DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 44

Obwohl man das dänische Staatsgefängnis umgebaut und modernisiert hatte, waren die langen Gefängniskorridore immer noch eine traurige, alltägliche Wirklichkeit. Das altmodische Schlüsselrascheln war jedoch von farbigem Lichtschimmer und ‚Bip-Lauten’ ersetzt worden. Unter einer solchen ‚Light and Soundshow’ war John Williams zum Büro der Polizeiinspektorin, Jenny Larsen, geführt worden. Als der weißhaarige Gefangene eintrat, erhob sie sich überrascht von ihrem Schreibtisch. Die Polizeichefin bat den Wachtposten, den Raum zu verlassen; offensichtlich schätzte sie den Gefangenen nicht als gefährlich ein…

„Bitte nehmen Sie Platz", sagte sie freundlich. Auf einem kleinen Sofatisch standen Kaffee und Kuchen bereit. Verwundert nahm John Williams Platz; er hatte offenbar nicht mit einem solchen Empfang gerechnet. Er warf Jenny Larsen einen schnellen Blick zu, sie schien kein Misstrauen gegen ihn zu hegen. Die Polizeidirektorin lächelte. Ein offenes und wohlgemeintes Lächeln.

„Es wird Zeit, dass wir einmal miteinander reden", begann sie, ohne dass es nach einem Verhör klang. Es war ihr deutlich anzumerken, dass sie nicht die Absicht hatte, dem weißhaarigen Gast irgendwelche Informationen zu entlocken. Sie schenkte Kaffee ein und suchte nach passenden Einleitungsworten: „Ich habe seit geraumer Zeit den Wunsch gehabt, mit Ihnen zu sprechen …"

John Williams nippte an seiner warmen Kaffeetasse, während er mit einem festen, ruhigen Blick die Polizeichefin betrachtete. Das Telefon klingelte. Jenny Larsen stand auf und stellte die Verbindung ein. Sie wollte jetzt nicht gestört werden.

„Ich habe so viele Fragen, nur weiß ich nicht recht, wo ich beginnen soll", fuhr sie fort, „aber ich möchte gleich zu Anfang sagen, dass ich an Ihre Unschuld glaube!"

John Williams stellte mit immer größerer Verwunderung seine Kaffeetasse zurück. Seine Hand zitterte leicht; er ahnte, welches Gewicht einem solchen Bekenntnis beizumessen war, insbesondere im Hinblick auf die aktuellen Ermittlungen. Mit einem schwachen Lächeln lehnte er sich zurück. „Sie glauben wirklich daran, dass ich unschuldig bin?" sagte er gedämpft. „Was veranlasst Sie, an meine Unschuld zu glauben?"

„Ihre Feinde!"

„Meine Feinde?"

„Ja, die Leute, die Sie hinter Gitter sehen möchten und die Sie an den Nahen Osten ausliefern wollen!"

„Wie zum Beispiel?"

„Adolf Engels aus Jerusalem! Ich traue ihm nicht über den Weg; er vertritt fremde Interessen. Das System will Ihnen an en Kragen – doch vielleicht habe ich eine Möglichkeit, Ihnen zu helfen."

„Und Virginia?" John Williams beugte sich vor. „Wie geht es Virginia?"

„Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Ich kümmere mich persönlich darum, dass ihr kein Leid angetan wird!" Jenny Larsen erhob sich und holte einige Schriften von ihrem Schreibtisch.

„In 11 Tagen sollen Sie vor Gericht gestellt werden", fuhr sie fort, „und ich möchte gerne mit Ihnen über Ihre Verteidigung sprechen. Ich sehe, dass Sie keinen professionellen Rechtsbeistand wünschen. Glauben Sie, dass dies klug ist?"

„Ja, das glaube ich. Ich kann selbst für mich eintreten. Expertenwissen hinsichtlich Gesetze und Paragraphen können mich nicht aus dieser Situation retten. Im Übrigen glaube ich an Jesu Worte, dass Sein guter Heiliger Geist mir eingeben wird, was ich sagen soll, wenn ich vor dem Richter stehe. Ja, Er sagt, dass ich nicht einmal darüber spekulieren soll, es soll mir zur rechten Stunde gegeben werden. Einen besseren Rechtsbeistand kann ich gar nicht wünschen!"

Die Polizeichefin lächelte. „Diese Antwort habe ich erwartet, doch was für Beweismaterial haben Sie?"

„Keins!"

„Ausgezeichnet! Darüber wollte ich Sie unter anderem mit ihnen sprechen!" Jenny Larsen schenkte mehr Kaffee ein. Der formelle Ton zwischen dem Gefangenen und der Polizeichefin war verschwunden. Das Lächeln, mit dem sie einander begegneten, war warm und vertraulich geworden. Von John Williams etwas steifer Fasson war nichts mehr zu merken. Jenny Larsens Suchen nach rechten Worten hatte auch aufgehört.

