DAS MALZEICHEN DES EU-UNGEHEUERS
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 1

Ein Mann lief eilig an den gelben Quadersteinen der erleuchteten Mauer entlang in Richtung Treppe, die zu einem gewaltigen Tor führte. Er bahnte sich einen Weg durch die geschäftigen, in Schwarz gekleideten Juden, verschleierten Frauen, Touristen und arabischen Händler, die beladene Esel und kleine Handwagen hinter sich her zogen, und stieg die Treppen zum Toreingang empor. Oben angekommen drehte er sich um, als ob er untersuchen wolle, ob ihm jemand gefolgt sei oder ob er beobachtet würde. Sein Blick glitt über die abendliche, hell erleuchtete Stadt. Auf der Straße unter ihm hielt ein blau schimmerndes Polizeiauto. Ein junges Paar wurde von einem der beiden Polizisten zur Seite gebeten. Nachdem man in aller Eile ihre Papiere untersucht hatte, wurden sie aufgefordert einzusteigen. Der Polizeiwagen raste daraufhin in Richtung Stadtzentrum. Ein Schuss knallte in der Luft und der Mann am Tor drehte sich um und stierte wachsam hinüber zum Park beim Sultans Pool. Auch hier hielt ein UN-Jeep mit Blaulicht, und man sah, wie ein Mann versuchte zu fliehen. Er wurde doch ergriffen und ins Fahrzeug gezogen, das schnell in Fahrtrichtung verschwand. Ein arabischer Junge ging auf den Fremden im Tor zu. Er hielt ihm seine Hand hin, als erwarte er, etwas zu bekommen. Der große, schlanke, europäisch gekleidete junge Mann stierte abwesend auf den Jungen mit der ausgestreckten Hand und schüttelte den Kopf, doch dann besinnt er sich eines anderen. Es ist, als ob er aus seinen Gedanken aufwache. Er steckte seine Hand in die Tasche und holte eine Münze hervor, die er dem Jungen gab. Dieser bedankte sich und verschwand. Von einer in der Nähe liegenden Steinterrasse aus betrachteten zwei uniformierte Männer schweigend den Fremden. Dieser ging ins Tor, wo er einen Augenblick alleine ist.

Der Straßenlärm ist riesig. Das Jaffator in Jerusalem ist kein ruhiger Ort; unter dem großen Steingewölbe erscheint die gewaltige Geräuschkulisse aus einer anderen Welt zu kommen. Die zwei Uniformierten setzen sich in Bewegung und nähern sich dem Tor. Im Halbdunkel des Gewölbes geht der Fremde schnell hin zu den großen Steinen in der Torwand. Seine Hand gleitet suchend in die Rillen zwischen den riesigen, feuchten Steinen, während er aufmerksam die Toröffnung im Auge behält. Dann hält er plötzlich inne und richtet seinen Blick auf die Steinwand, aus der er vorsichtig einen kleinen, zusammengerollten Zettel hervorholt. Eifrig öffnet er ihn und liest. Auf dem zerknüllten Papier scheint nur ein Satz zu stehen, doch dieser macht offenbar einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann, der schmerzhaft sein Gesicht verzieht. Danach richtet er flehend seinen Blick zum Himmel. Seine Lippen bewegen sich. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als ob er alles um sich herum vergessen hätte…

Im flackernden Licht der Toröffnung sind zwei Gestalten auszumachen, die sich langsam nähern. Ein dunkler Schatten fällt über die Hand des Fremden, der immer noch den kleinen Papierstumpf in seiner Hand hält. Jemand reißt ihm den Zettel aus der Hand. Der junge Mann sieht erschrocken auf. Vor ihm stehen die zwei uniformierten Männer von der Steinterrasse am Jaffator.

„Ihren Pass, bitte!"

Der junge Europäer wühlt in seiner Innentasche. Er zieht einen weinroten Pass heraus und reicht ihn dem einen der beiden Bediensteten. Der andere untersucht währenddessen misstrauisch den Papierstumpf und liest mit einer schlechten englischen Aussprache diesen einen Satz:

„ Gedenke aber der früheren Tage!"

Antoinette

„Herr Jan Apostolou?"

