DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 5

„Nr. 1720": Präsident Pierre-Henri Clarks persönlicher Leibwächter richtete sich mit seinem Gefangenen in dem Raum auf der ersten Etage des Europäischen Ratsgebäudes, das ihm „zur Verfügung gestellt worden war", häuslich ein. Die Tatsache, dass der dem Präsidenten speziell zugewiesene Bodyguard „den höchsten Amtsinhaber" mit ‚rauchenden’ Pistolen als Geisel in seine Gewalt gebracht hatte, war wie ein Dolchstoß in den Rücken des für die Union zuständigen Sicherheitspersonals. Die Straßen um das Gebäude mit der Skulptur des „Stieres und der Frau" waren abgesperrt. Spezialeinheiten in Kampfunion hatten Stellung bezogen. Scharfschützen waren an strategischen Stellen platziert worden, und das gegenüberliegende Gebäude des EU-Komitees war als Militärzentrale für die Operation eingerichtet worden. Diese sollten den Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft aus den Händen des religiösen Terroristen befreien. Im gleichen Gebäude war eine Abteilung für die Presse reserviert worden, deren Abgesandte gerade aus der ganzen Welt im internationalen Flughafen in Brüssel gelandet waren. In den großen Verhandlungsräumen des Gebäudes sammelten sich die dringlich einberufenen Mitglieder des Europaparlamentes, des Europäischen Rates und des Ministerrates, sowie der Europakommission und Delegierte des Interpol. Der Unionspräsident, der Engländer John Edwards, hatte, der Konstitution zufolge, stellvertretend für den Präsidenten alle Befugnisse. Seinen nächsten Mitarbeitern gegenüber hatte Edwards, der ein bleicher, feinfühliger, etwas nervöser Mann war, bereits die prinzipielle Linie festgelegt. Besonders im Hinblick auf Verhandlungen mit dem Geiselnehmer „Jack" und dem politischen Verständnis der Situation. „Die europäische Gemeinschaft ist in einer Krise", erklärte er mit flackerndem Blick… „doch die EU ist aus einer Krise heraus entstanden und wird durch Krisen gefördert, so wird auch diese schwierige Aufgabe dazu führen, unsere globale Verantwortung zu stärken!" Der Weltpresse gegenüber führte er, angespornt und verbittert, eine andere Sprache: „Der religiöse Terror hat nun die Grenze des Unzulässigen überschritten! Ab sofort müssen neue Formen von Registrierung eingeführt werden. Wir werden alle nötigen Vorkehrungen treffen, um das Leben unseres Präsidenten zu sichern…"

Eine bleichrote Märzsonne stieg über den Dächern von Brüssel auf. Im Laufe der frühen Morgenstunden hatte sich eine dünne Schneedecke gebildet. Innerhalb der Absperrungen rings um das Europäische Ratsgebäude herum deckte der Neuschnee den Boden mit einer jungfräulichen Decke. Selbst die Hure auf dem Ungeheuer – die Metallskulptur vor dem Ratsgebäude – wurde in den blendend weißen Mantel der Unschuld gehüllt, doch vor der Militärzentrale auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig war der Schnee braun und matschig geworden von den vielen Jeeps und Diplomatenwagen, die im Laufe der Nacht vor dem erhellten Gebäude vorgefahren waren. Um fünf Uhr war dort jeglicher Verkehr eingestellt worden, da der Verrückte aus der ersten Etage das Feuer auf eine schwarze Limousine mit dem EU-Außenminister, Mr. Jean Calais, eröffnet hatte. Der Chauffeur war leicht verletzt worden, doch der Minister konnte unversehrt ins Gebäude flüchten. Danach war der Verkehr zum Hauptquartier auf die andere Seite des Gebäudes verlegt worden. Die Schüsse, die die vornehme Limousine durchlöchert hatte, waren aus den automatischen Waffen abgefeuert worden, die der Geiselnehmer konfisziert hatte, als er auf dem Wege zu „seinem Büro" und mit dem Präsidenten als Schild, ein paar Sicherheitsbeamte befohlen hatte, „ihre Waffen zu strecken". Die Gardinen in dem Raum, in dem er sich mit seiner wertvollen Geisel befand, waren zugezogen; er ließ das Licht aus, sodass es den Scharfschützen nicht möglich war, ihn zu treffen. Über den Lautsprecher hatte er kurz mitgeteilt, dass jeder Versuch, ihn durch Erschießen, Vergasen, Vergiften oder bewaffnetem Angriff umzubringen, unmittelbar das Leben des Präsidenten kosten würde. „Dass ich dies wirklich ernst meine", hatte Jack erklärt, „werden Sie dadurch erkennen können, dass ich von jetzt an auf alles schließen werde, was sich vor meinen Fenstern bewegt!"

