DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 57

Die Vorbereitungen für das Abschiedsessen auf dem Schloss waren in vollem Gange…

Alle Fenster waren hell erleuchtet, und die hohe Flügeltür zur Palasthalle stand weit offen. Eine italienische Dreimannkapelle unterhielt die Gäste, und die Musik, das Klirren von Porzellan und das Gelächter drangen in den Schlossgarten. Es lag eine derartige abenteuerliche Stimmung über dem Palazzo Ducale in Urbino, dass sich niemand gewundert hätte, wenn der Graf Federico da Montefeltro höchstpersönlich erschienen wäre…

Auf der Veranda spazierten Ibrahim Nasser und John Williams auf und ab. Ein wenig überraschend zu sehen, wie diese Beiden vertraulich miteinander sprachen, doch die Abschiedsstunde schien einen versöhnlichen Hauch über die nun abgeschlossen Gerichtsverhandlung geworfen zu haben. Der Ägypter hatte sich damit abgefunden, dass die Schlacht – was ihn anbelangte – verloren war: John Williams und seine Frau würden bald auf dem Weg nach Jerusalem sein, wo sie zweifelsohne eine mildere Behandlung erfahren dürften als in Babylon. Am letzten Abend in Urbino hatte der Däne versucht, in Erfahrung zu bringen, welches Geheimnis sich hinter dem schwarz gekleideten Soziologieprofessor verbarg, der sich mit einer solch starken, merkwürdigen, ja, irgendwie fremden Energie darum bemüht war, ihn und seine Frau in Obhut zu nehmen. Die freundschaftliche Atmosphäre, die während des Abschiedsessens über der bunt zusammen gewürfelten Gesellschaft herrschte, war auch im Gespräch auf der Veranda zu vernehmen; Freunde und Feinde sprachen abschließend miteinander.

„Nur ein historischer Rückblick kann widerspiegeln, was in Zukunft geschehen wird", erklärte Ibrahim Nasser. „Jeder, der den Ursprung des Islams betrachtet, muss erkennen, dass ein einziger Mensch, nämlich der Prophet Mohammed, imstande gewesen ist, eine ganz neue Zivilisation ins Leben zu rufen… um ihr danach nachdrücklich seinen Stempel aufzudrücken!"

„Das stimmt!" sagte John Williams. „Wirklich verblüffend!"

„… und etwas Derartiges muss sich wiederholen", fuhr der ägyptische Professor fort. „Die westliche Zivilisation ist von ihrem Ursprung her verwirrt; sie wird auf die gleiche Weise zu Ende gehen; alles steuert nun aufs Chaos zu! Meiner Meinung nach kann nur noch einem Modell gefolgt werden: ‚Der Ordnung des Propheten, in der der kommende Herrscher ein ‚Kalif’ ist … das heißt ein religiöser und politischer Führer zugleich. Lassen Sie sich das gesagt sein: Er kommt, und wird Babylon zu seiner Hauptstadt erklären!"

„… das hört sich aber Unheil verkündend an", rief John Williams aus. „In meinem Buch steht geschrieben, dass ‚Babylon eine Wohnstatt für Dämonen sein wird’. Die Gläubigen werden aufgefordert ‚diese zu verlassen, damit sie nicht Anteil an ihren Plagen haben. Und zwar wird das Gericht in einer einzigen Stunde über sie kommen’, heißt es."

Der Ägypter schüttelte den Kopf. „Unsinn", rief er aus. „Als die islamische Offenbarung im Jahr 610 nach Christus"… Der Professor räusperte sich. „Ich meine, natürlich 610 nach unserer Zeitrechnung’, da war die arabische Halbinsel durch Stammeszwiste so verfinstert, dass die zahlreichen, ansässigen Beduinenfamilien Götter aus Holz und Stein anbeteten. Der Prophet machte diesem allen ein Ende! Islam bedeutet ‚Hingabe’ und lehrt, dass Allah einer ist! Auf dem ganzen Erdkreis wird sich nun eine solch geballte Kraft ausbreiten, und Babylon wird dabei zur Welthauptstadt erhoben werden!"

