DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel  4

Kaiser Wilhelm nahm sein vom Sand und Staub bedecktes Fernglas zur Hand. Suchend ließ er seinen Blick über die steinige Gegend mit dem weißen Wüstenzelt gleiten, wo er am Abend zuvor einen großen, weißhaarigen Mann, seine Frau und eine Schar Kinder beobachtet hatte, deren Zahl ihm unbekannt war. „Aber das werde ich schon noch herauskriegen", murmelte er vor sich hin. „Ich muss die genaue Anzahl der Personen kennen, die sich in diesem Zelt befindet. Es ist jedenfalls eine „gute Zahl", weil Antoinette Dupont sich unter ihnen befindet, und sie macht die Zahl vollkommen…"

Die Sonne ging langsam über den Bergen auf und erhob sich über dem Gebiet, das früher zu Jordanien gehörte. Es war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen, so dass die mächtige rote Kugel in einem Wärmedunst über den Bergen hing, die dem EU-Sergeanten noch vom Gogkrieg her unter dem Namen „Die Berge Edoms" bekannt waren. Kaiser Wilhelm hatte nur begrenzte Kenntnisse in Bezug auf die alten, biblischen Namen, die auf seiner militärischen Karte über diesem Gebiet verzeichnet waren. Es waren detaillierte Karten, die er seinerzeit in einer der so genannten „Field Schools" in der Nähe des Moschaws Chazeva, einer Schule für junge israelische Führer und Archäologiestudenten, beschlagnahmt hatte. Diese Leute mussten immer „ihre Bibelgeschichten" mit hineinmischen, was die Landschaftsbezeichnungen dieser Wüstenregion anbetraf. Dies irritierte den Kaiser, ihn interessierten nur die genaue Anzahl der Hügel, Berge und Strecken und deren Maßstab. Leider konnte er seine eigenen Angaben nicht hinzufügen, da die Oberfläche der Karte mit Plastik überzogen war. „Die Berge Edoms" murmelte er, und las weiter: „Auch „Berge Esaus" genannt. Kaiser Wilhelm schüttelte entrüstet den Kopf. „Die Sache ist zweitrangig!" Er nahm wieder den verschlissenen Fernstecher zur Hand und beobachtete angespannt die sich vor ihm abspielende Szene. Aus dem Wadi hinter dem Zelt sah er eine wogende Schaf- und Ziegenherde auf dem Weg zu ihrer täglichen Runde in dem sparsam bewachsenen Teil der Aravaebene. Aus den Tagen des Gogkrieges wusste Kaiser Wilhelm, dass diese Ziegenherde der einzigen Beduinenfamilie gehörte, die die Erlaubnis erhalten hatte, sich südlich von Beerscheva anzusiedeln. Sie hatte in früheren Nahostkriegen dem israelischen Heer geholfen. Diese Beduinen benötigten keine Stabskarten, um die Bewegungen ihrer Feinde zu verfolgen; sie kannten die Wüste wie ihre eigene Westentasche. Als Belohnung für ihre Hilfe erhielten die Frauen, Söhne und Töchter von „Machmet" die Genehmigung, ihre Zelte in der Region um Salomons altem Grenzfort aufzuschlagen, und hier kam nun eine seiner Töchter, schlank, in Schwarz gekleidet, auf einem Esel daher geritten. Vier schakalähnliche Hunde liefen um die Herde herum, die sich in die Zinwüste hineinbegab, wo sie einen weiteren Tag in der brüllenden Hitze, die in dieser 350 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Ebene herrschte, überleben mussten. Das Thermometer stieg hier oft auf über 50 Grad Celsius. Kaiser Wilhelm betrachtete mit seinem Fernglas, wie die junge, verschleierte Frau Ordnung in ihre Truppe hineinbrachte. „Es sind ungefähr 30 Ziegen", murmelte er. „Merkwürdig, dass sie so weit auseinander laufen. Und dort oben auf dem Hügel stehen sechs, acht Ziegen, die der Herde nicht gefolgt sind." Er beobachtete, wie die vier Schakalhunde versuchten, sich dem weißen Zelt zu nähern, doch die zwei braunen Wachhunde bellten wütend und ließen sie nicht näher herankommen. Die Beduinin glitt von ihrem Esel herunter, trieb die Ziegen und Hunde mit einem Stock vom Zelt weg, und die unruhige Herde verschwand hinter einem Sandhügel.

