DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 46

Auf der Coastal Express Linie M.S. König Harald ertönte riesiger Beifall für den Kapitän und seine fünf Gäste. Die Restaurantbesucher erhoben sich und wünschten den jungen Paaren ‚eine glückliche Hochzeitsreise’. Der mexikanische Pianist bekam wieder einen Anfall von romantischer Spiellust. Der Bericht Kapitäns war so ergreifend und spannend gewesen, dass etliche Passagiere während des Essens den Frischvermählten, die der Pflicht wegen so unter der langen Trennung hatten leiden müssen, viel Glück zu wünschen! Der Kommodore hatte auch ihren ‚heldenhaften’ Einsatz in Babylon geschildert, sowie die ‚glückliche’ Hochzeitsnacht unter dem Sternenhimmel in der Wüste (vor lauter Rührung mussten einige der Anwesenden nach Luft schnappen, als der Kapitän ausrief): „und stellen Sie sich nur vor, es war eine dreifache Hochzeit!"

Mehrere der weiblichen Gäste nahmen ihre Tischserviette zur Hilfe, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, als der Kapitän von dem schmerzlichen Abschied berichtete, der bereits am nächsten Morgen stattfand. Wieder rauschte der Beifall, als die Gäste erfuhren, dass der tapfre EU-Leutnant alles nur in seiner Macht stehende getan hatte, um die Geliebten wieder zu vereinen. Kaiser Wilhelm erhob sich und lächelte. Er erinnerte an ‚Lawrence von Arabien’ als er Sara, die hübsche Wüstentochter, an sich zog. Die Begeisterung und das Lachen wollte kein Ende nehmen, als die beiden jungen Männer verschwanden, um kurz darauf wieder in ihrer Mönchskutte zu erscheinen. Während der Mexikaner offensichtlich ganz aus dem Häuschen zu sein schien, umarmten die ‚Mönche’ ihre glücklichen, jungen Ehefrauen…

„Ich schenke Ihnen eine sechstägige Hochzeitsreise", flüsterte der Kapitän den jungen Paaren vertraulich zu. Dann kommen wir am nördlichsten Punkt unserer Route, am Nordkap, an. Hier wartet ein Helikopter auf Sie, er wird Sie an einen unbekannten Bestimmungsort bringen."

„… und die Aktenmappe?" fragte Jack.

„Die Aktenmappe übergebe ich Ihnen ungeöffnet, sobald Sie im Helikopter sitzen."

„Für wen arbeiten Sie?"

„Für die Polizeichefin Jenny Larsen in Kopenhagen. Sie ist Ihnen wohl gesonnen und tut alles in ihrer Macht stehende, um John und Virginia Williams Unschuld zu beweisen."

„Und die beiden Agenten?"

„… sind ihre Leute!"

„… der unbekannte Bestimmungsort?"

„… verbleibt unbekannt, bis der Helikopter Sie zum nächstgelegenen Flughafen mit Verbindung nach Rom gebracht hat!"

*

Die drei jungen Paare hätten sich eine solche 6tägige Hochzeitsreise niemals träumen lassen. „Dies ist ein Geschenk vom Himmel", lachte Antoinette glücklich. Sie stierte verwundert über die ‚Barentssee’, in der so viele Fischer und Forscher beim Versuch, die Nordostpassage zu umrunden, in den eiskalten Wellen umgekommen waren. Mit Entsetzen betrachteten Ursula und Sara die Eismauern, die sich Gefahren drohend an der Steuerbordseite erhoben, während sich das Schiff mit seinen 15 Knoten durch das beginnende Schneetreiben hindurchkämpfte. Alle amüsierten sich über Kaiser Wilhelm, der kaum auf den Beinen stehen konnte und vergeblich versuchte, den Kaffee nicht überschwappen zu lassen, den er Sara servierte.

„Seit der Wikingerzeit", erklärte der Kapitän, der viele heitere Stunden mit den drei jungen Paaren verbrachte, „’segeln’ wir Norweger durch diese eisigen Gewässer. In dieser Jahreszeit hält nur der Golfstrom dieses Gebiet eisfrei. Die Wikinger kannten das Geheimnis und wagten sich weit hinaus."

Beim Abendbrot erzählte der Kapitän weiter, und die jungen Hochzeitsreisegäste konnten nicht genug von seinen spannenden Geschichten hören. „Wenn wir nördlich von Trondheim sind, durchfahren wir den bezauberndsten Teil der Reise: Dort bricht dann die unendliche Nacht über uns herein. Ende des 19. Jahrhunderts gab es auf dieser Strecke nur 28 Leuchttürme, die den Weg wiesen. Kein Schiffer wagte sich in diese Winterdunkelheit hinaus. Sie werden selbst ein wenig von dem Grauen verspüren, sobald wir uns in diese eiskalte Nacht begeben, die weiter nördlich mehrere Monate im Jahr anhält."