„Ihr Beweismaterial befindet sich im Augenblick auf der Expressroute Coastal Express, M.S. König Harold, die in drei Tagen in den norwegischen Städte Trondheim und Hammerfest einläuft. Nach weiteren drei Tagen wird das Schiff an der norwegisch-russischen Grenze bei Kirkenes eintreffen. Das Beweismaterial liegt in einer alten Aktentasche, die Ihrem schlimmsten Feind, dem Sicherheitschef Adolf Engels gehört. Sie ist gestern Abend unter den merkwürdigsten Umständen in die Hände meiner Leute gelangt, d.h. zweier Agenten, die ich persönlich auf diese Reise geschickt habe.

„Unter den merkwürdigsten Umständen?" fragte John Williams. „Was soll das heißen?"

„… das ist eine längere Geschichte", erklärte Jenny Larsen. „Die verschlissene Ledermappe hat sich sogar kurze Zeit in meinem Büro aufgehalten. Ihr Erzfeind, Adolf Engels, hat auf Ihrem Stuhl da gesessen. Hier hat er triumphierend ‚die blutige Notiz’ in seine Ledertasche gelegt. Er meint nämlich, dass in diesen letzten Worten des ermordeten EU-Präsidenten ein gültiger Beweis gegen Sie vorliegt! ‚Nehmen Sie sich vor dem Wüstenvolk in Acht" hieß es auf dem roten Stück Papier."

Jenny Larsen erhob sich und zog bedauernd die Schultern hoch. „Ich habe versucht, ihm im Kopenhagener Flughafen bei seiner Abreise diese Aktentasche zu entwenden, doch da gab es noch andere Leute, die gewiefter waren als wir; sie machten sich mit der Ledermappe auf und davon!"

„Wo befindet sich denn nun ‚die blutige Notiz?" John Williams sah die Polizeichefin bekümmert an. „Wer hat die Aktentasche?"

„Die haben wir!" antwortete Jenny Larsen freudestrahlend. „Gestern habe ich dieses Telegramm vom Schiff König Harald bekommen." Sie legte dem weißhaarigen Gefangenen das Telegramm vor. Dieser las: „Die Mappe von Engels in unseren Händen!"

„… und die merkwürdigen Umstände?"

„Kenne ich nicht im Einzelnen. Ich weiß nur soviel, dass sie sich im Besitz von zwei als Mönche verkleidete Männer befand; sie waren im Gefolge eines in der israelischen Wüste stationierten EU-Leutnants und dreier Damen…"

„Kaiser Wilhelm, Sara, Ursula und Antoinette!" John Williams wandte sich lächelnd an die Polizeichefin: „Und zwei Mönche, sagten Sie?"

„Ja, zwei Mönche mit Leibriemen und barfuss in Sandalen; die Aktenmappe befand sich in ihrem Besitz…"

„Jan und Jack", lachte John Williams leise. „Was haben Sie sich da nur ausgedacht?"

„Das ist nicht leicht herauszufinden; sie sind immer noch der Meinung, dass man ihnen nicht wohl gesonnen ist und dass sie beschattet werden; möglicherweise unternehmen sie den Versuch, die Aktentasche zurückzubekommen! Sie wissen nicht, dass wir dieses Beweismaterial sichergestellt haben, um es rechtzeitig zum Gerichtstermin in 11 Tagen vorlegen zu können. Es ist wichtig, dass die Beiden sich jetzt ruhig verhalten. Sie müssen mit ihnen reden!"

„Ich? Mit ihnen reden? Wie könnte ich das bewerkstelligen?"

Jenny Larsen schob John Williams ein Telefon hin. „Die jungen Männer kennen Ihre Stimme! Sie werden in diesem Augenblick ans Telefon gerufen. Sagen Sie ihnen, dass sie sich unter Freunden befinden!"

Der Gefangene nahm zögernd den Telefonhörer zur Hand. Einen Augenblick lang betrachtete er die Polizeichefin, die ihm ermutigend zulächelte. Er begriff, dass sein Vertrauen auf den Prüfstand gestellt wurde: Eine falsche Botschaft an seine Freunde auf der König Harald würde nicht nur sie in Gefahr bringen, sondern könnten auch die Bemühungen um seine eigene Freilassung zunichte machen. Was sollte er tun?

John Williams saß eine Weile gedankenverloren da, mit dem Telefonhörer in der Hand. Dann sprach er: „Hallo! Ist dort Jan Apostolou? Gut! Hier spricht John Williams. Du kennst meine Stimme recht gut! Dies ist der Beweis, dass ich es bin, der mit dir spricht. Gut! Bevor ihr das Camp verlassen habt, gaben wir gemeinsam einem durstigen, verirrten Kamel 85 Liter Wasser zu trinken. Es hatte sich das rechte Vorderbein gebrochen. Wir dachten daran, es operieren zu lassen. Der Beduine wollte jedoch 500 israelische Shekel für das Kamel haben… Also, jetzt weißt du, dass ich es bin, John Williams. Ich habe eine Botschaft an euch: Ihr befindet euch unter Freunden! Versucht nicht, die Ledermappe zurückzuerlangen!"