„… wirklich keine gute Botschaft!" antwortete John Williams. „Mein Buch besagt, dass ‚alle Völker von der Zauberei Babylons verführt werden’. ‚In dieser Stadt’, erklärt der Apostel, ‚fließt das Blut der Propheten und der Heiligen und all derjenigen, die auf der Erde ermordet werden.’ Ich danke Gott dafür, dass es Ihnen nicht gelungen ist, uns dorthin zu verfrachten…"

Ibrahim Nasser lächelte, und die beiden Männer machten sich auf den Weg zum Abschiedsessen.

*

Die alten Silberleuchter waren hervorgeholt worden; die Kerzen brannten an diesem lauwarmen, windstillen Sommerabend ruhig vor sich hin. Draußen erstrahlten die Lichter am nächtlichen Firmament und drinnen funkelten in den Augen der Tischgäste die durch den Schein der Kerzen hervorgerufenen Sternenbilder. Jytte Larsen erhob sich, um dieser ungewöhnlichen Gesellschaft einen angenehmen Abend zu wünschen. Sie sah kaum wie die Polizeipräsidentin aus Kopenhagen aus. Das lange, pechschwarze, eng anliegende Kleid (das so aussah, als stamme es aus einem der Modesalons von Rom und habe ein Vermögen gekostet, das aber in Wirklichkeit am Tag zuvor für wenig Geld auf dem Bazar der Stadt erstanden worden war) machte sie zur idealen Gastgeberin des Abends; ihr strahlendes Lächeln und ihre glitzernde Halskette passten perfekt zur schwarzen Seide. Als sie im Scherz den Abend damit einleitete, den Anwesenden einen Gruß ‚vom alten Mafiagrafen auszurichten und ihnen zu sagen, dass ‚er sich in ihrer Gesellschaft ganz wohl fühle’, brachen alle in lautes Gelächter aus.

Deshalb erschien es sehr unpassend, als sich der schwarze Kardinal nach diesem munteren Willkommensgruß erhob, um eine Rede zu halten. Irgendwie schienen weitere ‚Bekanntmachungen’ fehl am Platze. Im Hintergrund standen die Kellner mit warmen Gerichten servierbereit. Als der Kardinal mit einem kleinen Silberlöffel an ein Kristallglas schlug, seine Serviette zusammenfaltete und sich neben seinen Stuhl stellte, als stünde er am Hochaltar, schienen die Kerzen nur noch auf Sparflamme zu brennen.

Aus den Gerichtsverhandlungen der vergangenen Tage war deutlich hervorgegangen, dass der Kardinal hinter der Ausfertigung der falschen ‚blutigen Notiz’ gestanden hatte. Er war es gewesen, der die Worte verfasst hatte: „Nehmen Sie sich in Acht vor dem Wüstenvolk. Verfolgen Sie sie, vernichten Sie sie!" Richter Goldstein aus Jerusalem hatte den Erweis erbracht, dass das Blut des Kardinals auf dem verfälschten Zettel nachgewiesen werden konnte, und der Kardinal hatte sein Verbrechen zugegeben. Ja, seine stundenlangen Gebete in der Schlosskapelle hatten den Eindruck hinterlassen, dass er seine böse Tat nicht nur zugab, sondern auch bereute…was gab es denn da noch mehr zu sagen? Warum sollte der Kardinal nun einen Schatten auf diesen festlichen Abschiedsabend werfen? Konnte er sich nicht einfach hinsetzen und seinen Mund halten?

Aber nein! Trotz der unfreundlichen Stimmung an den Tischen und dem deutlichen Unwillen, der sich auf allen Gesichtern abzeichnete, blieb der Kardinal wie auf einer Kanzel stehen. Mit den dampfenden Schüsseln in der Hand traten die Kellner von einem Bein aufs andere; der Zeitpunkt hätte kaum ungünstiger sein können! Der Kardinal putzte sich die Nase, räusperte sich und schien Mühe zu haben, in Gang zu kommen. Als er aber zu sprechen anfing, erhob einer der besonders geladenen Gäste, Werner Sommerfeld Magnusson, den Kopf. Er nahm einen dicken Bleistift mit fetter Schrift aus seinem Sakko und machte sich einige Notizen. Es schien, als habe er nun die Geschichte, auf die die Kopenhagener Tageszeitungen warteten…

