DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 52

Anna Davids sah bleich aus, doch sie lächelte, als Jeff Straw ins Krankenzimmer trat. Ihr Haar schimmerte golden auf dem schneeweißen Kopfkissen; die Sonnenstrahlen flimmerten in der hellen Gardine, die leicht vor dem offenen Fenster hin und her wehte. Um ihre linke Schulter trug sie einen Verband; ihr rechter Arm lag ausgestreckt auf der Bettdecke.

Jeff Straw bat die gerade vorbeieilende Krankenschwester den für Anna mitgebrachten Blumenstrauß in eine Vase zu stellen. Jeff trat ans Bett und nahm Annas linke Hand in die seine.

„So zart und bleich du bist", flüsterte er und küsste ihre schlanke Hand. „Wie geht es der jungen Dame?"

„Gut, Jeff. Ich bin glücklich am Leben zu sein. Meine rechte Schulter ist verletzt, doch die Ärzte sagen, dass alles wieder in Ordnung kommen wird!"

Es trat ein Augenblick Stille ein. Vor dem Fenster hörte man die Vögel zwitschern. Jeff nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben das Bett. Er nahm wieder Annas Hand in seine.

„Ich muss in Zukunft wohl besser auf dich aufpassen", sagte er. „Nur zwei Minuten hatte ich dich alleine gelassen, um mir eine Zeitung zu kaufen, als ich zwei Schüsse hörte. Ich lief an unseren Tisch zurück. Die Studenten und der Straßenprediger hatten sich um dich versammelt. Du lagst blutend auf dem Bürgersteig. Einen Augenblick lang dachte ich, du seiest tot; es war, als ob meine ganze Welt zusammenbräche! Doch dann öffnetest du plötzlich die Augen und lächeltest mich an! Als ich mit dir in der Ambulanz zum Krankenhaus fuhr, konnte ich vernehmen, dass dein Herz schlug, und so war ich voller Hoffnung, dass alles gut verlaufen würde."

„Wer war es? Wer hat geschossen?" Anna Davids blaue Augen sahen Jeff mit ernstem, fragendem Blick an. Aus der Art und Weise wie sie ihre Fragen stellte, ging deutlich hervor, dass sie bange war …

„Du hast Angst, oder?" rief Jeff aus.

„Ja, ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich habe Angst, dass derjenige, der diese Kugel abgefeuert hat, wieder schießen wird, und dass er dann vielleicht beim nächsten Mal sein Ziel nicht verfehlt." Anna Davids Augen füllten sich mit Tränen. Da sie ihre rechte Hand nicht bewegen konnte und Jeff ihre linke festhielt, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Jeff erhob sich und wischte sie ihr ab.

„Du brauchst keine Angst zu haben, mein Liebling", flüsterte er. „Der Mann, der den Schuss ausgelöst hat, wurde verhaftet, und derjenige, der hinter dem Mordversuch steht, wird gerade von der Polizei verhört."

„Wer war es, der geschossen hat?"

„Ein Korse. Ein unbekannter Bauer! Ein Mörder auf Bestellung!"

„Und wer steckt dahinter?"

„Was glaubst du wohl?"

Anna Davids hielt sich die Hand vor den Mund. „Der schwarze Kardinal", stammelte sie.

„Ja, der schwarze Kardinal. Du weißt, dass wir eine ziemlich reiche Auswahl an Bildern haben, die beweisen, dass er sich zurzeit in der Stadt aufhält. Ich habe sie noch nicht der Polizei übergeben. Lasst uns erst einmal sehen, was weiter geschehen wird!"

„… was weiter geschehen wird? Ja, brodelt es denn sonst noch irgendwo?"

„Ja, in der Krankenstube nebenan liegt der Sicherheitschef aus Jerusalem, Adolf Engels. Ich habe dir erzählt, dass ich zwei Schüsse gehört habe. Direkt hintereinander. Den ersten Schuss muss du doch auch gehört haben?"

