DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 49

Als Ibrahim Saad in einem Taxi saß, das sich in dem dichten, chaotischen Verkehr Roms nur langsam fortbewegte, versank er – wie so oft – in tiefe Gedanken, während das hektische Straßenlebens wie ein Film an ihm vorbeirauschte.

Er dachte an die Person, die er in seinen Gedanken ‚Den wahren Imam’ nannte.

„Der großen Menge unbekannt", murmelte er. Einen Augenblick lang nahm er die Scharen draußen vor seinem Taxifenster wahr. „Sie kennen den Weg zu ihrem eigenen Glück nicht", fuhr er in seiner inneren Gedankenwelt fort. „Sie wissen nicht einmal, was das arabische Wort ‚Imam’ bedeutet…"

Er lehnte sich zurück und fragte den Taxifahrer: „Wissen Sie, was ‚Imam’ bedeutet?"

„Imam?" sagte der Taxichauffeur und machte sein Radio leiser. „Nein, die Adresse kenne ich nicht!"

„Das ist keine Adresse!" Der Professor war irritiert. „Es ist eine Person!"

„Eine Person? Nein, kenne ich nicht. Wie ist sein Nachnahme?"

„Idiot!" flüsterte der Ägypter. Dann lehnte er sich wieder nach vorn und sagte dozierend: „Ein Imam ist das Haupt der muslimischen Gemeinschaft, die sich ‚Umma’ nennt…"

„Jawohl", antwortete der Taxifahrer. Er schaute nervös in den Spiegel, um sich seinen Fahrgast genauer anzusehen. Gleichzeitig drehte er das Radio wieder lauter, um seinem Fahrgast anzudeuten, dass er das Gespräch für beendet ansah.

„’Der wahre Imam’ ist der Frömmste in der Gemeinde", fuhr der Ägypter an sich selbst gewandt fort. „Ihm muss der Weg bereitet werden… sowohl geistlich als auch politisch. Die Spaltung, die bis auf die erste Kalifenzeit zurückgeht, ist vorbei! Es ist nun nicht mehr in erster Linie der Krummsäbel! Wir haben nämlich eine stärkere Waffe: Schlauheit und ein Netzwerk von Informationen… was auch unter anderem der Grund dafür ist, dass ich über den um 14.05 eintreffenden Besuch Bescheid weiß … in der Flughafenkapelle!"

„Hier ist der Eingang zur Flughafenkapelle", belehrte ihn der Taxifahrer; … den Gang entlang und dann nach rechts! Es ist ausgeschildert. Auf der Kapellentür hängt ein Kreuz!"

„Ein Kreuz?" Ibrahim Saad erschauderte.

„Ja", antwortete der Taxichauffeur triumphierend. „Ein Kreuz! Sie befinden sich hier nicht in Saudi Arabien, mein Freund!" Als der Fahrer andere Taxen auf den Parkplatz fahren sah, hatte er Mut bekommen.

„Wen erwarten Sie denn in der Kapelle?"

„Eine Leiche!" antwortete der Ägypter, dem die italienische Unverfrorenheit missfiel. Er sah einen geeigneten Anlass, dem frechen Taxifahrer einen gewaltigen Schrecken einzujagen!

„Eine Leiche?" Der Chauffeur machte große Augen. Er sah sich entsetzt um und bemerkte zu seiner Erleichterung, dass bewaffnete Sicherheitsbeamte den Eingang bewachten.

„Na so was, Sie wollen also eine Leiche abholen? Soll ich warten?"

„Nicht notwendig! Sie haben schon genug damit zu tun, auf sich selbst aufzupassen!" In Zeitlupe steckte der Ägypter seine rechte Hand in die Innentasche, nahm langsam, während er den Chauffeur nicht aus den Augen ließ… eine schwarze Brieftasche heraus… und bezahlte! Der Fahrer nahm das Geld und sprang in seinen Wagen. Er drehte das Fenster herunter und rief: „Den Gang entlang und rechts. Auf der Tür hängt ein Kreuz!"

