chip in den rechten Oberarm einoperieren lassen, um mich und die Meinigen vor eventuellen Terrorhandlungen zu schützen. Auch nicht, um meine Blutgruppe bei einem Unfall gleich parat zu haben. Der von Ihnen erwähnte Chip ist nicht größer als ein Reiskorn, doch er kann bis zu 25.000 Informationen über meine Person speichern. Sein eigentlicher Zweck dient der Überwachung."

„Überwachung!" rief der Vizepräsident lachend aus. „Meine liebe Frau Clemens, Sie haben zu viele Romane gelesen. Sie wissen, dass wir uns in unser EU-Verfassung gegen jegliche Form von Überwachung unserer Bürger sind." Seine Stimme wurde scharf und warnend. „Ich kann dieses Wort „Überwachung" nicht ausstehen…"

Ursula Clemens erhob sich. „Sie brauchen sich keinerlei Anstrengungen zu unternehmen, um mich zu überzeugen, Herr Vizepräsident!" sagte sie. „Ich werde mir keinerlei Chip oder ähnliches einoperieren oder mich tätowieren lassen." Ihr oberster Chef folgte ihr zur Tür. Hier wandte sie sich noch einmal zu ihm um: „Weder auf meinen Oberarm, meiner rechten Hand oder auf meiner Stirn! erklärte sie. „Ich will nicht überwacht werden!"

„Hässliches Wort!" rief der Vizepräsident aus. „Was meinen Sie eigentlich mit „Überwachung"? Wo finden Sie in unserem System eine solche Bezeichnung?"

„Das Überwachungszentrum in Wien!" Mrs. Clemens legte ihre Hand auf den Türgriff.

„Na ja! Das ist ein notwendiges Überwachungszentrum zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenhass. Sie müssen einsehen, dass dies eine unentbehrliche Institution ist." John Edwards sah seinen Gast warnend an. „Selbst die so genannten „Christlichen Demokraten" sehen die Existenz dieses Überwachungszentrums als etwas Positives an! Gehören Sie nicht dieser Partei an?"

„Nein!"

Mr. John Edwards folgte der schlanken, abweisenden, dunkeläugigen Staatssekretärin bis in den Gang.

„Sind Ihnen die in einigen Kirchen ausliegenden Briefe bekannt?"

„Ja!"

Der Vizepräsident sah die stolze, spanische Erscheinung verwundert an. Ihre Aufrichtigkeit erschütterte ihn.

„Kennen Sie die aufrührerischen Pastoren, die Briefe an die ihre Gemeindemitglieder in der Kirchenvorhalle auslegen?"

„Ja!" Die schwarzen Augen blitzten auf und ihr stramm zurückgekämmtes Haar glänzte. Die hohe, schlanke Gestalt blieb vor dem Vizepräsidenten stehen. „Und ich habe sie gelesen!"

John Edwards trat staunend einen Schritt zurück. Die EU-Staatssekretärin fuhr fort: „Und ich stimme mit ihnen überein!"

„Sie sind einer Meinung mit ihnen? Ihre Stellung als Staatssekretärin des bayrischen Ministerpräsidenten hängt an einem seidenen Faden! Achten Sie auf Ihre Worte!"

John Edwards erhob warnend seine Hand; dann fuhr er ruhig, mit fast milder Stimme fort: „Sagen Sie mir, mit welchen Dingen, die in den Gemeindebriefen dieser Pfarrer stehen, sind Sie einverstanden?"

Ursula Clemens überlegte einen Augenblick. Dann fuhr sie freimütig fort: „Ich bin z.B. mit einem ehemaligen, alten Probst aus der Stadt des dänischen Abenteuerdichters H.C. Andersen, Odense, einer Meinung, wenn er schreibt: „Die Menschenrechte, die ihrem Wesen nach dem Schutz vor eventuellen Machthabern dienen sollten, haben die Tendenz, sich in ein Machtmittel zu verwandeln, sobald sie in die Hände des Starken gelangen!"

John Edwards betrachtete verwundert die Funken sprühende, widerspenstige, bayrische EU-Staatssekretärin. „Und Sie sehen mich als einen solchen Machthaber an?"

„Ja."

„Warum?"

„Weil Sie ein Überwachungszentrum in Wien ins Leben gerufen haben, und weil Sie nun einen Chip in meinen Oberarm einoperiert haben wollen, damit Sie mich kontrollieren können!"

