DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 7

An einem diesiggrauen Morgen (wie er an einem Märztag im Aravatal vorkommen kann) schlug Kaiser Wilhelm südlichen Kurs Richtung Eilat ein. Seinen Gesprächen mit John William Andersen (im Hinblick auf dessen Namen er von Brüssel aus korrigiert worden war) hatte er entnommen, dass Antoinette Dupont versuchen würde, über die Stadt Aquaba ins frühere Jordanien hineinzukommen. In der vergangenen Nacht hatte er das Kauzen der Eulen von der Klippe bei der Zwölfpalmenoase gehört, und es kam ihm so vor, als ob er ein Rumpeln tief unter den endlosen Sandbänken vernähme. Ja, in den frühen Morgenstunden war der Kaiser überzeugt, dass – wie er es seiner gleichgültigen EU-Mannschaft gegenüber bezeichnete - „das Bersten der Berge" gehört zu haben! Er wagte nicht, seinen Leuten zu erzählen, dass ihm um Mitternacht ein schallendes Gelächter aus der Wüstentiefe entgegen geklungen war, und er überall zerzauste Vögel gesehen habe. Das heisere Schreien der Stare war ununterbrochen zu hören gewesen…

„Ich werde noch verrückt", flüsterte er sich selbst zu. „Etwas läuft schief beim Kaiser Wilhelm! Es ist schwer, die Fäden in dieser verwilderten Einöde zu sammeln…"

Als Kaiser Wilhelm „über die zu sammelnden Fäden" sprach, meinte er damit besonders die Meldungen, die er aus Brüssel und Jerusalem erhalten hatte. Als erstes hatte man ihm die letzten Neuigkeiten über die Geiselaffäre mitgeteilt. Er hatte diesbezüglich darüber Bescheid bekommen, dass alle Kodewörter der gesuchten Personen geändert werden sollen! Die Ausdrücke „Dschungelbiester" und „Tempelritter" sollten aus dem Vokabular gestrichen werden. Von nun an dürfen die polizeilich gesuchten Personen nur noch in zwei Gruppen aufgeteilt werden. Entweder sie gehören zu den „Terroristen" oder den „Fundamentalisten". Dies sei wichtig zu wissen im Hinblick auf das Verständnis unserer Aufgabe, und wie sie von der Öffentlichkeit aufgefasst wird" hieß es von Adolf Engels aus Jerusalem.

„Das heißt also, dass Antoinette Dupont, die nun in südlicher Richtung unterwegs ist, um nach Aquaba zu kommen, eine Terroristin ist", erklärte der Kaiser seinen Leuten, „und John William Andersen aus Dänemark ein Fundamentalist. Sie sind beide gleichermaßen gefährlich. Wir haben jedoch den Befehl erhalten, im Moment noch niemanden zu verhaften. Es dreht sich nämlich um ein religiöses Netzwerk, dessen Fäden erst entflochten werden müssen…

Zweitens war er aufgefordert worden, John William Andersens „fundamentale Ansichten" über das biblisch-geographische Gebiet, in dem er sich befand, näher zu beschreiben. Darüber ärgerte sich der Kaiser, denn er wäre gerne mit seiner Kolonne weiter Richtung Süden gefahren. Nun musste er wieder den Verhörston anschlagen. John William Andersen wurde deshalb abseits zur kleinen Wagenburg der Militärwüstenjeeps geführt.

*

Jack Robinson hatte, wie gewöhnlich, seine rechte Hand in der Westentasche, als er aus dem Gebäude des Europarats in Brüssel heraustrat. Auf diese Weise war er zwei Jahre lang seinem Chef, dem EU-Präsidenten Pierre-Henri Clark, als Bodyguard wachsam gefolgt, nur mit dem Unterschied, dass die Waffe, die er jetzt in der Tasche umklammert hielt, nicht dazu bestimmt war, den Präsidenten zu verteidigen, sondern ihn bei gegebenem Anlass umzubringen!

Ganze Kolonnen in Galla gekleidete Polizei auf weißen, glänzenden Motorrädern bogen vor der Skulptur mit „dem Tier und der Hure" ein. Jack Robinson ging entspannt lächelnd hinter dem Präsidenten her, um mit ihm in die schwarze Limousine einzusteigen. Bevor die beiden Männer hinter der schwarzen Wagentür verschwanden (es wurde ihnen von dem einen der beiden Chauffeure die Tür offen gehalten) blieben sie einen Augenblick vor dem langhörnigen Stier und der Frau mit dem flatternden Haar stehen. Hier ließen sie sich photographieren. Jack Robinson winkte der Presse zu. „ Der Antichrist!" rief er und zeigte vielsagend auf die Skulptur. „Das Tier aus dem Offenbarungsbuch! Der Präsident hat ihn eingeladen, die Regierung der EU zu übernehmen, „sei er nun ein Gott oder ein Teufel, so wollen wir ihm dienen…" sagt der EU-Präsident!"

