DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 3

Nach dem großen Erdbeben waren die Gassen des Basars in Jerusalem wieder zu neuem Leben erwacht. Sie waren durch die mächtige Erschütterung weggerissen worden. Dadurch hatte sich das vor über 2600 Jahren durch den Propheten Hesekiel vorausgesagte Wort erfüllt: „Jede Mauer wird zu Boden stürzen!" Das bunte Straßenbild der Altstadt war durch die Katastrophe wie von der Erdoberfläche verschwunden. Danach war der Basar nicht mehr an der gleichen Stelle entstanden, da sich das Tempelareal nun auf 4 Quadratkilometer erstreckte, doch in den umher liegenden Stadtvierteln schossen die Buden wie Pilze aus dem Boden. Doch die Verkaufsstände mit den arabischen Händlern und den kleinen, engen Gassen mit dem blank gescheuerten Kopfscheinpflaster schienen die gleichen zu sein. Die Luft war gefüllt mit dem Duft von Gewürzen, Brot und Früchten, überall gab es eine große Auswahl an Kleidern, Andenken und Sandalen, die von eifrigen Händlern feilgeboten wurden. Diese ließen keinen verirrten Touristen so leicht entkommen.

Viele Mauern waren bei dem vorausgesagten Erdbeben zusammengebrochen. Es hatte die Richterskala weltweit in gewaltsame Schwingungen versetzt. Die runde Kuppel des Felsendoms war zusammen mit den in der Nähe des Tempelplatzes liegenden Kirchengebäuden und Synagogen in den Abgrund gestürzt. Die Erschütterung hatte keine Rücksicht auf die so genannten „Heilige Stätten" genommen, und durch diese einschneidenden Ereignisse war nach dem „Gogkrieg" (den die Medien als den Dritten Weltkrieg bezeichneten) Jerusalems umstrittener Tempelplatz geräumt worden, und so konnte das jüdische Heiligtum darauf errichtet werden. Aufgrund dieser großen Aufgabe hatte sich Professor Joseph Fruchtenbaum in diesem Gebiet niedergelassen. „Ich wohne mitten in dem wertvollsten „Baugebiet" dieser Welt", hatte er oft scherzend und gesagt und gelacht. „Ich wohne ganz in der Nähe des Gebietes, das der Historiker Josephus Slavius, der seinen Priesterdienst im Zweiten Tempel ausführte, als „eine in der Abendsonne schimmernde Goldscheibe", beschrieben hat – und nun sehe ich – wie sich das goldene Dach des Dritten Tempels an gleicher Stelle erhebt!"

Professor Fruchtenbaum ging zum Fenster hin, das von seinem „Studierzimmer" aus zur Straße hinaus lag. Vorsichtig zog er die Gardinen zur Seite und drückte sich an die Wand, damit seine Gestalt oder sein Gesicht nicht vom Lichtkegel getroffen werden konnte, der gerade in diesem Augenblick über die Hauswand und Fenster fegte. „Sie haben dich bereits aufgespürt", sagte er, sich an den jungen Griechen, Jan Apostolou wendend, der von einem anderen Fenster aus die uniformierten EU-Polizisten auf der Straße betrachtete. „Ich habe einen Ort, wo ich dich verstecken kann", sagte der Professor ruhig. „Komm schnell!" Er drückte auf einen Knopf, und ein Teil der mit Büchern voll gestopften Regalwand rollte zur Seite. Hinter der Öffnung lag ein verborgener, finsterer Raum. Der Grieche verschwand dahinter, und der Professor rollte die Regalwand zurück. Er rückte die Bücher ein wenig zurecht; einige waren zu Boden gefallen. Als er die meisten der umher liegenden Bücher aufgesammelt hatte, donnerte es an der Tür. Der Professor las noch eine Handvoll Bücher und Papiere auf und legte sie auf den Tisch. Als er noch zwei abseits gelegene Bücher aufsammeln wollte, rutschte ihm die Brille von der Nase und fiel zu Boden. Der große Mann in dem langen, weißen Gewand suchte neben dem Bücherregal fieberhaft nach seiner Brille, doch gab schließlich auf, da wieder laut an die Tür gepocht wurde. Als er aus dem Zimmer ging, um den ungeduldigen Gästen zu öffnen, lagen immer noch einige Bücher zusammen mit der Brille auf dem Fußboden des Studierzimmers verstreut. Das eine der abseits gelegenen Bücher trug einen deutlichen Titel. Auf dem Buchumschlag stand mit großen Buchstaben auf Englisch: „ANTICHRIST". Der Titel des anderen Buches war: „DAS NEUE TESTAMENT". Im Eingang waren Stimmen zu vernehmen. Mit hellen Leuchten traten zwei, drei EU-Polizisten in das schwach erleuchtete Studierzimmer. „Sie sagen, dass Sie keinen Besuch haben, Professor Fruchtenbaum", sagte der leitende Offizier. „Das kommt mir aber komisch vor. Wir haben einen jungen Griechen mit Namen Jan Apostolou in Ihr Haus gehen sehen. Er ist durch diese Tür herein gegangen, und trotzdem ist er nicht hier?"