„Ausgezeichnet!" Damit hielt der Vizepräsident sein Gespräch für beendet. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging in seinen Verhandlungsraum zurück. Als er im Vorzimmer an einer jüngeren Frau vorbeiging, sagte er beiläufig: „Setzen Sie die Staatssekretärin des Bayerischen Ministerpräsidenten, Frau Ursula Clemens, auf die schwarze Liste!" Danach blieb er einen Augenblick stehen; ein seltsames Lächeln war auf seinem sonst so freundlichen Gesicht zu sehen. „Sorgen Sie dafür, die Namen und das Alter der beiden Kinder von Frau Clemens in Erfahrung zu bringen. Auch welche Schule sie besuchen und alle übrigen Daten…"

Der Vizepräsident, John Edwards, ging in sein vornehmes Chefbüro, indem er leise, fast vorsichtig die Tür hinter sich zumachte. Er stellte sich vor das Panoramafenster, das ihm einen weiten Ausblick über den Platz bis zum Gebäude des Europäischen Rats gewährte. Die milde Märzsonne hatte den Schnee auf den mit Steinpflastern bedeckten Gebiet schmelzen lassen, das nach der dramatischen Geiselnahme immer noch abgesperrt war. Ohne geparkte Autos und Menschen ruhte ein frühlingshafter Schimmer über der Schmelzschneenassen Asphaltfläche, die wie ein blank geputztes Medaillon glänzte. Das speerspitze Horn des Stiers bei der Metallskulptur des „Tieres und der Hure" vor dem EU-Ratsgebäude war nicht zu übersehen. Die langen Bronzelocken der Reiterin loderten im Frühlingslicht, und John Edwards poetische Seele wurde von der eigenartigen Schönheit des Augenblicks ergriffen. Während er mit den Füßen auf und ab wippte, summte er leise die Worte aus der EU-Nationalhymne, der „Ode zur Freude" von Beethoven, vor sich hin: „Wir schreiten in das Heiligtum, Zauber binden wieder…" Wie aus der Ferne hörte er, dass sich Türen hinter ihm öffneten und schlossen. Er wollte sich umdrehen, konnte aber nicht. Die summende Strophe wuchs an Kraft, es war ihm, als ob die prosaische Umgebung des Chefbüros um ihn herum vor seinen Augen entschwand; er wurde hineingeführt in ein größeres Heiligtum! Der Beethoven-Text erklang in seinen Ohren als ein vielstimmiger Chor: Zauber binden wieder: Die Ketten des Blendwerkes werden nicht gelockert! Wieder vernahm er die gleiche seltsame Zauberkraft, die er im Konferenzsaal verspürt hatte, als er hinter sich eine Stimme vernahm, und sich nicht mehr vom Fleck rühren konnte. Wieder überkam ihn das verstimmende Gefühl nicht allein zu sein; von hinten kam eine Person auf ihn zu! Und wiederum spürte er, wie sich ihm eine feste, autoritative Hand auf die Schulter legte. Der unbekannte Fremde redete wieder mit ihm…

„Sind Sie bereit, neue Befehle entgegenzunehmen?"

John Edwards nickte. Dann nahm er all seinen Mut zusammen. „Wer sind Sie?" flüsterte er.

„Ihr Chef! Der zukünftige Präsident der Europäischen Union!"

„Ja, aber ich habe doch einen anderen Chef: Mr. Pierre Henri Clark; er ist der Präsident der EU!"

„Er war der Präsident der EU!"

„War? Ist er tot?"

„Nein, noch nicht! Aber er wird diese Welt bald verlassen. Er war mir ein guter Diener. Ein fleißiger Vorgänger! Er hat mir den Weg geebnet!" Die Stimme hinter John Edwards bekam einen fast milden Klang. „Doch jetzt ist seine Zeit auf dieser Erde vorbei. In ein paar Stunden wird er in die Ewigkeit hinübergehen …"

„In die Ewigkeit hinübergehen?" John Edwards erbleichte. Mit einem kleinen, leicht rosafarbenen, femininen Tuch wischte er sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn.

„Wie soll das vor sich gehen?"

„Das werde ich Ihnen erklären. Sie sollen dafür sorgen, dass keiner der beiden Männer zurückkehrt! Weder der Präsident noch sein Geiselnehmer. Der erste muss sterben, weil ich mich nun genötigt sehe, die Ruder selbst in die Hand nehmen, und der letzte muss sterben, weil er meinen Namen kennt!"

„Ihren Namen?"

John Edwards blaue Augen flackerten wild. „Wie heißen Sie denn?"

„Sie Narr! Wollen auch Sie sterben?"

„Nein, aber…"

„Gut, dann hören Sie mir gut zu: Geben Sie sogleich den Befehl, dass die Flugzeuge ihre Verfolgungsjagd auf die Maschine des Präsidenten wieder aufnehmen!"

„Aber dann wird der Geiselnehmer seinen Gefangenen mit dem Fallschirm über Saudi Arabien abwerfen."