Die ersten Worte des Kardinals weckten die Aufmerksamkeit aller Gäste! Das zubereitete Essen wurde schnell in die Küche zurückgebracht. Die unfreundliche Stimmung verschwand. Jytte Larsen folgte mit größter Anteilnahme, und wartete gespannt, was der Kardinal alles zu sagen hatte. John Williams beugte bewegt den Kopf. Anna Davids konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Richter Goldsteins blinde Augen leuchteten verklärt. Professor Fruchtenbaum lächelte und nickte bestätigend. Ibrahim Nasser fiel die Kinnlade herunter…

„Etwas geschah, als ich mich in der Gondel des Riesenrads in Genf über den sterbenden Präsidenten beugte", begann der Kardinal. „Etwas, was ich niemandem bisher erzählt habe, aber worüber ich Ihnen heute Abend berichten möchte…"

(Bei diesen einleitenden Worten begann Werner Magnusson sich Notizen zu machen; die Worte des Kardinal: ‚was ich niemandem bislang erzählt habe, ließ ihn erahnen, dass er hier etwas zu hören bekam, über das später noch viel gesprochen werden würde).

„Sie alle wissen, was an jenem Sommerabend in Genf geschah. Der Präsident und ich gingen zusammen am See spazieren. Dabei kamen wir an einem Kirmesplatz vorbei. Ich lud den Präsidenten zu einer Fahrt im Riesenrad ein, um mit ihm den herrlichen Ausblick auf die Stadt zu genießen. Mein Vorschlag schien den Präsidenten zu überraschen; er willigte jedoch gleich ein. Bald darauf schaukelten wir in einer Gondel zwischen Himmel und Erde. Aus der Gegend, in der Napoleons Frau Josephine ihre Villa hatte, ertönten plötzlich zwei Schüsse. Durch den ersten Schuss wurde ich leicht verletzt, doch Mr. Clark wurde durch den zweiten tödlich verwundet."

Der Kardinal hielt einen Augenblick inne. Es war, als ob er mit dem, was er jetzt zu sagen hatte, über eine Hürde springen musste. Was er bisher erzählt hatte, war allen bekannt. Was hatte er Neues zu berichten?

„Als ich mich über den Präsidenten beugte, der aus der Schusswunde in der Herzgegend blutete, wandte er sich mit einigen Sätzen an mich, die ich bisher mit niemandem geteilt habe."

Das Schweigen an den Tischen war bedrückend. Eine leichte Brise wehte durch die offene Verandatür. Die Kerzen des Silberleuchters flackerten.

„Die ersten Worte des Präsidenten waren an mich persönlich gerichtet", fuhr der Kardinal fort. „Er sagte… (und es war nur unter Aufwendung seiner ganzen Kraft, dass der sterbende Mr. Clark noch sprechen konnte) dass er wisse …" (hier unterbrach der Kardinal sich selbst und kämpfte einen Augenblick lang damit, das zu sagen, was dem Präsidenten bekannt war) – „…er wisse, dass ich derjenige gewesen sei, der diesen tödlichen Schuss geplant hatte!"

Am Tisch entstand ein unruhiges Murmeln. Werner Magnusson machte sich Notizen. Jytte Larsen beugte sich nach vorn und rief: „Würden Sie bitte Ihre Worte noch einmal wiederholen?"

Der Kardinal wiederholte: „Der sterbende Präsident flüsterte mir zu, dass er wisse, dass ich es gewesen sei, der hinter dem tödlichen Schuss gestanden hätte!"

„… und seine Erkenntnis entspricht der Wahrheit?"

„Ja, ich habe einen Mörder angeheuert, um Präsident Pierre Henri Clark erschießen zu lassen!"

Jytte Larsen wandte sich an einen ihrer Leute und gab den Befehl, weitere Polizisten hereinzurufen. Sie hatte offenbar die Absicht, den schwarzen Kardinal auf der Stelle zu verhaften. Bis dahin hatte sie den Mann in dem schwarzen Talar als ‚ziemlich harmlos’ eingestuft, doch was sie hier zu hören bekam, ergab ein ganz anderes Bild von diesem katholischen Prälaten.

„Lassen Sie mich bitte erst ausreden", bat der Kardinal. Magnusson gab Jytte Larsen ein Zeichen, dass sie ihm dies unbedingt erlauben solle…

„Der Präsident sagte einiges, was ich nie jemandem gesagt habe", fuhr Jürg Ratgeber fort. „Lassen Sie mich bitte zu Ende reden!"

