DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 6

Das in aller Eile eingerichtete Operationszentrum im Gebäude des Europäischen Komitees war geprägt von der Aufmerksamkeit, die die globale Medienwelt der Geiselnahme des EU-Präsidenten Pierre-Henri Clark widmete. Dem Vizepräsidenten, Edwards, war nicht richtig wohl bei dem Gedanken, dass die ganze Welt daran Anteil nahm. Er war ein bescheidener, zurückhaltender und empfindsamer Mensch, der so weit wie möglich, jedes öffentliches Aufsehen vermied. John Edwards war ein blonder, etwas kantiger Mann in den 30ern. Mit freundlichem Blick widmete er sich den Anliegen der sich an ihn wendenden Menschen. Er machte einen etwas naiven Eindruck und schien fast ein wenig überrascht über das Böse in der Welt, so wie er dies gerade bei der brutalen Geiselnahme seines obersten EU-Chefs erlebt hatte. Als er das erste Mal darüber informiert wurde (berichtet seine nächste Umgebung) war er in Tränen ausgebrochen. John Edwards war Kunstliebhaber und legte großen Wert auf die Metallskulptur des Stiers mit der Frau, die vor dem Gebäude des Europäischen Rats stand. Er hatte den Chef der Terroreinheit ersucht, soweit eben möglich, jegliches Blutvergießen zu vermeiden, doch als der Geiselnehmer, Jack, eine Kugel in die Stirn des Metallstieres schoss und dadurch einen Teil des langhornigen Stierkopfes zersplitterte, war Edwards darüber so erbost, dass er ein schnelles Ende dieses „rücksichtslosen Dramas" verlangte, egal, welche Kosten dadurch entstehen würden…

Als ihn die Überwachungsabteilung über den Bericht informierte, der ihr aus der Aravawüste zugestellt worden war (wo sich möglicherweise Bundesgenossen des Geiselnehmers aufhielten) reagierte Edwards überraschenderweise verbittert: „Es ist eine Mördersekte", rief er. „Die Mitglieder dieses lebensgefährlichen, religiösen Netzwerks müssen genauestens überwacht werden!" Die Mitarbeiter des Vizepräsidenten waren total verblüfft über eine derartige Äußerung. Sie hatten Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen dem Bericht über „Kopfbedeckung" und der Geiselnahme in Brüssel zu erkennen. Keiner in der Umgebung von John Edwards begriff, wie dieser freundliche und zuvorkommende Mann in Bezug auf eine scheinbar ganz unwichtige Information über einige unbedeutende Begebenheiten in einem Wüstenzelt, 100 km südlich des Toten Meeres plötzlich so gewaltsame Worte anwenden konnte wie „mörderische Sekte" und „lebensgefährliches religiöses Netzwerk". Keiner konnte ergründen, warum John Edwards eine solche Haltung annahm. „Vielleicht nervt es den Vizepräsidenten, dass es bei der dramatischen Geiselnahme seines Chefs noch keine Lösung zu geben scheint. Außerdem scheinen ihm die Medien so langsam auf die Pelle zu rücken. Mit vorgegeben heiterem Ton wandte er sich an seine Untergebenen und erklärte: „Sie können es jetzt noch nicht verstehen, doch Sie werden sehen, dass ich recht habe. Diese Leute sind die gefährlichsten Feinde unserer Gesellschaft." Danach fügte er einen Satz hinzu, über den seine Mitarbeiter den Kopf schütteln mussten. „Sie werden es sehen! Wenn wir sie nicht erledigen, werden sie uns erledigen!"