„Dass der Geiselnehmer mit der religiösen Unterwelt in Verbindung steht", hieß es in den Reportagen der BBC, CNN und anderen internationalen TV-Stationen, „geht unter anderem aus der Tatsache hervor, dass 18 bekannte Mitglieder verborgener sektiererischer Organisationen, die sich in einem Seitenlokal von dem sich im Ratsgebäude aufhaltenden Geiselnehmers befanden, gleich von ihren offensichtlichen Bundesgenossen freigelassen wurden. Die 18 waren nach der Rede des Präsidenten an das EU-Parlament zu einem besonderen Gespräch mit ihm vorgeladen. Die Polizei fahndet nach zwei Personen, einem Ehepaar, Mr. Jerry und Mrs. Jennifer Jones, die direkt zuvor – oder in Verbindung mit der dramatischen Schießerei vor der EU-Statue entkommen konnten. Auch sie gehören zu verbotenen, religiösen Organisationen. Dass die Rede von einem internationalen Netzwerk ist, geht aus den Auskünften der Polizei über einen griechischen Filmproduzent, Jan Apostolou und seine Freundin und Mitarbeiterin, Antoinette Dupont aus Paris hervor. Beide werden von Interpol in Verbindung mit dem Geiseldrama in Brüssel gesucht.

*

„Sie haben eine gute Rede gehalten, Herr Präsident", sagte Jack zum erschöpften Mr. Pierre Henri Clark, den er auf einem Stuhl am Fenster angebracht hatte, wo die Gardinen gerade so viel zur Seite gezogen waren, dass er sowohl von den Sicherheitsleuten als auch von den Politikern und Fernsehteams gesehen werden konnte. „Besonders der Abschnitt über den Mann, den Sie als ihren Nachfolger haben wollen!"

Mit müdem Blick verfolgte der Präsident den immer noch gut aufgelegten Jack. „Das meine ich wirklich, was Sie im Hinblick auf ihren Nachfolger sagten. Dass es egal sei, ob er ein Gott oder ein Teufel ist!" sagte Jack. „Das hörte sich richtig clever an. Hinter der Bühne haben Sie mir jedoch verraten, dass Sie ihn kennen. Sie sagten, dass die Leute glauben würden, er sei ein Gott, doch das ist er nicht; er ist ein Teufel!"

Mr. Clark betrachtete resignierend seinen Plagegeist, der unverdrossen weiterredete: „Sie kennen ja seinen Namen. Wenn Sie mir diesen verraten, können Sie in etlichen Stunden wieder auf freiem Fuß sein. Nennen Sie mir den Namen Ihres Nachfolgers, dann sind Sie morgen ein freier Mann!"

Mr. Pierre-Henri Clark stand auf. Ein flüchtiges Interesse war in seinem Blick zu erkennen. Er beugte sich zu Jack vor um zu antworten…

„Nein, nein", ermahnte Jack ihm mit dem Finger vorm Mund. „Sagen Sie nichts! Lügen Sie nicht! Das haben Sie ihr ganzes Leben getan, denn sonst kann man kein Präsident in der EU werden! Vergessen Sie nicht, ich bin Ihnen wie ein Schatten überall hin gefolgt. Ich habe alle Ihre Reden gehört, ebenso alle Ihre Selbstgespräche, und einer der Gründe, warum ich Sie und die Ihren verabscheue, ist, dass Ihr eine Schar von Lügnern seid. Und Ihre Lügen, Herr Präsident, sind so dick, dass sie unter keine Kuhhaut passen… Und nun wollten Sie mich, Ihren guten, alten Leibwächter, gerade anlügen! Ihren treuen Bodyguard! Sie waren gerade dabei, mein Angebot anzunehmen, und mir dann einen falschen Namen geben, um damit Ihre Freiheit zurück zu gewinnen, und so mit Ihren dicken, fetten Lügen fortzusetzen. Nein, Mr. Clark, so geht’s nicht! Wir können verhandeln, doch ich muss mich vergewissern können, dass Sie Ihren Teil der Absprache einhalten. Wenn nicht, wird es keine weiteren Verhandlungen geben. Sie haben 10 Minuten Bedenkzeit. Wir sind bald 48 Stunden auf den Beinen, und der Schlaf stellt sich so langsam ein. Und nur darauf warten sie da draußen. Also, Mr. Clark: der Name Ihres Nachfolgers. Der Name dieses Bösewichts!"

Mr. Clark schaute verzweifelt aus dem Fenster. Eine einsame Gestalt stahl sich über den Platz, doch sie wurde von einer durch 1720 abgefeuerten Schusssalve gestoppt. Die Welt sollte wissen, dass er noch auf seinem Posten war, und dass der Schlaf ihn noch nicht übermannt hatte.