Während Kaiser Wilhelm mit seinem Fernglas das arabische Mädchen betrachtet hatte, wurde das Bild vor ihm plötzlich unscharf. Wie im Traum sah er seinen Held, „Lawrence of Arabia" oder genauer gesagt: „T.E." (Thomas Edward) über die Steppe reiten. Dieser war – bevor er 30 Jahre alt war (hatte er sich gemerkt) zur Legende geworden. Kaiser Wilhelm sah Lawrence in seinem Tagestraum vor sich, in arabischer Kleidung mit einem goldenen Dolch im Gürtel. Während seiner gesamten Nahostkarriere und besonders während des letzten Krieges, der den Westmächten große Verluste einbrachte, hatte Kaiser Wilhelm versucht, die Rolle des Lawrence zu spielen. Dieser konnte auf ein reitendes Kamel springen. Er war – das wusste Kaiser Wilhelm – Experte im Pistolenschießen. Auch konnte er, wie kein anderer, mit dem leichtgewichtigen, berühmten Lewis-Maschinengewehr umgehen, das er immer in einer Felltasche auf dem Rücken des Kamels mit sich führte. Es war Kaiser Wilhelms Herzenswunsch eine Anekdote zu werden, so wie es „Lawrence von Arabia" war.

Deshalb hatte Kaiser Wilhelm alle Biographien gelesen, die es über seinen melodramatischen Held gab. Er hasste die Geschichte des Richard Aldington und hatte sein Buch verbrannt, weil darin erwähnt wurde, dass Lawrence homosexuell war, doch er liebte David Leans 62er Film „Lawrence of Arabia, an dem er sich nie satt sehen konnte. Mit Tränen in den Augen verweilte Kaiser Wilhelm an der Stelle, wo Lawrence auf seinem geliebten Brough Superior Motorrad sein Haus in Clouds Hill verließ. Um zu verhindern, ein kleines Mädchen überfahren zu müssen, stürzte er mit seiner schnellen Maschine und starb einige Tage später. „Auf diese Weise sollte kein Kriegheld umkommen", seufzte Kaiser Wilhelm jedes Mal am Ende des Videofilms. Wie Lawrence hatte auch er sein Motorrad immer mit dabei. Damit konnte er schneller durch die Wüste rasen als ein Kamel laufen konnte. Deshalb fuhr er auch an diesem Morgen mit dem Motorrad hinunter zum weißen Zelt. Es waren nur 600 Meter bis zu der Stelle, an der er meinte, Antoinette Dupont vorzufinden. Am Abend zuvor hatte er bereits telefonisch Auskunft über die Situation in Brüssel erhalten, wo der EU-Präsident Pierre-Henri Clark immer noch von einem religiösen Phantast als Geisel festgehalten wurde. Man hatte ihm zu verstehen gegeben, dass das französische Mädchen an dieser Geiselnahme mit beteiligt war, und dass die Polizei im Nahen Osten nun nach ihr und einem Griechen namens Jan Apostolou fahndete.

