DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 51

„Harmagedon ist nur eine Sammlungsort", sagte John Williams ruhig; „dort werden keine Raketen abgefeuert, und keine Granate wird an diesem nördlich gelegenen Ort in Israel hochgehen." Er schwieg einen Augenblick und schaute zum Schlossfenster hinaus. Dann fuhr er fort: „Die Gelehrten, die Jahrhunderte lang über die ‚Schlacht von Harmagedon’ geschrieben haben, irren sich, dort wird keine Schlacht stattfinden! Das Endzeitszenario, über das die Bibel berichtet, findet nur 20 km von meinem Wüstenzelt entfernt, statt, und zwar in Bozra."

Jytte Larsen hörte sich John Williams Erklärungen mit wachsender Sorge an. Um die Sitzung vorzubereiten, die in wenigen Stunden mit verschiedenen Repräsentanten der Polizei, des Rechtswesens und der Regierungsbehörden im Hinblick auf eine eventuelle Auslieferung des inhaftierten, dänischen Ehepaars an Babylon oder Jerusalem stattfinden sollte, hatte sie dieses Gespräch gewünscht. Es war ihr wichtig, sich einen Einblick in seine religiösen Ansichten zu verschaffen. Sie wusste, dass er der ‚sektiererischen Tätigkeit’ angeklagt werden würde, und es war ihr sehr daran gelegen, John Williams zu überreden, unter keinen Umständen seine ‚extremen Ansichten’ darzulegen. Persönlich konnte sie kaum zu ‚religiösen Standpunkten’ Stellung nehmen, doch hatte sie die Erfahrung gemacht, dass es sich bei den so genannten ‚Sektierern’ oft um den von den Theologen angewandten Begriff ‚Endzeit’ handelte. Leute, die sich mit der Offenbarung oder den Prophetien Daniels beschäftigten, kamen manchmal aus der Balance. Nun saß John Williams hier und stützte sich auf Aussagen aus dem Buch der Offenbarung, von denen sie nie etwas gehört hatte! Das tat ihr weh, denn sie betrachtete den weißhaarigen Mann vor ihr als persönlichen Freund. In anderen Bereichen seines Lebens schien er ihr weder seltsam noch gefährlich. Im Gegenteil! Seine Meinungen und Haltung vermittelten den Eindruck eines reifen, zurückhaltenden, nachdenklichen Mannes… aber was er da über ‚Harmagedon’ sagte, erschien ihr doch recht sonderbar. Deshalb stellte sie ihm ganz direkte Fragen. Nicht, dass sie das Thema persönlich sonderlich interessierte, sondern nur um herauszufinden, inwieweit sich John Williams von der allgemeinen Auffassung entfernt hatte."

„Sie meinen also nicht, - so wie die ganze Welt glaubt – dass bei Harmagedon eine entscheidende Schlacht stattfinden wird."

„Genau. Harmagedon wird in der Offenbarung nur als der Ort erwähnt, an dem sich die antichristlichen Heere sammeln. Von dort werden sie dann aber ausgesandt, um Jerusalem ein letztes Mal anzugreifen."

„So!" Die Sorge der Polizeichefin nahm weiter zu. „Der Ausdruck: ‚Die Schlacht von Harmagedon’ ist also verkehrt?"

„Ja!"

Als John Williams weitere Bibelverse zitierte, heftete Jytte Larsen ihren Blick verzweifelt auf den Boden. Wenn ‚ihr Klient’ so etwas vorbringen würde, wäre sein Fall von vornherein verloren! Der Richter würde ihn sogleich für verrückt erklären lassen; dadurch würde dann die Anklage wegen ‚sektiererischer Tätigkeit’ gestärkt.

„Im Buch der Offenbarung Kapitel 16, Vers 16", fuhr John Williams unangefochten fort, „stehen nur zwei Zeilen über ‚Harmagedon’. Das ist alles! Durch diese wenigen Worte hat sich im Volksbewusstsein ein Universum an Bildern und Phantasien über ein apokalyptisches Blutbad entwickelt, und das trotz der Tatsache, dass diese zwei kurzen Zeilen über das Tal in Nordisrael nur als ein Sammlungsort erwähnt wird."

Jytte Larsen legte beruhigend ihre Hand auf John Williams Arm. Sie wollte ihn dazu bringen, aufzuhören, doch es schien ihr unmöglich. Der weißhaarige Wüstenprediger hatte sich warm geredet. Seine Augen sprühten vor innerer Glut. Er hatte sich erhoben und ging nun in dem kleinen Turmzimmer des Schlosses auf und ab, während er der unglücklichen Polizeichefin eifrig die Ereignisse der ‚letzten Tage’ darlegte.