„Noch 8 Minuten", teilte Jack mit. „Ich werde mich schon durchkämpfen, doch Sie bleiben hier. Sie werden ein vornehmes Staatsbegräbnis erhalten!"

„Oder ich werde eine sichere Fluchtmöglichkeit und eine Geldbetrag fordern, und danach eine Zeitlang verschwinden. Sie können dann diesen Raum unversehrt verlassen…"

„… und mein Nachfolger?"

„Er ist schon so gut wie tot!"

„Warum?"

„Weil er ein Teufel ist!"

Eine Weile schwiegen beide. Dann sagte Jack: „Sie haben nun noch fünf Minuten! Ich habe niemals etwas Gutes in meinem Leben getan, deshalb möchte ich, bevor ich diese Welt verlassen, ein gutes Werk tun!"

„Und was ist das?" Der Präsident war kalkweiß.

„Einen Teufel umbringen!"

„Was meinen Sie damit? Einen Teufel umbringen?" Mr. Clarks stimmte zitterte.

„Sie oder er!" sagte Jack. Er schob ein neues Magazin in seine Pistole. „Sie haben selbst gesagt, dass Sie sein Vorläufer sind. Sie gehören also der gleichen Familie an. Sie sind beide Teufel!" Er sah Mr. Clark vielsagend an: „Drei Minuten!"

Mr. Clark schluckte. Er konnte sein Entsetzen nicht verbergen. Jack reichte ihm freundlich ein Glas Wasser. „Ihr letztes…" sagte er lächelnd. „Das hilft um die Spucke herunterzuschlucken."

Der Präsident leerte das Glas. „Was sagten Sie, wie nennen die Heiligen ihn, auf den die Statue hinweist? fragte Jack.

„Die Statue?"

„Ja, die Metallskulptur unten vor dem Gebäude."

„Die Metallskulptur?" Mr. Clark sah auf seine Uhr, deren Sekundenzeiger ihm deutlich machte, dass sein Leben dem Ende zuging.

„Ja, die da!" sagte Jack und zeigte mit seiner Pistole auf das Kunstwerk mit dem Stier und der Hure. Mr. Clark folgte der Richtung von Jacks Pistolenlauf, aus dem sich zu seinem großen Entsetzen ein Schuss löste, der ein klaffendes Loch zwischen den spitzen Hörnern des Stiers hinterließ. Der Aufprall der Kugel auf dem Metalltier konnte aus weiter Entfernung gehört werden.

„Noch eine Minute", sagte Jack und zog die Gardinen vors Fenster, wo der Präsident saß. „Zu sterben ist eine private Angelegenheit", sagte er fürsorglich. „Die Welt sollte keinen Anteil daran nehmen. Wie nennen die Heiligen das Tier?"

Der Präsident trank mit geschlossenen Augen einen weiteren Schluck Wasser. „Antichrist", flüsterte er.

„Und wie heißt Ihr Nachfolger?"

Mr. Clark versuchte den Namen auszusprechen, doch ohne Erfolg. Starr vor Schreck sah er wie Jack mit der Pistole auf ihn zukam.

„Schreiben Sie ihn auf!" befahl Jack und schob seinem Opfer ein Stück Papier hin. Mr. Pierre Henri Clark nahm langsam einen goldenen Füllhalter zu Hand und schrieb einen Namen aufs Papier. Jack nahm es und betrachtete den handgeschriebenen Namen. Dann schob er dem Präsidenten das Papier wieder hin. „Stadt und Land", sagte er. Der Präsident fügte einige Worte hinzu. Jack beobachtete ihn eindringlich. „Ich kenne Sie!" sagte er und zielte auf Mr. Clarks Kopf. „Sie sind ein Lügner, einer, der immer lügt!"

Mr. Pierre-Henri Clark schloss die Augen und wartete stumm auf den Todesschuss. „Doch dieses eine Mal", sagte Jack, indem er die Waffe senkte, „dieses eine Mal haben Sie die Wahrheit gesagt!"

*

1720, Jack, der dunkelgekleidete, muskulöse, sonnengebräunte und immer Space-Sonnenbrille tragende, persönliche und immer grimmig dreinschauende Leibwächter steckte die Pistole wieder in das glatte, glänzende Lederhalfter, das mit einem breiten Riemen über der Schulter und unter der linken Innentasche seines Jacketts gespannt war. „Dem Herzen am nächsten!" sagte er lächelnd zu Mr. Clark, der sich erhoben hatte und sich etwas unsicher an den Gardinen zu schaffen machte. Er wollte sich offenbar vergewissern, dass das internationale Pressekorps nicht Zeuge seiner Kapitulation wurde.