In dem Augenblick, als John Edwards diese „wahnsinnige" Erklärung abgegeben hatte, brach die Fensterscheibe über seinem Kopf entzwei. Eine pfeifende Kugel aus dem Nachbargebäude hatte sich in die gegenüberliegende Wand gebohrt. Der Geiselnehmer wollte wohl die Aufmerksamkeit des Vizepräsidenten auf sich lenken. John Edwards warf sich entsetzt zu Boden. „Da können Sie sehen", rief er. „Es ist eine lebensgefährliche Sekte! Mörder!" Ein Sicherheitsbeamter stellte die Radioverbindung mit Jack im Nachbargebäude wieder her. Alle blieben still stehen und lauschten. John Edwards erhob sich mit einer fast ehrfürchtigen Haltung. Jacks Geisel, der „in Gefangenschaft geratene" EU-Präsident Pierre-Henri, ließ seine Stimme vernehmen. Er sprach in einem festen und befehlerischen Ton. In seiner Eigenschaft als oberster Regierungschef der Union stellte er nun selbst die nötigen Befehle für seine Freilassung aus. Seine Wortwahl und sein Tonfall machten deutlich, dass er alle Verhandlungen mit dem Geiselnehmer abgeschlossen hatte, und dass er keinerlei Widerrede oder Abweichen von der Absprache duldete, die er mit dem Mann getroffen hatte, der im Augenblick den größten Coup der Weltgeschichte gelandet hatte. „Ist der Vizepräsident John Edwards zugegen?" – „Ja, Herr Präsident!" antwortete Edwards.

„Gut! Ich mache Sie dafür verantwortlich, dass bei der Ausführung und Erfüllung der einzelnen Punkte auf der Liste, die ich Ihnen hier nun mitteile, zu keinem Zeitpunkt das Feuer auf Mr. Jack Robinson eröffnet werden darf. Es soll kein Versuch unternommen werden, seinem Leben ein Ende zu machen, um mich dadurch zu befreien. Mr. Jack Robinson ist damit einverstanden, dass ich nach der Erfüllung der gestellten Bedingungen, wenn ich zu meinen Amtssitz zurückgekehrt bin, eine weltweite Nachforschung anstellen kann, um ihn vors Gericht zu bringen, damit er die härteste Strafe für sein Vergehen erhalten kann. Bis dahin hat er jedoch freies Geleit. Die Mittel und Gegebenheiten, die er im Zusammenhang mit seiner Flucht fordert, müssen ihm ohne Zögern und ohne dabei sein Leben und seine Freiheit in Gefahr zu bringen, zur Verfügung gestellt werden!"

„Sehr wohl, Herr Präsident!"

„Ich möchte besonders betonen", lautete die befehlerische Stimme aus der etwas knackenden Verbindung vom Nachbargebäude her, „dass es hierbei um ein Netzwerk der dreistesten und gefährlichsten Feinde unserer Gesellschaft geht. Von daher steht nicht nur mein Leben auf dem Spiel; im Augenblick befinden sich auch andere hervorragende Persönlichkeiten der EU in Lebensgefahr. Unsere Bevölkerungen mit ihren Familien und Kindern werden ebenso schmerzlichen Repressalien ausgesetzt werden, wenn nicht in Übereinstimmung mit den hier angegebenen Bedingungen gehandelt wird!"

„Jawohl, Herr Präsident." John Edwards sah sich vielsagend um; damit ließ er alle im Raum verstehen, dass seine düsteren Voraussagen dadurch bestätigt worden waren.

„Gut! Die Liste der von Mr. Jack Robinsons gestellten Bedingungen für meine Freilassung, die – wenn alles gut geht – innerhalb der nächsten zwölf Stunden stattfinden kann, ist folgende…

John Edwards gab einigen Sekretärinnen ein Zeichen, dass sie alles niederzuschreiben sollten. Sie setzten sich aufmerksam vor den Lautsprecher und notierten…

*

Der Himmel über Brüssel war von einem einzigartigen Blau. Die Straßen lagen an diesem kalten Märzmorgen verlassen da. Auf den Bäumen hingen Eiszapfen. Etwas Unüberwindliches lag über der schneeweißen Stadt. Eine eigenartige, winterliche Stille, die so genannte Stille vor dem Sturm…

