DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 8

Die Ebene wirkte durch den Mondschein phosphorweiß. Antoinette war gerade bei den Höhlen in der Wüste Zin, die John Williams auf einer Karte eingezeichnet hatte, angekommen. Der Mondschein war so klar, dass sie sich mit der Karte ohne Schwierigkeiten in den Grotten zurechtfand, in denen sie mit ihrer Herde Zuflucht suchte. Der Berg betrachtete sie mit der größten Ruhe, und die Klippenvorsprünge waren wie kleine Zwerge und eigenartige in Sand gekleidete Kathedralfiguren. Das silberne Licht ließ die Formationen wie weiß angestrichene Boote in einer Schiffsbauanlage erscheinen. Alles war unordentlich, umhergestreut, wie nach einem kürzlich erloschenen Vulkanausbruch. Die Ziegen versammelten sich um sie herum und die Hunde knurrten. Hinter den Steinhaufenkonturen, die aussahen wie Opferaltäre, konnte man grüne Augen und umher schleichende Schatten erkennen. Mehrere Stunden waren ihr die Wölfe gefolgt; am Fuß des Berges war es ihnen gelungen, sich ein Lamm zu erhaschen, über das sich eine rasende Wolfsherde stürzte. Gleichzeitig war das Käuzen der Eulen zu hören gewesen, und ihre vier Hunde waren bis zum Esel vorgekrochen gekommen, auf dem sie geritten hatte. Drei Tage waren inzwischen vergangen, seitdem sie Tamar verlassen hatte. Sie hielt nun nach John Williams und Jan Ausschau, die laut Absprache jederzeit auftauchen konnten. Unterwegs hatte sie Zweige von vertrockneten Zwergbüschen aufgesammelt, mit denen sie am Höhleneingang ein Feuer entfacht hatte. Die Herde drängte sich hinter sie, während sie das über dem Sattel liegende Gewehr aus der Halterung nahm. Der Esel stand still, mit erhobenen Kopf; die langen Ohren ununterbrochen gegen die Schatten in der Mondlandschaft ausgerichtet.

Antoinette merkte, wie der Schlaf sie zu übermannen drohte, doch das bissige Geheul in der Ebene hielt sie wach. Es waren nicht nur ein paar Wölfe, es war ein ganzes Rudel!

Die folgenden Stunden verliefen wie ein Ritual. Die Herde hinter ihr zitterte, die Hunde krochen um sie herum, und mitten in diesem Grauen fiel sie in einen leichten Schlaf. Als sie aufwachte, sah sie die blitzenden Zähne und feurig leuchtenden Augen der wilden Bestien und feuerte mit dem Gewehr in Richtung dieses unheimlichen Anblicks. Dies geschah viele Male, und manchmal schien es, dass sie ihr Ziel getroffen hatte, denn es war ein laut klagendes Geheul zu hören, das mit einem Kampf dort in der Ebene endete. Dann folgte die gefährliche Pause, in der alles still war; selbst der Esel ließ seinen Kopf hängen; dabei legte er seine Ohren an, und schien nicht weiter zu lauschen. Antoinette vermochte selbst in dieser größten Gefahr ihre schweren Augenlider nicht mehr länger offen zu halten. Unmerklich geriet sie – das Gewehr mit ihren Händen umklammert – in einen Zustand, in dem sie zwar irgendwie immer noch die silberne Ebene vor sich im Auge behielt, doch wo sie das Gefühl hatte, alles sei nur ein Traum.