„Gemäß Jesaja, Kapitel 34", fuhr er fort, während Jytte Larsen sich abwandte, „wird in Bozra der letzte Militärschlag dieser Welt stattfinden. Und Jesaja 63 zufolge, schreitet der Sieger in seiner ganzen Majestät ins Aravatal, nachdem er die antichristliche Supermacht zunichte gemacht hat...!"

John Williams wollte weiter fortfahren, doch Jytte Larsen unterbrach ihn. „Dies genügt", rief sie resigniert aus und erhob sich. „Wenn Sie bei der Gerichtsverhandlung solche Ansichten zum Besten geben, dann besteht keine Hoffnung für Sie. Bitte versprechen Sie mir, dass sie kein einziges Wort aus der Offenbarung nennen, wenn wir uns in Kürze mit den Delegierten hier auf dem Schloss treffen. Verhalten Sie sich bitte ruhig! Sagen Sie nichts! Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwandt werden!"

*

Niemand war imstande zu erklären, wie es dem Bauern Nielsson gelungen war, nach Urbino zu kommen, aber sicher war, dass er an diesem Vormittag im kleinen Cafe an der Piazza della Republica auftauchte. Wie von einem sechsten Sinn getrieben, war er mit einer billigen Nachtzugverbindung an den Ort gekommen, den er ‚das Zentrum der Ereignisse’ nannte. Mit gesenktem Haupt stand er nun vor der Wand mit dem schwarz gemalten Graffitislogan: ‚Tod der globalen Konstitution’!

Wie gewöhnlich hatte Bauer Nielsson die globale Konstitution unter seinem Arm; es schien, als ob ihm der gewaltsame Protest auf der Mauer wehtäte! Er wandte sich an ein paar vorbeihastende Studenten.

„Habt ihr das hier geschrieben?" frage er sie mit ernster Miene auf Englisch.

Die Studenten blieben stehen und lasen die Aufschrift an der Wand. Dann schüttelten sie den Kopf und eilten davon. Bauer Nielsson hielt andere an, die auf dem Weg zu Vorlesungen an der Uni waren.

„Habt ihr dies hier geschrieben?" fragte er anklagend.

„Nein", antworteten die Studenten und gingen weiter.

Eine kleine Gruppe junger Leute kam näher; offensichtlich hatten sie ihre ersten Vormittagsstunden an der Uni beendet und steuerten nun auf das Cafe zu. Für Bauer Nielsen war es die Chance. Er stand abwartend da, bis sich alle auf den rot angestrichenen Eisenstühlen niedergelassen hatten. Als alle Platz genommen hatten und lachend miteinander sprachen, stellte er sich vor sie hin mit der Konstitution über seinem Kopf. Er sagte kein Wort, sondern wartete bis sie ihm alle ihre volle Aufmerksamkeit schenkten. In seinem gewöhnlichen, schwarzen Anzug mit den breiten Schultern und der sorgfältig zugeknöpften Jacke (-nicht nur der mittlere Knopf war zugeknöpft sondern alle drei -) weckte seine bloße Gegenwart die Neugier der Cafegäste. Wie er so dastand, das große Buch über seinem Kopf und mit ernsthaft drohendem Blick auf die Wand deutend, verstummten alle um ihn herum. Die Studentengruppe betrachtete ihn abwartend. Irgendetwas Gefährliches war im Gange. Was würde geschehen?

Bauer Nielsson begann: „Habt ihr dies hier geschrieben?"

Die Studenten schüttelten den Kopf. Die meisten lächelten; sie fanden die Situation offenbar urkomisch. Doch schien Bauer Nielsson nicht gleicher Meinung zu sein. Er sah wie ein Weltuntergangsapostel aus.

„Wirklich nicht? Ihr habt diese Worte nicht geschrieben?"

„Nein!" antworteten die Studenten wie aus einem Munde.

„Wer denn dann?"

„Keine Ahnung!"

„Aha! Ihr wisst es nicht? Aber ich bin sicher, ihr kennt die, die herumgehen und die Wände mit diesen hässlichen Worten besprühen. Gebt es ruhig zu! Ihr kennt diejenigen, die dies tun, habe ich Recht?"

Die Studenten nickten lachend. Jawohl, sie kannten einige von denen, die die Wände beschmierten, sehr gut.