„Genau! Im Flugzeug sind zwei Fallschirme. Der eine ist brauchbar, der andere unbrauchbar. Mr. Pierre Henri Clark hat von mir Bescheid bekommen, dass er den Fallschirm mit dem roten Kennzeichen wählen soll…"

„Also der Brauchbare, der sich öffnen lässt?" John Edwards Stimme zitterte. Er zögerte.

„Das glaubt er! So habe ich ihn die Spielregeln verstehen lassen!"

„Ja, aber seine schlimmsten Feinde warten nur darauf, dass er herunterkommt. Eine Mörderbande von ehemaligen der Tortur überlieferten EU-Gefangenen wartet mit Sehnsucht darauf, ihn in ihre Gewalt zu bekommen."

„Genau!" Die Stimme des Unbekannten klang ruhig und angenehm. „Und das hat er nicht verdient. Deshalb ist der Fallschirm mit dem roten Kennzeichen der Todesschirm. Er wird sich nämlich nicht öffnen. Es liegt weit von mir entfernt, meinen besten Freund und Mitarbeiter seinen blutdürstigsten Feinden auszuliefern…"

John Edwards hörte ihm erstaunt zu. In seiner Stimme klang ein klein wenig Bewunderung.

„Und der Geiselnehmer Jack Robinson?"

„Ich nehme mich seiner ganz persönlich an! Was seine Person anbelangt, so überlasse ich nichts dem Zufall! Er ist in diesem Augenblick der gefährlichste Mann der Welt, denn er kennt meinen Namen…"

Die schwere Militärtransportmaschine, die den Anweisungen des Geiselnehmers, Jack Robinson, gefolgt war, bewegte sich über dem schmalen Küstenstreifen am Roten Meer. Danach stieg sie über die Berge, die in 2000 Metern Höhe von Schnee und Eis glitzerten. Den Befehlen von Jack zufolge, flog die Maschine tief über die ausgetrockneten Wadis Richtung Osten und bewegte sich lange Zeit über die öde Buschsteppe und Sandwüste. Beim Tiefflug konnte man manchmal flüchtende Gazellenherden, Strauße und einen einzelnen Leopard ausmachen. Unter der brummenden Maschine segelten Adler, Habichte und Falken mit ausgebreiteten Flügeln… und auch Geier. Die Letztgenannten kreisten wie dunkle Schatten über den Kadavern in der Einöde.

„Geier!" rief der Präsident Pierre Henri Clark unglücklich aus.

„Ja, Geier!" antwortete Jack mit einem Lächeln um den Mundwinkel. „Aasgeier mit krummen Schnäbeln und nackten Hälsen. Sie reißen zuerst die Eingeweide aus ihren Opfern. Därme, Nieren und Leber sind ihr besonderes Leibgericht!" Der Präsident wandte sich mit Abscheu von ihm ab.

Brüssel hatte mit der Regierung in Riad vereinbart, dass saudi-arabische Jägerflugzeuge der braungrünen EU-Maschine folgen sollten. Man hatte das saudische Königshaus über den vornehmen Passagier in der Militärmaschine informiert. Es war jedoch nur von einer Überwachung die Rede. Als die saudischen Flugzeuge in Höhe der EU-Maschine gelangt waren, konnte eine Radioverbindung mit den Piloten des Geiselfluges hergestellt werden.

„Wir beordern Sie, nach Westen in Richtung Aquaba-Bucht zu fliegen", hieß es übers Radio. Jack nickte. „Ausgezeichnet", sagte er. „Folgen Sie nur ihren Anweisungen…" Zum Präsidenten hingewandt, sagte er: „Wählen Sie einen dieser beiden Fallschirme! Brüssel hat uns die Saudis auf den Hals gejagt. Ich werde nun meinen Teil der Absprache halten; Sie erhalten Ihre Freiheit zurück!"

„Ja, aber ich möchte lieber hier bleiben!" Der Präsident starrte aus dem Fenster der tief fliegenden Maschine, die über die Köpfe einiger bewaffneten Männer in einer kleinen Kolonne von Wüstenjeeps hinwegstreifte. „Ich will nicht zu denen dort drunten!"

„Das kann ich gut verstehen! Es sind einige alte Freunde aus dem Gogkrieg. Sie haben sie selbst hierher gesandt. Jetzt warten sie darauf, dass Sie kommen. Diese Kameraden haben eine alte Rechnung mit ihnen zu begleichen! Sie sind einen Bund mit denen dort eingegangen!" Jack deutete auf einen neue Schar umherkreisender Geier…"

Der Präsident erschauerte.