Weil die Dinge so unwirklich waren, erschienen auch die knurrenden, wilden Angriffe des Wolfsrudels wie ein entfernter Alptraum, in dem Antoinette den einen Schuss nach dem anderen abgab. Als sie entdeckte, dass ihr nur noch eine Kugel im letzten Magazin verblieb, wurde sie plötzlich hellwach. Verzweifelt erhob sie sich und warf einige Zweige aufs Feuer. Als die Flammen loderten, sah sie, wie sich die Schatten nicht zurückhielten. Langsam, so, als ob die Wölfe dazu angeleitet worden wären, näherten sie sich taktfest kriechend; ihr Knurren, Brummen, Heulen und Bellen war ihre Begleitmusik. Ganz vorne war ein schwarzes Biest, das einem Werwolf glich mit seinem fast menschlich-tierischen Blick in den grünen Augen. Antoinette schoss diesem Ungeheuer die letzte Kugel in den Rachen. Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte es zu Boden. Danach zogen sich die Schatten für einen Moment widerwillig zurück. Doch schienen sie zu ahnen, dass die letzte Abwehr nun aus dem Weg geräumt war. Ein böser Triumph leuchtete aus dem Kreis der Wolfsaugen, die den Eingang der Höhle umgab. Auch die Ziegenherde vernahm, dass der letzte Schuss gefallen war. Unruhe breitete sich in der Herde aus. Gegen ihre Gewohnheit flüchteten ein paar große Zeigen in die hinter ihnen liegende Finsternis. Die Hunde jammerten, und Antoinette griff nach dem Gewehrlauf, um mit dem Kolben so lange um sich zu schlagen wie sie nur konnte. Die entblößten Zähne, die in Wollust um sich bissen, um sich als erstes an das Opfer heranzumachen, kamen immer näher. Ein Teil des Wolfsrudels war über ein paar Ziegen hergefallen und war nun dabei, ihre Beute am Höhleneingang zu zerfleischen. Fünf, sechs rasende Wildtiere liefen um Antoinette herum, die mit dem Gewehrkolben nach ihnen schlug. Einer von ihnen kam ihrem unkontrollierten Um Sich Schlagen zu nah und zog sich heulend zurück. Doch die übrigen näherten sich, lauernd, zusammengekrümmt, bereit zum Sprung anzusetzen. Beim letzten Versuch sich zu verteidigen, warf Antoinette das Gewehr dem nächsten, knurrenden Biest entgegen. Danach fiel sie auf die Knie, erhob ihre Hände zum Himmel, während sie wortlos ein Gebet flüsterte…

*

John William Andersen kam in einem finsteren Stadtteil Kopenhagens zur Welt. Das Gebiet um die Saxo- und Istedstrasse war der harte Kern der Hauptstadt; Steine werfen und Bandenkriege gehörten wie selbstverständlich zum Leben der Jungen auf der Straße. In der kleinen, unbekannten „Revaldsstrasse", die mit ihren Wohnkasernen schon vor langer Zeit aus dem Straßenverzeichnis gestrichen worden ist, gab es das einzige Milchgeschäft, in dem die armen Bewohner der „Westbrücke" Milch, Brot und Butter auf Kredit kaufen konnten. Dies war John William Andersens Zuhause. Für das ganze Stadtviertel war es ein großer Tag, als John mit Blumen und dem Studentenhut in der Hand seinen Eltern dafür dankte, dass diese sich ihre letzten Spargroschen vom Mund abgespart hatten, um ihm die Schulausbildung zu ermöglichen. „Der alte Ole" in Nummer 8 schwor darauf, dass „aus ihm ganz sicher was werden würde", und der Nachbar zeigte stolz auf den weißen Hut und sagte: „Er ist einer der Unsrigen…"

In diesen schwierigen Jungenjahren traf ein Ereignis ein, dessen Reichweite keiner der armen Kunden des Milchgeschäfts auch nur im Entferntesten erahnen konnte. Es hatte mit einem jungen Studenten zu tun, der in seinem Studentenquartier am Ende der Revaldsstrasse einmal in der Woche die Straßenbanden einlud, um ihnen geriebene, gesüßte Möhren anzubieten. Er war ein großer, blonder, junger Mann mit runder Brille und langen, schlanken Hände. Der unruhigen Schar las er aus der Bibel vor und sprach mit den Jungen über Jesus. Es war etwas Besonders über ihm, wenn er sprach, sodass sogar die Bandenführer ihm wortlos zuhörten. Seine Nase hatte einen „Knacks" bekommen, als er eines späten Abends in dem unsicheren Viertel überfallen worden war, doch die Narben, die er nach dem gewaltsamen Schlag zurückbehalten hatte, verschafften ihm noch größere Achtung in der Revaldsstrasse.. Was er von der Bibel erzählte, machte einen unauslöschlichen Eindruck auf John Williams und prägte zu einem späteren Zeitpunkt ganz entscheidend sein Leben.