*

Der große ‚Vogel’ landete auf die Minute genau …

Um 14.05 kam die SAS-Maschine von Kopenhagen mit direkter Verbindung nach Rom an. Während das Silber glänzende Flugzeug mit der mächtigen, vibrierenden Spannweite langsam auf die Ankunftshalle zurollte, besprachen Jack, Jan und Kaiser Wilhelm die weitere Vorgehensweise…

„Es kommen zwei Busse, um uns zum Hauptgebäude zu bringen", erklärte Jan, „bleibt so lange sitzen wie’s geht. Dann können wir mit dem letzten Bus fahren und haben Gelegenheit zu beobachten, ob ein nussbrauner Holzsarg zusammen mit dem Gepäck entladen wird…"

Alle sechs Personen in der kleinen Gesellschaftsrunde blieben sitzen bis die letzten Passagiere das Flugzeug verlassen hatten. Die drei Damen saßen auf der einen Seite, immer noch mit einer etwas reservierten Haltung; sie ließen durchblicken, dass sie nicht ganz mit ihren Ehemännern einverstanden waren, was ihr Misstrauen gegenüber dem freundlichen Kapitän angelangte. Außerdem war es nicht nach ihrem Geschmack, einem Sarg mit einem unbekannten, verstorbenen, norwegischen Touristen zu folgen.

„Dort ist er!" rief Kaiser Wilhelm aus und zeigte aus dem Kabinenfenster. Jan und Jack gingen zwischen den Sitzreihen zu einem anderen Fenster. Richtig, dort unten auf dem Asphalt zwischen den weißen Markierungsstreifen und der Phosphorleuchtenden Arbeitskleidung stand ein nussbrauner Sarg. Seine goldenen Nägel leuchteten in der Sonne.

„Kommt", sagte Jack, „wir gehen zur Ankunftshalle, um etwas zu trinken; in einer halben oder dreiviertel Stunde wird der Sarg in der Kapelle eintreffen, dann können wir zur Handlung schreiten…"

Die Stewardessen verabschiedeten sich freundlich lächelnd am Eingang. Die kleine Gesellschaft begab sich zur Gepäckausgabe und zur Ankunftshalle. Eine Stunde später standen sie vor der Flughafenkapelle.

„Gehören Sie auch zur Familie?" fragte ein älterer Küster, der die kleine Gruppe andachtsvoll in den schwach erleuchteten Raum führte. Feierlich zündete er ein paar Kerzen an und zog einen dunklen Vorhang zur Seite. Lautlos glitt die mit goldenen Ringen auf einer Mahagonistange befestigte, dunkle Gardine zur Seite.

„Warum fragen Sie? Waren auch schon andere Familienmitglieder hier, um den Toten zu sehen?" flüsterte Jack.

„Ja, gerade war ein ägyptisch aussehender Herr hier, der die ganze Zeit am Sarg geweint hat. Er bat mich, ihn zu öffnen, damit er ein letztes Mal Abschied nehmen konnte."

„Und Sie haben ihm den Sarg geöffnet?"

„Natürlich; das tun wir immer, wenn es gewünscht wird, außer, wenn es sich um Menschen handelt, die durch ein Unglück entstellt worden sind!"

„Und was geschah sonst noch?"

„Der ägyptische Herr wünschte einen Augenblick mit dem Toten allein zu sein. Das respektieren wir natürlich. So habe ich den Vorhang vorgezogen…"

Der Küster demonstrierte, wie man durch diese dunkle Gardine mit Leichtigkeit einen getrennten Raum schaffen konnte.

„Es handelt sich in diesem Fall nur um einen Verwandten des Toten… dieser Offizier und Leutnant der EU-Wüstentruppen…" Er schob Kaiser Wilhelm zum Vorhang, während die übrige Gesellschaft mit gebeugten Köpfen die Kapelle verließ.

„Vielleicht wünscht der Herr Leutnant auch mit dem Toten allein zu sein?"

„Ja, bitte!" Kaiser Wilhelm zog seine Uniformjacke zurecht.

„Wer von Ihren Verwandten ist es denn, der durch solch tragische Umstände ums Leben gekommen?"

Kaiser Wilhelm räusperte sich und zupfte wieder an seiner Uniformjacke. Er blieb ihm die Antwort schuldig. Der in Schwarz gekleidete Mann betrachtete ihn mitleidig. Der Wüstenoffizier schien zutiefst erschüttert, deshalb wartete der Kirchendiener geduldig darauf, dass sich der Leutnant wieder gefasst hatte. Aus unerklärlichem Grund wartete er immer noch auf eine Antwort… sodass Kaiser Wilhelm schließlich mit unsicherer Stimme flüsterte:

„Meine Mutter!"

