DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 48

Es war ein merkwürdiges Paar, das langsam durch die Räume des Hauses in der Jodenbreestraat Nr.4 in Amsterdam schlenderte.

„Rembrandt van Rijn war kein Jude", betonte Professor Fruchtenbaum, als er mit seinem Gast am Arm den nächsten Raum betrat. „Sein protestantischer Glaube ist überall auf der Welt bekannt, aber wer hat nicht von der Sympathie gehört, die der berühmte holländische Maler für die Kinder Israels hegte? Diese Sympathie durchströmt sein ganzes Lebenswerk derart, dass die Leute behaupten, Rembrandt hätte eine ‚jüdische Seele’ gehabt!"

Der Mann, den der Professor durch das auf dem ‚Jüdischen Broadway’ des 17. Jahrhunderts gelegene Rembrandthaus führte, nickte zustimmend. Er tastete sich langsam weiter vor. Die ausgestellten Bilder mussten ihm erklärt werden. Der Professor musste Farben, Licht und Schatten in Worte fassen, denn der israelische Richter, Hillel Goldstein, war blind. Nach einer ergreifenden Gerichtsverhandlung in Jerusalem waren beide enge Freunde geworden…

„Wir stecken bis zu den Knien in diesem Rembrandt-Mythos", fuhr der Professor fort, als er mit leichter Hand die empfindsamen Finger Goldsteins über eines der Gemälde gleiten ließ. „Die Geschichte über Rembrandts ‚jüdische Seele’ beruht auf der Darstellung des jüdischen Typus, der immer wieder in seinen Werken auftaucht. Nicht weniger als 80 Gemälde stellen jüdische Personen da."

„Der Grund ist wohl der, dass die meisten seiner Bilder biblische Motive darstellen", wandte Goldstein ein. „Wenn Rembrandt über Abraham oder Samson erzählen will oder den Sieg der Makkabäer über die Syrer beschreibt, dann gebraucht er jüdische Modelle. Seine Seele wird nicht durch den Umstand jüdischer, dass er von jüdischen Gestalten umgeben ist. Denk daran, dass Amsterdam im Jahre 1648 ‚das neue Jerusalem’ genannt wurde."

„Du hast Recht, doch gibt es noch andere Umstände, die du mit in Betracht ziehen solltest! Dies hier hat nämlich mit deiner Reise nach Urbino zu tun!"

„Welche zum Beispiel?" Trotz seiner Blindheit hatte sich Goldstein einen klaren Blick bewahrt. Seine dunklen Augen leuchteten durchdringend. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man glauben, dass diese strahlenden Augen sehen konnten.

„Zum Beispiel, dass Rembrandt Protestant war", antwortete Fruchtenbaum. „Das Licht der Reformation hatte seine Seele erreicht! Entgegen der Auffassung der Katholiken, gibt es für die Protestanten keinen Unterschied im Hinblick auf die göttliche Inspiration des so genannten ‚Alten Testaments’ und dem griechischen Teil der Bibel, dem Neuen Testament …"

„Was willst du damit sagen?"

„Dass Rembrandt seine Wurzeln in den hebräischen Schriften hatte, und dass er ‚das Opfer Abrahams’ mit der gleichen Ehrfurcht malte wie ‚die Kreuzeserhebung’. Im letzteren findest du sogar ein Selbstporträt von Rembrandt. Er stellt sich selbst da als einer der Soldaten, die das Kreuz aufrichten. Das heißt, er beschreibt sich selbst als einer von denen, für die Jesus betet, als er ausruft: „ Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!"

„Du sagst, dass dieser Umstand etwas mit meiner Reise nach Urbino zu tun hat. Das verstehe ich nicht! Kannst du mir das nicht ein wenig genauer erklären?" Goldstein hatte sich auf einem der Stühle niedergelassen. „Ich bin ganz Ohr…"

„In den täglichen Gebeten, die wir auf Hebräisch ‚Siddur’ nennen, gibt es eine Reihe segensreicher Morgengebete. Sie enthalten die ‚dreizehn Glaubensprinzipien’, die du jeden Tag wiederholen sollst." Fruchtenbaum zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Hillel. In diesen frühen Morgenstunden waren sie die einzigen Museumsbesucher. Deshalb konnten die beiden Männer ungestört über Dinge reden, mit denen sie sich immer wieder auseinandersetzten. Dabei ging es hauptsächlich über das Verhältnis zwischen jüdischem und christlichem Glauben…’

„Ich wage zu behaupten", fuhr Fruchtenbaum fort, „dass vier deiner täglichen Glaubensartikel sowohl von Rembrandt als auch von dem Mann, den du an Jerusalem ausgeliefert bekommen möchtest, mit der gleichen Überzeugung ausgesprochen werden können."