*

„Was hat Sie hierher geführt?" fragte Kaiser Wilhelm den weißhaarigen Mann im Zelt. Er wollte nun in aller Eile das Verhör durchführen, das sein Chef in Jerusalem beordert hatte. „Sie müssen herausfinden, warum er sich ausgerechnet dort mit seinem Zelt niedergelassen hat!" hieß es übers Radio. „Das ist das Einzige, was wir wissen wollen."

„Das heißt", notierte sich der Kaiser, „Brüssel weiß, dass er biblische Archäologie studiert hat, und dass sein weißes Haar nicht auf sein Alter zurückgeführt werden kann, da er erst Anfang 40 ist. Außerdem ist ihnen bekannt, dass er einige Rundbriefe im Internet veröffentlicht hat, die sich mit so genannten biblischen Prophetien beschäftigen. Deshalb wünschte man nun einzig und allein in Erfahrung zu bringen, warum er sich gerade in diesem Teil der Aravaebene niedergelassen habe?" Der Kaiser wollte keine lange Geschichte daraus machen, deshalb fragte er kurz und knapp: „Was hat Sie hierher geführt?"

„Bozra!" antwortete John Williams.

„Bozra?" Der Kaiser war verwirrt. Er zog seine mit Plastik bezogene Wüstenkarte heraus und faltete sie auseinander. „Wo liegt Bozra?"

„Hier!" antwortete John Williams und zeigte mit dem Finger darauf. Die Stelle, auf die er deutete, befand sich ca. 80 km südlich des Toten Meeres auf dem Bergkamm, der das frühere Jordanien von Israel trennte.

„Hier", rief Kaiser Wilhelm verwundert aus… „aber das ist ja nur ein paar Kilometer von Ihrem Zelt entfernt! Das ist ja der Berg direkt gegenüber von uns."

„Ja", antwortete John Williams, „und dort liegt Bozra!"

„Bozra", fragte der Kaiser zögernd. „Hat dieser Ort mit biblischer Archäologie zu tun?"

„Nein, Bozra hat etwas mit der Zukunft zu tun."

„Was meinen Sie damit?"

John Williams Andersen zögerte. Sein Englisch hatte einen deutlich skandinavischen Klang. Er stand auf und sah den EU-Sergeanten eindringlich an. Dieser saß vornüber gebeugt, sodass das glänzende Eisenkreuz vor seiner Brust hin und her baumelte. „Ich meine", sagte er ernst, „wenn in Ihrem Leben keine Änderung eintritt, dann wird Bozra der Ort sein, an dem Sie Ihren letzten Atemzug machen, wo sie ihre Augen schließen – und wo Ihr Blut im Sand verläuft…"

Kaiser Wilhelm war starr vor Schreck. Er betrachtete ungläubig den Mann, den er verhören sollte, und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Rollentausch stattgefunden hatte. John Williams war nun der Verhörsrichter, und er selbst, der Kaiser, saß auf der Anklagebank. „Mein Blut wird im Sand verlaufen?" rief er fragend aus. „Das müssen Sie mir aber schon etwas näher erklären!"

„Sie gehören doch dem gegenwärtigen EU-Heer an, oder?"

„Ja!"

„Einer aus 1500 Männern bestehenden Einheit?"

„Ja!"

Innerhalb von 4 Tagen einsatzbereit?"

„Ja!"

„Mit einer Reichweite von bis zu 600 km?"

„Ja!"

Die Fragen und Antworten fielen schnell, wie Peitschenhiebe. Zum Schluss erklärte John Williams: „In Kürze werden Sie nach Bozra gesandt… um dort zu sterben!"

Der Kaiser tastete nach seiner plastifizierten Karte. Langsam faltete er sie zusammen, doch so, dass die Angaben über Bozra auf dem oberen Teil zu finden waren. „Um zu sterben!" rief er aus und schluckte schwer. „Wer sagt, dass ich in Bozra sterben werde?"