... „und was sie hier geschrieben haben, ist schlimm." Bauer Nielsson las laut: „’Tod der globalen Konstitution’! Schlimm! fuhr er mit ernster Miene fort. „Sehr schlimm!"

„Warum denn?" Die Studenten fanden die Situation unterhaltsam und lustig. Sie wollten sich gerne auf ein Gespräch mit dem Prediger einlassen.

„Weil…" seufzte Bauer Nielsson, „sie nicht wissen, was ihnen zum Besten dient."

Er öffnete langsam und besinnlich das große Grundgesetzbuch, das er in der Hand hielt. „Das möchte ich euch gerne erklären…" begann er.

Die Studenten setzten sich zurecht. Sie gossen sich Kaffee ein und freuten sich auf einen unterhaltsamen Vormittag mit dem Englischsprechenden Fremden.

„Der Auftritt der Union auf der internationalen Bühne lässt erkennen, ‚dass sie auf Prinzipien baut, die sie auch für die übrige Welt anstrebt!’" Er schloss das Buch und fuhr fort: „Ich habe aus Artikel III, Absatz 193 vorgelesen."

Die Studenten schauten ihn abwartend an.

„Das heißt", sprach er bedeutungsvoll weiter, während er den Mund spitzte, „dass die Union – so wie dies hier auf der Wand steht – global wirksam ist! Nicht nur politisch, wirtschaftlich, sozial und moralisch, sondern, meine jungen Freunde, auch militärisch! In dieser unruhigen Welt können wir uns darüber freuen, dass alle Mitgliedstaaten der Union ihre Vollmacht übertragen, und dass sie - falls erforderlich, - militärische Macht anwenden kann!"

Die Studenten starrten den dunkel gekleideten Straßenprediger ungläubig an. Einige unter ihnen schienen seine Rede ernst zu nehmen. Was der Prediger hier sagte, klang nicht gut in ihren Ohren…

„Deshalb, meine jungen Freunde, sind die Worte, die ihr hier auf die Wand gemalt habt, hässlich! Ihr solltet sie mit Farbe überstreichen! Könnt ihr denn nicht verstehen, dass in der üblen Welt des Terrors, in der ihr euch eine sichere Zukunft schaffen wollt, Ruhe und Ordnung herrschen muss! Wir können doch die Bombenwerfenden Terroristen nicht gewähren lassen. Wir müssen einen internationalen Polizisten haben, der uns beschützt! Deshalb sagt die globale Konstitution „ … Gerührt hielt Bauer Nielsson das Buch über seinen Kopf. „Deshalb sagt die globale Konstitution Ja zur Militärmacht!"

Die Studenten saßen schweigend da und betrachteten die vor ihnen stehende vierschrötige, schwarze Gestalt. Langsam dämmerte es ihnen, dass der Prediger gar nicht meinte, was er sagte. Ja, dass er vielleicht sogar das Gegenteil meinte! Sie rückten ihre Stühle näher beisammen, um besser hören zu können.

„Deshalb, meine Freunde", Bauer Nielsson war dabei, seine Rede zu beenden. „Deshalb müsst ihr diese hässlichen Worte von der Mauer entfernen! Ihr solltet aktiv an der Verteidigung unserer neuen Welt teilnehmen! Ja, einige von euch sollten sich zur ‚Fremdenlegion’ melden. Als Bürger in unserer großen, gemeinsamen Union müsst auch ihr euren Teil der Verantwortung übernehmen! Als Söhne und Töchter dieses wundervollen Systems"… Wieder hob Bauer Nielsson das große Grundgesetzbuch hoch, „solltet ihr bereit sein, ihre Feinde zu bekämpfen und notfalls auch euer Blut dafür zu opfern! Auf ‚ehrenvollem Schlachtfeld’ zu sterben ist nicht länger ein nationales Ziel, nein, jetzt könnt ihr dazu überall kämpfen und sterben! Übertüncht die Wand und tretet ins globale Heer ein. Ihr werdet gewinnen… und …"