„Na so was, und welche dieser dreizehn Glaubenssätze sind das?"

„Der sechste und siebte, sowie der zwölfte und dreizehnte…"

Hillel Goldsteins dunkle Augen suchten Fruchtenbaums Blick. Er ‚sah’ in das Gesicht des Professors. „Und wie lauten diese Glaubensartikel?".

„Der sechste lautet folgendermaßen: „Mit vollkommener Überzeugung glaube ich, dass die Worte aller Propheten wahr sind!"

„… und der siebte?" Goldstein lehnte sich aufmerksam zuhörend zurück.

„Der siebte lautet: „Mit vollkommener Überzeugung glaube ich, dass das prophetische Wort von Mose, unserem Lehrer, (der Friede sei mit ihm) wahr sind, und dass er der größte der Propheten war, sowohl derjenigen, die vor ihm da waren als auch die, die nach ihm kamen."

„… und weiter?" Goldstein folgte den Zitaten der vier „Glaubensartikel mit einem kaum merkbaren Lächeln.

„Der zwölfte lautet: „Mit vollkommener Überzeugung glaube ich an das Kommen des Messias, und, sollte sich seine Ankunft verzögern, werde ich täglich auf sein Kommen warten!"

„… und der letzte?"

„Der letzte und dreizehnte Glaubensartikel lautet so: „Mit vollkommener Überzeugung glaube ich, dass es eine Auferstehung von den Toten geben wird; und dass diese zu einem Zeitpunkt geschieht, den der Schöpfer sich erwählt hat, gesegnet sei Sein Name…"

„.. und du meinst", der blinde Richter erhob sich, „dass die beiden Männer, Rembrandt aus dem 17. Jahrhundert, in dessen Haus wir uns nun befinden, und der Däne, John Williams Andersen, der des Terroranschlags in Kopenhagen bezichtigt wird, vier jüdische Glaubensartikel mit der gleichen Überzeugung wie ich vortragen können?"

„Ja!"

„Wie ist das möglich? Zwischen ihnen liegen fünf Jahrhunderte. Sie sind durch Grenzen, Geschichte und Tradition voneinander getrennt!"

„Weil sie beide (wie man so schön sagt): ‚eine jüdische Seele’ haben."

„…und was soll das heißen?" Richter Goldstein stellte seinem Freund diese Fragen so als ob er auf dem Richterstuhl säße und der Gefragte auf der Anklagebank.

„Sie sind beide Protestanten und deshalb sind sie beide in der Thora, den Königen und Propheten verwurzelt. Durch Calvin hat Rembrandt eine gründliche Belehrung über die ersten acht Kapitel des Römerbriefes erhalten und John Williams, der den ‚evangelischen Christen’ angehört, wurde erklärt, dass die nachfolgenden drei Kapitel mit seiner Verbundenheit mit Israel und dem jüdischen Volk zu tun haben."

„Gut!" sagte Richter Goldstein. „"Wir reisen nun beide nach Urbino. Ich brauche deine Hilfe, um den inhaftierten Dänen zu weiteren Ermittlungen nach Jerusalem ausgeliefert zu bekommen. Ich habe mir sagen lassen, dass dort auch ein ägyptischer Soziologieprofessor auftauchen wird. Er will die Auslieferung des Dänen an Babylon. Wir werden sehen, wer den Sieg davonträgt: Babylon oder Jerusalem?"

Die beiden Männer gingen langsam die Treppe herunter. „Ich möchte gerne mehr über die ‚jüdische Seele’ Rembrandts hören." Goldstein wandte sich nach Fruchtenbaum um. „Wir sind doch hier in der Jodenbreestraat Nr. 4?"

„Ja."

„Und was befindet sich neben diesem Haus?"

„Das Rembrandt Cafe."

„Gut! Lasst uns dort eine Tasse Kaffee trinken. Dann kannst du mir mehr über die ‚jüdische Seele’ der Protestanten erzählen…"

*

Das Schiff, König Harald, war auf hoher See. In der winterlichen Finsternis des Polarkreises kämpfte es sich durch einen immer stärker werdenden Schneesturm. Dunkle Wassermassen mit glitzernden Eisschollen schlugen gegen die Vorderflanke des Schiffs. Jedes Mal, wenn es über einen Wellenberg galoppierte, krachte es in dem mächtigen Stahlkasten. Jegliche Servierung im Restaurant war eingestellt; die Passagiere hatten sich alle in ihre Kajüten zurückgezogen.