„Das sagt einer der bekanntesten und am meisten geachteten jüdischen Propheten. Jesaja sagt voraus, dass eine weltweite „Endzeitschlacht" in Bozra stattfinden wird, und als EU-Offizier werden Sie zugegen sein. Er sagt auch, dass Sie von dort nicht mit dem Leben davonkommen werden…"

Kaiser Wilhelm schloss die Augen. Viele hätten der Erklärung dieses Weißhaarigen skeptisch zugehört, doch nicht so der Kaiser! Er fasste diesen kurzen Hinweis auf einen der biblischen Propheten nicht als rätselhafte, sektiererische Rede auf. Der EU-Sergeant war gerade der Hölle des Gogkrieges entkommen. Dieser war von einem anderen dieser alten hebräischen Propheten vorausgesagt worden und hatte sich somit erfüllt. Man hatte ihm erzählt, dass der Prophet Hesekiel Schwefel vom Himmel hat fallen gesehen. „Und ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!" murmelte der Sergeant. „Der Prophet hatte gesehen, wie Pest und Krankheit das Invasionsheer vernichteten. „Auch das habe ich erlebt", fuhr der Sergeant fort.

John Williams betrachtete schweigend Kaiser Wilhelm, der mit geschlossenen Augen dasaß. Er hatte den Eindruck, dass vor dem inneren Auge dieser gebeugten Gestalt ein Filmstreifen ablief, denn er hörte ihn unaufhörlich flüstern: „Ich habe gesehen, wie es geschah!"

„Der Prophet hatte vorausgesagt, dass Kilo schwerer Hagel mit Laser gesteuerter Präzision gegen gepanzerte Fahrzeuge geschleudert würden…und ich sah es geschehen!" fuhr der Kaiser sein Selbstgespräch fort. „Außerdem hatte Hesekiel vorausgesagt, dass die vorwärts rückenden Heere durch „freundliches Feuer" umkommen werden… „auch das habe ich gesehen", seufzte der EU-Sergeant geistesabwesend…

Kaiser Wilhelm richtete sich wie nach einem Nickerchen auf. „Sie sagen, dass ein größerer militärischer Einsatz in Bozra stattfinden wird?"

„Ja!"

„Und wo steht das geschrieben?"

John Williams Andersen schrieb eilig ein paar Ziffern auf ein Stück Papier.

„Und das ist der Grund, warum Sie hier sind?"

„Einer der Gründe, ja!"

Kaiser Wilhelm erhob sich. Seine Aufgabe war beendet. Nun konnte er nach Jerusalem berichten, dass das Verhör stattgefunden hatte, und dass Informationen über die Idee der Gläubigen vorlagen, ein EU-Heer würde irgendwann zusammen mit anderen Alliierten in der Stadt Bozra vernichtend geschlagen werden. Er gab einige Bibelstellen aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 34 und 63 an und sandte seine Mitteilung ab. Danach machte er sich zur Weiterfahrt nach Eilat bereit. Bevor er sich ins Fahrzeug setzte, stand er einen Augenblick still und starrte auf die Berge Edoms zur Stadt Bozra hinauf. „Ich sah, wie es geschah!" murmelte er wieder. „Ihr Blut färbte den Sand rot! Ich sah es geschehen!" Dann sprang er in den Wüstenjeep und sein kleiner Konvoi verschwand hinter einer Sandwolke…

John Williams Andersen drehte sich um und umarmte einen sonnengebräunten, jungen Mann. „Herzlich willkommen, Jan", rief er aus; wir müssen uns schnellstens in die entgegen gesetzte Richtung auf den Weg machen. Ich habe das Gefühl, dass Antoinette in Lebensgefahr schwebt."

Die beiden Männer begannen einen grün angestrichenen Landcruiser zu beladen. Innerhalb von ein paar Stunden konnten sie die gleiche Strecke zurücklegen, zu der Antoinette mit ihrer Herde und dem Esel drei Tage gebraucht hatte. Während die Sonne langsam wie eine feuerrote Kugel an einem Horizont-Ende verschwand, kam nach und nach der Mond wie eine glänzende Silbermünze am anderen Ende zum Vorschein.

„Ich kann nur hoffen, dass sie keine Schwierigkeiten mit den Wölfen in der Zinwüste hatte", sagte John Williams. Jan Apostolou sah ihn erschrocken an. Dann stiegen beide Männer in den grünen Jeep. Eine riesige Staubwolke bewegte sich mit großer Fahrt in Richtung der untergehenden Sonne.