Mr. Pierre Henri Clark beugte verbittert sein Haupt. „Halten Sie den Mund!" fauchte er seinen früheren Leibwächter an.

„Keine Flüche", antwortete Jack mahnend. „Ich zitiere ja nur aus Ihrer vorgestrigen Rede. Sie sollten sich doch darüber freuen und stolz sein, dass man Sie zitiert. Morgen wird dies in der Zeitung stehen: „Ob es ein Gott oder ein Teufel ist, so wollen wir ihm folgen!" Das wird morgen in die Zeitung kommen…"

*

„Ausgezeichnet!" rief John Edwards triumphierend aus, als er den Auftritt von seinem Fenster im Komiteegebäude auf der anderen Seite des Platzes mitverfolgte. „Ausgezeichnet! Das ganze verläuft so, wie ich es mir vorgestellt habe! Nun hoffe ich, dass sich die schiesswütigen Scharfschützen am Riemen reißen. Wir müssen ihn lebend kriegen! Alles, was er sagt und tut, beweist, dass ein religiöses Netzwerk dahinter steht. Lassen wir ihn nur so weitermachen! Jedes von ihm geäußerte Wort legt mir das Schwert in die Hand! Jede ausgeführte Handlung rechtfertigt das unglückliche Schicksal und das traurige Ende, das seine Handlager zu erwarten haben.

*

„Eine unglaubliche Situation! lautet die Stimme des Fernsehjournalisten, Jeff Straw, im CNN-Mikrofon. „Die ganze Welt kann sehen, dass der frühere Bodyguard des Präsidenten innerhalb von Sekunden ein toter Mann sein könnte. Im Augenblick zielen ein halbes Hundert automatische Waffen auf seinen Kopf. Er würde nicht einmal genügend Zeit haben, seine Pistole zu erheben, bevor sein Gehirn zerschmettert wäre. Was veranlasst eine moderne Terroreinheit dazu, sich zurückzuhalten? Wer hat den Befehl zum Nichtschießen erteilt? Wer hat die Bedingungen des Geiselnehmers akzeptiert? Welch ein großartiger, unbekannter Plan liegt diesem Schauspiel zugrunde…?"

*

„Ach, jetzt verstehe ich", flüstert Adolf Engels in Jerusalem. Er verfolgt in seinem Salon die Nachrichten aus Brüssel auf dem Bildschirm! „Natürlich erschießen Sie ihn nicht! Die Art und Weise, wie er selbst sein Verbrechen motiviert, gibt uns das Recht, hart auf die ganze Sippschaft dieser Terroristen und Fundamentalisten einzuschlagen. Mal sehen, was weiter geschieht. Jack Robinson dient unserer Sache im Augenblick besser als seine teure Geisel. Er gibt uns die Möglichkeit, uns sehr bald unserer Feinde zu entledigen. Das ganze Volk wird sich dann freuen, wenn sie sehen, dass diese Verbrecher zur Höchststrafe der Union verurteilt werden!"

Adolf Engels wurde aus seinen triumphierenden Überlegungen gerissen, als er voller Entsetzen auf dem Fernsehschirm sah, wie Jack Robinson plötzlich seine Pistole aus der Innentasche hervorholte. Er hielt sie hoch über seinen Kopf, um allen Scharfschützen klarzumachen, dass sie alle seinen Bewegungen folgen konnten. Mit beiden Händen am Abzugshahn stand er einen Augenblick da, mit der Waffe zum Himmel gerichtet. Der Revolvermann lächelte, denn er wusste, dass in diesem Moment die ganze Welt den Atem anhielt. Pierre Henri stierte seinen Verfolger fassungslos an. Es war deutlich zu erkennen, dass dem Geiselnehmer bewusst war, von welch einer blitzschnellen Übermacht er umgeben war. In dieser Lage entblößte er seine Brust und sagte: „Schießt nur… wenn ihr es wagt …"