Es war schwer zu sagen, ob es Tag oder Nacht war, doch zwei Gestalten schlichen sich in der Dunkelheit zum Backbord des Schiffes. Es war unmöglich, sich einander etwas zuzuflüstern. Obwohl die beiden offensichtlich nicht wünschten, Aufmerksamkeit zu erregen, mussten sie sich mit Zeichen und lauten Rufen verständigen. Ab und zu schlugen eiskalte, schäumende Wassermassen über die Reling. Als die beiden Männer an die gesuchte Kabinentür kamen, waren sie nass bis auf die Haut und durchgefroren. Sie bemühten sich, auf dem eisglatten Deck nicht auszurutschen, während sie mit aller Gewalt versuchten, die zu den Kabinen führende Tür zu öffnen. Schließlich gelang es ihnen sie soweit öffnen, dass sie eintreten konnten. Als die schwere Metalltür hinter ihnen ins Schloss fiel, standen die beiden pitschnassen, frierenden, jungen Männer einen Augenblick still, um sich zu orientieren. Im Gegensatz zu den brausenden Wellen draußen herrschte hier in dem langen, schwach erleuchten, schmalen Korridor eine eigenartig anmutende Stille. Die beiden Gestalten gingen suchend den Teppich belegten Gang entlang, bis sie zu einer Tür kamen, auf der ein Kreuz mit einer darüber hängenden, roten Glühbirne angebracht war. Sie öffneten die Tür und schlichen hinein. Nun befanden sie sich in einem eiskalten Raum, dessen gedämpfte Beleuchtung ein Hauch von Mystik hervorrief. In der Mitte standen drei Särge. Sie waren an Holzsockeln festgezurrt, sodass sie sich bei der unruhigen See nicht bewegen konnten.

Die jungen Männer lasen das auf den Särgen angebrachte Namens- und Adressenschild, nahmen schnell eins davon ab und schraubten vorsichtig den Deckel auf. Dann legten sie nicht nur das Namensschild mit der Adresse in den Sarg, sondern auch eine verschlissene, braune Aktentasche ans Fußende der Leiche. Als sie den Sarg wieder zugeschraubt hatten, setzten sie ein anderes Namensschild auf den Deckel. Darauf stand geschrieben: zur Weiterbeförderung von der Flughafenkappelle in Rom. Danach verließen die beiden Gestalten die Schiffskappelle. Sich vorsichtig an der Reling und dem Geländer festhaltend, bahnten sie sich mühsam den Weg zurück zu ihrer eigenen Kajütetür.

*

Kapitän Brobjerg sah seine Gäste traurig an. Es war ihr letzter Abend an Bord. Wie vereinbart, würden sie morgen mit einem Helikopter zum nächsten Flughafen gebracht werden. Aus diesem Grund fand ein Abschiedsessen im Restaurant statt. Der Wüstenleutnant und sein Gefolge waren wieder an den Tisch des Kapitäns geladen. Der Sturm hatte sich gelegt, und die ‚König Harald’ steuerte sicher und ruhig auf den nördlichsten Punkt der Reise zu. Die Schiffspassagiere waren bleich, jedoch gefasst. Sie hatten erlebt, was es heißt, wenn das Wasser des Nordpols ‚seine Zähne’ zeigt…

„Es tut mir leid", begann der Kapitän, „dass Sie mir nicht – obwohl ich Sie ernsthaft dazu ermutigt habe, ein einziges Mal etwas Vertrauen entgegenbringen konnten!"

„Was meinen Sie damit, Herr Kapitän?" Jack und Jan sahen von der warmen Suppe auf…

„Was ich meine? Ich meine, dass es traurig und unhöflich und gegen alle Regeln der Höflichkeit ist, dass Sie die Aktentasche in meiner Kajüte gestohlen haben. Ich hatte mir nur erlaubt, sie bis zu Ihrer Abreise in Verwahrung zu nehmen."

„Gestohlen? Es war jemand in der Kapitänskajüte und hat die braune Aktentasche gestohlen?"

„Ja, und das waren Sie!"

„Wir?" Jan und Jack zeigten entrüstet auf sich selbst und sahen den Kapitän dabei unschuldig an.

Der mexikanische Pianist ahnte neues Ungeschick am Tisch des Kapitäns. Ein glückliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er begann zu spielen, wurde jedoch sogleich vom strengen Blick des Kapitäns unterbrochen.