Der in Tarnfarbe gekleidete Polizeioffizier sieht beflissen auf den Fremden und wiederholt den im Pass verzeichneten Namen. „Sind Sie das?"

„Ja."

„Aus Athen?"

„Ja."

„Filmproduzent?"

„Ja."

„Welche Art von Film?"

Der Grieche zögert. Dann sagt er: „Liebesfilm!"

„Antoinette? Wer ist Antoinette?"

Der andere Polizeioffizier hält anklagend den Zettel hoch.

„Antoinette!" antwortet der Grieche, „das ist meine Verlobte. Es ist ein Liebesbrief, " fährt er fort und zeigt auf das zerknüllte Papier. „Sie will mir unsere erste Zeit in Erinnerung rufen. Ihr Englisch ist nicht so gut. Sie ist Französin. Sie drückt sich manchmal etwas eigenartig aus. Aber ich weiß, was sie meint! Wir wollen nämlich einen Film machen, und dieser Satz soll dafür als Vorlage dienen!"

„Die früheren Tage"… liest der Polizeioffizier.

„Ja, es ist eine komische Art, dies so zum Ausdruck zu bringen", lacht der Fremde. „Ich hätte einfach geschrieben: „Vergiss unsere erste Zeit nicht… die schönen Tage auf Patmos!" Er schaut träumend auf. „Das werden Superaufnahmen …"

Die beiden Männer lächeln einander nachsichtig zu.

„Die früheren Tage", sagt der eine Uniformierte mit einem Schalk im Auge. „Ja", antwortet der Grieche und schließt die Augen: „Die früheren Tage!" Er steht stille und hebt langsam seine Arme. „Hier, Ihr Pass!" unterbricht der andere Polizeioffizier, „und Ihr Brief!" Er reicht dem jungen Träumer Pass und Papierfetzen. Danach drehen sich die beiden in Tarnfarbe gekleideten Männer um und schreiten zum Tor hinaus. Die Leute strömen vorbei. Araber, Juden, Touristen und schwarz gekleidete muslimische Frauen. Der junge Grieche nimmt ein Buch aus seiner Tasche. Er sieht sich vorsichtig um und blättert bis zu einer bestimmten Stelle im Buch. „Gedenkt aber der früheren Tage", liest er flüsternd und fährt fort: „in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, viel Leidenskampf erduldet habt!" – „Ich verstehe, Antoinette", ruft er verzweifelt aus. „Halte durch! Ich komme gleich!" Zusammengebissen legt er den zerknüllten Zettel in die offene Seite des Buches. „Einen großen Leidenskampf", flüstert er vor sich hin. „Ich bin schon unterwegs, Antoinette! Mir ist klar, worum es geht!"

Die beiden Bediensteten sind auf ihre Steinterrasse zurückgekehrt. Sie unterhalten sich lachend. Der eine hebt die Arme, träumend, so wie der Grieche im Tor. Dann halten sie inne und schauen zur Toröffnung, aus der der junge Mann hervortritt. In drei Sprüngen ist er unten an der Treppe, die zur erleuchteten Mauer führt. Unterwegs stößt er an einen Handwagen, auf dem ein Araber Brot verkauft. Der Wagen kippt um und das Brot fällt auf die Pflastersteine. Der junge Grieche steht einen Augenblick verwirrt da. Dann läuft er weiter an der Mauer entlang in Richtung Stadt. Die beiden Männer auf der Terrasse folgen ihm mit ihren Blicken. „Gedenke der vergangenen Tage", ruft der eine scherzend. Beide lachen, als Jan Apostolou, der Filmproduzent aus Athen, in der Menge untertaucht…

Jan stürmte durch das Damaskustor Richtung Tempelberg. Er kam am Tempelplatz vorbei, wo er einige Augenblick stehen blieb und die Stätte betrachtete, auf der vorher die blaue Kuppel des Felsendoms den Platz beherrscht hatte. Jetzt erhob sich vor seinen Augen ein enormes, schneeweißes Gebäude: Der dritte, jüdische Tempel! Eine eigenartige Stille lag über dem Platz, auf dem die riesigen, glitzernden Steine ohne lärmendes Werkzeug behauen worden waren. Ergriffen stand Jan vor dem hohen Bronzetor, das zu dem enormen Areal führte, welches nach dem Erdbeben erweitert worden war, sodass es eher aussah wie die Umgebung eines internationalen Regierungspalais. Dann lief er weiter durch die Straßen und Gassen bis er vor einer unansehnlichen Holztür stand, die in einen Innenhof führte. Hier traf er auf einen großen, graubärtigen Mann mit einem langen, weißen Leinengewand.