„Daran kann ich mich nicht erinnern."

„Nun, von der ersten Etage direkt gegenüber dem Café wurde ein Schuss auf die Schlossfenster abgefeuert. Die Kugel galt Adolf Engels, doch das Gewehr, eine alte Winchester 22, konnte ihm nur eine ungefährliche Wunde in der Brust zufügen.

„Wer hat geschossen?"

„Ein verliebter, junger Mann namens Maurice Cabet. Er behauptet, Adolf Engels habe seine geliebte Mary, eine junge Amerikanerin, entführt, und dient ihm nun als medizinisches ‚Versuchskaninchen’! Es scheint, dass er ihre Persönlichkeit verändern will…"

„Das hört sich ja wie eine Szene aus irgendeinem Horrorfilm an."

„… und ist nichtsdestotrotz bittere Wahrheit."

Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich, und einige in Weiß gekleidete Ärzte traten mit einer kleinen Gruppe Krankenschwestern ein.

„Visite", erklärte eine der Krankenschwestern, „bitte warten Sie einen Augenblick draußen!"

„Ich bin gleich zurück", sagte Jeff Straw, beugte sich über Annas Bett und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich habe nur noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln!"

In der Krankenstube neben Anna Davids Zimmer saß Adolf Engels aufrecht im Bett. Die Ärzte waren gerade bei ihm gewesen und hatten ihm versichert, dass die Schusswunde in der Brust harmlos sei. „Herr Engels kann bereits morgen wieder entlassen werden", hatte der Oberarzt seiner medizinischen Assistentin mitgeteilt. Als die ‚Visite’ ihren Rundgang fortsetzte, traten zwei Herren in dunklem Anzug und den typischen Sonnenbrillen zu Adolf Engels ins Zimmer. Sie waren von der Kriminalpolizei.

„Wir haben Ihnen einige Fragen zu stellen, Herr Engels!"

„Legen Sie nur los!" Der Sicherheitschef lehnte sich behaglich auf die weißen Kissen zurück.

„Im Zuge der Nachforschungen über das Schussdrama, das sich gestern am Marktplatz und im Schloss abgespielt hat, ist uns zu Ohren gekommen, dass medizinische Versuche an einer jungen, amerikanischen Studentin namens Mary Schwartz auf dem Schloss durchgeführt werden. Sind Sie darüber im Bilde?"

Adolf Engels betrachtete die beiden Männer mit höhnischem Blick. „Sie sollten Sich darüber im Klaren sein, dass ich Ihnen als Chef des Zentralbüros für innere Sicherheiten innerhalb der Union keine Antwort schuldig bin. Ihre Vermutung stützt sich lediglich auf die Aussagen eines jungen Verrückten, der eine Kugel auf mich abgefeuert hat. Den Worten dieses verliebten Narren Bedeutung beizumessen, liegt außerhalb jeglicher professionellen Aufklärungsarbeit; er war…" Mr. Engels legte die Hand auf sein Herz… „nur ein paar Zentimeter davon entfernt, zu einem Mörder zu werden, und nun soll er als öffentlicher Kläger auftreten …"

Einer der Männer wollte ihn unterbrechen, doch er wurde durch die gebieterische Handbewegung des Patienten daran gehindert. „Ich möchte darum bitten, die Nachforschungen mit größerer Sachkenntnis durchzuführen. Und ich will nicht weiter mit solch idiotischen Vermutungen belästigt werden!"

Die beiden Männer erhoben sich…

„… doch bevor Sie gehen, möchte ich Sie kurz darauf hinweisen", sagte der Sicherheitschef beiläufig, „dass Mary Schwartz seit geraumer Zeit von dem jungen Franzosen verfolgt wird. Er hat die Studentin mit seinen religiösen Ideen ganz durcheinander gebracht. Sie ist eine meiner tüchtigsten Mitarbeiterinnen. Ich habe sie in dieses abseits gelegene Schloss gebracht, damit sie endlich Ruhe vor diesem verliebten Narren hat. Und ich habe für medizinische Verpflegung gesorgt, weil sie einem Nervenzusammenbruch nahe war. Mehr ist dazu nicht zu sagen! Auf Wiedersehen, meine Herren!"

