DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 54

Die auf den 28 Porträts abgebildeten Personen in der Galerie unter der Decke des Studierzimmers des Grafen da Montefeltro hätten sich sicherlich ein Lächeln nicht verkneifen können, wenn sie die acht Personen gesehen hätten, die in diesem Augenblick eintraten. Fruchtenbaum begrüßte höflich, aber zurückhaltend Adolf Engels, während er John und Virginia herzlich umarmte. Ibrahim Nasser begrüßte Hillel Goldstein reserviert und kühl, Jenny Larsen hingegen lächelnd und entgegenkommend. Der schwarze Kardinal, Jürg Ratgeber stand etwas abseits und nickte den Anwesenden freundlich zu.

Jytte Larsen bat alle, Platz zu nehmen. Sie nahm einige der Sachakten hervor und wollte mit der geplanten Gerichtsverhandlung beginnen, als sie von Adolf Engels erregter Stimme unterbrochen wurde.

„Das ist meine Mappe", rief er. Ibrahim Nasser hatte die verschlissene, braune Aktenmappe mit den Kopien der ‚blutigen Notizen’ hochgehoben. Im gleichen Augenblick als Engels seine braune Dokumentmappe entdeckte, erhellte sich sein Angesicht, und er konnte sich nur schwer beherrschen.

Die anderen, bei dieser feierlichen Zusammenkunft Anwesenden, konnten nicht begreifen, wie eine solch unbedeutende Sache wie eine abgenutzte, blank gescheuerte Aktenmappe den Jerusalemer Sicherheitschef so in Aufregung versetzen konnte! Adolf Engels, der in fast kindlicher Freude über den Fund seiner verlorenen Ledertasche auf die andere Seite des Tisches gegangen war, um sie Ibrahim Nasser aus der Hand zu nehmen, erklärte: „Sie kam mir im Kopenhagener Flughafen abhanden. Unbekannte stahlen sie mir während der Sicherheitskontrolle."

Adolf Engels sah Jytte Larsen bedeutungsvoll an. Vielleicht erwartete er, dass sie seine Erklärung akzeptieren würde und dass diese unerwartete Störung gerechtfertigt war. Vielleicht wusste er ja als Chef des Nachrichtendienstes mehr über die ‚unbekannten Täter’ als Jytte Larsen.

Jytte Larsen wollte zur Ordnung aufrufen, doch Ibrahim Nasser, der mehrmals darum gekämpft hatte, die umstrittene Aktenmappe in Besitz zu nehmen, hatte nicht im Sinne, sie jetzt herauszurücken …

„Es ist aber meine Mappe! rief Adolf Engels mit fast weinerlicher Stimme. Es war ihm deutlich anzumerken, dass er aufgrund der Schusswunde in der Brust und den Medikamenten, die er eingenommen hatte, außer Balance geraten war. Er versuchte, dem Ägypter die Ledertasche zu entreißen; doch dieser hielt sie mit beiden Händen fest. Der peinliche Auftritt endete in einem Handgemenge. Engels begann auf Ibrahim Nasser loszuschlagen, der sich damit verteidigte, dass er die Ledertasche hoch über den Kopf hielt.

„Meine Mappe, meine Mappe", schluchzte Engels. Beruhigende Hände führten ihn vom Ägypter weg. Er setzte sich zitternd und aufgeregt wieder auf seinen Platz, und die Sitzung konnte beginnen.

In einem kurzen Rapport machte die Polizeipräsidentin das angestrebte Ziel der Sitzung deutlich. Es waren Forderungen laut geworden, die Gerichtssache von John und Virginia Williams der Justiz im Nahen Osten zu übergeben. Infolge der neuesten Gesetzgebung waren die nationalen Gerichtshöfe in solch einem Fall außer Kraft gesetzt; die verschiedenen Staatsbürger konnten nun in einem anderen Land gerichtlich geahnt werden. Die Frage war nur, ob diese Auslieferung an Babylon oder an Jerusalem erfolgen sollte.