Der amerikanische Journalist, Jeff Straw, der sich mit seinem Kamerateam so platziert hatte, dass er immer noch „den Stier mit der Frau" im Hintergrund hatte, doch gleichzeitig vor den Kugeln des ‚Revolverhelden’ geschützt war, stand gerade im Begriff, eine Beschreibung des Geiselnehmers abzugeben, der im Augenblick Glück zu haben schien bei seinem Vorhaben. „Er wurde in der früheren walisischen Bergarbeiterstadt Pennygroes geboren. Jack Robinson wuchs in einer Mittelklassefamilie auf. Er war Mittelklasseschüler und hatte bei der höheren Schulausbildung normale Zensuren. In der Schule fiel er als guter Sportler auf, aus seiner Ausbildungszeit gibt es nichts Nennenswertes zu berichten. Er ist einer derjenigen, der den Gogkrieg überlebt har, ein hervorragender Fallschirmspringer. Dies konnte er unter Beweis stellen, als er mit seiner Fallschirmeinheit über Israel auf der früheren jordanischen Seite abspringen musste. Er konnte sein eigenes Leben sowie das zweier Kameraden dadurch retten, dass er in einigen Höhlen, ca. 100 km nördlich von Aquaba, Zuflucht suchte. Seit Ende des Krieges steht er unter dem Kodenamen 1720 im Dienst der Sicherheitsabteilung in Brüssel. Als der EU-Präsident Pierre-Henri Clark vor ein paar Jahren sein Amt antrat, wählte er Jack Robinson als seinen persönlichen Leibwächter."

Jeff Straw, der an diesem schneebedeckten Märzmorgen „live" aus Brüssel berichtete, war beim CNN als ein scharfzüngiger, herausfordernder Reporter bekannt. Am Abend zuvor hatte er in seiner Reportage aus der EU-Hochburg in Europa den Ausdruck „blinde Maulwurfbehörde" in Bezug auf die Regierung der europäischen Gemeinschaft gebraucht. Es hatte einige Unruhe verursacht, dass die TV-Station eine solche Charakteristik an die weltweite Zuschauerschar hatte durchgehen lassen. Bevor er weiter direkt aus Brüssel berichtete, wurde Straw ernsthaft ermahnt, „seine Worte erst auf die Goldwaage zu legen".

„Geben Sie mir den Stier und die Frau", sagte Jeff Straw zu seinem Kamerateam. „Keiner kennt ganz sicher das Motiv der Geiselnahme", erklärte der Reporter vor seinem Mikrophon, „doch nach Verlautbarung vom Abend zuvor über die dramatischen Begebenheiten im Europäischen Ratsgebäude hat es über diese Statue eine Diskussion zwischen dem Präsidenten und seinem Leibwächter gegeben. Augenzeugen berichten, der Präsident habe seinem Leibwächter erregt zugerufen, dass die Skulptur nicht das im Buch der Offenbarung beschriebene Bild darstelle. Direkt danach habe Jack Robinson, Nr. 1720, Feuer auf das Sicherheitspersonal des Ratsgebäudes eröffnet. Und seither ist der EU-Präsident Pierre-Henri Clark in der Gewalt seines eigenen Bodyguards, der nun eine Reihe Bedingungen für die Freilassung des Präsidenten gestellt hat. Die Liste der Bedingungen ist im Augenblick der Öffentlichkeit noch nicht bekannt, doch ist sie in ihrer vollen Länge dem Vizepräsidenten, Mr. Edwards vorgelegt worden. Es heißt, dass dem Geiselnehmer mit Rücksicht auf das Leben des Präsidenten und anderen gesellschaftsgefährlichen Drohungen freies Geleit zugesagt wurde, und dass er in einigen Augenblicken von der ‚Staatskarosse’ des Präsidenten abgeholt wird, um zum Brüsseler Flughafen eskortiert zu werden. Von allen Gebäuden und Verschanzungen sind die Waffen aller Scharfschützen auf den Eingang hinter der erwähnten Statue gerichtet! Von dort wird in Kürze der EU-Präsident Pierre Henri Clark mit seinem Geiselnehmer erwartet. Es stellt sich die Frage, ob die Terroreinheit, die in diesen Minuten den Eingang des Ratsgebäudes im Visier hat, Feuer eröffnen wird? Wird die EU-Führung ihr Versprechen über freies Geleit einhalten, oder wird Jack Robinson, wenn er aus dem Ratsgebäude tritt, in einem Kugelregen niedergestreckt werden?