„Na so was, Ihre Mutter!" Der Kirchendiener ging eilig hinter den Vorhang und öffnete den Sarg.

Als Kaiser Wilhelm hinter den Vorhang ging und in dem flackernden, von Kerzen beleuchteten Raum stand, richtete er seinen Blick sogleich aufs Fußende. Die Aktentasche war verschwunden! Er ließ seinen Blick über das weiße Leichentuch des Toten gleiten. Dann trat er näher heran und starrte in das bleiche, mit einem schneeweißen Tuch umbundene Gesicht. Der Kopf ruhte auf einem kleinen Kissen. Die Augen waren geschlossen. Ein kaum merkbares Lächeln umspielte den Mund. Der Kopf war der eines Mannes.

Der Schwarzgekleidete hinter ihm bemerkte trocken: „Ihre Mutter?"

Kaiser Wilhelm wandte sich entsetzt um. „Das muss ein Irrtum sein", stammelte er.

„Zweifellos!" antwortete der Bedienstete freundlich. „Das meinte der ägyptische Herr auch. Deshalb nahm er einige Dokumente mit, die sich im Sarg in einer braunen Ledertasche befanden. Er wollte der Sache auf den Grund zu gehen!"

„So, so!" Kaiser Wilhelm nahm den kleinen Namenszettel, der vom Deckel entfernt und in den Sarg gelegt worden, war. „Hier ist ein Namensschild mit einer ganz anderen Adresse; dieser Sarg hätte niemals nach Rom gebracht werden dürfen!"

Der Küster untersuchte das Namensschild. „Das stimmt!" antwortete er kopfschüttelnd. „Dieser Sarg gehört gar nicht hierher. Das werde ich gleich in Ordnung bringen!"

„… und meine Mutter?" fragte der Kaiser mit gespielter Verzweiflung. „Wo ist meine Mutter?"

„… nicht leicht zu sagen!" erklärte der Kirchendiener; „sie ist vielleicht jetzt auf dem Weg nach Peking!"

„Nach Peking?" Der Wüstenoffizier schien einem Zusammenbruch nahe zu sein.

Der Küster zeigte nun keinerlei Mitgefühl mehr, denn diese Angelegenheit gehörte nicht länger in seinen Aufgabenbereich. Es sah keinen Grund, warum er über eine Fehlexpedition Tränen vergießen sollte. Er schraubte den Deckel wieder auf den Sarg.

„Ja, oder Damaskus!" sagte er kalt.

„Damaskus! Meine Mutter! Das kann doch nicht wahr sein! Unmöglich!" Der Kaiser verbarg sein Gesicht in den Händen.

„Alles ist möglich. Sie müssen sich an den Schalter auf der ersten Etage wenden… den, der für ‚verschwundene Gegenstände zuständig ist."

„Verschwundene Gegenstände? Meine Mutter?"

„Ja, nehmen Sie das Namensschild mit und erklären Sie ihnen alles; dort oben in der ersten Etage."

„Niemals!" antwortete der Leutnant entschlossen. Er gab dem überraschten Kirchendiener das Namensschild zurück. „Niemals werde ich Ihnen erlauben, meine Mutter wie einen ‚verlorenen Gegenstand’ zu behandeln." Er stellte sich drohend vor den Schwarzgekleideten, der erschrocken zurückwich. Dieser wusste aus Erfahrung, dass Leute, die von großem Kummer überwältigt werden, nicht immer zurechnungsfähig sind, und deshalb gewalttätig werden können.

„Wie können Sie es wagen, meine Mutter einen ‚verschwundenen Gegenstand’ zu nennen!" Der Offizier zeigte sich furchtbar erregt; sicher war er auch bewaffnet…

„Nein, nein, natürlich nicht! Es ist nur die Abteilung, an die man sich wenden soll, die wird verrückterweise so genannt, aber ich werde das schon für Sie in Ordnung bringen."

Er nahm das Namensschild und legte es sorgfältig in seine Brieftasche. „Ich kümmere mich drum", wiederholte er beruhigend.