„Das Schicksal dieser beiden Personen hängt vom Ergebnis dieser Sitzung ab", endete sie. „Wie Sie sehen können, ist das dänische Ehepaar mit mir hierher gekommen, aber nicht in Handschellen, denn sie scheinen nichts zu verbergen zu haben. Auch machen sie nicht den Eindruck, als wollten sie die Gelegenheit nutzen um zu fliehen." Einen Augenblick hielt sie inne, dann fügte sie hinzu: „Es ist wichtig, dass in dieser Sache mit dem rechtem Lot gemessen wird. Unkorrekte Maße sind von Übel…"

„Genau!" unterbrach sie Ibrahim Nasser. „Wir wollen mit rechten Ellen messen. Die Mitglieder des ‚Wüstenvolkes’ (wie sie sich nennen) sind gar nicht so unschuldig, wie sie zu sein scheinen. Lasst uns die beiden Herren, Jan Apostolou und Jack Robinson bitten, hereinzukommen.

Jytte Larsen nickte, und die beiden jungen Männer, die zusammen mit den anderen in der Halle warteten, wurden hereingerufen.

 

„Ich fasse mich kurz und möchte auch Sie um kurze, klare Antworten bitten:

„Jan Apostolou, sind Sie in Babylon verhaftet worden und danach aus dem Gefängnis geflohen?"

„Ja!"

„Jack Robinson, haben Sie während eines Schusswechsels einen Polizisten in Brüssel erschossen?"

„Ja!"

„Sind Sie für diese Tat überhaupt bestraft worden?"

„Nein!"

Ibrahim Nasser erhob sich: „Rufen Sie Ursula Robinson herein!"

Kurz darauf stand Ursula vor den acht Schiedsrichtern. Sie begrüßte John und Virginia mit einem Kopfnicken.

„Sie sind Mutter von zwei Kindern?" fragte Ibrahim Nasser mit scharfer Stimme.

„Ja!"

„Wie alt?"

„Neun und elf!"

„Wie lange ist es her, dass Sie sie das letzte Mal gesehen haben?"

Ursula Lippen zitterten. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Allzu lange!"

„Das heißt, während Sie in Babylon waren, sich in der israelischen Wüste aufgehalten und Jack Robinson geheiratet haben, sowie sich auf eine langen Reise zum Nordpol begeben haben und nun hier nach Italien gekommen sind, haben Sie die Kinder bei Ihrer Mutter in Deutschland zurückgelassen?"

„Ja!"

„Haben Sie dabei richtig gehandelt?"

„Nein!" Ursula brach in Tränen aus. „Ich weiß, das war nicht richtig!"

Ibrahim Nasser schien von ihrem Eingeständnis berührt. Einen Augenblick lang war er verwirrt. Es fielen ihm keine weiteren Fragen ein. „Dies nur, um der Polizeipräsidentin zu erklären, dass diese zum ‚Wüstenvolk’ zählenden Leute gar nicht so unschuldig sind", sagte er abschließend. „Die letzten Worte des EU-Präsidenten, das Wüstenvolk müsse ‚verfolgt und bekämpft werden, sind berechtigt. In Babylon sind wir darauf eingestellt, dies zu tun!"

Jytte Larsen wandte sich an den blinden Richter, Hillel Goldstein, aus Jerusalem. „Aus Jerusalem liegt eine Forderung vor, die besagt, dass weitere Nachforschungen und die entscheidende Gerichtsverhandlung dort stattfinden sollen. Ich möchte Sie bitten, Ihre Argumente dafür vorzubringen."

Hillel Goldstein erhob sich. Mit klarem Blick ‚betrachtete’ er einen Augenblick die Versammelten; alle konnten sich des Gefühls nicht erwehren, dass er jeden einzelnen der am Tisch sitzenden Personen deutlich vor sich sah.

„Bevor ich meine Ansichten darlege, bitte ich um Erlaubnis, den von Ibrahim Nasser befragen Personen einige Fragen zu stellen", begann er.

Jytte Larsen nickte.

Der blinde Richter ‚beobachtete’ sie und fuhr er fort:

„Jan Apostolou! Bestand der Grund Ihrer Flucht aus dem Gefängnis darin, dass Sie gefoltert wurden?"

„Ja!"

„Jack Robinson, stimmt es, dass Sie das Leben des EU-Präsidenten in Babylon gerettet haben, als Herr Engels den Befehl gab, ihn zu erschießen?"

„Ja!"

„Sie wurden selbst dabei verletzt, als Sie sich vor den Präsidenten warfen, um ihn vor dem Kugelregen Adolf Engels zu schützen?"

„Ja!"