Die Sonne erhob sich flammend weiß über Jerusalem. Die Heilige Stadt lag wie eine mattgoldene Postkarte gegen den Ölberg im Osten gepresst. Die Luft schien mit durchsichtigen Wellen gefüllt, und es war, als ob weiße Pferde über das Himmelblau des Tempelplatzes hinwegjagten; die Stadt des großen Königs wartete auf irgendeine Erfüllung…

Adolf Engels hielt sich in seiner Wohnung in der ersten Etage eines unansehnlichen, viereckigen Gebäudes auf, das nicht weit vom Tempelplatz entfernt lag. Man kann nicht gerade sagen, dass der zementgraue Koloss das Straßenbild verschönerte, doch das Gebäude war wenigstens solid! Es ähnelte am meisten dem umgebauten Bunker aus dem Dritten Reich, das noch heute in der Layerstraße in Feucht, nicht weit von Nürnberg entfernt, steht. Nicht einmal das Erdbeben während des Gogkriegs konnte dem grauen Koloss, in dem Adolf Engels wohnte, etwas anhaben. Nur die Balkone, die das vierkantige Gebäude umgaben, waren beschädigt worden, und einige hatte man noch nicht wieder instand gesetzt.

Der gut 60-jährige EU-Polizeioffizier Adolf Engels war eine breitschultrige, Vertrauen erweckende Person. Gerade diese offensichtlich fürsorgliche und nach außen herzliche Persönlichkeit war die Grundlage seiner Karriere gewesen. Er hatte einer Reihe EU-Präsidenten treu als Botschafter in so schwierigen Regionen wie Irak, Libanon und Syrien gedient und war dafür bekannt, dass er zuerst dachte und dann sprach. Er sprach fließend Englisch, Französisch, Deutsch und verstand Russisch. Als er von einem Kollegen gefragt wurde, ob man ihm zu seiner jetzigen Ernennung in Jerusalem gratulieren dürfe, oder ihm sein Mitleid aussprechen solle, hatte er geantwortet: „Beides!"

Adolf Engels wurde der „Überwachungszar" genannt. Er hatte ausreichend Zugang zum jährlichen Budget von 40 Milliarden Euro, die die Europakommission dem globalen Sicherheitsdienst zur Verfügung gestellt hatte. Nicht alle in dem umfassenden Sicherheitsnetz der EU sahen mit Wohlwollen auf die zentrale Position, die Adolf Engels, nur wenige Hundert Meter vom Tempelplatz in Jerusalem entfernt, einnahm. Ein paar Generäle und ein einzelnes Komiteemitglied sowie eine Reihe Direktoren der verschiedenen Abteilungen des EU-Aufklärungsdienstes hatten sich den gleichen Posten erhofft. Sie sprachen nun nicht mehr mit dem „EU-Mann in Jerusalem"! Einige meinten, er wäre besser im Iran oder Saudi Arabien aufgehoben, denn dort wurde nach dem Gogkrieg an der Erstellung neuer demokratischer Konstitutionen gearbeitet.

Als Sohn eines deutschen Geschäftsmannes hatte er vor seiner Karriere in Berlin und Stockholm studiert. Während seines Studiums hatte der junge Student vor einem Menschenalter bei einem zu Besuch weilenden Harvard-Professor namens Henry Kissinger ein gewisses Interesse hervorgerufen. Dieser hatte bereits zum damaligen Zeitpunkt Brüssel auf den hoffnungsvollen jungen Mann aufmerksam gemacht. Der einzige dunkle Punkt seiner Karriere bestand darin, dass er bei gewissen Gelegenheiten in seiner Eigenschaft als Botschafter ein Auge zudrückte, wenn es um die Verletzung der EU-Menschenrechte ging, besonders wenn von religiös motiviertem Terror die Rede war. Die Geiselnahme schmerzte ihn deshalb besonders, weil er persönlich Mr. Pierre Henri Clark immer auf den neuesten Stand brachte, was die Situation im Nahen Osten anbelangte; aus eben diesem Grund versuchte Adolf Engels die Ereignisse in Brüssel mit der Entwicklung im Nahen Osten in Verbindung zu bringen. Er hatte eine innere Ahnung darüber, dass ein heimlicher Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Arbeit auf dem Tempelplatz in Jerusalem und dem unglücklichen Schicksal bestand, das seinem obersten Chef in Europa widerfahren war.