Im selben Augenblick löste sich ein Schuss. Eine dünne Rauchsäule stieg aus einem der Fenster über dem Cafe auf. Das Klirren einer zerbrochenen Fensterscheibe war vom Schloss her zu hören. Schreie folgten. Menschen liefen in den Gängen des Schlosses auf den Ort zu, an dem anscheinend jemand von dem Schuss verletzt worden war. Alle im Cafe starrten zum Fenster hinauf. Es entstand Unruhe an den Tischen; keiner wusste, was weiter geschehen würde. Ein Verkehrspolizist hatte die Situation erfasst. Auch er starrte unverwandt auf das Fenster auf der ersten Etage, wo an diesem warmen Sommermorgen immer noch eine leichte, weiße Wolke Pulverrauch am schwarzen Fenstergitter hang. Im selben Augenblick dröhnte ein weiterer Schuss; er kam auch von der ersten Etage, jedoch auf der gegenüberliegenden Straßenseite! Alle Blicke waren nun dorthin gerichtet, gerade noch früh genug, um zu sehen, dass eine Hand die Fensterläden zuzog. Während der Gendarm, der auf dem offenen Platz mitten im Verkehr stand, Hilfe über ein kleines Transistorgerät herbeirief, folgten seine Augen der Richtung, in der viele ausgestreckte Arme auf das Fenster mit der geschlossenen Jalousie deuteten, der Stelle, von der der zweite Schuss gekommen war. Erst Sekunden später entdeckten die Cafegäste, dass eine blonde, junge Frau zusammengesunken und leblos neben einem umgefallenen Stuhl auf dem Bürgersteig lag. Als sich eine kleine Menschentraube um ihren Tisch gebildet hatte und entsetzt auf die rote Blutlache stierte, die auf das Steinpflaster unter ihr sickerte, wurde sie plötzlich von einem jungen Ausländer gewaltsam zur Seite gestoßen. Dieser beugte sich hastig über die hübsche, junge Frau, die ausgestreckt am Boden lag. Der junge Mann sah die um ihn herum versammelte, schweigende Schar verzweifelt an, außerstande auch nur ein Wort hervorzubringen. Während er sich verzagt nach Hilfe umsah, ertönten die Sirenen der Krankenwagen, die über den Platz gejagt kamen. Einer hielt vor dem Cafe an, ein zweiter fuhr zum Schloss hoch. Die zwei Schüsse hatten offensichtlich beide ihr Ziel nicht verfehlt.

Nachdem man die junge Frau auf dem Cafebürgersteig vorsichtig auf eine Bahre gelegt und in die Ambulanz geschoben hatte, war sie zusammen mit dem jungen Mann als Begleitung davongerast. Die Zurückgebliebenen sahen einander schweigend an. Alle drehten sich nach Bauer Nielsson um, der mit seinem großen Grundgesetzbuch unter dem Arm wie gelähmt dastand.

„Da könnt ihr selbst sehen", seufzte er, „wir leben in einer Welt des Terrors und des Mordes! Niemand kann sich mehr sicher fühlen! Überall und zu jeder Zeit kann ein jeder von uns von einer tödlichen Kugel getroffen werden. Es ist an der Zeit, dass dies ein Ende hat…"

Er stellte sich vor die Graffitiwand und rief ganz plötzlich laut aus: „Kann diese globale Konstitution uns retten? Hat ein neuer, militärischer Superstaat die Antwort auf dieses ganze Unglück…?"

Bauer Nielsson betrachtete bewegt die Blutlache auf dem Bürgersteig. Die Studenten versammelten sich schweigend um ihn. Sie hatten bemerkt, dass der schwarz gekleidete Straßenprediger nicht mehr mit der gleichen Autorität sprach wie zuvor. In seinen Äußerungen lag nun etwas anderes; seine Worte waren nicht mehr als Behauptung formuliert, sondern als Fragen… Sie zogen ihn mit sich an einen Tisch.

Doch schon bald wurden sie von der Polizei weggeschickt, weil diese den Bereich absperren wollte. Blaue Blinklichter füllten die Straße. Die jungen Leute wollten Bauer Nielsson nicht gehen lassen. Widerstrebend ging er mit ihnen. Eine Weile stand er still und horchte auf das Martinshorn des Krankenwagens, das in Richtung Stadtkrankenhaus davonraste. „Aber die hübsche, junge Dame ist sie tot?" fragte er die Studenten.

…" und dort drüben beim Schloss wurde auch ein Mensch von der Kugel getroffen. Ob diese Schüsse tödlich waren? Was ist bloß geschehen?"

Die jungen Studenten führten ihren fremden Freund die geschlängelte Straße hinunter. Unterwegs mussten sie ihn trösten.

„Was ist denn nur geschehen?" fragte er aufs Neue. „Das Blut auf dem Bürgersteig und die Schreie vom Palast? Ist die Stadt voller Mörder? Ist die junge Frau tot?"