DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 55

In der Stadt Urbino, die Machiavelli in seinem berühmten Werk ‚Der Fürst’ (in dem gewissen Experten zufolge die Prinzipien des kommenden Antichristen beschrieben werden) als ‚Hauptsitz der Revolutionäre’ bezeichnete, hatte Graf Frederico de Montefeltro einen Raum mit der Bezeichnung ‚Die Kapelle der Vergebung’ auf seinem Schloss eingerichtet. Offensichtlich hatte er selbst einen solchen Ort nötig. Abgesehen von dem vielen Blut, das er auf den Schlachtfeldern vergossen hatte, scheint es sicher zu sein, dass er seinen Halbbruder ermordet hat.

Nach der Gerichtsverhandlung hielt sich der schwarze Kardinal stundenlang in diesem Raum auf; man konnte ihn Gebete auf Latein sprechen hören; selbst des Nachts war seine eintönige Stimme von der Kapelle her zu hören. Während der langen Verhandlungen im Studierzimmer des Grafen war er bleich und schweigsam. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten, die aufgrund des guten Wetters im Garten, direkt vor der Schlossküche stattfanden, saß er allein und in sich gekehrt. Er stellte kaum Fragen und zog sich gleich nach dem Essen in sein Zimmer oder in die ‚Kapelle der Vergebung’ zurück, in der ihn Adolf Engels eines Morgens betend und schluchzend auf dem Boden ausgestreckt gefunden hatte. Am dritten Verhandlungstag bekam er gegen Abend Besuch von Jeff Straw und seiner jungen, blonden Begleiterin, der BBC-Chefin Anna Davids, die nach dem Schussdrama auf der Piazza aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Den rechten Arm noch in einer Schlinge und bleich im Gesicht, umspielte ein leichtes Lächeln ihre Lippen. An dem Abend saßen das Paar und der Kardinal lange zusammen auf einer Bank im Schlosspark zusammen. Man konnte hören, wie sie sich gedämpft unterhielten und sehen, wie sie aufstanden und auf und ab spazierten, da das Licht der Laternen und der Schlosszimmer die Umgebung erhellten. Adolf Engels, der immer mehr zu wissen schien als alle anderen, behauptete, er hätte den Kardinal wieder weinen hören. Während sich das Paar vom Kardinal verabschiedete, beobachtete der Sicherheitschef aus Jerusalem die drei Personen mit seinem Fernrohr. Ein Taxi wartete außerhalb des Schlosses. Er sah, wie sich der Kardinal herzlich von Jeff Straw verabschiedete und Anna zum Abschied umarmte. Wie eine Tochter gab sie ihm dabei einen Kuss auf die Wange! Danach ging der Mann im langen, schwarzen Priestergewand schweren Schrittes ins Schloss zurück, wo er am Schlosstor ‚zufällig’ auf Adolf Engels traf.

„Ein lauer Abend!" bemerkte der Sicherheitschef.

Der Kardinal nickte stumm und wollte an ihm vorübergehen.

„Wollen Sie wieder in die Kapelle der Vergebung?" Adolf Engels Stimme klang ironisch.

„Ja", antwortete der Kardinal. Das Licht der Torlampe fiel auf sein bleiches Gesicht. Der Wind fuhr durch die Pappeln der Schlossallee. Der Prälat stand still und betrachtete Engels. Eine schwere Traurigkeit lag in seinem Blick. „Ja, ich bin auf dem Weg zur Kapelle der Vergebung!"

„Wofür bitten Sie denn um Vergebung?" Seine Stimme klang immer noch bitter und spottend.

„Ich bete ‚das davidsche Gebet’."

„Das davidsche Gebet?"

„Ja, das Gebet, das David sprach, als sein Mord an Batsebas Mann, Uriah, aufgedeckt wurde."

„Wie lautet dies?" Engels höhnisches Lächeln war deutlich im Schein der Torlampe zu erkennen. Der Kardinal nahm ein kleines Gebetsbuch aus seinem schwarzen Gewand.

„Soll ich es Ihnen vorlesen?"

„Gerne, es könnte ja sein, dass ich es auch einmal brauche. Engels lachte verhalten.