Jytte Larsen gab einigen dänischen Beamten, die hereingekommen waren, zu verstehen, dass sie sich ruhig verhalten sollten.

„Der Sterbende sagte mir", fuhr der Kardinal fort, „dass er Gottes Gegenwart erlebt habe, als er mit dem Fallschirm über der saudiarabischen Wüste abgeworfen worden sei. Er sagte, während bei jedem Pulsschlag Blut aus seiner Wunde strömte, dass er Frieden mit Gott gefunden habe. ‚Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!’ hatte er geflüstert.’"

Wieder hielt der Kardinal inne. Dann ließ er seinen Blick über die Anwesenden gleiten. „Ein größeres Wissen als dieses kann kein Mensch jemals erlangen", kommentierte er ruhig.

Der Kardinal wollte weiterreden, doch ehe er seinen Bericht beenden konnte, fuhr ein plötzlicher Windstoß durch die Schlosshalle. Mehrere Kerzen wurden ausgeblasen. Die Diener schlossen in aller Eile die offenen Verandatüren. Die Gesichter waren nur noch schwach erleuchtet. Eine eigenartige Dunkelheit breitete sich über dem ganzen Raum aus.

„Der Präsident sprach auch über die Zukunft!" Die Stimme des Kardinals klang gedämpft. „’Es werden Stürme über die Welt hereinbrechen’, erklärte er. ‚Kriege und Erdbeben, Überschwemmungen und Hunger… und ein niederträchtiger Mensch wird auf der Weltbühne erscheinen!"

Bei diesen Worten rüttelte der Wind an der rechten Verandatür. Der laue Sommerabend war vorbei. Regenschauer klatschten an die Schlossfenster. Jürg Ratgeber fuhr fort:

„’Auf dem großen Gipfeltreffen warnte ich vor zwei Dingen!’ waren die letzten Worte des Präsidenten. (Ich musste mein Ohr an seine Lippen halten, um ihn zu verstehen …). ‚Ich warne vor einer Militäraggression gegenüber Israel’ flüsterte der Sterbenden kaum hörbar und fuhr fort, ‚und ich warne vor dem Paragraphen in unserer Verfassung, der Homosexualität fördert; denn er wird Vernichtung bringen…!’

Magnusson schüttelte energisch den Kopf. Ein spöttisches Lächeln umspielte seinen Mund.

„Danach sagte der Präsident nichts mehr", schloss der Kardinal. Er ließ mich verstehen, dass er etwas aufschreiben wolle. Ich gab ihm ein Stück Papier und einen Kugelschreiber. Mit blutiger Hand schrieb er: „Geben Sie Acht auf das Wüstenvolk. Unterstützen Sie es und helfen Sie ihm!"

Die letzten Kerzen gingen aus. Das Licht in der Halle wurde angeschaltet. Zwei Polizisten traten zum Kardinal und baten ihn mitzukommen. Das helle Licht veranlasste alle um den Tisch herum Versammelten sich die Hand vor die Augen zu halten. Die kleine italienische Band begann wieder zu spielen, und die Kellner trugen die warmen Speisen herein. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ der schwarze Kardinal mit seinen Wächtern den Speisesaal. Draußen in der Regennacht schien es, als ob sich ein riesiges Schwungrad aus Sternen gebildet hatte, das sich über den Himmel entlang fortbewegte. Ganz oben schaukelte eine Gondel hin und her, bis sie schließlich von dem immer stärker werdenden Wind erfasst wurde und wie eine Sternschnuppe über den nächtlichen Himmel sauste…

Kurz nachdem der Kardinal den Raum verlassen hatte, erhob sich Anna Davids. Sie gab Jeff ein Zeichen, dass er ihr nicht folgen solle. Draußen hörte man das Klappern von hohen Absätzen auf dem Marmorfußboden. Allen war klar, dass sie noch etwas mit dem verhafteten Kardinal zu besprechen hatte.

Sie holte die Polizisten und ihren im Priestergewand gekleideten Häftling an der Treppe zum finsteren Gefängniskeller ein. Jürg Ratgeber wurde in die gleiche Zelle gesperrt, aus der Maurice Cabet am Tag zuvor entflohen war. Aus diesem Grund blieben beide Polizisten vor Ort.