Sara lief es kalt über den Rücken. Es gab noch viele offene Fragen. „Im Sommer war ein Brief nach Hammerfest drei Wochen unterwegs, im Winter fünf Monate. Materialien und Menschen gingen dabei unterwegs verloren… deshalb sollte sich in diesen Breitengraden niemand auf eigene Faust hineinwagen." Der Kapitän sah bedeutungsvoll zu Jack und Jan hinüber. „Diejenigen, die dieser Warnung trotzten", fuhr er, immer noch an die Beiden gewandt, fort, die sich Blicke zuwarfen, „liegen unter Schnee und Eis begraben."

„Ist wirklich kein einziger auf eigene Faust durchgekommen?" fragte Jack.

Kapitän Brobjerg betrachtete die beiden jungen Männer aufmerksam. Es war, als ob er ihre Gedanken lesen könne.

„Kapitän Richard With hat es geschafft. Er eröffnete faktisch diese Route im Jahre 1893, als er mit einem kleinen Schiff, einer geringen Besatzung, einer Stoppuhr, einem Kompass und seinem treuen Logbuch sein Ziel eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit erreichte. Doch niemand soll ihm dieses Abenteuer nachmachen!" Der Kapitän sah Jan und Jack noch einmal ernst an und fügte hinzu: „Und es gibt auch niemanden, der dies zu tun braucht! Mein Wort steht fest: Am Nordkap erwartet Sie ein Helikopter, und Sie werden alle – zusammen mit der ungeöffneten Aktentasche – zum nächsten Flughafen gebracht, von wo aus Sie weiter nach Rom fliegen!"

„Warum gerade Rom?"

„Ja, warum Rom? Fragen Sie mich nicht! Ich weiß nicht, was die Polizeichefin im Schilde führt. Ich weiß nur, dass Sie nach Rom sollen und von dort an einen unbekannten Ort…"

Der Kapitän nahm drei Pakete zur Hand. Alle waren in hübschem Geschenkpapier mit Silberband verpackt. „Jeweils ein Geschenk für die drei Damen „, sagte er galant, und legte sie vor Sara, Antoinette und Ursula hin.

„Was ist das? fragten alle drei neugierig wie aus einem Mund.

„Dies sind Ihre Logbücher", antwortete der Kapitän lächelnd.

„Logbücher? Was ist denn das?" fragte Sara. „Davon habe ich noch nie etwas gehört."

„Ein Logbuch ist so eine Art Tagebuch. Ein Schiffsjournal, in dem die wichtigsten Routen und Begebenheiten der Reise festgehalten werden; ein Logbuch trägt dazu bei, den Schiffskurs einzuhalten…"

„Ist der Herr Kapitän der Meinung, dass wir Damen mit dazu beitragen sollen, den Schiffskurs ‚festzuhalten’?" Die drei jungen Frauen packten lachend ihr Geschenk aus.

„Eigentlich bin ich dieser Meinung", antwortete Kapitän Brobjerg ernst. „Ja, ich bin sogar davon überzeugt. Sollten meine drei weiblichen Gäste nicht sorgfältig das Logbuch führen und darin Tag für Tag die Position angeben, sowie auf gefährliche Unterwasserriffe achten, dann kann diese Hochzeitsreise, so leid es mir das tut, mit einem Schiffbruch enden!"

„Was wollen Sie damit sagen?" fragte Jack bissig.

„Ich meine, dass wir immer auf der Hut sein sollten, aber dass es auch Augenblicke gibt, in denen wir dem Schiffskapitän vertrauen sollten."

„Vertrauen?"

„Ja, vertrauen!" Der Kapitän erhob sich und verließ den Tisch.

*

„Ich spüre deutlich, dass Jack und Jan unserem Kapitän kein Vertrauen entgegenbringen", schrieb Ursula in deutscher Sprache auf die erste Seite ihres neuen Schiffstagebuchs. „Sie können ihm nicht verzeihen, dass er ihnen die Aktentasche abgenommen hat, und sie meinen, dass uns eine Falle gestellt wurde. Nun sollen wir auf eine 6-tägige Hochzeitsreise bis zum äußersten Norden reisen, um von dort aus nach Rom zu fliegen… und danach an einen unbekannten Ort! Manchmal fürchte ich, dass Jack und Jan die Sache in ihre eigene Hand nehmen und versuchen werden, mit der Aktenmappe zu entkommen. Ich bin der Auffassung, dass der Kapitän ihre Gedanken gelesen hat, und dass er sie vor einem solchen Fluchtversuch warnt. ‚Schnee, Eis, Kälte und Wildnis werden Ihnen zum Verhängnis werden", hatte er hinzugefügt …"

„Alles hier ist anders als in der unendlichen Wüste", schrieb Sara in ihr neu erworbenes Tagebuch. Sie bewunderte den hübschen, bunten Umschlag und strich sanft mit ihrer Hand darüber. Auf die ersten Seite hatte sie ein Bild von Kaiser Wilhelm geklebt und darunter geschrieben: „Mein Held – und mein Herzensgeliebter!"

Niemand konnte ihr die Gedanken entreißen, die sie auf Arabisch ihrem ‚Schiffsjournal’ anvertraute. Sie schrieb nur langsam, es war fast so, als ob sie die vornehm geschwungenen Buchstaben ‚malte’. Sie saß in der eleganten Kajüte, die dem Ehepaar zur Verfügung gestellt worden war, und während sie schrieb, betrachtete sie die bergige Landschaft und die Seen, an denen sie vorbeifuhren.