„Professor Fruchtenbaum!" stöhnte Jan. „Wie gut, dass Sie hier sind. Ich brauche Ihre Hilfe!"

Der Graubärtige beruhigte den jungen Griechen, wies auf einen Verandastuhl, der in dem stilvoll eingerichteten Innenhof stand und sagte: „Setz dich!" Aus einer hohen Glaskaraffe schenkte er ein Glas Wasser ein und reichte es dem atemlosen, jungen Mann. „Trink, und dann erzähl mir, was passiert ist!"

„Antoinette ist in Gefahr!" Jan erhob sich, doch der Professor forderte ihn auf, wieder Platz zu nehmen.

„In Gefahr? Wieso?"

„Das ist schwer zu sagen, doch sie braucht eine ganz bestimmte Auskunft. Sie hat mir diesen Bescheid zukommen lassen." Er reichte dem Professor den zerknüllten Papierfetzen; dieser nahm eine kleine, schmale Brille aus einem zerschlissenen Lederetui und setzte sie vorsichtig auf. Danach faltete er den Zettel auf und las: „Gedenke der vorigen Tage… Antoinette!" Der große Mann in dem langen, weißen Gewand nahm ruhig seine Brille ab und sah einen Augenblick untersuchend auf den unruhigen jungen Mann. Eine tiefe Ruhe lag über dem Innenhof. „Eine ganz bestimmte Auskunft? Was meinst du damit?" Der Professor gab ihm den Papierstumpf zurück, während Jan in seine Innentasche griff, um das in Leder gebundene Buch herauszunehmen. Er blätterte darin herum, bis er den bestimmten Abschnitt fand, wo er die handgeschriebene Mitteilung aufbewahren wollte. „Ja, genau darauf weist Antoinette hin, Herr, Professor." Jack öffnete wieder das Buch mit dem Goldschnitt und las: „Gedenke aber der früheren Tage..." Er sah auf, hob seine Hand und las bedeutungsvoll weiter… „in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, viel Leidenskampf erduldet habt." – „Das heißt", fuhr er eifrig fort, „dass irgendein Wissen erforderlich ist, um im Endkampf bestehen zu können. Als wir einige Tage zusammen auf Patmos verbrachten, sprachen Antoinette und ich viel darüber..."

„Irgendeine Auskunft? Was meinst du damit?" Der Professor beugte sich fragend vor.

„Einen Kode, der geknackt werden muss!"

„Einen Kode?"

„Ja!"

„Wer soll ihn knacken?"

„Sie! Antoinette ist in Gefahr!"

Professor Fruchtenbaum richtete sich langsam auf. Dann spazierte er gemächlich durch den Innenhof. Mit der einen Hand fuhr er sich durch den grauen Bart und blieb schließlich vor Jan stehen. Seine Brille klappte er sorgfältig zusammen, tat sie ins verschlissene Lederetui zurück und legte es dann vorsichtig auf den Tisch.

„Und was für ein Kode ist das?" Die Stimme des weiß gekleideten Mannes war scharf. Jan senkte den Kopf.

„Das Malzeichen!" flüsterte er.

„Welches Malzeichen?"

„Das Malzeichen des Tieres!"

„Das heißt?" fragte er gespannt. Jan zögerte. Das Gesicht des Graubärtigen näherte sich Jans und die Stimme, die die Frage wiederholte, wurde mild: „Das heißt?"

Jan erhob sich und ging zur Tür. Dann drehte er sich um und antwortete mit klarer Stimme: „666!"

Der Professor folgte Jan. „Wo ist Antoinette?"

„In der Wüste!"

„Genauer gesagt?"