Kaiser Wilhelm fuhr mit seinem Motorrad über den Hügel; danach war nur noch eine riesige Staubwolke zu sehen, die sich auf das weiße Zelt zu bewegte. Als er an der Zeltöffnung anhielt, trat ihm der weißhaarige Mann in westlicher Kleidung entgegen. Er ging mit ihm zusammen ins Zelt, wo er sich suchend umsah. Er betrachtete Frau und Kinder und ging auf eine verschleierte junge Frau im hinteren Teil des Zeltes zu. Mit einem raschen Griff riss er ihr den Schleier vom Gesicht, indem er triumphierend ausrief: Guten Morgen, Fräulein Dupont!" Verwirrt starrte er die Frau an, die erschrocken versuchte, ihr Gesicht wieder zu bedecken. Es war eindeutig, dass nicht die französische Antoinette vor ihm stand. Das Mädchen war eine Beduinin; dies war deutlich an ihrer Hautfarbe und an einer Tätowierung über den Augen und am Kinn zu erkennen. „Wer ist sie?" rief er, sich an den Weißhaarigen wendend.

„Eine Besucherin; sie gehört zu Machmets Familie."

„Und Antoinette Dupont?"

„Antoinette Dupont?" Der Weißhaarige schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht hier!"

*

Antoinette Dupont war eine schlanke, dunkeläugige Frau aus Paris. Ihre schöne, würdevolle Erscheinung, und besonders ihre entzückenden, ja unwiderstehlichen, großen braunen Augen hatten bereits zu einem früheren Zeitpunkt in ihrem jungen Leben das Interesse einer Pariser Filmschule geweckt. „Es ist so, als ob man in einen tiefen Brunnen schaut", hatte der Direktor der Filmschule gesagt, als ihm das „Mädchen aus dem Miniprix" zum ersten Mal vorgestellt worden war. Er hatte diese Äußerung gemacht, nachdem sie zu einem Interview mit der Leitung der Filmschule gekommen war, die ihr angeboten hatte, die Kasse des kleinen Supermarkts in der rue des Pyrenées zu verlassen, um ihr Glück in der Pariser Filmwelt zu suchen. „Mit diesen Augen kann sie Hollywood erobern", erklärte der Lehrerstab der Schule, der den Vorschlag machte, dass sie sich gleich für die „Star Academy", einem beliebten Fernsehprogramm, das nach neuen Sternen für die Unterhaltungsindustrie suchte, anmelden sollte.

Antoinettes verheißungsvolle Laufbahn wurde jedoch durch die Begebenheiten, die sich nach einem sonntäglichen Spaziergang auf dem Mont Martre abspielten, drastisch in eine andere Bahn gelenkt. Man hatte ihr nämlich eine Einladung zugesteckt, die sie neugierig werden ließ. Sie ging zu der darauf angegebenen Adresse in der Rue Turgot, wo sie einen kleinen, bescheidenen Versammlungsraum vorfand, in dem eine Schar warmherziger Menschen die junge Pariserin gleich mit in ihre Gemeinschaft aufnahm. Es waren einige bewegende Monate, die sie in jenem Frühjahr in Paris erlebte. Während die Kirschbeerbäume auf der Champs Elysée in Blüte standen, öffnete sich für „das Mädchen aus dem Miniprix" eine neue Welt mit geistlichen Dimensionen, die sie niemals zuvor gekannt hatte. Über dem Eingang zu den Räumen in der rue Turgot, die sich in unmittelbarer Nähe vom Pigalle befanden, stand ein fast unmerkliches Schild: „Salle Evangélique"; es war eine zurückgezogene Schar evangelischer Christen, die nun versuchte, mit den schwierigen Gegebenheiten des Neuen Europas, in dem alle äußeren Zeichen religiöser Vereinigungen verboten waren, fertig zu werden. Man griff hart gegenüber denjenigen Bewegungen, Schulen und Institutionen ein, die weiterhin das Kreuz oder ähnliche Symbole anwandten; die zurückgezogen lebende Gruppe in der rue Turgot war fast unsichtbar. Antoinette Dupont lernte, ihre geistliche Überzeugung, die sie in jenem Frühjahr zu einer kompromisslosen „Nachfolgerin des Mannes aus Nazareth" werden ließ, vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Die Bezeichnung „Christin" war gegenüber den EU-Behörden ein provozierendes Signal, und der Name „Jesus" eine Einladung zur Überwachung und Verfolgung.