Der Platz beim Ratsgebäude stand unter Hochspannung. Ein schwacher Wind fegte über den abgesperrten Bezirk; der weiße Schnee hob sich und blies zwischen der Kortege blau blinkender Polizeimotorräder. Dem Chauffeur, der die Wagentür geöffnet hatte, stand das blanke Entsetzen im Gesicht geschrieben. Starr vor Schreck bemerkte er nicht einmal, dass feuchter Schnee ins Auto geblasen wurde. John Edwards, der Vizepräsident der EU, trat erschrocken ans Fenster. Seine Hände umklammerten den Fensterrahmen, und seine großen Augen betrachteten ungläubig die fast unwirkliche Szene, die sich vor seinen Augen abspielte. Jeff Straw senkte sein CNN-Mikrophon, und das Bild lief ohne Kommentar über den Bildschirm. Nicht, dass es dem erfahrenen Fernsehreporter die Stimme verschlagen hätte, doch das wortlose Bild wirkte stärker als jegliche Beschreibung. „Der Augenblick war so erhaben", erklärte Jeff Straw später, „dass man ihn nicht hätte in Worte fassen können. Jeglicher Kommentar hätte sich leer und profan angehört. Irgendetwas Mächtiges, ja, Überirdisches war im Begriff zu geschehen…"

Keiner konnte genau angeben, wie lange Jack Robinson, der für seine Tapferkeit im Gogkrieg ausgezeichnete Soldat, dort mit seiner erhobenen Waffe gestanden hatte. Das Bild gefror und fegte wie der leicht wirbelnde Schnee auf dem Brüsseler Platz in die Medienwelt des ganzen Erdballs hinein. Dies war die Aufnahme des Jahrhunderts: eine schlanke, dunkle Gestalt mit erhobenen Armen, die Hände um eine langgriffige Pistole geklammert, die den Himmel anvisierte. Unter seinen Armen der sich duckende Präsident mit gebeugtem Kopf, der den Eindruck vermittelte, dass er seine Sorge über die eigene Beerdigung zum Ausdruck bringen wolle; hinter ihnen die schwarz glänzende Limousine, die irgendwie die Gedanken auf das Attentat des amerikanischen Präsidenten John F.Kennedy Mitte des letzten Jahrhunderts lenkte. Vor dem mutmaßlichen Attentäter die Metallskulptur des „Tieres und der Hure". Der Schnee blies durch die langen, flatternden Locken der Frau. Neben dem Präsidenten stand die in Gala gekleidete Polizei, die mit blitzend weißen Helmen an die Ritter des König Arthurs beim Runden Tisch erinnerte.

Jack Robinson senkte langsam seine Pistole. Seine Bewegung war wie aus einem Farbfilm in Zeitlupe. Über Kopfhörer wurde ein Befehl geflüstert. Sollte die Waffe auf den gebeugten Präsidenten umschwenken, sollte der Revolvermann erschossen werden! „Hiermit wird die Genehmigung zur Feuereröffnung erteilt, doch nur, wenn die Waffe auf den Präsidenten gerichtet wird", hieß es in einer Verlautbarung an die Scharfschützen der Terroreinheit. Jack Robinson konnte unmöglich diesen Befehl aufgefangen haben, doch handelte er ganz dementsprechend. Äußerst langsam wandte er sich vom Präsidenten ab. Er nahm die hoch erhobene Pistole mit einer gewissen Würde herunter, so als ob die Szene choreographisch instruiert worden wäre. Sorgfältig zielte der Geiselnehmer des EU-Präsidenten auf den Stier mit der Frau. Danach feuerte er schnell hintereinander sechs Schüsse ab. Der erste Schuss traf die reitende Hure. Es hatte den Anschein, als ob sie in dem Metallsplitterregen völlig erschöpft zusammenbrach. Dieser Regen färbte den Schnee auf ihrer Brust dunkel, wie getrocknetes Blut. Die übrigen fünf Schüsse trafen die breite Stirn des Tieres, die bereits durchlöchert war, sodass in dem schwarzroten Kupfer sechs Wunden auseinanderklafften. Jeff Straw, der wie die meisten Fernsehreporter eine poetische Ader hatte, behauptete später in seiner Beschreibung dieser Szene, dass er das Brüllen des Stieres gehört hätte. „Es war wie ein Todesgebrüll, das bis zum Himmel heraufstieg!" erklärte er. „Der Stier galoppierte immer weiter, obwohl er tödlich verwundet war, bis er dann schließlich zu Boden stürzte…"

Wie ein stolzer Stierkämpfer, der in einer spanischen Arena mit einem feuerroten Tuch die gefährlichsten Augenblicke seines Lebens überstanden hat, steckte Jack Robinson seine rauchende Pistole in das blanke Lederhalfter, das er unter der Jacke und über der Schulter gespannt hatte. Er wandte sich an sein unsichtbares Publikum in der Arena und rief mit lauter Stimme: „So wird es dem Antichristen und der Hure ergehen, die mit ihm reitet!"