„Ja, es ist gut möglich, dass Sie es auch einmal brauchen", wiederholte der Kardinal. Danach las er: „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Gnade; tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit!"

Der Kardinal sah auf und betrachtete Engels, der mit gebeugtem Kopf zuhörte. Ein Säuseln ging wieder durch die Pappeln in der Schlossallee. Der Kardinal fuhr fort: „Wasche mich völlig von meiner Schuld, und reinige mich von meiner Sünde… Wasche mich und ich werde weißer sein als Schnee! Erschaffe mir ein reines Herz, o Gott!"

Engels erhob den Kopf. „Glauben Sie wirklich daran? Glauben Sie, dass ein alter Verbrecher wie … wie Sie ‚von seiner Sünde rein gewaschen werden kann’?"

„Ja, das glaube ich", rief der Kardinal mit neuer Freude in der Stimme aus. „Ich glaube, dass ich weißer als Schnee werden kann!" Jürg Ratgebers Stimme war fest. Er richtete sich auf. Ein verklärter Glanz erschien auf seinem Gesicht. Als ob er etwas entdeckt hatte, dass er nie zuvor gesehen oder gekannt hatte. Seine laute Stimme hallte im Torbogen wider: „Einen zerbrochenen Geist und ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten!"

Der Kardinal schloss das Buch mit dem Goldschnitt. „Kommen Sie", sagte er plötzlich, wie von einer spontanen Idee ergriffen. „Kommen Sie, wir wollen gemeinsam in die Kapelle der Vergebung gehen!"

Adolf Engels stand einen Augenblick überrascht da und starrte in das Gesicht des Kardinals. Eine Sekunde lang dachte er über die eigenartige, mitternächtliche Einladung nach. Dann brach er in Gelächter aus.

„Nein, mein lieber Freund! Sie können die Kapelle für sich behalten! Glauben Sie wirklich, dass ich mich lang ausgestreckt und weinend auf den Boden werfen soll wie Sie? Nein, Herr Kardinal, ich bleibe stehen! Es wird mich niemand in die Knie zwingen können. Nein, nichts wird mich dazu bringen können, mein Knie zu beugen…"

Mit diesen Worten ging er zum Tor hinaus und verschwand in der Finsternis, in der wieder das Rauschen der schwarzen Pappeln zu hören war …

*

In den frühen Morgenstunden glich der Schlosspark einem blauen Wald. Ibrahim Nasser ging zwischen den dunklen Bäumen spazieren. Nur die Krähen waren wach – so schien es jedenfalls – und flogen wie schwarze Schatten am Himmel. Sie flogen schwer mit den Flügeln schlagend, kreisten umher, ohne sich auf dem offenen Feld außerhalb der Schlossmauern niederzulassen.

Ein gequälter Ausdruck lag auf dem Gesicht des Ägypters, das sich zwischen Licht und Schatten bewegte. Er war zu einem Entschluss gekommen. In den letzten Tagen hatte er in den Augen aller abgelesen, dass seine Schlacht verloren war. Es würde ihm nicht gelingen, John und Virginia Williams mit nach Babylon zu nehmen; ‚der Jude’ hatte den Sieg errungen! Er würde sie mit nach Jerusalem nehmen…

Aber was sollte das schon heißen? Deshalb ging die Welt ja noch lange nicht unter. ‚Der wahre Imam’ ist unterwegs", murmelte der einsame Morgenwanderer. „Wenn er das Szepter ergreift, wird all dieser Wirrwarr sowieso ein Ende haben. Dann wird eine neue Zeit für die Menschheit anbrechen."

…"Sie kennen das Wort ‚Tauhid’ nicht", flüsterte Ibrahim. Ganz seiner Gewohnheit entsprechend, führte er in den frühen Morgenstunden Selbstgespräche. Hierbei konnte er wenigstens nicht gestört werden. Wenn er dabei ‚die anderen’ erwähnte, war es jedes Mal mit einer gewissen Bitterkeit. Er meinte die Ungläubigen. Manchmal die Juden, andere Male die Christen. Wenn er nun verbissen über diejenigen sprach, die das Wort ‚Tauhid’ nicht kannten, dann meinte er damit alle Nicht-Muslime! „Sie wissen nichts von der Einheit Gottes", murmelte er.