Adolf Engels zeigte großes Interesse an den Büchern Professor Fruchtenbaums. Ja, in ihm wuchs die Überzeugung, dass er in den Werken, die er vor ein paar Tagen bei der Hausdurchsuchung in der Innenstadt konfisziert hatte, den Schlüssel zum Hintergrund des Geiseldramas in Brüssel finden könne. Und damit das Entflechten des Netzwerkes, das mit dem Griechen Jan Apostolou, „dem Mädchen vom Miniprix", Antoinette Dupont, dem Skandinavier John Williams (dabei hatte er herausgefunden, dass sein vollständiger Name Andersen war) und seiner Ehefrau Virginia zu tun hatte, ebenso wie mit Joseph Fruchtenbaum und dem Attentäter, Jack Robinson (der in diesem Augenblick – so weit er die Ereignisse auf dem Bildschirm verfolgen konnte – am Ausgang des Europäischen Ratsgebäudes in Brüssel erwartet wurde, von wo aus er unter freiem Geleit zum internationalen Flughafen gebracht werden sollte).

Der Chef des EU- Aufklärungsdienstes im Nahen Osten hatte es sich in dem geräumigen Fernsehsalon bequem gemacht. Auf einem kleinen, braunen Mahagonitisch neben seinem komfortablen Ledersessel lagen Professor Fruchtenbaums Bücher und auf einem drehbaren Wandstativ war in Manneshöhe ein riesiger Farbfernseher angebracht, der die letzten Nachrichten aus Brüssel brachte. Adolf Engels war kein Mensch, der sich nur auf eine einzige Sache konzentrierte; er hatte immer mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen. Im Augenblick war er mit dem Schicksal seines Chefs in Brüssel beschäftigt, und dem offensichtlichen Hintergrund für dieses Drama: Die Werke des Professors über den Antichristen. Während er die Begebenheiten auf dem Bildschirm im Auge behielt, machte er sich beim Lesen von Fruchtenbaums Buch entsprechende Notizen. Um zu einer Schlussfolgerung zu kommen, arbeitete sein vorzüglich trainiertes Gehirn auf Hochtouren. Er war dabei Informationen zu sammeln, die sehr bald dazu führen könnten, dass seine bereits aufgestellten Fallen zuklappten.

Im Augenblick herrschte eine Unheil verkündende Ruhe in Brüssel. Die Kamera ruhte mit ihren Bildern auf dem Eingang des Europäischen Ratsgebäudes. Zwischendurch streiften die Aufnahmen die Metallskulptur mit dem „Tier und der Frau", die vom Schnee bedeckt war. Manchmal zeigte man auf dem Bildschirm die vom Geiselnehmer durchlöcherte Stirn des Stieres. Doch nichts geschah! Obwohl die ganze Welt atemlos lauschte und darauf wartete, dass irgendetwas geschah, schien das ‚Schneebild’ aus Brüssel festgefroren; es war keinerlei Bewegung zu verspüren. und die Stimmen der Reporter schienen durch die sich immer wiederholenden Berichte ermüdet.

Adolf Engels nutzte die Gelegenheit, um weitere Auskünfte aus Fruchtenbaums Buch über „das Tier und die Frau" in Erfahrung zu bringen. Er las: „Und er führte mich im Geist hinweg in eine Wüste; und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das voll Lästernamen war und sieben Köpfe und zehn Hörner hatte." Engels sah wieder auf den Bildschirm, wo das Bild wieder auf der Skulptur verweilte, die genau vor dem Eingang platziert war, von wo aus man jeden Moment erwarten konnte, den EU-Präsidenten und seinen bewaffneten Wächter zu sehen. Er las weiter: „Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und Edelgestein und Perlen, und sie hatte einen golden Becher in ihrer Hand, voll Gräuel und Unreinheit ihrer Unzucht; und sie hatte an ihrer Stirn einen Namen geschrieben, ein Geheimnis: Babylon, die große, die Mutter der Huren und der Gräuel der Erde…"