Der Offizier beherrschte sich. Er beobachtete, wie der Küster die Kerzen auslöschte und den Vorhang zur Seite zog. Gemeinsam verließen sie den Raum. Draußen begegneten sie ‚dem Rest der Familie’. Alle starrten auf Kaiser Wilhelms leere Hände: Er hatte die Aktentasche nicht dabei…

*

Der ägyptische Soziologieprofessor hatte es sich im Zug nach Urbino bequem gemacht. Es war ein angenehmer Waggon. Die Gemeinschaftsabteile waren mit hellen, weichen Sitzen ausgestattet. Außerdem gab es einen Speisewagen. Eine halbe Stunde nach Abreise ging der Professor ins Zugrestaurant. Er setzte sich an einen der fein gedeckten Tische. Der Kellner kam gleich und überreichte ihm die Speisekarte. Das Restaurant war bereits gut gefüllt. Als eine kleine Gesellschaft von sechs Personen eintrat, wurden zwei von ihnen gebeten, sich an den Nachbartisch zu setzen, während die Vier am Tisch des Ägypters Platz nahmen. Kaiser Wilhelm und Sara saßen allein an einem kleinen Tisch, Jack und Ursula sowie Jan und Antoinette saßen neben bzw. gegenüber von Ibrahim Saad. Die Vier sahen den Ägypter prüfend an; es schien, als ob sie ihn schon einmal gesehen hätten. Der Professor tat, als sei er mit dem Lesen von Dokumenten beschäftigt, die er einer alten Aktentasche entnommen hatte. In Wirklichkeit aber behielt er die Neuankömmlinge im Auge, die allem Anschein nach die Speisekarte studierten. Auch er meinte, sie schon einmal gesehen zu haben. Aber das war gewiss schon ein Weilchen her. Vielleicht in Babylon? Er konnte sich nicht mehr erinnern …

Aufgrund der vielen Restaurantgäste, sowie der Tatsache, dass sie nur von einem Kellner bedient wurden, dauerte es eine Weile, bis das bestellte Essen auf dem Tisch stand. Die italienische Landschaft mit kleinen Ansammlungen von Häusern, die großen Fenster und grünfarbigen Fensterläden, flogen vorbei. Hin und wieder fuhr der Zug über einen Eisenbahnübergang, dann rauschten die Lichter der Eisenbahnschranke und das Geläute an ihnen vorbei. Der Tag neigte sich seinem Ende zu; die Sonne stand schon tief am Himmel. Der Professor nahm ein Buch mit dem deutschen Titel: ‚Das Handbuch der politischen Ideen’ zur Hand. Die sechs neu eingetroffenen Gäste saßen schweigend da. Mit verborgenem Interesse behielten sie alle die Aktenmappe ihres Mitreisenden im Auge. Kaiser Wilhelm sah Jan und Jack fragend an. Sie nickten ihm unauffällig zu. Kaiser Wilhelm lehnte sich vertraulich zum Ägypter herüber und begann: Es tut mir wirklich leid, ich meine wegen Ihrer Mutter!"

Ibrahim Nasser Saad sah von seinem Buch auf und antwortete überrascht: „Wegen meiner Mutter?"

„Ja, ich habe erfahren, dass Sie großen Kummer haben. Sie hatten erwartet, dass Ihre vor kurzem verstorbene Mutter in einem Sarg zur Flughafenkappelle nach Rom gebracht würde, dass sich aber das Ganze nun als ein Irrtum erwiesen hat."

„Ein Irrtum? Was meinen Sie? Worüber sprechen Sie überhaupt?"

„Es tut mir leid, dass man Sie einer solchen Behandlung ausgesetzt hat." Kaiser Wilhelm sprach mit tiefem Mitgefühl. „Stellen Sie sich vor, als Sie in der Flughafenkapelle in dem abgetrennten Raum hinter dem Vorhang von Ihrer geliebten Mutter Abschied nehmen wollten, und der Küster den Sargdeckel öffnete, hatten sie nicht Ihre Mutter vor sich, sondern einen Fremden; ein älterer Mann lag in dem Sarg…"

Der Ägypter stierte die Gäste an seinem Tisch ungläubig an. Sie betrachteten ihn alle mit einem mitfühlenden Lächeln. Er sah ein, dass es keinen Sinn hatte, seinen Besuch in der Kapelle zu leugnen. „Ja", seufzte er, „das war schwer. Zuerst seine geliebte Mutter zu verlieren und dann zu erleben, dass sie auf dem Weg, wer weiß wohin ist!"