*

Es ist notwendig, so viele Auskünfte über Bozra einzuholen wie nur eben möglich", erklärte der Vizepräsident John Edwards während der unmittelbar nach den im internationalen Flughafen stattgefundenen Ereignisse einberufenen Versammlung in Brüssel. „Wir haben gerade die Nachricht über das Flugzeug des Entführten erhalten, dass die Maschine Richtung Nahost unterwegs ist. Der Geiselnehmer hat zusätzlich zur Ausrüstung der Maschine zwei Fallschirme angefordert. Aller Wahrscheinlichkeit nach möchte er selbst in dem schwierigen Terrain bei der Bergkette zwischen Israel und dem früheren Jordanien abspringen. Während des Gogkrieges hielt er sich in dem unwegsamen Gebiet nördlich von Saudi Arabien auf. Diese Region ist voller Felsenhöhlen, wo er sich verstecken kann!"

„Mit der richtigen Mannschaft sollten wir imstande sein, ihn zu finden!" Einer der anwesenden Offiziere unterbrach den Vizepräsidenten. „Wir werden eine Höhle nach der anderen durchsuchen!"

„Sind Sie sich darüber im Klaren, wie viele dieser Höhen es dort gibt?" Die Stimme des Vizepräsidenten klang seltsam mild…

„Nein, Herr Vizepräsident!"

„Eine Million!" John Edwards hob den Kopf und vernahm das überraschte Murmeln der Versammelten. Dann fuhr er fort: „Wir werden unser Möglichstes tun, um den Geiselnehmer zu finden, sollte er über dieser Gegend abspringen. Ja, eine Abteilung ist bereits auf dem Wege dorthin, um ihn in Empfang zu nehmen. Ich bin der Ansicht, dass wir ihn in Kürze wieder hier in Brüssel haben werden! In der Zwischenzeit ist es für uns wichtig, die europäische Bevölkerung verstehen zu lassen, dass die Terrorsekte, die hierbei im Spiel ist, kein Mittel scheut, um ihr Ziel zu erreichen. Noch ist unser Präsident nicht lebend zurückgekehrt – und sollte er auf tragische Weise umkommen – so ist jeder, der zukünftig seinen Posten übernimmt, in Lebensgefahr! Ich bin mir da meiner Sache so sicher, dass ich hier auf der Stelle erklären möchte: Sollte der EU-Präsident, Mr. Pierre-Henri Clark sein Leben bei dieser brutalen Entführung lassen müssen, so muss ich mit Rücksicht auf meine eigene Person und meine Familie von dem Vorschlag Abstand nehmen, seinen Posten zu übernehmen. Er steht also jedem offen, der ihn einnehmen möchte! Persönlich halte ich die Feinde unseres Systems für so gefährlich und rücksichtslos, dass ich jeden warnen muss, der danach strebt, dieses Amt zu übernehmen. Ich sage Ihnen: die Tage jenes Mannes sind gezählt! Unsere Feinde stecken mit Kräften unter einer Decke, die die Vorstellungen eines jeden übersteigen!"

John Edwards nahm wieder seinen Platz ein. Die Versammlung löste sich auf. Einzeln oder in Gruppen verließen Minister, Offiziere, Beamte und Oberbefehlshaber innerhalb von Politik und Sicherheitsdiensten das erleuchtete Lokal. Noch hörte man Stimmen im Hintergrund, doch abgesehen von den Sicherheitsbeamten an den drei Eingängen des Konferenzsaales war der Vizepräsident allein. Er saß vornüber gebeugt, während er langsam vor sich hinflüsterte: „Jeder Mann, der den Posten des EU-Präsident innehat, schwebt in Lebensgefahr!" Einen Augenblick saß er still und nachdenklich da. Der Projektor, der das Rednerpult beleuchtet hatte, war erloschen. Man konnte nur schwach den runden Sternenkreis auf dem blauen Hintergrund des Podiums erkennen. Ein Schatten näherte sich der zusammengesunkenen Gestalt des Vizepräsidenten. Sie tauchte aus der Dunkelheit hinter ihm auf. „Sie erwarten, dass ich den Posten übernehme, doch das tue ich nicht!" murmelte John Edwards. „Wer wird sein Nachfolger sein?"

„Ich!" erklang eine Stimme hinter dem flüsternden Vizepräsidenten.

John Edwards wollte sich umdrehen, doch eine schwere Hand legte sich ihm gebieterisch auf die Schulter.

„Bleiben Sie sitzen, wo Sie sind und drehen Sie sich nicht um", fuhr die Stimme mit großer Autorität fort.

„Mr. Pierre Henri Clark wird nicht zurückkehren, und ich werde sein Amt übernehmen! Sie werden zukünftig Befehle von mir erhalten!"