„Gut 100 km südlich vom Toten Meer, in der Aravaebene; nur 15 km von der früheren Grenze zu Jordanien, nicht weit vom dem alten Karawanenweg, der von Petra nach Gaza führt. Mehr weiß ich nicht. Doch sie sind hinter ihr her, und sie haben ihre Spur gefunden!"

„Und wenn sie sie erwischen?"

„Dann werden sie sie mit dem Malzeichen ‚testen’! Sie sind sich nämlich darüber im Klaren, dass Millionen EU-Bürger aufgrund ihres Glaubens das Malzeichen verweigern werden, deshalb wollen sie nun an etlichen Personen, die sie seit einiger Zeit im Auge haben, dieses Experiment durchführen."

„Und Antoinette ist eine von ihnen?"

„Ja."

„Und ich," die Stimme des Professors klang skeptisch, „was soll ich tun?"

„Sie sollen den Kode knacken!"

Professor Fruchtenbaum sank auf dem Verandastuhl zusammen. Jan beugte sich über ihn. „Antoinettes Verfolger sind selbst erst im Versuchsstadium", flüsterte er. „Antoinette muss wissen, wie weit sie gehen kann – und wann der Augenblick gekommen ist, in dem sie nein sagen muss. Das ist die Auskunft, die sie benötigt, und um die sie bittet. Wenn sie diese „Erleuchtung" erhält, dann kann sie in der Stunde der Prüfung bestehen. Sie versucht sich so lange wie möglich verborgen zu halten. Doch dies ist nur eine Frage der Zeit. Sie sind ihr auf den Fersen. Kommen wir zu spät, dann ist es aus mit ihr, und auch wir sind alle erledigt. Sie werden das Malzeichen benutzen, um alle EU-Bürger auszusondern, die dem System gefährlich erscheinen – und Antoinette soll nun als Versuchskaninchen benutzt werden, damit sie herausfinden können, wie weit sie gehen können! Sie müssen den Kode brechen, Professor Fruchtenbaum, damit wir ihr und anderen mitteilen können, wie man das böse Spiel mitspielen kann – und dabei überlebt."

Der Professor stand auf. „Gut", sagte er. „Lasst uns in Gang kommen. Ich habe dir etwas zu berichten!" Die beiden Männer gingen zusammen ins Haus, das direkt vom Innenhof zu erreichen war. Draußen vor der Holztür, die zur Straße führte, patrouillierten uniformierte Männer mit Leuchten in der Hand. Sie hielten diese hoch, um die Hauswand zu beleuchten; einer der Offiziere klopfte hart an die Tür…

*

Kolonnen ockergelben Sandes bewegten sich über die Steppe. Wirbelnde Sandsäulen fegten zwischen den Bergen hindurch, die wie ein eigenartiges Feuer am Rand der Wildnis loderten. Irgendwo zwischen den Sandbänken, tauchte eine einsame Gestalt auf, die sich wie ein einsames Boot im aufgewühlten Wüstenozean ihren Weg durch das heulende Unwetter bahnte. Es war eine Frau mit wallendem Gewand. Um sich vor dem aufpeitschenden Sand zu schützen, hatte sie ihr Haupt vollständig verschleiert. Hin und wieder fiel sie hin und blieb eine ganze Weile liegen. Daraus konnte man schließen, dass sie sehr erschöpft sein musste. Als sie an der Zwölfpalmenoase vorbeigekommen war, die nicht weit von den Ruinen des salomonischen Grenzforts entfernt lag, schien sie das runde, weiße Zelt entdeckt zu haben. Es war flach und kuppelförmig, sodass es in dem wilden Wüstensturm aussah, als ob es einer anderen Welt angehöre. Die Zeltöffnungen waren fest verschnürt, doch von der Gewölbemitte stieg ein feiner, gräulicher Streifen Rauch auf, der wie ein flatternder Wimpel im Wind wehte. In dieser merkwürdigen, überirdischen Wohnstätte waren Menschen! Die einsame, flatternde Frauengestalt aus der Wüste kämpfte sich bis zur runden, erleuchtenden Kuppel vor. „Hilfe!" stöhnte sie schwach. „Hilfe! Hilfe!"