„… doch ich kann Ihnen versichern", fuhr der Kapitän zornig fort, „dass niemand von Ihnen diesen Tisch mit der Aktentasche oder seinem Inhalt verlässt. Sie werden – zusammen mit Ihrem Gepäck - gründlich untersucht, bevor Sie das Schiff verlassen. Sollte nur die geringste Spur der Aktenmappe oder ihrem Inhalt bei Ihnen oder Ihrem Gepäck zu finden sein, wird Ihre Reise nicht nach Rom gehen. Denn dann werden Sie an die Polizei in Kopenhagen ausgeliefert…"

„Und wenn der Kapitän weder die Mappe noch die Papiere bei uns finden?"

„Dann werde ich Sie überwachen lassen! Wenn es Ihnen gelingt dieses Schiff zu verlassen, ohne dass etwas entdeckt worden ist, dann haben Sie irgendeine Nummer gedreht! Sie haben die Mappe aus meiner Kajüte entfernt. Daran besteht nicht der geringste Zweifel!"

„Sie sollten uns doch nur ein ganz bisschen Vertrauen entgegenbringen!"

„Ausgeschlossen! Auf Sie ist kein Verlass!"

Mit diesen Worten erhob sich der Kapitän, warf die Tischserviette von sich und verließ das Schiffsrestaurant.

Der Mexikaner folgte ihm mit zufriedenem Blick. Als die Tür hinter der weißen Uniform zuschlug, sorgte er für entsprechende, musikalische Begleitung. Er wandte sich dem zentralen Tisch zu und spielte eine stimmungsvolle Melodie für die Zurückgebliebenen …

„Da könnt ihr sehen, was ihr angestellt habt!" Die drei Damen richteten sich aufgebracht an Jan und Jack. „Ihr müsst immer die Helden spielen und führt euch auf, als ob ihr die Hauptrollen in irgendeinem Aktionsfilm spielt!" Ursula sprach laut. „Der Kapitän ist ein aufrichtiger Mann; ihr solltet ihn um Verzeihung bitten… und ihn vielleicht darüber aufklären, wo sich die Aktentasche befindet! Wo ist sie denn eigentlich?"

„Sie befindet sich auf dem Weg nach Rom!"

„Wie? Auf dem Weg nach Rom? Glaubt nicht, dass ihr mit diesen Papieren durch die Kontrolle kommt."

„Das werden wir auch nicht! Wir haben weise Vorsichtsmaßnahmen getroffen!"

„Na so was! Mit uns braucht ihr aber nicht zu rechnen. Es ist peinlich genug, dass ihr uns einer Leibesvisitation aussetzt, eure Boten wollen wir aber nicht sein!" Die drei jungen Frauen standen zusammen auf.

Der Mexikaner folgte ihrem Auftritt. Seine Musik verriet, dass ein neues Drama in der Luft lag. Ergriffen warf er den Kopf zurück und suchte mit geschlossenen Augen die richtige Atmosphäre zu erfassen. Die Art und Weise, wie er mit der Schulter zuckte, zeigte, wie innerlich und mit welchem Feingefühl er dem schwarzen, blanken Flügel die Töne entlockte. Mit einem vornehmen Nicken verließen die Damen den Tisch. Kaiser Wilhelm wurde von Jack und Jan auf seinen Stuhl zurückgezogen. Mit gedämpfter Stimme weihten sie ihn in die Sache ein und vertrauten ihm dabei an, welch eine gewagte Rolle er dabei zu spielen hatte, sobald das Flugzeug in Rom gelandet war.

Keiner der drei Männer auf dem Schiff ‚König Harald’ konnte wissen, dass zur gleichen Stunde der ägyptische Soziologieprofessor Ibrahim Saad in seinem Hotelzimmer in Rom den Telefonhörer auflegte und sich einige Notizen machte. Auf einer Karte über den Flughafen in Rom versuchte er, den Standort der Flughafenkapelle ausfindig zu machen. Dann lehnte er sich zufrieden in den Sessel zurück und murmelte: „Ausgezeichnet! Meine kleinen Kaninchen haben sich ausgezeichnet verhalten!"

Er nahm wieder den Telefonhörer zur Hand und wählte die Rezeption. „Würden Sie mir bitte ein Taxi zum Flughafen besorgen? Ich muss um 14.05 dort sein. Es soll bitte genau eine Stunde vorher hier sein, damit ich nicht zu spät komme. Ich erwarte wichtige Gäste…"