Anna Davids ging zum Gitter. „Es tut mir leid!" flüsterte sie.

Der Kardinal betrachtete sie mit mildem Blick. Sein Gesichtsausdruck hatte sich geändert; er war lichter geworden. „Ich bekomme ja nur das, was ich auch verdient habe", antwortete er. „Nun kann ich das Gleiche sagen, wie der Mann, der in Genf in die Ewigkeit eingetreten ist."

„Und was ist das?" Anna Davids streckte ihre Hand durch das Gitter und legte sie zaghaft auf den Arm des alten Mannes.

„Ich habe Frieden mit Gott gefunden!" flüsterte der Kardinal.

„… und in Bezug auf das Wüstenvolk, so wird jede Waffe, die gegen dieses Volk geschmiedet wird, zerschlagen und in den Abgrund gestürzt werden! Sehen Sie nur mich an! Oder Adolf Engels! Sehen Sie Ibrahim Nasser an! Oder John Edwards und Bischof Valentin! Sehen Sie nur das System, das sich nun erhebt, um gegen diese kleine Schar anzugehen! Achten Sie zukünftig auf den ‚niederträchtigen Fürsten’, den Clark erwähnte. Ihm und allen seinen Handlangern wird es ebenso ergehen. Sie enden in den gleichen Gefängnislöchern und werden von den gleichen Totschlägern ermordet."

Anna Davids hob ihre zarte, weiße Hand und legte sie ihm vorsichtig auf die Lippen. „Sie brauchen mir nicht mehr zu sagen", lächelte sie. „Auch ich glaube, dass die Gerechtigkeit siegen wird!"

Als Anna Davids in die Schlosshalle zurückkehrte, war die dunkle Stimmung verflogen. Es waren lebhafte Gespräche im Gange. Das ungewöhnliche Geschehen hinsichtlich des Kardinals und seiner plötzlichen Verhaftung stand wie ein notwendiger Schlusspunkt hinter den Gerichtsverhandlungen der vergangenen Woche. Dieser dramatische Abschluss der auf dem gräflichen Schloss getroffenen Entscheidungen war unvermeidlich, sollte der Gerechtigkeit volle Genüge getan werden.

Nur der blinde Richter schien zu bemerken, dass die blonde, blauäugige BBC-Chefin zurückgekehrt war. Als ob er mit eigenen Augen gesehen hätte, wie sie sich neben Jeff Straw gesetzt hatte, erhob er sich und ging ohne Schwierigkeiten auf ihren Platz zu.

„Haben Sie sich vom Kardinal verabschiedet?" fragte er ruhig.

„Ja!" antwortete Anna überrascht; sie hatte nicht damit gerechnet, dass Richter Goldstein sich an sie wenden würde.

„Sie hatten früher viel mit ihm zu tun, nicht wahr?"

Anna blieb ihm die Antwort schuldig. Es war in der Tat ein überraschender Abend. Der Blick des Richters schien sie zu durchbohren. Sie hatte den Eindruck, dass wer weiß was noch geschehen konnte. „Ja", antwortete sie schließlich.

„Es waren keine guten Beziehungen?"

„Nein!"

„Bleiben Sie mit mir in Verbindung, Ms. Davids. Vielleicht kann ich Ihnen helfen – und ihm!"

„Danke!" rief Jeff aus und griff die Hand des Richters.

„In Ordnung, Jeff", sagte Goldstein. „Ich muss zu Professor Fruchtenbaum zurück. Wir haben wichtiges miteinander zu besprechen …"

„Mir scheint, dass Sie beide immer wichtiges miteinander zu besprechen haben!" Anna Davids lachte, während sie die Hand des blinden Mannes ergriff. „Worüber unterhalten Sie sich denn eigentlich?"

„Das einzige Thema, über das es sich zu sprechen lohnt!"

„Das einzige… was ist das?"

„Messias!"

„Messias?" wunderten sich Jeff und Anna. „Und können Sie sich einig werden?"

„Kaum." Der Richter wandte sich an Ibrahim Nasser. „Ich würde gerne den ägyptischen Professor zu unserem Gespräch einladen."

„Gerne", rief Ibrahim Nasser aus. „Ich bin auf der Suche nach dem ‚wahren Imam’!"