Mr. John Edwards klatschte begeistert hinter seinem Fenster „auf dem ersten Parkett der Arena" Applaus. „Hervorragend!" rief er. „Es könnte ja nicht besser sein! Dieser Mann legt unseren ganzen Plan gut zurecht! Er erzählt der ganzen Welt, warum wir nach diesem Drama hart gegen alle religiösen Fundamentalisten vorgehen müssen! Sein Bekenntnis beweist, wie gemeingefährlich seine Motive sind. Wort und Tat rechtfertigen vollkommen unseren Krieg gegen die so genannten Heiligen…"

Adolf Engels hatte sich aus seinem Fernsehsessel erhoben. Auch er tat seinen Beifall kund. „Gute Arbeit, Herr Vizepräsident!" rief er aus. „Sie führen nun vor der ganzen Welt den Beweis an, von welcher Seite unsere globale Gemeinschaft bedroht ist! Durch diesen Verrückten identifizieren Sie den Feind. Heute beginnt der Krieg gegen die heiligen Fundamentalisten, auf den wir so lange gewartet haben. Ihre geisteskranken, exaltierten Reden über den Antichristen und die Hure, die auf dem Tier reitet, ist gerade das, was wir brauchen. Es ist eine lebensgefährliche, sektiererische Schar, die ausgerottet werden muss – mit Stumpf und Stiel! Wir werden keinen Frieden bekommen, bevor wir sie nicht alle hinter Schloss und Riegel haben; entweder sie oder wir! Entweder ihr Reich oder unsere Weltgemeinschaft. Es kann hier nicht von zwei Herren die Rede sein. Der eine muss entfernt werden, so dass der andere herrschen kann!"

Überrascht hielt Adolf Engels einen Augenblick bei seinem eigenen Wortschwall inne. Es war ihm so, als ob er seinen eigenen Worten Flügel verleihe. Er spürte ein inneres Glühen, das er so noch nie verspürt hatte. Er fühlte sich inspiriert. Über dieses Thema könnte er stundenlang reden…

…"doch was sagen Sie dazu, Herr Professor", rief er eilig aus, während er Joseph Fruchtenbaums Buch mit dem Titel „THE ANTICHRIST" aufschlug. Er blätterte schnell darin herum; gleichzeitig behielt er den Fernsehschirm im Auge – und fand die Stelle, an der er vor ein paar Stunden aufgehört hatte zu lesen. „Und ich sah die Frau trunken vom Blut der Heiligen und der Zeugen Jesu" er nachdenklich. „Das heißt", fuhr er mit gedämpfter, bösartiger Stimme fort, „dass der Paragraph der EU-Konstitution über das Verbot gegen die Todesstrafe geändert werden muss! Diese Art von Humanitätsdusselei kann nicht mit dem dort fertig werden". Er deutete irritiert auf Jack Robinson, der gerade mit Mr. Clark in die Limousine stieg.

„Entweder muss er aufgehängt oder erschossen werden", fuhr er fort. „all dies Gerede vom „Recht auf Leben" ist nur ein wenig Butterbrot für die Massen. Nein, dies hier gibt uns das Recht, neue, notwendige EU-Rahmenbedingen zu schaffen." Adolf Engels ließ ein kleines hässliches Lachen hören. „Und ich sah die Frau trunken vom Blut der Heiligen", rief er aus. „Treffende Beschreibung! Die Reiterin, die durch die Mörderkugel in der Brust getroffen wurde, muss gerächt werden. Die Todesstraffe muss wieder eingeführt werden…"

*

Das Gala Ehrengeleit setzte sich langsam über den schneebedeckten Platz in Brüssel in Bewegung. Die Bevölkerung der Großstadt strömte auf den Straßen zusammen, um aus der Nähe das seltsame Schauspiel zu betrachten, das sie bis dahin nur auf dem landeseigenen oder auf internationalen Fernsehkanälen mitverfolgt hatten. Die Neugierde war riesengroß, die Gefühle in der Menge waren gemischt. Die meisten sahen in Jack Robinson einen gefährlichen Verbrecher, der aus diesem Abenteuer nicht mit seinem Leben davonkommen sollte. Doch einige machten sich ganz offensichtlich über seine Kühnheit und provokanten Einfälle lustig. Die Idee mit „dem roten Läufer" und dem „Sternenbanner auf Halbmast" fanden sie toll. Als Jack Robinson in der fahnengeschmückten Karosse beim Vorbeifahren wie eine königliche Person die Hand würdevoll zum Gruß erhob, wagten sogar einige, seinen Gruß zu erwidern, und ihm lächelnd zuzuwinken. In einigen Fällen musste die auf dem Weg stationierte Polizei gegenüber einigen wütenden Belgiern eingreifen, die das Gesetz in ihre eigene Hand nehmen wollten. „Wenn die Behörden nichts bei dieser Bespottung unternehmen, dann werden wir es tun", riefen sie im Handgemenge. In einem Fall musste das in Zivil gekleidete Überwachungspersonal einen Mann entwaffnen, der sein Jagdgewehr auf die schwarze Limousine gerichtet hielt …