Nun kam Bewegung ins Bild. Eine Polizei Kortege auf blau blinkenden Motorrädern begleitete die schwarze Präsidentenlimousine durch die schneeweißen Straßen Brüssels. Die blaue Fahne mit den 18 Sternen flatterte auf der verchromten Vorderseite des vornehmen Fahrzeugs. Der TV-Reporter, Jeff Straw erklärte etwas ironisch, dass der Geiselnehmer als Zeichen dafür, dass er den Worten des EU-Präsidenten in Bezug auf „freies Geleit" Glauben schenkte, verlangt habe, „standesgemäß" zum Flughafen gefahren zu werden. „Das heißt", erklärte Jeff Straw, „dass der Revolvermann gefordert habe, die Fahrt zum Flughafen sei im eigenen Fahrzeug des Präsidenten durchzuführen, und dass das bei anderen offiziellen Anlässen übliche Ehrengeleit der „in Gala" gekleideten Polizisten stattzufinden habe. Auch der rote Läufer dürfe vor der startklaren Maschine nicht fehlen! Ebenso wie…" an dieser Stelle seines Berichts konnte Jeff Straw ein Lächeln nicht unterdrücken…"ebenso soll auf beiden Seiten des roten Läufers eine Ehrengarde aufgestellt werden, aus deren Mitte zwei Offiziere mit gezückten Säbeln ihrem Präsidenten und seinem Begleiter zum wartenden Flugzeug folgen sollen!"

„Verdammt!" knurrte Adolf Engels. „Es ist doch nicht möglich, dass Brüssel solch haarsträubenden Bedingungen nachkommt. Das ist eine Verspottung des Systems!" „Einige betrachten Jack Robinsons Bedingungen als Spott und Hohn gegen das System" fuhr der CNN-Reporter in seiner Darlegung aus Brüssel fort, „doch es hat den Anschein, dass der Vizepräsident John Edwards genötigt war, die Drohungen des Geiselnehmers ernst zu nehmen, da offensichtlich noch mehr auf dem Spiel steht als das Leben des Präsidenten. Ein anscheinend gut organisiertes Netzwerk religiösen Terrors ist bereit, auf dem gesamten europäischen Kontinent und im Nahen Osten zuzuschlagen. Aufgrund der augenblicklichen Gefahr, dass Jack Robinson, der als ein treffsicherer Schütze bekannt ist, während seines letzten Atemzugs noch einen Todesschuss auf die Person des Präsidenten abfeuern kann, hat der Sicherheitsdienst in Brüssel dem Vizepräsidenten geraten, zum jetzigen Zeitpunkt alle Bedingungen zu erfüllen.

„Idioten!" rief Adolf Engels aufgebracht. „Was sind das für Ratgeber, die da in Europa sitzen! Hier gibt es nur einen Weg: „Knallt ihn ab! Er hat keine Chance, wenn man ihm eine Kugel in die Stirn knallt… wie dieser Stier da!" Das TV-Bild streifte aufs Neue das „verletzte" Tier, „den Stier mit der Frau" vor dem Ratsgebäude.

„Übrigens", schloss Jeff Straw seinen TV-Kommentar, „haben sowohl der Präsident als auch sein Vize ihr Wort gegeben, dass man Jack Robinson nicht während der Fahrt nach dem Leben trachtet. Psychologen, die den mentalen Zustand des Geiselnehmers näher untersucht haben, sind der Auffassung, dass er im Besitz solcher Ehrbegriffe ist, das heißt, dass, wenn Brüssel Wort hält, er auch das Seinige halten wird…