„Ursula Robinson! Stimmt es, dass Sie und Ihr Mann sich konstant auf der Flucht vor Kardinal Ratgebers Leuten befanden, die versuchten, Ihnen die braune Aktenmappe zu entreißen, die nun im Besitz von Ibrahim Nasser ist?"

„Ja!"

„… und dass dies auch der Grund war, warum Sie nicht eher wieder zu Ihren beiden Kindern nach Deutschland zurückkehren konnten?"

„Ja!"

„Danke", endete Richter Goldstein. „Sie können wieder Platz nehmen!"

Am Verhandlungstisch entstand ein bewegtes und empörtes Geflüster. Richter Goldstein fuhr fort:

„Hr. Ibrahim Nasser erwähnte die letzten Worte des verstorbenen EU-Präsidenten Pierre Henri Clark. Es gibt zwei Versionen dieser blutigen Notiz. Die eine ist gefälscht und die andere ist echt! Beide Versionen befinden sich in der braunen Aktenmappe, über die sogar in diesem Raum noch gestritten wurde. Darf ich Herrn Nasser bitten, diese beiden Aktenstücke dem Gericht vorzulegen?"

Der Ägypter nahm die braune Ledertasche zur Hand. Während er die beiden Versionen der blutigen Notiz vorlegte, sah ihn Adolf Engels feindselig an.

„Auf der einen steht geschrieben: ‚Nehmen Sie sich in Acht vor dem Wüstenvolk. Bekämpfen Sie es! Vernichten Sie es!’ Auf der anderen steht: ‚Nehmen Sie sich des Wüstenvolks an! Helfen und unterstützen Sie es!"

Richter Goldstein bat darum, diese beiden ‚Dokumente’ der Polizeipräsidentin vorzulegen. Sie betrachtete diese eine Weile; danach legte sie sie zur Seite. Richter Goldstein hielt für diesen kurzen Augenblick inne, als ob er mit sehenden Augen ihren Bewegungen gefolgt war, danach fuhr er fort:

„Es gibt aber nur eine Möglichkeit, diese zwei verschiedenen Versionen zu identifizieren, und das wäre durch einen Bluttest; dieser kann jedoch nicht durchgeführt werden, da die Papiere in der Dokumentenmappe nur Kopien sind! Man kann ruhig mit einem feuchten Finger darüber streichen, ohne Blut an den Fingern zu bekommen. Doch wenn man im Besitz der Originale ist, verhält sich die Sache anders. Dies ist heute bei unserer Gerichtsverhandlung der Fall!"

Alle gerieten bei dieser letzten Aussage in Aufregung. Sie schauten einander fragend an. Wer war denn wohl im Besitz der echten, blutigen Notiz? Schließlich wurde die Frage von Ibrahim Nasser formuliert. Am Ton seiner Stimme konnte man nur schwer erkennen, was er wirklich fühlte: War es Verbitterung, Enttäuschung oder Unglauben?

„Wer hat die Originale der letzten Botschaft des Präsidenten?"

„Die habe ich!" antwortete Professor Fruchtenbaum. Er nahm einen kleinen Metallzylinder hervor, öffnete ihn und zog die zusammengerollten Papiere heraus. Er legte sie der Polizeipräsidentin vor. „Passen Sie auf, dass Sie sie nicht berühren", sagte er. „Blut färbt an…!"

„Wo waren diese Originale versteckt?" fragte Jytte Larsen interessiert. „Die Nachrichtendienste der halben Welt waren dahinter her ohne sie aufspüren zu können?"

„Sie waren im Grab Charles des IV. unter dem Hochaltar in der St.Vitus Kathedrale in Prag versteckt…" antwortete der Professor lächelnd… „aber jetzt sind sie hier, und die beigefügten Blutproben erklären, dass die Version, die dazu ermutigt, dem Wüstenvolk ‚zu helfen’ und es ‚zu beschützen’ mit dem eigenen Blut des Präsidenten geschrieben wurde. Diesen Zettel hatte er nach dem Attentat in Genf in der Hand. Die andere Version ist mit dem Blut von … Kardinal Jürg Ratgeber verschmiert!"

Der Kardinal erhob sich mit einem Satz. „Ich war zugegen, als der Präsident starb", rief er. „Die Kugel des Mörders traf auch mich – und deshalb ist daran nichts Ungewöhnliches, dass meine blutige Hand, die die letzte Mitteilung des Präsidenten in Empfang nahm, Spuren auf diesem Blatt Papier hinterlassen hat…"

Es herrschte völlige Stille im Raum. Niemand wagte sich zu bewegen oder zu sprechen. Alle starrten den schwarzen Kardinal an, der bleich und sichtlich erschüttert, wieder Platz nahm.