Die Gemeinschaft in der rue Turgot brachte Antoinette bezüglich einer Teilnahme an der „Star Academy" bald auf andere Gedanken. Wenn sie ihren neuen Freunden von den Zukunftsplänen berichtete, die die Filmschule für sie hatte, sagte sie weinend: „"Das Ganze ist ja im Grunde genommen so inhaltslos und so sinnlos". Sie war zu irgendeinem Zeitpunkt zusammen mit einer Gruppe von 20 anderen Kandidaten in einem alten Schloss außerhalb Paris einquartiert worden, doch da sie nach einem 24-stündigen Aufenthalt im Schloss die dort herrschende lockere Moral nicht länger aushalten konnte, flüchtete sie des nachts zurück zur Hauptstadt, wo sie bei einer griechischen Familie namens Apostolou Unterschlupf fand.

Die nächtliche Flucht vor der Star Academy brachte Antoinette ins Rampenlicht der Behörden. Ohne dass sie davon wusste, überwachte man ihr Tun und Treiben. Alle Informationen wurden von Paris nach Brüssel weitergesandt. Dort wurden sie gesammelt und bearbeitet; schon recht bald wurde Antoinette Dupont von den Nachforschungsbehörden der Kategorie von Menschen zugeordnet, die den Kodenamen „Registrierung" trug. Bei diesem Nachforschungsprojekt ging es um (wie es in der Fachsprache hieß): eine Aussonderung religiöser Elemente, die möglicherweise eine Gefahr für die Sicherheit der Gesellschaft darstellen". Damit meinte man aber nicht, dass Brüssel das „Mädchen aus dem Miniprix" als eine unmittelbare Gefahr ansah, (Die EU-Agenten hatten diese Bezeichnung von der Filmschule „übernommen".) doch waren sie überzeugt, dass sie das beste Lockmittel für ihre große Beute war. „Ihre Rehaugen werden die wilden Tiere des Dschungels bald in die Falle locken", sagten sie sich. Und sie hatten Recht. Es dauerte nicht lange, bis der junge, griechische Filmproduzent, Jan Apostolou, in ihrem Internet auftauchte; die Agenten schlugen aber nicht gleich zu. Wie Kopfjäger folgten sie seiner Spur. Und bald darauf waren sie auch auf andere „Dschungelbiester" aufmerksam geworden.

Das Wort „Dschungelbiester" war ein Ausdruck, den sie von der Polizeischule her kannten. Hier waren sie auf der Grundlage der ersten EU-Verfassung (die bis zum Jahr 2006 zurückgeht) unterrichtet worden. Diese begann mit dem Satz: Die EU soll zu einem stabilisierenden Faktor und einem Haltepunkt in einer neuen Weltordnung werden". Alle, die sich außerhalb dieser Weltordnung bewegen", erklärten die Lehrer der Brüsseler Schule, „sollten als außerhalb der zivilisierten Welt lebende Wesen gelten, als Barbaren, die noch im Dschungel leben, also „Dschungelbiester".

Die Überwachungsmannschaft war darüber informiert worden, dass sich eine romantische Verbindung zwischen dem „Mädchen aus dem Miniprix" oder dem „Reh", wie Antoinette Dupont in der internen Kodesprache bezeichnet wurde, und dem „Griechen" (den man „John" nannte) angebahnt hatte. Jan Apostolou hielt sich gerade in diesen Tagen bei seiner Familie auf, als Antoinette bei den Leuten von der Gemeinde in der rue Turgot Zuflucht gesucht hatte und dadurch zu seinem Elternhaus gekommen war. Brüssel wusste, dass die Zwei gemeinsam einen Film drehen wollten. John war Produzent und Antoinette sollte sein „Feld-Manager" sein. Sie hatten bereits Aufnahmen auf der Insel Patmos gemacht, - der Grund dafür war ihnen unbekannt. Nun zeigten die beiden deutliches Interesse an dem Projekt, das mit der Errichtung des Dritten Tempels in Jerusalem zu tun hatte.