Als das Ehrengeleit den internationalen Flughafen in Brüssel erreichte, war weiträumig abgesperrt worden. Der Präsident und sein Begleiter wurden zur Startbahn gefahren, wo der rote Läufer vor der wartenden Maschine – einem Militärtruppentransportflugzeug - aufgerollt war. Das schwarze Eisenkreuz, das die EU als Militäremblem übernommen hatte, glänzte blank und Unheil verkündend auf dem Hintergrund der sonst üblichen, gelbgrünen Armeefarbe.

Als der Präsident und sein Begleiter aus dem vornehmen, silberschwarzen Fahrzeug ausstiegen, spielte ein in Gala gekleidetes Hornorchester die Nationalhymne der EU: Beethovens „Ode Zur Freude". Jack Robinson ging nicht mehr nonchalant hinter dem gebeugten Präsidenten her. Er folgte ihm nun mit gezogener Pistole. Von dem Augenblick an, als Mr. Clark aus dem Auto gestiegen war, hatte Jack seinem früheren Chef die Pistole in den Nacken gedrückt. Dadurch wollte er zu verstehen geben, dass er sich darüber im Klaren sei, dass das Spiel ein Ende haben könne, und dass er nun die Signale von sich gab, die das System benötigte…

Verbissen folgte er, mit dem Finger auf dem Abzug und der Pistole hart auf Mr. Clarks Hinterkopf, dem roten Teppich in Richtung Maschine. Bevor er sich jedoch in Bewegung setzte, gab er den beiden Offizieren mit den gezückten Säbeln ein Zeichen, ihm in größerem Abstand zu folgen. Sein strahlendes Gesicht verriet, dass er jeden getanen Schritt als ein Wunder ansah. Sein Blick behielt die Ehrengarde im Blick, die mit Gewehr bei Fuß stand. Er stieg rückwärts in die Maschine, während er die Pistole an die Stirn des Präsidenten presste. Dabei beobachtete er jede Bewegung auf dem Platz vor ihm.

Als die beiden Männer in der Kabine verschwunden waren, beugte sich der Präsident, um ein kleines Stück Papier vom Boden aufzuheben. Dann wurde die Tür geschlossen und die Treppe zum Flugzeug entfernt. Langsam rollte die Maschine zur Startbahn hinaus. Die Musik hörte auf zu spielen und die Ehrengarde wurde abkommandiert. Auf dem leeren Gelände standen zwei Fahnenstangen mit blauen Fahnen auf Halbmast. Ein kalter Wind folgte dem Motorrad König Arthurs auf den Weg. Es war, als ob das Wehen aus dem wilden All stammte, in dem es immerwährend zwischen den toten Himmelskörpern braust. Der eiskalte Märzwind ergriff die blauen Banner, die sich langsam, wie ein trauriger Gruß, entfalteten. Mit seinem erfahrenen Reporterauge bemerkte Jeff Straw das stimmungsvolle Abschiedsbild und gab dem Kamerateam Anweisung, die wehenden Fahnen im Bild festzuhalten. Als er sah, wie sich die 18 goldenen Sterne im Wind bewegten, fiel ihm die ungewöhnliche Gruppierung auf. „Setzt die Sterne in Fokus", beorderte er seine Kameraleute durchs Mikrophon. „Die ganze Welt soll versuchen, dieses Rätsel zu lösen: Warum sind die achtzehn Sterne in drei Gruppen zu jeweils sechs Sternen aufgeteilt? Das heißt, dreimal die sechs. Was bedeuten diese: 666?

Seine Stimme ging in dem Gedröhne der über ihren Köpfen fliegenden Militärmaschine unter. Unter den Flügeln war das schwarze Eisenkreuz zu sehen. Einen unbegreiflichen Augenblick lang erzitterte das gesammelte Bild auf dem Monitor des CNN-Reporters: Die zwei wehenden 666-Fahnen als Hintergrund für die zwei silberschwarzen Eisenkreuze, die sich zum eisblauen Himmel erhoben…