„Nein, schauen Sie selbst, er ist nicht hier!"

„Er ist aber hier gewesen?" Die Stimme des Polizeioffiziers klang befehlerisch. „Ja!" … „Und er ist wieder von hier fort gegangen?" Ein leicht ironisch-skeptischer Ton war aus seiner Frage herauszuhören.

„Sie sehen doch selbst, dass er nicht hier ist!"

„Wie lange ist er hier gewesen?"

„Nur ein paar Minuten. Als er ging, hat er diese Bücher hinterlassen!" Der Professor ging zum Tisch und zeigte auf einen kleinen Stapel Bücher, die er gerade zuvor vom Boden aufgesammelt hatte. „Wie Sie sehen, habe ich sie noch nicht wieder ins Bücherregal zurückgestellt." Der Polizeioffizier nahm die Bücher und sah sich mit einem säuerlichen Lächeln die Titel an. Das Licht im Zimmer war so schwach, dass er den Lichtkegel seiner Lampe auf jeden einzelnen Buchumschlag richten musste. Mit lauter Stimme – doch immer noch mit dem gleichen ironisch-skeptischen Unterton – las er: „Der Messias und der zukünftige Tempel". „Die Bedeutung der Tempelopfer", „Wo ist der Vorhang geblieben?" „Wo befindet sich die Bundeslade?" „Der König kommt!" … „alle von Professor Joseph Fruchtenbaum verfasst", äußerte der Offizier kalt. „Interessante Buchtitel. Sie erlauben mir sicher, dass ich sie mitnehme." Er übergab die fünf Bücher einem EU-Bediensteten. „Ich interessiere mich nämlich auch für diese Fragen", fuhr er fort, „und da sie offenbar bei deinem griechischen Freund eine Lust zum Lesen hervorgerufen hat, scheint es, dass wir uns beide für die gleichen Dinge interessieren! Es würde mich freuen, wenn wir eines Tages diese Themen gemeinsam besprechen könnten… ich meine, Ihr griechischer Freund und ich. Sie wissen nicht zufällig, wohin er gegangen ist? Unser gemeinsames Interesse treibt mich dazu, nach ihm zu suchen." Er wandte sich eilig an die Männer, die ihm gefolgt waren. „Durchsuchen Sie das Haus", befahl er ungeduldig. „Der Grieche ist hier irgendwo. Der Professor ist durch alle seine Schreibereien etwas zerstreut und hat die fixe Idee, dass der junge Mann das Haus verlassen hat." Er wandte sich wieder an den ruhigen, graubärtigen Mann im weißen Gewand…"Und wohin ist er gegangen? Erlauben Sie mir meine Eindringlichkeit, doch ich frage Sie noch einmal: „Wohin ist er gegangen?" – „Er hat eine Aufgabe auf dem Tempelplatz", antwortete Fruchtenbaum.

„Ah, dein griechischer Freund, Jan Apostolou, der in diesem Augenblick von der Polizei gesucht wird, ist also zum Tempelplatz gegangen? Ich habe gerade eine Nachricht aus Brüssel erhalten, dass sich unser EU-Präsident, Mr. Pierre-Henri Clark, in Lebensgefahr befindet! Ein geisteskranker Revolvermann hält ihn im Gebäude des Europäischen Rats als Geisel fest. Dieser Verrückte und Herr Apostolou sind zufälligerweise Bundesgenossen. Sie gehören beide der gleichen Mördersekte an. Während auf der ganzen Welt nach diesen Leute gefahndet wird, und überall Verhaftungen dieser so genannten „Tempelritter" vorgenommen werden, so macht Ihr Freund einen kleinen Spaziergang zum Tempelplatz hier in Jerusalem? Wie angenehm! Wie romantisch! Er ist vielleicht hinaufgegangen um „die Strahlen der Abendsonne auf den goldenen Dächern" zu genießen..?

Professor Fruchtenbaum stutzte, als er diesen Ausdruck hörte. „Ja, Ihr oft angewandtes Zitat von Josephus Flavius ist uns bekannt", lächelte der Polizeioffizier"… „so wie wir auch andere Aussagen von Ihnen in dieser Angelegenheit kennen. Auch Sie stecken mit den Tempelrittern unter einer Decke!"