Die beiden Herren verließen das Zimmer.

Adolf Engels nahm ein Buch zur Hand. Es war Guy de Maupassants ‚Le Horla’, das in der Einleitung den nächtlichen Alptraum eines Tagebuchverfassers beschreibt. Er fand schließlich die Seite, auf der in allen Einzelheiten beschrieben wird, was er in der letzen Nacht selbst erlebt hatte. Auch er hatte in einer nächtlichen Vision eine Gestalt gesehen, die sich ihm näherte. Zu seinem Entsetzen hatte er erlebt, wie sich der Fremde auf seine Brust setzte, sodass er kaum noch Luft bekommen konnte. Er hatte – wie der französische Schriftsteller dies damals Mitte des 18. Jahrhunderts beschrieben hatte – gespürt, wie er wie gelähmt dalag und sich aus dem eisernen Griff, der seinen Hals umschlungen hielt, nicht befreien konnte…

Adolf Engels fand die entsprechende Stelle und las zögernd weiter. Im Grunde genommen mochte er diese Art von Beschreibungen überhaupt nicht; sie waren ihm allzu genau. Er gelangte dadurch zu der Ansicht, dass er selbst dabei war, verrückt zu werden! Auch er hatte in der vergangenen Nacht erlebt, wie sein Leben nur noch an einem dünnen Faden hing. Als er am Morgen aus seinem Horrortraum erwachte, war er so erschöpft und in Schweiß gebadet, dass die Krankenschwester meinte, sein Gesundheitszustand habe sich verschlimmert.

Er legte das Buch von sich. „Na so was, Maurice Cabet behauptet tatsächlich, dass er an seiner kleinen Amerikanerin medizinische Experimente vornehme. Diese Art Gerücht durfte nicht in Umlauf gebracht werden! Zusammen mit den Wissenschaftlern der Union hatte er es geschafft, dass Mary Schwartz nun nichts mehr mit dem Franzosen zu tun haben wollte! Ihr Sinn war soweit beeinflusst worden, dass sie ihm zweifellos Recht geben würde, wenn er behaupte, Maurice Cabet verfolge sie. Es wäre ein leichtes, die Behauptungen dieses jungen Mannes, dem ein Attentat zur Last gelegt wird, zu entkräften…

*

„Was macht Ihr denn da?" lautete Ibrahim Nassers Frage an die beiden jungen Männer, die mit Bürsten, Eimern, Wasser und Reinigungsmitteln bewaffnet, versuchten, das Graffiti an der Wand bei der Piazza della Republica abzuschrubben. Das Wasser lief über die Cafetische, an dem andere Jugendliche lachend und mit ermutigenden Zurufen den beiden bei ihrer Aktion zuschauten…

„Wir sind dabei ‚die hässlichen Worte’ von der Wand zu schrubben", antworteten die Studenten.

„Hässlichen Worte"? Der Ägypter versuchte, den noch verbliebenen Graffititext: ‚Tod der globalen Konstitution’ zu entziffern.

„Meint ihr, dass dies ‚hässliche Worte’ sind?"

„Das sagt der Däne!"

„Der Däne? Wer ist denn das?" Ibrahim Nassers Interesse schien geweckt. In ein paar Stunden sollte er an einer Gerichtsverhandlung auf dem Schloss teilnehmen, bei der es um die eventuelle Auslieferung eines verhafteten Dänen ging. Er selbst war in der Stadt, um ihn nach Babylon bringen zu lassen. „Was ist das für ein Däne?"