„Aber das wissen wir", fuhr der Kaiser mit sichtbarer Rührung fort.

„Sie wissen, wo sich meine verstorbene Mutter befindet? Sie wissen, wo der verschwundene Sarg ist?"

„Ja! nickte der Kaiser.

Der Ägypter sah die übrigen Passagiere in der kleinen Gesellschaft an seinem Tisch fragend an.

„Jeder von ihnen weiß darüber Bescheid?"

„Ja!" nickten alle betrübt. „Wir alle wissen, wo sie ist!"

„Woher wollen Sie denn das wissen?" Ibrahim Saads Stimme klang gereizt. Er witterte Unrat! Plötzlich erkannte er auch die Gesichter wieder. Ja natürlich, er war ihnen in Babylon begegnet! Die beiden jungen Männer! Das seltsame Happening mit ‚der Schrift an der Wand’. Das Gipfeltreffen. Die entsetzten Konferenzteilnehmer. Der Tanzboden. Die junge Frau. Die hängenden Gärten. Etwas mit einem babylonischen Sicherheitschef…"

Der Kellner kam und brachte die Speisen. Sorgfältig verteilte er die bestellten Gerichte an die jeweiligen Personen. Dazu schenkte er schenkte Wein und ‚soft Drinks’ ein, überreichte dem Professor eine Rechnung und eine zweite an Jan. Währenddessen sah Ibrahim Saad vor seinem inneren Auge die Prozessionsstraße in Babylon, den Babelturm – und eine flüchtende Menschenmenge! Jetzt war er ganz sicher, wen er da als Tischgäste vor sich hatte…

„So, so, Sie wissen also alle, wohin meine geliebte, verstorbene Mutter nun gebracht wird?" Der Professor nahm den Faden der unterbrochenen Unterhaltung wieder auf. Er legte vorsichtig seine Hand auf die Ledertasche. Alle merkten, dass er sich nun auch an dem Rollenspiel beteiligte. Obwohl sie über ‚den verschwunden Sarg’ sprachen, drehte sich in Wirklichkeit alles um die braune Aktentasche.

„Ja, der Küster hat dies angedeutet!" Kaiser Wilhelm betrachtete noch immer seinen Mitreisenden mit vorgeheucheltem Mitgefühl. „Zwei mögliche Bestimmungsorte kamen dabei für ihn in Betracht…"

„Oh, nein; das darf nicht wahr sein! Wohin bringt man denn nur den entseelten Leib meiner Mutter?"

„Nach Peking! Oder nach Damaskus!"

„Hat das der Küster gesagt?" Der Professor war gerührt.

„Ja, das sagte er. Peking oder Damaskus!"

Ibrahim Saad vergrub den Kopf in seine Hände. „Peking! Oder Damaskus", wiederholte er verzweifelt. „Was soll ich denn nur machen?"

„Haben Sie sich im Flughafen an das Büro für ‚verschwundene Gegenstände’ gewandt?"

„Verschwundene Gegenstände? Nein! Ich habe mich nicht an das Büro für ‚verschwundene Gegenstände gewandt!" Die Stimme des Professors klang verärgert. Wie konnte man nur solch einen Ausdruck verwenden, wenn man über seine verstorbene Mutter sprach?

„Ja, Sie haben aber doch die Unterlagen an sich genommen, die im Sarg lagen, um die Sache in Ordnung zu bringen? Sie lagen in einer braunen Aktentasche. Es ist sicher die Ledertasche, die hier steht." Kaiser Wilhelm beugte sich schnell über den Tisch und griff nach der Mappe…

Der Professor betrachtete verbittert die drei jungen Paare, die sich das Essen schmecken ließen, das ihnen gerade serviert worden war. Er überlegte einen Augenblick. Dann erhob er sich mit einem Satz: „Diebstahl!" rief er. „Ich bin bestohlen worden!"

Der Kellner kam herbeigeeilt.

„Diese jungen Leute haben mir meine Tasche gestohlen", erklärte der Ägypter. „Rufen Sie die Polizei!" Mehrere Restaurantgäste standen auf; sie kamen drohend auf Kaiser Wilhelm zu, der die braune Aktentasche auf seinem Schoß liegen hatte. Der Kellner nahm sein Handy und rief den Zugführer an.