„Mit den Tempelrittern?"

„Na ja, ich verstehe, dass es Sie zu überraschen scheint. Diese Bezeichnung stammt auch nicht von Ihnen sondern von uns! Wir nennen Euch „Tempelritter", weil Ihr den Dritten Tempel zerstören wollt. Wir haben Euch lange genug beobachtet! Eure Verschwörungen gehen bis auf Titus zurück, der im Jahre 70 mit seinen 36.000 römischen Legionären den Zweiten Tempel nieder brannte.

Fruchtenbaum starrte den Polizeioffizier verblüfft an. In dem allgemeinen Gedränge bemerkte er nicht, dass klitzekleine Apparate und Kameras von eben eingetroffenen, in Zivil gekleideten Männern überall im Haus angebracht wurden: Hinter Lampen und Deckenbekleidungen versteckt, sorgfältig verborgen und bedeckt von Regalwänden. In dem halbdunklen Raum, in dem nur die Lichtkegel der Polizeisoldaten gewisse Gegenstände beleuchteten, arbeiteten geübte Hände unbemerkt. „Was macht Ihr griechischer Freund denn auf dem Tempelplatz?" Der EU-Beamte betrachtete triumphierend sein Opfer.

„Er muss irgendwann einen Teil des Platzes messen." Der Professor antwortete mit beherrschter Ruhe.

„Mit welchen Maßen wird ihr griechischer Freund zurückkommen, was glauben Sie?

„Ein Gebiet von 488 Meter in westlicher Richtung, 468 in östlicher, 315 Meter in nördlicher und 278 Meter in südlicher Richtung!"

Der Polizeibeamte war überrascht. „Was meinen Sie damit? Wovon sprechen Sie? Er konnte ein gewisses Interesse nicht verbergen.

„Ich meine das Tempelgebiet, das die 36.000 Legionäre in Brand setzten."

„Aha…"

„Es ist das Tempelgebiet des Herodes, das um die 144.000 Quadratmeter beträgt."

„Und warum soll der Grieche diese Fläche bemessen?"

„Weil er einen Film über den Bau des Dritten Tempels drehen will. Wir arbeiten zusammen an dem Projekt. Und zu diesem Zweck muss er die genaue Placierung des Herodianischen Tempels in Erfahrung bringen. Er muss insbesondere die genaue Stelle der zehn Quadratmeter finden."

„Die zehn Quadratmeter?"

„Ja, die 10 m2!"

„Welche 10 m2?"

„Die des Allerheiligsten". In dem Augenblick, als Fruchtenbaum diese Worte aussprach, brannten plötzlich alle Lampen des Hauses in ihrer vollen Stärke, danach gingen sie überall aus. Die einzige Lichtquelle waren die Lichtkegel der Polizeileute. Der blendende Lichtschimmer erinnerte an den gleißenden Schein einer Explosion. Nur war kein Knall zu hören. Bei der gewaltigen Lichtexplosion stießen die vielen Menschen im Haus laute, entsetzliche Schreie aus; einige der Polizeileute gingen automatisch in Deckung, einige nahmen ihre Waffe zur Hand. Andere Zivilbekleidete fielen von den Stühlen, auf die sie geklettert waren und lagen nun auf dem Boden, mit den Armen über dem Kopf. Der Polizeioffizier hatte sich erhoben und fasste den Professor hart am Arm, als ob er Schutz bei ihm suche. Professor Fruchtenbaum betrachtete das Entsetzen um sich herum mit einem ruhigen Lächeln. „Ein Kurzschluss", sagte er trocken. „Das passiert oft, wenn am Tempel gearbeitet wird. Die Stromversorgung bricht zusammen. Sie kommt aber bald wieder, nur sind jetzt alle Birnen durchgebrannt. Deshalb wird es heute Abend kein Licht mehr geben."

„Danke für Ihre Gastfreundschaft." Der EU-Offizier ging vorsichtig in Richtung Ausgang. „Wir werden Sie für eine Weile verlassen." Ein knirschender Laut unter den blanken Polizeistiefeln legte die Befürchtung nahe, dass die Brille des Professors zertreten worden war. Eine Hand tastete den Boden ab und stieß auf zwei Bücher, die abseits lagen. Die Bücher wurden aufgesammelt, ein Lichtkegel richtete sich auf den Buchumschlag. „Was haben wir denn hier?" Die Stimme des Beamten klang müde. „Ja, also; „Der Antichrist" und „Das Neue Testament". Die leihe ich mir auch aus, Herr Professor. Vielen Dank. Interessanter Lesestoff für die späten Abendstunden. Wann kommt Ihr griechischer Freund zurück?"