„Bitte!" fuhr Jack fort. „Nehmen Sie einen Fallschirm! Sie können zwischen zweien wählen. Der eine hat ein rotes Kennzeichen, worüber man sie sicher informiert hat, und der andere hat kein Merkmal. Ich versichere Ihnen, Herr Präsident, dass ich nicht weiß, was das rote Zeichen bedeutet – aber als Gentleman möchte ich Ihnen den Vortritt lassen. Sie dürfen zuerst wählen. Weil Sie zuerst springen werden, dann werden wir sehen, was mit Ihnen geschieht. Ihre Chance ist geringer, deshalb sollen Sie die besten Möglichkeiten haben. Welchen Fallschirm wählen Sie?"

Pierre Henri Clark betrachtete verblüfft seinen Gefangenenwächter. Er hatte keinerlei Gnade oder Hilfe erwartet. Jack befahl den Piloten, wieder an Höhe zu gewinnen. „Versuchen Sie, sich von der Mörderbande dort unten entfernt zu halten!" rief er. Er griff nach einem Gewehr aus dem Gepäck. „Im Augenblick ist es funktionsuntüchtig!" erklärte er. „Doch Sie können es so entsichern…" Er demonstrierte die entsprechende Funktion dem Präsidenten. „So können Sie die Waffe wieder in Gebrauch nehmen. Hier ist noch weitere Munition!" Er reichte seinem Gefangenen zwei gefüllte Magazine. „In dieser Tasche", fuhr er fort, „ist Wasser, Lebensmittel, Kompass und Karte. Viel Glück!"

Der Präsident betrachtete die zwei Fallschirme. Er wusste, dass der Schirm mit dem roten Merkmal – der im letzten Augenblick heimlich erhaltenen Information zufolge –ihn sicher auf die Erde bringen würde! Mit anderen Worten: Der Fallschirm ohne rotes Kennzeichen war der Todesfallschirm. Dieser würde ihn frei fallen lassen, sodass er vom steinigen Grund der Einöde zerschmettert würde.

Jack Robinson beobachtete den EU-Präsidenten lächelnd, fast ein wenig mitfühlend. „Ich sah, wie Sie einen kleinen Papierschnipsel vom Fußboden aufhoben, als wir in Brüssel ins Flugzeug stiegen", sagte er freundlich. „Zeigen Sie ihn mir!"

Mr. Pierre Henri Clark sah ihn müde und resigniert an. Dann kramte er in seiner Tasche und zog einen Papierfetzen hervor, den er Jack reichte. Dieser faltete das Papier auseinander und las: „Rot = Leben!"

„Von wem haben Sie diesen Zettel?"

„Von meinem Chef, dem kommenden EU-Präsidenten!"

„Dem hier?" Jack Robinson nahm ein anderes Stück Papier zur Hand … worauf Mr. Clark den heimlichen Namen seines Nachfolgers geschrieben hatte.

„Ja."

„Er, den Sie den Teufel nennen?"

„Ja!"

„Ich würde mich nicht auf ihn verlassen! Er ist ein Lügner. Wenn er sagt, dass rot Leben bedeutet, dann können Sie sicher sein, dass das rote Kennzeichen auf dem Fallschirm Tod bedeutet. Das heißt, wenn Sie diesen mit dem roten Kennzeichen wählen, kommen Sie nicht lebend auf die Erde hinunter! Das Merkmal ist wie ein Todesurteil! Es ist das Malzeichen eines Ungeheuers; das Zeichen des Lügners! Der mit rot gezeichnetem Fallschirm zeugt von Blut. Ich an Ihrer Stelle würde nicht das Malzeichen des Teufels wählen!

Die saudi-arabischen Jagdflugzeuge flogen nah an die EU-Maschine heran, dessen silbernes Eisenkreuz in der Sonne glitzerte. Das Radio knackte in der Kabine, in der die Piloten den Erhalt der Befehle bestätigten. Der Befehl lautete, niedriger zu fliegen.

„Sie müssen jetzt wählen!" sagte Jack Robinson. „Sie wählen entweder den Fallschirm mit dem Malzeichen des Teufels oder den anderen ohne Kennzeichen."

Pierre Henri Clark erhob sich und streckte seine Hand nach dem Fallschirm ohne Kennzeichen aus. Jack half ihm beim Anschnallen der Träger und Gurte. Dann hängte er ihm die Tasche über die Schulter und drückte dem Präsidenten das Gewehr in die Hand. Zusammen traten sie an die Kabinentür. „Springen Sie!" rief Jack, und der EU-Präsident sprang. Seine Gestalt schwebte auf die Erde zu. Alle in der Maschine folgten gespannt, ob sich der Fallschirm öffnen würde oder nicht. Es herrschte eine atemlose Atmosphäre in der Kabine, wo der rot gezeichnete Fallschirm unberührt auf dem Boden lag…