Irgendwann einmal hatte die Mannschaft aus Brüssel Jan zu einem kurzen Verhör vorgeladen. „Wir möchten nur etwas über Ihre Filmpläne in Bezug auf den Tempel in Jerusalem in Erfahrung bringen", hatten die Agenten erklärt. „Aus rein Sicherheitsmäßigen Gründen."

John hatte erklärt, dass er u.a. Vergleiche zwischen dem Herodianischen Tempel (also dem so genannten Zweiten Tempel) und anderen Tempelbauten wie z.B. der Akropolis in Athen angestellt habe, die nur einen fünften Teil des Tempelplatzes umfasste im Vergleich zur Zeit vor dem Gogkrieg. Oder dem Artemistempel in Ephesus, der mit zu den „sieben Weltwundern" gezählt wird, und der auf keinerlei Weise mit dem Tempel zu vergleichen war, der im Jahre 70 in Flammen aufging. Die Agenten in Brüssel hatten sich überzeugen lassen, da John behauptet hatte, dass alle die großen Kathedralen in England: Canterbury, York, Minster, Winchester, Durham, Exeter, Worcester, Chichester usw. auf dem alten Tempelplatz stehen könnten und dann immer noch genügend Platz wäre. „Welch ein prächtiger Tempel wird da nicht der neue Tempel sein, wenn er erst einmal fertig gestellt ist", erklärte der Grieche. „Ich mache einen Film, in dem ich Vergleiche anstelle. Es ist ausschließlich ein kulturelles Filmprojekt"… und damit hatte sich das Überwachungsteam zufrieden gegeben.

Die junge verschleierte Beduinin, die in den frühen Morgenstunden auf ihrem Esel und mit ihrer Herde an dem Wüstenzelt neben dem salomonischen Grenzfort vorbeizog, wo ihr Kaiser Wilhelm mit seinem Feldstecher gefolgt war, ritt langsam tiefer in die Zinwüste hinein. Die Sandbänke erstreckten sich unendlich weit in dem gewellten Terrain. Bei den ersten güldenen Sonnenstrahlen waren sie wie reife Kornfelder, die sich bis zu Abrahams altem Weideland bei Beerscheva ausdehnten. Die Goldfarben waren so trügerisch, dass man fast den Duft des Feldes und den Geruch würzigen Heidekrauts verspürte, doch nachdem die Wüste langsam die ersten morgendlichen Sonnenschimmer in sich aufgesogen hatte, verschwanden die Felder, das Korn und das Heidekraut, zurück blieb nur der trockene, goldene Sand…

Doch die Ziegen fanden überall Nahrung! Etwas unruhig und verstreut – wie Kaiser Wilhelm konstatiert hatte (besonders in dem Augenblick, als sie am Wüstenzelt vorbeizogen waren, denn hier hatte der blitzschnelle Rollentausch stattgefunden). Machmets verschleierte Tochter war ins Zelt geschlüpft, während sich Antoinette auf den Esel setzte. Sie hatte zuvor die schwarze, arabische Kleidung angezogen, die sich der weißhaarige John Williams bei seinem Beduinennachbar geborgt hatte. Bereits am Abend zuvor hatten Williams und Machmet telefonisch das kleine Umtauschspiel vereinbart; Kaiser Wilhelms tarnfarbene Jeeps waren für die Umgebung unsichtbar, jedoch mit Ausnahme von den scharfen Augen der Beduinen. Die Überwachung des Zeltes von Seiten des EU-Sergeanten wurde von den Söhnen der Wüste überwacht; seine Platzierung, nur 600 Meter von der Familie John Williams entfernt, in der Nähe des alten Karawanenweges, der als „Gewürzstraße" bezeichnet wird, war von aufmerksamen, jungen, dunkeläugigen Männern in schwarzen Zelten auf der anderen Seite des Berges beobachtet worden. Und sie hatten Williams gewarnt…