Im Zelt hockten mehrere Gestalten um ein Holzkohlenbecken herum, von wo aus ein wärmendes Feuer die Mitte des Zeltes erhellte. Über dem Feuerkessel war eine Stahlhaube mit einem Rohr verbunden, dass den Rauch durch die kleine Öffnung im Zeltdach nach draußen aufsteigen ließ. Teppiche in warmen, roten Farben waren auf der Erde ausgebreitet. Das Zelt war geräumig – über 100 m2 groß – und in verschiedene offene Räume mit Pritschen und kleinen, niedrigen Möbelstücken aufgeteilt.

Eine Frau in Wollkleidung saß am Holzkohlenbecken und rührte in einem schwarzen, offenen Kessel, der über dem Feuer hang. Sie summte leise vor sich hin, während sie das Essen im Topf mit einem großen Holzlöffel umrührte. Um sie herum saß eine Schar Kinder verschiedenen Alters. Ein weißhaariger Mann, ebenfalls in westlicher Wollkleidung, saß im Kerzenlicht über ein paar Büchern gebeugt. Die Kinder spielten und plauderten oder lasen beim Kerzenschein. Obwohl der Sturm heftig gegen die verschnürten Zeltwände schlug, herrschte in dem offenen, warmen Raum eine fast unberührte Stille. Plötzlich erhoben alle ihren Kopf und lauschten. Durch die Zeltwände hindurch konnte man klar eine schwache Stimme vernehmen. „Hilfe! Hilfe!" Der Mann und einige der großen Jungen sprangen auf und liefen zur zugeknöpften Zeltöffnung. Schnell hatten sie die Seile gelöst und verschwanden in der Dunkelheit. Ein Wind- und Sandschauer fegte durchs Zelt, und das Feuer im Holzkohlenbecken flackerte. Die Zelttür öffnete sich wieder; der Mann und die Jungen stützten und halbwegs trugen die mit einer Kapuze eingehüllte Frau ins Zelt. Sie legten sie vorsichtig auf eine Pritsche, und während die Zelttür wieder verschnürt wurde, beugte sich die Frau von der Feuerstelle über die leblose Gestalt auf der Pritsche. Sie öffnete ihren Mantel und rieb ihr den Sand aus den Augen und dem Gesicht. Aus dem Topf über der Feuerstelle nahm sie eine Schale warmer Suppe, die sie der fremden Frau langsam mit einem Löffel einflösste. Durch Kissen im Rücken gestützt machte diese einige mühsame Schluckbewegungen und aß ein klein wenig von der Suppe. Die Kinder und der Mann standen hinter und neben ihr. Sie folgten schweigend und voller Erwartung, wie die Fremde wieder etwas zu Kräften kam. Als sie schließlich die Augen aufschlug und schwach „thank you" flüsterte, waren alle froh. Man hörte, wie sie sich in einer nordischen Sprache unterhielten. Sie entfernten die Kissen im Rücken der Fremden und legten sie fürsorglich nieder. Bevor die Erschöpfte in einen ruhigen Schlaf fiel, beugte sich der weißhaarige Mann über sie und fragte: „Wie heißen Sie?" Die Frau schlug die Augen auf und antwortete flüsternd: „Antoinette." – „Woher kommen Sie?" – „Aus Frankreich… Thank you! Merci, merci. Gott segne Sie!"

Die Familie sammelte sich um das offene Feuer. Draußen ließ der Sturm nach. Hunde bellten in der Nacht. Der Mann öffnete ein großes Buch und las daraus vor. Alle stimmten mit ein bei den Liedern, die in dieser eigenartigen nordischen Sprache gesungen wurden. Der Gesang klang wie ein stilles Gebet. Die Kinder wurden in Decken gehüllt, und die Kerzen ausgeblasen. Nur das Feuer vom Holzkohlenbecken erhellte den Raum. Die Flammen waren still und unbeweglich. Der Sturm hatte sich nun ganz gelegt, und ein sonderbarer, unerklärlicher Friede durchströmte das weiße, flache Zelt.