Auf solchen einsamen Morgenwanderungen – kurz vor Sonnenaufgang – traf Ibrahim Nasser seine Entscheidungen, indem er mit gedämpfter Stimme den Bäumen, Steinen und Büschen einen Vortrag hielt.

„’Tauhid’ bedeutet", erklärte er einer alten Eiche im Schlosspark, „dass unser ganzes Leben von der Einheit Gottes geprägt sein soll! Deshalb kann man Politik und Religion auch nicht voneinander trennen …"

Er ließ die ersten Sonnenstrahlen auf sein Gesicht fallen. „Wenn der wahre Imam kommt, wird er die geistliche und politische Macht in sich vereinen", fuhr er fort, „und die gegenwärtigen, unhaltbaren Zustände, in denen Muslime noch einen Kompromiss mit den Ungläubigen eingehen müssen, werden dann vorbei sein!"

Er spazierte langsam zum Schloss zurück. „Aber im Augenblick", murmelte er, „ist nichts anderes zu machen als nachzugeben. Deshalb: Auf Wiedersehen, Herr Williams! Gute Reise zur Heiligen Stadt!"

Er ging an dem flachen Wasserkübel vorbei, der als Regenmesser diente. „Gestern Nacht hat es nicht geregnet", rief er aus, „der Kübel ist leer! Es gibt nichts zu messen…

*

Jytte Larsen hatte während der langwierigen Verhandlungen dafür gesorgt, dass der junge Maurice Cabet aus dem italienischen Gefängnis nach Jerusalem überführt werden sollte. Dies war ihr mit Hilfe von Adolf Engels gelungen. Sie zweifelte jedoch an seiner guten Absicht, denn jedes Mal wenn von dem jungen Mann die Rede war, war etwas Unheil verkündendes in seinem Blick. Richter Hillel Goldsteins feines Gehör hatte gleichermaßen etwas Gefahren drohendes verspürt. „Ich werde mich dieser Sache persönlich annehmen", sagte er.

Aufgrund der oft späten Gerichtsverhandlungen, zu denen Maurice Cabet einige Male vorgeladen wurde, hatte der örtliche Polizeichef sich damit einverstanden erklärt, den jungen Mann in eine aus dem Mittelalter stammende Kellerzelle zu sperren und draußen einen Wachposten anzubringen. Dieser wandte sich dezent ab, wenn die junge, ganz in Weiß gekleidete Dame aus den vornehmeren Gemächern ihrem geliebten Maurice einen Besuch abstattete. Insgeheim beobachtete er lächelnd, wie die beiden sich zwischen den verrosteten Gitterstäben an der Hand hielten, und sein gutes Polizeiherz war fast dabei zu zerbrechen, wenn er sah, wie der solide Eisenkäfig des Grafen die beiden Geliebten daran hinderten, liebevoll voneinander Abschied zu nehmen. Ja, bei einer einzelnen Gelegenheit – an einem späten Abend – hatte er mit dem Schlüsselbund gerasselt, um anzuzeigen, dass er vielleicht dazu beitragen konnte, ihren Abschied zu versüßen.

Die beiden hatten offenbar seinen Hinweis verstanden, und die weiß gekleidete Schönheit hatte bittend ihre bleiche Hand auf seinen Arm gelegt. Er kannte zwar ihre Sprache nicht, doch wie sie ihn so mit ihren schönen, blauen Augen anbettelte, war ihm alles klar. Er war nicht umsonst Italiener, und die romantische Atmosphäre ließ ihn nicht unberührt. Langsam suchte er nach dem passenden Schlüssel. Er nahm sich genügend Zeit, denn insgeheim genas er den bittenden Blick der reizenden jungen Dame. Dabei fühlte er sich wie ein König, der den Häftling durch den Besuch seiner Geliebten begnadigen konnte.

Er öffnete die Zellentür und ließ ‚den weißen Engel’ (wie er sie nannte) ins Gefangenenloch schlüpfen. Dann schloss er die alte, schmutzige Gittertür hinter ihr zu und setzte sich nach draußen in die frische Abendluft.