„Ich weiß es nicht!"

„Nah, das dachte ich mir. Nun ja, ich habe genügend Bücher, die ich in der Zwischenzeit lesen kann. Gute Nacht, Herr Professor."

„Gute Nacht, Herr..?

„Ach ja, das habe ich ganz vergessen. Entschuldigen Sie. Ich hätte mich gleich bei meiner Ankunft vorstellen sollen. Mein Name ist Adolf Engels. Hier ist meine Visitenkarte. Ich wurde von der EU in Brüssel ausgesandt. Sollte Ihr griechischer Freund auftauchen, dann rufen Sie mich bitte gleich an…

Als sich Herr Adolf Engels in das geräumige Polizeiauto setzte, das am Ende des Basars geparkt war, wurde von einem nahe gelegenen Minarett zum Gebet aufgerufen. Das laute, klagende Rufen füllte die Straße, die im Lampenschein verlassen dalag. Das Innere des Wagens war mit sofaähnlichen Sitzen, Bildschirmen und verschiedenem Überwachungsapparaten ausgestattet. Adolf Engels machte einen der Bildschirme an und sah die Gestalt des Professors, doch trotz Nachtkamera war er wegen der geringen Beleuchtung nur in einem gespenstischen Umriss zu erkennen. „Er hat immer noch kein Licht im Wohnzimmer!" murmelte Engels. „Egal! Doch was er nun sagt, das ist von Bedeutung. Aha, was haben wir denn hier?" Der Umriss des Bücherregals im Studierzimmer bewegte sich und eine Gestalt trat aus dem finsteren Raum hinter dem Regal hervor. Stimmen waren über die eingebauten Lautsprecher des Polizeiwagens zu hören. „Die Polizei ist hier! Du musst dich so schnell wie möglich mit Antoinette in Verbindung setzen. Sage ihr, dass wir nur sehr wenig über das Malzeichen des Tieres wissen, doch dass sie sich in Acht nehmen soll, wenn ihr ein Vorschlag unterbreitet wird, der mit irgendetwas Elektronischem zu tun hat." Die beiden Männer gingen zum Fenster und schauten auf die Straße hinaus. Durch das Licht von draußen waren ihre Gesichter etwas deutlicher zu erkennen. Engels starrte wie gebannt auf den Schirm; er saß mit einem Notizblock bereit, Aufzeichnungen zu machen. „Die drei Buchstaben für world wide web, www. sind auf Hebräisch die Buchstaben vav|vav|vav", fuhr der Graubärtige auf dem Bildschirm fort. Die Kamera zoomte automatisch auf die Person, die sprach. Die Konturen des Mannes mit dem Bart und seine tief liegenden Augen vermittelten den Eindruck, als ob er eine Botschaft aus einer anderen Welt weitergäbe. Das eigenartige Nachtfernglas und die gräulichen Töne auf dem dämmerungsartigen Bild erzeugten das Gefühl, als ob die Stimme aus dem Weltraum käme. Adolf Engels setzte sich unwillkürlich ein wenig zurück. Entsetzen war in seinen Augen abzulesen. Adolf Engels war ganz eindeutig nicht in der Lage, irgendwelche Notizen zu machen, denn er war wie gelähmt. Das, was er hörte, war eine Botschaft an die ganze Welt. Er begriff nicht, wie es sein konnte, dass er plötzlich mitten in Jerusalem „im ersten Parkett" saß.

Der Graubärtige auf dem Bildschirm fuhr fort: „Die drei hebräischen Buchstaben vav, vav, vav haben einen Zahlenwert. Der Eintritt ins Internet geschieht also hier in Jerusalem mit drei Sechserzahlen, das heißt mit 666."

Adolf Engels stierte ungläubig auf den Bildschirm, der anfing zu flimmern. Er griff nach den Büchern, die er von der Bibliothek des Professors mitgenommen hatte und starrte auf den Titel, der mit großen Buchstaben auf dem Band stand, den er in der Hand hatte: „DER ANTICHRIST". Die Stimme kam weiterhin aus dem Lautsprecher des Polizeiwagens, und der Graubärtige tauchte wieder auf dem Schirm auf. Es war, als ob die tief liegenden Augen Adolf Engels direkt anschauten. Dieser fiel in sich zusammen, als ob er auf einer Anklagebank säße.