Jack faltete sorgfältig das Papier mit dem geheimnisvollen Namen zusammen und steckte es in seine rechte Innentasche. „Am weitesten weg vom Herzen!" fuhr er weiter an Mr. Clark gewandt fort. Dieser schüttelte entrüstet den Kopf.

„Sie sind ein guter Vorläufer für Ihren Herrn", beharrte er mit seinem irritierenden, sarkastischen Lächeln, „Sie bereiten ihm den Weg! Heute haben Sie ihm den Weg für sein Grab geebnet! Was sagten Sie, wie nennen „die Heiligen" ihn?

„Antichrist", antwortete der Präsident müde. „Aber das kann Ihnen doch egal sein! Sie gehören ja nicht zu ihnen… haben Sie mir beteuert!"

„Nein, aber ich gehöre auch nicht zu Euch; ich habe alte Schulden zu begleichen, und das tue ich mit diesen hier." Er deutete auf die zwei leichtgewichtigen, automatischen Handwaffen, die er den Sicherheitsleuten abgenommen hatte. „Nun müssen wir mit unseren Freunden auf der anderen Seite verhandeln, doch zuvor will ich Sie über unsere Bedingungen in Kenntnis setzen. Ich erinnere Sie daran, Mr. Clark, dass es um unsere Bedingungen geht. Wir müssen beide hier heraus, und wir werden gemeinsam eine kleine Reise unternehmen. Während der nächsten 6-8 Stunden, - bis uns der Schlaf einholt -, sind wir unwiderruflich aneinander gebunden. Gehen Sie in die Ewigkeit, werde ich Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach direkt folgen; nur mit Ihrer Hilfe kann ich es schaffen. Trete ich aber über die Todesschwelle, werde ich Sie mitnehmen; in den nächsten Stunden sind wir miteinander verbunden, so wie Eheleute, nicht einmal der Tod kann uns trennen. Sind Sie bereit?"

Der Präsident nickte.

„Gut!" sagte Jack, „dann teile ich Ihnen die Einzelheiten unseres Fluchtplans mit. Leider ist er nicht ganz perfekt. Wie alles andere hier auf dieser Erde hat er seine Schwächen; wenn die Leute auf der anderen Seite nicht vorsichtig sind, kann uns irgendetwas zustoßen. Sollte dies der Fall sein, so hoffe ich, dass Sie die Folgen dafür tragen werden und nicht ich. Hören Sie gut zu! In den nächsten Minuten sollen Sie mit Ihrer ganzen Autorität und allen Ihren Befugnissen dafür Sorge tragen, dass Ihre Befehle bis ins letzte Detail befolgt werden. Sie werden keinerlei Abweichung zulassen! Sie lassen Ihren Vizepräsident schwören, dass er jeden einzelnen Punkt unseres Planes genau ausführt. Sie machen ihn für Ihr Leben verantwortlich. Wie heißt er noch?"

„John Edwards."

„Gut, Sie erklären John Edwards, dass die erste und einzige Pflicht seines jetzigen, vornehmen Amtens darin besteht, diese Bedingungen zu erfüllen. Sie stellen sicher, dass Sie Ihr Leben bewahren. Wenn Sie erst einmal wieder auf freiem Fuß sind, können Sie gemeinsam versuchen, meiner habhaft zu werden. Doch so lange wie Sie unter meiner Obhut sind, solltet Ihr eine solche Dummheit unterlassen!"

Wieder nickte der Präsident resigniert. Jack setzte sich ihm gegenüber zurecht und sagte vertraulich: „ Hier habe ich Papier. Nehmen Sie noch einmal Ihren eleganten Goldfederhalter aus Ihrer Innentasche, der, mit dem Sie eben den Namen aufgeschrieben haben." Mr. Clark nahm seinen Goldfüller zur Hand. „Gut! Notieren Sie! Unsere Bedingung sind wie folgt…"

Der Präsident starrte seinen Leibwächter verstört an. „Kein Schauspiel!" rief Jack entschlossen aus. „Ich kenne Sie, alter Fuchs; Sie haben drei Minuten Zeit um sich vorzubereiten. Schreiben Sie!" Jack nahm seine Pistole heraus und legte sie auf den Tisch.

Mr. Clark fiel der Füller aus der Hand. Er saß wie gelähmt da. Das Entsetzen war ihm im Gesicht geschrieben. Jack betrachtete ihn ruhig. Er lehnte sich entspannt zurück und sah auf die Uhr. „Noch zwei Minuten," sagte er mit eisiger Stimme.

Mr. Pierre-Henri nahm den Füller wieder zur Hand und setzte sich zurecht, zum Schreiben bereit. Langsam begann Jack ihm zu diktieren…