„Gut! Schließen Sie sich uns an! Sie sollen mir auf eine Frage antworten! Eine Sache, die nur Professoren ergründen können…"

Kurz darauf saßen die drei Männer im tiefsinnigen Gespräch. Die Kellner, die Getränke servieren wollten, wurden mit einem ‚Nein, danke’ weitergeschickt. Gäste, die sich ins Gespräch einmischen wollten, wurden ignoriert. Die Musik spielte, doch was die drei Männer in der Sofaecke betraf, spielte sie vor tauben Ohren. Jedes Mal, wenn der Sturm die Jalousien zum Klappern brachte, redeten sie lauter, sobald es wieder stiller wurde, sprachen sie leiser.

„Was nimmt sie denn so sehr gefangen?" fragte die strahlende Gastgebern, Jytte Larsen.

„Schwer zu sagen", antwortete Adolf Engels. „Als ich eben vorbeiging, sprachen sie über irgendeine Feindschaft, die zwischen der Frau und der Schlange herrschen soll!"

„Zwischen ‚der Frau und der Schlange’?" Die Polizeipräsidentin in dem hübschen, schwarzen Kleid lächelte nachsichtig. „Was sagten sie über ‚die Frau und die Schlange?"

„Sie sagten", sprach Adolf Engels entschuldigend, „dass ihre Nachkommen den Kopf der Schlange zermalmen werden, aber dass die Schlange ihre Nachkommen in die Ferse stechen wird!"

„Schenken Sie ihnen ein paar Drinks ein!"

„Das hilft nicht!"

„Können sie sich denn einig werden?"

„Heute Abend wohl nicht mehr", lachte Engels. Dann wurde er plötzlich ernst. „Aber ich würde zu gerne wissen, was das zu bedeuten hat?" Auf einmal klang seine Stimme beunruhigt. „Ich meine, das mit ‚dem zermalmten Schlangenkopf’ und ‚in die Ferse stechen’?"

Vorsichtig öffnete er die Verandatür. Der Sturm hatte sich gelegt, aber es regnete noch leicht. Der Sicherheitschef ging an die frische Luft. Langsam spazierte er den Schlosspfad hinunter. Er kam an dem Regenmesser vorbei, dessen flacher Marmorkübel überlief. Von einer nahe gelegenen Bank erhob sich eine finstere Gestalt. Ihr schwarzer Fledermausumhang näherte sich ihm von hinten.

„Ich habe deine Frage gehört!" sagte der Fremde.

Engels wollte sich umdrehen, konnte aber nicht; er war wie gelähmt.

„Welche Frage?"

„Die Frage in Bezug auf ‚die Nachkommen der Frau, die der Schlange den Kopf zermalmen sollen!"

„Ja, und, kannst du die Frage beantworten?"

„Ja, aber nicht heute Abend. Später!"

„Warum später?" Engels wollte sich wieder umdrehen…

„Weil wir als erste die Gelegenheit wahrnehmen wollen, unsere Feinde in die Ferse zu stechen!"

Unsere Feinde?"

„Ja, unsere Feinde!" Engels spürte wie ihm eine eiskalte Hand auf die Schulter gelegt wurde. „Die Nachkommen der Frau! Wir werden diesen scheußlichen Nachkommen einen tödlichen Schlag versetzen!"

„Weshalb?" Adolf Engels schien langsam ein Licht aufzugehen. Seine Stimme klang interessiert.

„Bald! Wir treffen uns in Jerusalem wieder! Dort werde ich dir weitere Anweisungen erteilen. Bist du zu einem tödlichen Schlag bereit?" Der Fremde nahm seine Hand von Engels Schulter. Er wusch sie hastig im Wasserkübel und spazierte danach den finsteren Pfad hinunter. Das Rauschen der schwarzen Pappeln war deutlich zu hören…

Der Sicherheitschef stand einen Augenblick nachdenklich da und lauschte dem finsteren Geräusch der hohen Bäume. „Ein tödlicher Schlag!" murmelte er. Dann wandte er sich um und ging ins Schloss zurück. Als er zum Wasserkübel kam, sah er, dass die Wasseroberfläche seltsam schimmerte. Er ging berührte vorsichtig das Wasser. Dann wich er entsetzt zurück. Das Wasser war zu Eis geworden…