Am dritten Abend erlebte er jedoch eine unangenehme Überraschung. Der Sicherheitschef von Jerusalem in eigener Person kam zu Besuch. Der italienische Bedienstete sah ihn bereits, als er den Rasen des Schlossparks überquerte und auf die Treppe zukam, die zum Gefängnis hinunterführte.

„Ich möchte gerne mit dem Häftling sprechen!" sagte Adolf Engels gebieterisch.

Der italienische Polizist tat, als ob er nicht verstünde. Engels versuchte sich durch Zeichen verständlich zu machen. Der Italiener bat ihn ‚einen Augenblick zu warten’. Danach ging er in den tiefen Keller, in dem im 15. Jahrhundert die Gefangenen des Grafen festgehalten wurden. Er öffnete die Zellentür und bat ‚den weißen Engel’ herauszukommen. Nachdem er wieder abgeschlossen hatte, führte er die junge Dame tiefer ins Kellergewölbe, um sie hinter einer Mauer zu verstecken. Dann ging er gemächlich – denn er war kein junger Mann mehr – die steile, von einer verstaubten Lampe beleuchtete Treppe hinauf.

Engels wartete ungeduldig an der Kellertreppe. Der Polizist blieb auf der obersten Stufe stehen und gab ihm mit einem Wink zu verstehen, dass er ihm folgen solle. So verschwanden sie beide in der Tiefe.

Als Engels den jungen Franzosen hinter dem verrosteten Gitter sah, huschte ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht. „Na sieh mal einer an!" rief er aus, „der junge Mordangeklagte sitzt also nun hinter Schloss und Riegel!"

Der Gefangene antwortete nicht.

„… und es sieht so aus, als ob der junge Mordangeklagte mein ‚besonderer Gast’ in Jerusalem sein wird." Adolf Engels legte seine Hand an die Stelle auf der Brust, wo die Kugel ihn gestreift hatte. „Eine alte Winchester 22", rief er spottend aus. „Eine solche hier wäre besser gewesen!" Der Sicherheitschef zog einen 38-Kaliber Smith and Wesson Revolver heraus und zielte auf den Häftling. „Er trifft jedes Mal genau sein Ziel, und derjenige, der davon getroffen wird, schweigt für immer…"

Der junge Franzose hinter dem Gitter hüllte sich weiterhin in Schweigen.

„… Er kommt mit Darwins Entwicklungslehre nicht zurecht, habe ich mir sagen lassen?" Engels setzte sich auf einen vor der Zellentür stehenden, abgenutzten Holzstuhl. Er schien Zeit zu haben…Sicherlich wollte er auf irgendetwas zu sprechen kommen. Der Sicherheitschef aus Jerusalem hätte sich niemals die Mühe gemacht, ins mittelalterliche Gefangenenloch herunterzusteigen, ohne eine bestimmte Absicht damit zu verfolgen. Atemlos lauschte eine in Weiß gekleidete Gestalt hinter der Mauer seinem Monolog. Der Häftling antwortete ihm mit keinem Wort.

„Doch ich kann dafür sorgen, dass du in Jerusalem besser untergebracht wirst als hier." Engels schlug mit dem Revolverkolben auf die verrosteten Gitter. Dann legte er seine Pistole plötzlich auf den Tisch und streckte seine linke Hand durch das Gitter (sein rechter Arm steckte noch in einer Schlinge) und sagte: Wir wollen Freundschaft schließen, Maurice Cabet! Ich weiß, dass Sie übereilt gehandelt haben. Sie haben heißes Blut und sind verliebt! Geben Sie mir Ihre Hand darauf, dass wir ein paar Vereinbarungen treffen können, die für beide Seiten zufrieden stellend sind! Ich werde für Ihre Freilassung sorgen, und Sie werden hinsichtlich der Vorgänge hier auf dem Schloss stillschweigen bewahren!"