„Ein Panorama, wie ich es niemals zuvor gesehen habe", fuhr sie fort. „Majestätisch und prächtig; es bringt einen dazu, an Gott zu denken. Die Zeit steht still, ich werde von Ehrfurcht ergriffen…"

„Heute ist der zweite Tag unserer Reise", schrieb Antoinette auf Französisch in ihr ‚Logbuch’. „Wir befinden uns gerade im Geiranger Ford. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich, was der Ausdruck „Fjord" bedeutet. Ein Fjord ist ein tiefblauer Ozeanteppich, umgeben von grünen Bergen und brausenden Wasserfällen, die von den Felsen herabströmen. An den Wasserfällen bilden sich in der Sonne die phantastischsten Regenbögen… die alle bezeugen, dass Gott Verheißungen schenkt! Entlang den Höhenzügen der Fjorde liegen verlassene Berghöfe. Unser guter Kapitän erzählte uns, dass einige dieser Höfe auf gefährlichen Felsabsprüngen gebaut sind, und dass die Bewohner ihre Kinder an Bäumen festbinden mussten, damit sie nicht in den Fjord stürzten…Unser galanter Kapitän erzählte uns auch, dass der letzte überhängende Berghof 1981 verlassen wurde. Der junge Bauer konnte keine Frau finden, die unter den gegebenen Umständen bei ihm wohnen wollte. Als der Kapitän hinzufügte, dass wir drei Damen seiner Meinung nach tapfer seien, weil wir es wagten, unser Dasein mit diesen ‚drei gefährlichen Abenteurern’ zu teilen, stellte ich fest, dass ihnen dieser Spaß nicht gefiel: Sie trauen dem Kapitän nicht, und das, obwohl er uns soviel Gutes erwiesen hat. Er war es doch, der uns auf diese herrliche Hochzeitsreise eingeladen hat… Übrigens", beendete Antoinette ihre Eintragungen, „hat der Kapitän mir ein einen wunderschönen ‚MP3 Soundtrack’ von Henrik Ibsens ‚Per Gynt’ geschenkt, mit der Musik von Edvard Grieg. Sie ist von der überwältigenden Landschaft inspiriert, die uns umgibt, und der Kapitän hat uns drei Damen versprochen, dass er uns Henrik Ibsens Haus zeigen wird, wenn wir im Geiranger Fjord daran vorbeikommen… Jan und Jack sind sauer", waren Antoinettes letzte Worte … „weil sich der Kapitän den Damen gegenüber sehr galant verhält. Sie hören nicht auf uns zu sagen, dass wir ihm nicht vertrauen können. Aber das ist doch wirklich Unsinn…"

Am vierten Tag lud der Kapitän seine Gäste zu sich auf die Kommandobrücke ein; doch nur die Damen in Begleitung von Kaiser Wilhelm folgten der Einladung…

„Hier sehen Sie die Lofoten", erklärte der Kapitän. Die kleine Gesellschaft stierte verblüfft auf den marineblauen Eisblock, der sich wie eine Mauer vor ihnen erhob. „Er ist 100 km lang und 800 m hoch", erklärte er, „und wir werden jetzt, (der Kapitän ergriff selbst das Steuer) durch die enge Passage bis zum Trollefjord ‚Slalom laufen’."

Die jungen Frauen starrten entsetzt auf die Eismauer, die nur wenige Meter von der Reling entfernt war. Sie hielten die Luft an, als der Kapitän das große Schiff um einige ‚Ecken’ navigierte. Sie schienen von vornherein zu eng für eine Durchfahrt zu sein.

„Dies hier ist nur möglich, weil mein 121,8 Meter langes Schiff, das 11.200 Tonnen wiegt keinen größeren Drehradius hat als Ihre Wüstenjeeps", erklärte der Kapitän.

„Was für ein tüchtiger Mann unser Kapitän doch ist", riefen Ursula, Antoinette und Sara gleichzeitig, als sie Jan und Jack im Restaurant trafen.

„Ja, er ist sehr tüchtig", antwortete Jack.

„… sehr tüchtig?" wiederholte Jan.

*

Im ersten Hafen nach den Lofoten wurden drei Särge an Bord gebracht. „Sie sollen zum nächsten Flughafen gebracht werden, um von dort aus zu verschiedenen, europäischen Zielen geflogen zu werden", erläuterte der Kapitän. „In diesem Fall hier sind es Touristen, die unter den untergehenden Strahlen der Mitternachtssonne ihren letzten Atemzug getan haben. Sie werden nun in ihr Heimatland zurückgebracht."

Jan und Jack nahmen diese Information zur Kenntnis. Sie wechselten Blicke und beobachteten, wie die Särge zu einer kleinen Kapelle am Schiffsheck gebracht wurden. Im gleichen Hafen wurden am Vordersteven des Schiffs zwei Verbrecher angebracht, die in Oslo vor Gericht gestellt werden sollten…