Richter Hillel Goldstein gab ein Zeichen, und der Korse, der ein paar Tage zuvor mit einem Gewehr auf Anna Davids geschossen hatte, wurde hereingeführt. Gedämpft und mit deutlich italienischem Akzent murmelte er seinen Namen.

„Stimmt es mit der Wahrheit überein, dass Kardinal Ratgeber Sie dafür bezahlt hat, eine bestimmte, junge Frau zu ermorden?" Richter Goldstein ‚betrachtete’ eingehend den Korsen. Dieser nickte.

„Es genügt nicht, dass Sie nicken", sagte der blinde Richter, „Sie sollen antworten: ‚Ist es wahr, dass der Kardinal Ihnen einen Mordauftrag erteilt hat’?"

„Ja!"

Der Richter wandte sich an Jytte Larsen. „Mit dieser Zeugenaussage über unseren frommen Herrn Kardinal", erklärte er, „sollten wir seinen Aussagen keine große Bedeutung beimessen. Der Kardinal hat die falsche Notiz angefertigt. Um glaubwürdiger zu erscheinen, hat er sie mit seinem eigenen Blut verschmiert!"

„Vor dem Hintergrund der letzten Worte des Präsidenten, ‚dem Wüstenvolk zu helfen und sie zu stützen’, möchte ich einen Auslieferungsantrag für John Williams und seine Frau Virginia stellen; in Jerusalem können sie eine faire Behandlung erwarten… und dort…" Richter Goldstein lächelte… „dort werden Sie mit rechtem Maß gemessen…"

„Das ist ungerecht!" unterbrach der Kardinal. „Mein kurzer Aufenthalt in dieser Stadt hätte die Ausführung solcher Pläne gar nicht ermöglicht!"

Richter Goldstein gab aufs Neue ein Zeichen, und Jeff Straw wurde in den Raum geführt. Ohne ein Wort legte er der Polizeipräsidentin einen Stapel Bilder auf den Tisch. „Dies sind Aufnahmen vom Kardinal in den Tagen vor dem Mordversuch an Anna Davids", erklärte Richter Goldstein. „Herr Ratgeber hatte genügend Zeit, sein Verbrechen vorzubereiten…"

Adolf Engels stand auf. Er wollte mit einer Bemerkung kommen, doch Richter Goldstein wehrte ihm. „Einen Augenblick, Herr Engels, Sie werden schon noch zu Wort kommen, doch zuerst möchte ich Ihnen ein junges, verliebtes Paar vorstellen.

Maurice Cabet und Mary Schwartz wurden hereingerufen.

„Stimmt es", fragte der Richter, während er sich an Mary Schwartz wandte, „dass Adolf Engels hier auf dem Schloss mit Hilfe eines Ärztestabes versucht hat, Ihre Gefühle hinsichtlich des jungen Mannes, der jetzt an Ihrer Seite steht, auf medizinischem Wege zu ändern?"

Die junge Dame sah Maurice mit leuchtenden Augen an. Dann antwortete sie: „Ja!"

„… und ist dies der Grund, Maurice, warum Sie in Ihrer Verzweiflung einen Gewehrschuss aus einer alten Winchester 22 auf Adolf Engels abgefeuert haben?"

„Ja!"

„Bitte, Herr Engels, Sie haben nun das Wort!" sagte Richter Goldstein und setzte sich.

Adolf Engels weigerte sich, darauf einzugehen. „Aber die Aktenmappe gehört mir", rief er aus und zeigte auf die Mappe, die auf Ibrahim Nassers Platz lag.

„Geben Sie diese an Jytte Larsen zurück", bemerkte Richter Goldstein lächelnd. „Es waren ihre Leute, die bei der Sicherheitskontrolle im Kopenhagener Flughafen versucht hatten, ihrer habhaft zu werden." Er wandte sich an Fruchtenbaum... „aber es waren andere Leute zugegen, die geschickter waren..."

Die Polizeipräsidentin beugte beschämt ihr Haupt.

„Der Regenmesser", flüsterte Richter Goldstein. „Ungenaue Maße sind von Übel…"