Vizepräsident John Edwards stand seit etlichen Jahren im Dienst der EU. Er war ein treuer, leidenschaftlicher Diplomat im besten Alter (Ende 30). Aufgrund guter Beziehungen war er an die Macht gekommen. Und seine „Beziehungen" wussten, wie man sich durchs System schlängelt; diese „persönlichen Relationen" arbeiteten zielbewusst nach der Parole: „Der Tod des einen ist das Brot des anderen!" Ein Anzahl Fehlkalkulationen seiner Übergeordneten im Hinblick auf ihre Haltung gegenüber der USA nach dem Drama, das seit Beginn der Jahrtausendwende mit der Bezeichnung „9/11" in die Geschichte eingegangen war, hatte zur Folge, dass John Edwards vor ein paar Jahren zu dieser vornehmen Ernennung gekommen war. Die innere Spaltung im EU-Apparat, in dem oft Ambitionen und persönliche Feindschaften dominierend waren, hatte ihn recht bald an die Seite des Präsidenten Pierre Henri Clark gebracht, besonders, nachdem dieser das hohe Ideal formuliert hatte: „Die EU solle einem einzigen, vereinten und unteilbaren Ziel entgegenstreben!" Das gesetzte Ziel wurde allerdings nie genau identifiziert, doch das dieses ein „vereintes und unteilbares" Ziel sein sollte, wurde indessen immer wieder präzisiert! Über der Blitzkarriere John Edwards schwebte allerdings etwas Unbestimmbares! Hinter seinem schnellen Aufstieg lag ein Geheimnis; es waren, - so nahm seine nächste Umgebung es wahr – tiefe, verborgene, etwas unberechenbare Kräfte am Werk gewesen, die den Vizepräsidenten John Edwards an die Spitze gebracht hatten…

Der Vizepräsident war sich darüber im Klaren, dass seine Zukunft davon abhing, wie er die aktuelle, und fast übermenschliche Herausforderung meisterte; würde er imstande sein, seinen Chef lebend aus der Hand des religiösen Fanatikers zu befreien? Und wie konnte er sein Gesicht im Hinblick auf den Hohn und die Verachtung wahren, den der Geiselnehmer gegenüber dem Gesetzgeber zeigte? Er glaubte jedoch selber an die Erklärung, die er vor etwas mehr als einem Tag gegenüber seinem Mitarbeiterstab zum Ausdruck gebracht hatte: „Die EU ist durch Krisen entstanden, und sie lebt von Krisen. Deshalb wird die EU auch gestärkt aus dieser Krise hervorgehen!"

Er arbeitete daher daran, sich eine solide Rückendeckung für alle seine Beschlüsse zu schaffen; er verfolgte die Linie, zu der er sich während der ersten Stunde der Geiselnahme

gegenüber der Presse bekannt hatte, dass das Verbrechen nicht von einer einzigen wahnsinnigen Person durchgeführt worden war, sondern dass ein religiöses Terrornetzwerk dahinter stünde. Aus eben diesem Grund hatte John Edwards die achtzehn Menschen, die – von der ersten Etage des Ratsgebäudes – von „ihrem Bundesgenossen", Jack Robinson, freigegeben wurden, bis zum Ende der Nachforschungen zurückgehalten. Er hatte eine intensive Untersuchung des Ehepaars, Mr. and Mrs. Jones angeordnet, die vom Tatort entwichen waren. „Diese 18 Zeugen sind meine 18 Sterne", flüsterte John Edwards vor sich hin. „Sie sollen das Befreiungswerk unseres gefangen genommenen Präsidenten umsäumen. Sie sollen meine Vorgangsweise im Hinblick auf den großartigen Plan rechtfertigen, den ich nun in Gang setze…"

Vizepräsident John Edwards stellte den Befehl aus, dass die Bedingungen des Geiselnehmers bis ins geringste Detail erfüllt werden sollten! „Es dürfen keine Abweichungen vorkommen", erklärte er. „Kein Schuss darf fallen! Der rote Läufer muss auf der Startbahn des internationalen Flughafens in Brüssel ausgerollt werden. Eine Ehrengarde muss aufgestellt werden. Zwei Offiziere in Gallauniform mit gezogenen Säbeln sollen hinter dem Präsident und seinem Begleiter hermarschieren, und … (bei diesen letzten Worte zitterten die Lippen des Vizepräsidenten, dabei konnte er kaum seine Tränen zurückhalten)…. „den Bedingungen des Geiselnehmers zufolge soll beim Flugzeugeingang zwei Masten errichtet werden, auf denen die blaue EU Fahne mit den 12 Sternen auf Halbmast gehisst werden soll. Die Fahnen sollen – aus ihm unbekanntem Grund – speziell zu diesem Anlass hergestellt werden, um den Goldsternenkranz in drei Abschnitte einzuteilen. Auf dem blauen Hintergrund sollen die Sterne mit sechs kleinen Sternen in jeder Gruppe erscheinen, sodass der Goldkranz die Zahl 666 ergibt…