John Edwards war wie gelähmt und bleich vor Entsetzen. Als die Stimme hinter ihm weiter redete, wollte er sich umdrehen, doch konnte es nicht. Wie hypnotisiert begriff er, dass ihn ein eiserner Griff umschlungen hielt.

„Werden Sie bereit sein, mir zu gehorchen?"

John Edwards nickte bejahend.

„Ich habe eine große Aufgabe, die Sie erfüllen sollen!"

Wieder nickte John Edwards.

„Eine blutige Aufgabe!"

John Edwards schloss die Augen. Er gab kein Zeichen von sich…

„Wenn Sie mir gehorchen, werden Sie belohnt, und Sie werden in einen Genuss kommen, den Sie sich nicht zu erträumen gewagt haben."

John Edwards hörte der Stimme weiter zu…

„doch wenn Sie mir nicht gehorchen, werde ich Ihr Geheimnis lüften, und Sie Ihres Postens entheben. Wollen Sie mir Gehorsam leisten?"

John Edwards nickte…

Die Hand hob sich von seiner Schulter. Danach hörte er, wie jemand schnellen Schrittes davonging. Er drehte sich eilig um, doch der Raum hinter ihm war menschenleer! Ein Sicherheitsagent kam auf ihn zu; der Vizepräsident folgte ihm durch die Mitteltür hinaus. In der Türöffnung wandte er sich um und betrachtete die leere Tribüne. Sie lag finster und verlassen da. Die achtzehn Sterne auf der Vorderseite des Rednerpults schimmerten matt, im Hintergrund sah man einen unendlich nachtblauen Himmel…

„Niemand weiß etwas über das Schicksal des EU-Präsidenten Pierre-Henri Clark", erklärte der Fernsehreporter, Jeff Straw, der weltweiten Zuschauerschar von seinem EU-Sprechposten aus, neben dem Monument des Tieres mit der Frau vor dem Europaratsgebäude in Brüssel. Ebenso wie er von Washington aus immer das Weiße Haus als Hintergrund für seine Reportagen hatte, in Paris den Eifelturm und in Kopenhagen „Die Kleine Meerjungfrau" so hatte er sich die Metallskulptur des „Tieres mit der Frau" als „Markenzeichen" ausgewählt. „Die zuletzt erhaltene Meldung besagt, dass sich das Flugzeug der Grenze zwischen Jordanien und Saudi Arabien nähert, und dass der Präsident übers Radio darum gebeten hat, augenblicklich Kontakt mit dem Geiselnehmer aufzunehmen, da dieser damit gedroht hat, ihn über Saudi Arabien abzuwerfen."

„Der Geiselnehmer ist mit dieser Drohung gekommen, weil er sich von den EU-Jagdflugzeugen verfolgt fühlt", lautete es weiter im Report, „seine Drohung scheint ernst gemeint zu sein, da er für den Flug zwei Fallschirme angefordert hat. Er hatte dies zuerst damit begründet, dass er sicher gehen wolle, dass beide Fallschirme funktionstüchtig seien; jetzt schien Jack Robinsons Forderung zu besagen, dass er geheim halten möchte, von welcher Position aus er selbst abspringen will; wie er dies durchführen will, darüber lässt sich zurzeit nur spekulieren!"

Jack Straw lieferte danach einen der Hintergrundsreportagen, die ihn als Fernsehjournalist so berühmt gemacht hatten. Er legte dar, aus welchem Grund der EU-Präsident solche Angst hatte, über Saudi Arabien abgeworfen zu werden.