Bevor er Antoinette Dupont auf ihre einsame Reise schickte, hatte er den Esel mit einem Gewehr bepackt, das in Ziegenfell eingewickelt war. „Du musst drei Tagesreisen weit in die Wüste ziehen. Und du darfst nicht zurückkommen!" hatte er gesagt. „Wenn du der „Incense Route" folgst (ein anderer Name für „Gewürzstraße", auf der in uralter Zeit Kamelkarawanen von Jordan nach Gaza gezogen waren) kommst du nach drei Tagen zu ein paar Berghöhlen. Am Abend des dritten Tages kannst du versuchen, uns mit diesem Mobiltelefon zu erreichen, doch die Batterie wird zu diesem Zeitpunkt bereits schwach sein. Von daher ist es nicht sicher, dass du uns von dem Ort in der Zinwüste aus erreichen kannst. Im Notfall musst du versuchen auf einen Berg zu klettern; von dort kannst zu dich vielleicht mit uns in Verbindung setzen. Du kannst zur Abendzeit, vor Einbruch der Dunkelheit, ein paar Schüsse aus dem Gewehr abfeuern, und ein Lagerfeuer vor der Höhle machen, in der du dich verborgen hältst. Jan und ich werden dich dort finden…"

„Jan? Kommt Jan hierher?" Antoinette Stimme war voller Sehnsucht.

„Ja, er muss nur erst ein EU-Überwachungsteam von sich abschütteln. Sie haben seine Spur bis zum Haus von Professor Fruchtenbaum in Jerusalem verfolgt, doch der Professor hat mir von einer Telefonzelle aus durch Machmet mitteilen lassen, dass Jan so schnell wie möglich hierher kommt.

Antoinette strahlte übers ganze Gesicht. John Williams sah sie ernst an. „Du hast zwei Feinde, vor denen du dich in Acht nehmen musst", sagte er ermahnend. „Der eine besteht aus den EU-Agenten und ihren Handlangern…"

„Ihren Handlangern?"

„Ja, ihren Handlangern. Es geht um einen Polizeioffizier mit Namen Adolf Engels. Er ist zurzeit in Jerusalem stationiert, doch er ist auf der Suche nach dir und Jan. Der andere ist ein EU-Sergeant, den man Kaiser Wilhelm nennt. Er hat sich heute Nacht hinter dem Hügel auf der Hinterseite des Zeltes aufgehalten, und ist im Augenblick nur 600 Meter von hier entfernt. Er kommt sicher in ein paar Minuten, um dich abzuholen. Professor Fruchtenbaum lässt dir ausrichten, dass Brüssel deine Teilnahme an einem gewissen Registrierungsprogramm geplant hat. Du sollst dich jeglicher Form von Einoperieren elektronischer Chips in deinen Körper widersetzen, und du solltest auch keine Tätowierungen zulassen. Die Tätowierungen sind auch elektronisch und haben mit dem „Malzeichen" zu tun.

„Dem Malzeichen?"

Jetzt ist keine Zeit mehr, Antoinette. Ich erwarte Kaiser Wilhelm jeden Augenblick; wir sehen uns in drei Tagen wieder!"

„… und der andere Feind? Du nanntest zwei Feinde?"

John Williams folgte Antoinette bis zum Esel. Er klopfte mit der Hand auf die Felltasche mit dem Gewehr. „Sollte der andere Feind auftauchen, musst du dieses hier gebrauchen! Es ist mit sechs Schuss geladen, und weitere sechs sind im Magazin."

„Wer ist der andere Feind?"

„Möge Gott mit dir sein", antwortete John. „Vertraue IHM!"

„Ja, aber wer ist der andere Feind?"

John Williams holte tief Luft. Dann antwortete er: „Die Wölfe!"