„Du weißt, dass im Neuen Testament geschrieben steht, dass ‚das Tier alle dazu bringt, dieses Malzeichen, 666, auf ihre Hand oder ihre Stirn setzen zu lassen. Du solltest selbst den ganzen Abschnitt noch einmal aufmerksam lesen."

Adolf Engels, der wie hypnotisiert auf das außerirdische Wesen schaute, das direkt zu ihm sprach – ja, direkt auf ihn zeigte - , suchte mit der einen Hand nach einem weiteren Buch, das er im Studierzimmer des Professors konfisziert hatte. Er fischte „DAS NEUE TESTAMENT" aus dem Bücherstapel heraus, während sein Blick noch immer den Bildschirm fixierte. Roboterartig blätterte er in dem Buch, während das graubärtige Wesen mit einer Stimme, die aus dem Himmel zu kommen schien, eine Schriftstelle zitierte. „Die Schriftstelle, der die Erdbewohner nun ihre besondere Aufmerksamkeit schenken sollten", hieß es über den Lautsprecher, „sind die Worte aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 13, Verse 16-18.

Adolf Engels suchte im Neuen Testament verzweifelt nach diesen Versen. Da er keine Ahnung hatte, wo die Offenbarung des Johannes zu finden war, blätterte er fieberhaft in dem Buch, das er in seinen Händen hielt. Es kam ihm so vor, als ob der tiefe Blick vom Überwachungsbildschirm des Polizeiwagens direkt auf ihn gerichtet war. Die Stimme fuhr fort: „Wie du weißt, ist die Offenbarung das letzte Buch in der Bibel. Es spricht ja über die Endzeitereignisse, die der Apostel Johannes vom Himmel erhielt, als der römische Kaiser ihn auf die griechische Insel Patmos ins Exil geschickt hatte."

Adolf Engels hatte endlich die erwähnte Stelle im NT gefunden, doch als er die Worte… „die griechische Insel Patmos" hörte, murmelte er: „Ja, da haben wir es wieder, die Griechen! Ich werde ihn schon noch kriegen… den Griechen! Und er wird nicht einfach durch ein Exil davonkommen". Er lächelte verschmitzt. „Wir haben andere Methoden…"

„Ich werde es dir vorlesen, damit du besser verstehen kannst, warum die Gläubigen in der Endzeit ganz besonders ihr Augenmerk auf alles „Elektronische" richten sollen. Die Zahl 666 wird in vielen Varianten erscheinen, doch dass man in Jerusalem mit den drei hebräischen Buchstaben mit dem Zahlwert 666 ins Internet geht, veranlasst mich, vor allem zu warnen, was mit dem Einsetzen von Chips und ähnlichen Mitteln am Körper zwecks elektronischer Identifikation zu tun hat. Hör zu: Das Tier macht, dass sie allesamt, die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn." Adolf Engels las nun in der englischen Ausgabe des NT mit und sagte laut zu sich selbst: „And he causeth all… to receive a mark… in their right hand or in their foreheads…"

Jemand klopfte an die Tür des Überwachungsfahrzeuges. Adolf Engels legte schnell das Neue Testament zur Seite und rief: „Ich will nicht gestört werden! Ich bin dabei, Notizen zu den Bildern aus der Wohnung des Professors zu machen!

Während der Professor dem Griechen alles genau erklärte, folgte Adolf Engels genau den Auslegungen und machte folgenden rätselhaften Eintrag in sein Notizbuch: Professor Fruchtenbaum erklärt, dass er nicht nur die Gläubigen davor warnt, sich elektronische Chips einoperieren zu lassen, er weist darüber hinaus darauf hin, dass sie sich auch nicht an irgendeiner Stelle am Körper tätowieren lassen sollen, und erst recht nicht an der Hand oder der Stirn. Dabei weist er auf das dritte Buch Mose, Kapitel 19, Vers 28 hin, wo nach seinen Angaben geschrieben steht, dass „die Leute sich nicht tätowieren lassen sollen".

Adolf Engels starrte auf den Bildschirm und schrieb abschließend (mit Hinweis auf eine Anzahl heimlicher Begriffe): „Dies kann für unser Projekt unter der Kodebezeichnung „Registrierung" von Wichtigkeit sein. Ich führe zwar in diesem Zusammenhang keine Festnahmen durch, sondern folge ihrer Spur, um zu sehen, ob noch weitere „Dschungelbiester" am Horizont erscheinen. Ich habe den Eindruck, dass „John" versuchen wird, mit dem „Mädchen aus dem Miniprix" Kontakt aufzunehmen, und dass das „Damwild" uns auf die Spur der „Wayfaring Men" führen wird… „Die Tempelritter" behalte ich weiterhin im Auge…