„Es ist kein Geheimnis", erklärte er, „dass der EU-Präsident während des Gogkriegs dem Zentralen Europäischen Aufklärungsbüro einen Blankoscheck ausgestellt hatte, um verdächtigte Terroristen zum Verhör an die arabische Welt auszuliefern. In dem Antiterrorkrieg Pierre-Henri Clarks waren an die 150 Personen an Saudi Arabien ausgeliefert worden. Durch deren Methoden waren die Betroffenen zum Sprechen gebracht wurden. Trotz des in der EU-Konstitution festgelegten Verbots gegen Tortur, hat der Präsident über diesen Umweg bei gewissen Gefangenen die Zunge lösen können. Laut eines nun verbotenen Buches des ehemaligen Chefs der Kabullager, Bagram, mit dem Titel: „The Interrogators" hat ein bekannter Terrorist mit Namen Saliou Mohammed Saahr nach drei Tagen „Verhör" willig sein Geheimnis enthüllt. Er konnte entkommen und hält sich mit einhundert verbitterten Männern in den Bergen Saudi Arabiens versteckt. Nun hat er von der Möglichkeit gehört, dem EU-Präsidenten begegnen zu können, um ihn persönlich Anteil haben zu lassen an der Tortur, die seine Menschenrechtskonventionen in Europa zu verhindern suchen! „Wenn Ihr nicht aufhört, mich zu verfolgen, werde ich den Präsidenten in die Höhle des Löwen werfen", hat der Geiselnehmer erklärt!" Mit diesen Worten beendete Jack Straw seine Reportage aus Brüssel…

*

Langsam wurde es Abend und die Dämmerung brach über die Wüstenebene herein. John Williams and Jan Apostolou rasten durch die weglose Einöde. Im Zwielicht erschienen die Berge wie mit Grünspan überzogenes Kupfer und die von der Regenzeit dunkel gefärbten Bäume erhoben sich überall wie verkrüppeltes Gebilde. Der Horizont färbte sich durch eine Art Wüstennebel, der dem Seenebel ähnelte; ein Sandsturm war unterwegs! Der Wind blies aus Westen, und entwurzelte Disteln fegten wie Dragonenheere über den Sand. Manchmal nahmen sie die Form von rappeldürren, langbeinigen Windhunden an, die über Höhen und Ebenen rasten. War dies Vision oder Wirklichkeit? Gab es hier Schatten oder Gestalten? Die Wüste gab ihre Antwort durch Gejohle und Geheul: Die Wölfe waren auch unterwegs!

Jan beobachtete mit heimlicher Verzweifelung die ruhige Erscheinung John Williams hinter dem Steuer; John hatte sich den breitrandigen, ledernden Western ins Gesicht gezogen und verlangsamte nicht seine Fahrt bei größeren Unebenheiten. Beide Männer hoben den Kopf und lauschten, als sie irgendwo in den Bergen einen Schuss hörten! „Von dort!" rief Jan und deutete in die Richtung, aus der der Sturm kam. John Williams Andersen fuhr Richtung Westen in eine Schlucht hinein. Die „Langbeinigen" liefen hinter ihnen her. Vor einer Höhlenöffnung sahen sie eine Reihe blinkende Lichter und hörten danach ein gewaltiges Getöse. Das Wolfsrudel, das ihnen gefolgt war, mischte sich mit ein in die Schlacht am Ende der Schlucht. Aus der Tiefe einer Berghöhle hörten sie noch einen Schuss, danach war es totenstill. Die beiden Männer liefen mit ihren Gewehren so schnell sie konnten auf die Anhöhe, wo schleichende, knurrende Schatten widerwillig zurückwichen. Beim Höhleneingang sahen sie die blutigen Spuren der zerrissenen Ziegen. Als die hohen Gestalten auf die Felsenöffnung zugingen, ergriff ein letztes Rudel bellender Ungeheuer die Flucht. Auf dem blutigen Boden der Höhle lag ein Riesenwolf von einer Kugel im Kopf getroffen. Neben dem toten Tier kniete eine junge Frau mit erhobenen Händen und geschlossenen Augen, als ob sie darauf warte, jeden Augenblick von scharfen Zähnen zerfleischt zu werden. Innerhalb einer Sekunde war das Höhlenbild wie eingeritzt in die vom Feuer erleuchtete Höhlenwand. Es stand klar wie ein tausendjähriges Grottengraffiti mit dem uralten Motiv abgebildet: Ein getötetes Tier, eine Frauengestalt mit erhobenen Händen und Jäger mit speerähnlichen Waffen…

Jan warf das Gewehr von sich und lief auf die wartende Gestalt zu. Vorsichtig umarmte er sie, während er ihren Namen flüsterte: „Antoinette! Antoinette!" Die junge Frau öffnete die Augen, die sich mit Tränen füllten. "Jan!" antwortete sie mit zitternder Stimme. Dann verlor sie das Bewusstsein. Behutsam hob Jan die leblose Antoinette auf und trug sie zum wartenden Jeep.