Draußen zog sich der Mond hinter die dunklen Wolken zurück, die über den Himmel davon segelten. Die Hunde standen auf und knurrten. Von einem nahe gelegenen Hügel wurde ein versandetes Fernglas auf das einsame Zelt in der Ebene gerichtet. Im Hintergrund hörte man Stimmen in deutscher Sprache. Ein paar Wüstenjeeps mit der blauen EU-Fahne waren nur unscharf hinter der gerillten Sandbank zu erkennen. Auf den Fahrzeugtüren sah man ein gemaltes Abzeichen. Seine Form war in der Finsternis schwer auszumachen, doch als eine schwarze Wolke über den Mond hinweg glitt, fiel das Licht darauf: Es war das Eiserne Kreuz. Das deutsche Eiserne Kreuz!

*

Die übrigen Soldaten in der kleinen deutschen EU-Einheit nannten ihn „Kaiser Wilhelm". Nicht, dass sie damit ihre Kenntnisse in deutscher Geschichte kundtaten, doch sie verbanden den kaiserlichen Namen mit Preußen, alten Militärtraditionen aus dem 19. Jahrhundert, Bismarck und „Im Gleichschritt, Marsch!" Keiner erinnerte sich an seinen richtigen Namen, selbst die Offiziere nannten ihn „Kaiser Wilhelm". Es schien den jungen, Ölverschmierten Sergeanten nicht zu stören, der gerade durch das Militärnachtfernglas das kleine weiße Weltallzelt in Augenschein nahm, vor dem ein paar rasende Hunde mit wild flackernden Augen und entblößten Zähnen hin und her liefen und sie anbellten.

„Verdammte Hunde!" brummte Kaiser Wilhelm und zog sich langsam hinter die Sandbank zurück. „Tarnung!" befahl er und fügte hinzu: „Sie ist da drin! Das Mädchen ist im Zelt! Bis aufs weitere verhalten wir uns ruhig hier! Sie ist nur 600 Meter von uns entfernt…"

Die Männer sahen sich vielsagend an, während sie die Fahrzeuge tarnten. „Wiederholen!" Kaiser Wilhelm wandte sich mit beherrschter Ruhe an die müde Einheit.

„600 Meter, Herr Sergeant!"

„Gut", rief Kaiser Wilhelm zufrieden aus. „So soll es sein! Sechs hundert Meter!" Er ließ die Worte auf der Zunge zergehen. Dann wandte er sich wieder an die Einheit und befahl boshaft: „Wiederholen!"

„600 Meter, Herr Sergeant", antworteten seine Männer. Sie sprachen diese Zahl wie im Schlaf aus. Es war deutlich zu erkennen, dass sich diese Szene täglich abspielte. „Und noch einmal!" fuhr Kaiser Wilhelm munter fort. „600 m, Herr Sergeant!" klang es monoton von den Männern, die nun die vier Jeeps unter einem blätterähnlichen, grüngelben Tarnungsnetz versteckt hatten.

„Gut", sagte Kaiser Wilhelm mit einem glücklichen, etwas wahnsinnigen Blick in den Augen. „Sechs hundert Meter! Jetzt ist sie nur noch 600 Meter weit weg. Doch wir warten etwas. Was haben wir nun hier?" Er hielt das Nachtfernglas an die Augen. „Wen haben wir denn hier? Was sind das für Leute, die sie beherbergen? Und das nur 600 Meter von hier entfernt?"

Es war kein Geheimnis, dass Kaiser Wilhelm Zeichen und Zahlen liebte. Abzeichen, Fahnen und Ziffern waren seine Leidenschaft. Er legte sich niemals nieder ohne sich vorher zu vergewissern, dass die blauen EU-Banner mit ihren 18 Sternen von den Fahrzeugen heruntergenommen, zusammengerollt und in ihren beschützenden Behälter angebracht worden waren. Hatte es geregnet, mussten die Fahnen zuerst getrocknet werden. „18 Sterne", belehrte er die Männer; das ist drei Mal die Zahl 6! Eine heilige Zahl! Natürlich werden noch weitere Staaten in unsere globale Gemeinschaft aufgenommen, doch die Anzahl der Sterne kann nur einem eingeweihten Rhythmus folgen." Kaiser Wilhelm nickte entzückt. „Drei mal sechs", nickte er. „Hübsche Zahl!" Wenn er an den Fahrzeugen vorbeiging, ließ er seine Hand manchmal fast zärtlich streichelnd über das militärische Emblem auf der Tür gleiten. „Das Eiserne Kreuz", flüsterte er. „Prachtvolles Symbol! Eisen und Kreuz!"