Maurice Cabet stand einen Augenblick bewegungslos und dachte nach. Der Sicherheitschef sah den Gefangenen erwartungsvoll an. Seine linke Hand war noch immer zwischen den Gittern ausgestreckt. Der italienische Polizist war ein paar Stufen die Treppe hochgegangen und hatte sich dezent abgewandt. Maurice Cabet ergriff die ausgestreckte Hand. Engels Gesicht hellte sich auf. Ein zufriedenes, leicht spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Gleich darauf verzog er es plötzlich zu einer schmerzlichen Grimasse. Der Gefangene hielt mit der einen Hand seine linke Hand fest umklammert und presste mit der anderen seine verletzte Brust hart gegen das Gitter. Engels stöhnte vor Schmerzen; der italienische Bedienstete drehte sich auf der Treppe um.

„Mary!" rief Maurice. Die junge Frau trat aus der Kellerfinsternis hervor. Der Gefangene deutete mit dem Kopf auf den Tisch, auf dem Engels 38-Kaliber Revolver lag. Er presste nun sein Opfer noch dichter gegen das Gitter, wobei der verletzte Sicherheitschef vor Schmerzen schrie. Der italienische Polizist versuchte verzweifelt, ihm zur Hilfe zu eilen, doch der betagte Mann konnte nur langsam und vorsichtig die steile Treppe hinuntersteigen. Lag bei diesem dramatischen Auftritt in seinen Augen nicht etwa auch ein Schimmer von Zufriedenheit? Als Mary erschrocken die Pistole ergriff, streckte er gleich, und nur allzu willig die Hände hoch. Ja, Mary konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er ihr ermutigend zulächelte. Der Polizist stellte sich unaufgefordert mit erhobenen Händen gegen die feuchte Kellerwand, während Mary den Schlüsselbund von seinem Gürtel löste. Schnell schloss sie die Zelle auf zielte - in beiden Händen die Pistole haltend - auf Adolf Engels. Dieser befürchtete, das schwere 38-Kaliber könne in den Händen dieser zarten, jungen Frau losgehen und lief deshalb schnell in die Zelle, wo er sich stöhnend auf der aufgeschlagenen Pritsche niederfallen ließ. Maurice sprang aus der Zelle und ergriff den schweren Revolver. Mit dem Kopf deutete er dem Polizisten an in die Zelle zu gehen. Danach schlug er die Gittertür zu und schloss sie sicher ab.

Die beiden jungen Leute liefen die Treppe hoch, sahen sich jedoch noch ein letztes Mal um. Engels lag noch schmerzverzerrt auf der kahlen Pritsche und der Bedienstete stand mit dem Hauch eines glücklichen Lächelns im Gesicht neben ihm. Unauffällig erhob er seine linke Hand zu einem Gruß…

Maurice verbarg sich hinter den Bäumen im Schlosspark, während Mary sich ruhig auf ihr Zimmer begab. Sie packte schnell ihre persönliche Habe. Als sie auf dem Rückweg an Adolf Engels Zimmer vorbeikam, blieb sie einen Augenblick wie angewurzelt stehen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, öffnete sie die Tür. Als sie in den von einer Tischlampe erhellten Raum eintrat, fiel ihr Blick gleich auf Adolf Engels abgenutzte Aktenmappe. Sie öffnete sie und sah zu ihrem großen Erstaunen, dass sie mit Bündeln neuer Dollarscheine gefüllt war. Schnell schloss sie die Ledermappe, nahm sie unter den Arm und lief die Treppe hinunter.

Am Bahnhof warteten die beiden nicht auf einen bestimmten Zug. Sie stiegen in den ersten, einlaufenden Zug und waren kurze Zeit später auf dem Weg nach Rom.

Graf Federico da Montefeltro hatte dafür gesorgt, dass die Schreie seiner Gefangenen im Schlosskeller nicht bis ins Haus oder in den Garten vordringen konnten. Das hatte zur Folge, dass Adolf Engels und der italienische Polizist erst am nächsten Morgen ihre Freiheit wieder erlangten, als man dem Häftling sein Frühstück bringen wollte. Adolf Engels Leiden wurden noch dadurch vermehrt, dass seine geliebte Aktenmappe verschwunden war. Über ihren merkwürdigen Inhalt verlor er kein Wort…