„Der, dort!" Die Studenten zeigten auf Bauer Nielsson, der eifrig mit einer Gruppe Studenten diskutierte. Ibrahim Nasser näherte sich ihm leisen Fußes. Da er sich nicht in die Diskussion einbringen wollte, bemerkte er nur: „Es ist gut, dass ihr die ‚hässlichen Worte’ von der Wand entfernt."

Die Studenten wandten sich dem Neuankömmling zu. Die Tauben flatterten von der Steinbrücke und flogen zum blauen Himmel hinauf. Bauer Nielsson starrte auf den kleinen Flecken auf dem Bürgersteig, der am Abend zuvor noch blutrot gewesen war. Er räusperte sich und schaute den Ägypter aufmerksam an. „Was haben Sie zu ‚diesen hässlichen Worten’ zu sagen?"

„Für einen Muslimen sind dies hässliche Worte!"

„Warum?"

„Weil Mohammed am Anfang seiner Offenbarung im Jahre 610 bis zu seinem Tod 632 seine Nachfolger den religiösen Weg aufgezeigt hat, sie nach dem Jahr 622 jedoch zusätzlich einen politischen Weg einschlagen ließ, der ein ‚globales Ziel’ hatte, so wie diese Verfassung, von der hier auf der Wand ‚in hässlicher Weise’ die Rede ist.

Die Studenten rückten zusammen. Sobald ein Redner Jahreszahlen nannte, musste er nach ihrem Dafürhalten über entsprechendes Fachwissen verfügen, und deshalb lohnte es sich zuzuhören. Ibrahim Nasser bemerkte das wachsende Interesse und fuhr fort: „In allen Konflikten, d.h. in allen politischen und religiösen Kämpfen, in denen der Islam verwickelt war, stand immer nur eins auf der Tagesordnung: ‚Wer ist der wahre Imam?’ Das heißt: Wer ist der Mann, der auf rechte Weise die versammelte ‚Uman’ leiten kann? Wer ist die politische und religiöse Autorität, die an der Spitze der muslimischen Gemeinschaft stehen kann? Die ganze Welt wartet auf diesen Mann. Eine globale Konstitution kann ihm den Weg bahnen!"

Die Studenten hatten sich nun alle um den Tisch des Ägypters versammelt. Selbst die beiden jungen Leute, die dabei waren die Wand zu reinigen. Sie ließen Eimer und Besen stehen, um mitzuhören. Wenn ein Redner nicht nur Jahreszahlen nannte, sondern auch noch Fachausdrücke wie ‚Imam’ und ‚Uman’ gebrauchte, gab es Grund genug genau hinzuhören…

Ibrahim Nasser war sich bewusst, dass er sich kurz zu fassen hatte. Lange Erklärungen schienen fehl am Platze. „Ich möchte mich kurz fassen", sagte er und erhob sich…

„Hättet Ihr diese Worte ‚Tod der globalen Konstitution’ auf einer Mauer in Saudi Arabien geschrieben, „wäret Ihr vor Sonnenuntergang hingerichtet worden. Saudi Arabiens Verfassung ist der Koran – und beleidigt Ihr diesen, seid Ihr Kinder des Todes!"

Der Ägypter sah sich in der schweigenden Menge um und fuhr fort: „Hättet Ihr die erwähnten Worte auf einer Mauer in Marokko geschrieben, würdet Ihr auch vor Sonnenuntergang in Euren Gräbern liegen, weil der marokkanische König als ‚islamischer Monarch’ die Verfassung zu verteidigen hat und sich deshalb gezwungen sehen würde, Euch den Kopf abzuschlagen…

Der Islam wartet auf ‚den starken Mann’, und wenn er kommt, wird es keinen Platz für solche hässlichen Graffitimalereien mehr geben…"

Mit diesen Worten verließ Ibrahim Nasser die verblüfften Studenten. Er hatte es eilig. Nun ging es darum, den Dänen John Williams und seine Frau Virginia nach Babylon ausgeliefert zu bekommen…