„Es wurde 1813 als ein preußischer Orden gegründet", pflegte er der phlegmatischen, uninteressierten Einheit zu erklären, und fuhr danach immer weiter fort: „und wurde als die höchste militärische Auszeichnung unter Kaiser Wilhelm verliehen." Er brüstete sich und bekam einen „kaiserlichen" Gesichtsausdruck. „Das Eiserne Kreuz wurde 1870, 1914 und 1939 erneuert und mit Eichenlaub geschmückt, und nun wieder in diesem dritten Jahrtausend. Das Eiserne Kreuz," sagte er gewöhnlich zum Schluss mit bewegter Stimme, „ist mit der lombardischen Eisenkrone verwandt, die aus einem schmalen Eisenring geschmiedet worden ist und man sagt…" jedes Mal, wenn Kaiser Wilhelm an diesen Punkt seines oft wiederholten Vortrags kam, konnte er nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten: „es wird gesagt, dass darin ein Nagel vom Kreuz Christi steckt. Ich habe sie selbst gesehen. Sie wird im Dom zu Monza aufbewahrt…"

Zweifellos war dieser deutsche Sergeant aufgrund seiner oft geäußerten religiösen Haltung von seinen Übergeordneten zu der besonderen Aufgabe auserwählt worden, gewisse Personen aufzuspüren und ihnen nachzujagen, damit diese in der unter der Kodebezeichnung „Registrierung" durchzuführenden Operation getestet werden konnten. Nachdem sich das Imperium über die letzten Jahrzehnte etabliert hatte, war deutlich zu erkennen, dass eine ganz bestimmte Art Bürger potentielle Feinde des Systems verblieben. Sie lebten – und konnten den Wohlstand und die Sicherheit des neuen Systems genießen, standen aber den Gesetzen und Bestimmungen der Konstitution kritisch und unbeugsam gegenüber. Unter ihnen waren auch gesellschaftsfeindliche Elemente; die Regierung in Brüssel hatte beschlossen, sich ihrer zu entledigen. Die Vorgehensweise war einfach! Als ein erster Versuch sollte eine geringe Anzahl dieser beschwerlichen Bürger in Gewahrsam genommen werden, um sie mit der neuen Registrierung vertraut zu machen. Gradweise sollte ihnen das ‚Malzeichen’ – in verschiedenen Formen - angeboten werden. Dort, wo die Versuchspersonen am stärksten Widerstand leisten würden, müsste Druck ausgeübt werden. Auf diese Weise wäre zu ermessen, mit welcher Stärke die globale Registrierung verwirklicht werden könnte. „Das Malzeichen" wäre damit die wirkungsvollste Methode, durch die alle unerwünschten Bürger entlarvt werden könnten, da diese sich nämlich weigern werden, das ‚Malzeichen’ anzunehmen – und dadurch schnappt die Falle zu. Auf diese Weise könnten die Verhaftungen zielgerecht vorgenommen werden!

Kaiser Wilhelm war ein guter, pflichttreuer, christlicher Soldat, den der Stab den „Jägern" zugeteilt hatte. Es wurde von ihm erwartet, dass er mit dem erforderlichem Takt- und religiösem Feingefühl Ordnung schaffte, so wie es seine Aufgabe verlangte. Er sollte nicht das Wild „erledigen", sondern nur aufspüren und erste Nachforschungen anstellen. Für den weiteren Verlauf hatte man andere Leute. „Wir sind für die angenehme Arbeit ausersehen", erklärte Kaiser Wilhelm seinen Männern. „Deshalb warten wir bis die Sonne aufgeht. Wir wecken nicht Leute mitten in der Nacht. Wir sind höflich und zurückhaltend – und halten einen 600 Meter langen Abstand." Die halbschläfrigen Männer wechselten Blicke. „Wiederholen!" befahl der Kaiser gähnend. „600 Meter, Herr Sergeant", antwortete die Schar mit einer ebenso einschläfernden Stimme. „Noch einmal!" flüsterte der Kaiser halb schlafend. „600 Meter, Herr Sergeant"…