John Williams legte den Hörer auf. Er reichte Jenny Larsen die Hand. „Danke", sagte er und erhob sich langsam, um anzudeuten, dass er das Gespräch für beendet ansah.

„Bleiben Sie sitzen!" bat sie, während sie ihm leicht die Hand auf die Schulter legte, „Sie sollen mir noch erklären, warum Adolf Engels Ihr Feind ist! Was haben Sie ihm angetan?"

„Nichts!"

„Welche Motive stecken hinter seiner Verfolgung?"

„Das weiß keiner! Nicht einmal er selbst!"

„Ja, aber.." Jenny Larsens polizeiliche Ausbildung verlangte nach etwas Konkreterem. „Irgendetwas muss doch dahinter stecken. Was ist es?"

John Williams betrachtete sie gedankenvoll. „Sie werden meine Antwort wohl kaum akzeptieren", antwortete er. „Doch wenn Sie darauf bestehen, kann ich Ihnen eine Antwort geben!"

„Ich bestehe darauf!"

„Der Teufel! Der Teufel steckt hinter diesem Hass. Deshalb ist keine weitere Begründung notwendig; er kommt aus dem Abgrund…"

„Aus dem Abgrund?" Jenny Larsen war fassungslos. „Der Teufel? Sie meinen einen richtigen, lebendigen, persönlichen Teufel… mit Hörnern?"

„Einen wirklichen, quicklebendigen, persönlichen Teufel, der Satan genannt wird… doch ohne Hörner!"

„Ohne Hörner?"

„Ja, ohne Hörner! Er ist ein mächtiger, vornehmer und böser Geistesfürst. An einer Stelle in der Bibel wird er als ‚Herrscher über das Luftreich’ bezeichnet. Es wird berichtet, dass der Erzengel Michael eines Tages gegen ihn kämpfte. Dabei hatte er dermaßen Respekt vor dieser Furcht einflössenden Erscheinung, dass er es nicht wagte, ein einziges unüberlegtes Wort auszusprechen. Er sagte nur einen Satz…"

„Und der war?" Die Polizeidirektorin begann mit neu geweckten Interesse Fragen zu stellen.

„Der Erzengel sagte nur: ‚Der Herr strafe dich!’"

„Warum hat der Teufel einen solchen Zorn auf Sie?"

Weil ich einen Brief mit mir herumtrage, den ich so schnell wie möglich abliefern soll.

„Einen Brief, den Sie nicht abliefern können? Was ist dies für ein Brief?"

„Ein Brief an die Juden!"

„… noch nie davon gehört!"

„Nicht?" John Williams sah seine uniformierte Gastgeberin prüfend an. „Haben Sie schon einmal das Neue Testament gelesen?"

„Ja."

„Dann wissen Sie auch, dass es darin einen Brief an die Römer gibt?

„Ja!"

„Und einen Brief an die Korinther und Efeser und an die Galater?"

„Ja."

„Ebenso gibt es auch einen Brief an die Hebräer!"

„Ja!"

Gut! Dieser Brief ist an die Juden gerichtet, er muss ihnen nun übergeben werden."

„Von wem?"

„Vom Wüstenvolk."

„Wüstenvolk, wer ist das Wüstenvolk?"

„Ja, ich bin einer von ihnen", antwortete John Williams ruhig. „Aber wir sind viele; überall auf der Welt verstreut. In allen Kirchen, Gemeinden und christlichen Gemeinschaften findet man es.

„Was verbindet sie miteinander?"

„Wir wohnen in Zelten."

„In Zelten?"

„Ja, das heißt, dass wir nicht notwendigerweise buchstäblich in Zelten wohnen, doch wir können uns nicht etablieren. Wir können keinem System einverleibt werden. Wir befinden uns unterwegs und müssen beweglich bleiben."

„Warum?"

Weil der Brief abgeliefert werden muss. Der Brief an die Juden. Der Hebräerbrief muss nun endlich ganz entschieden Israel und dem jüdischen Volk erklärt werden."

„Davon verstehe ich kaum etwas", sagte Jenny Larsen resigniert. „In meinen Ohren klingt das alles ein wenig überdreht. Etwas sektiererisch! Ich will aber gerne ein anderes Mal mehr darüber hören." Sie erhob sich und schüttelte John Williams warmherzig die Hand. An der Tür rief sie die beiden Aufseher, die den Gefangenen in seine Zelle zurückbrachten.

*

Der junge aussichtsreiche EU-Offizier vom militärischen Ausbildungszentrum in Berlin stand kopf. Trotz seines logischen Verstandes und seiner klaren mathematischen Auffassungsgabe hatten ihn seine Gefühle überwältigt. Nach den 24 Stunden, in denen er in den Höhlen von Ardèche in den französischen Alpen desperat nach Mary Schwartz gesucht hatte, und nachdem er in der Chauvet Grotte in der Dunkelheit zwischen den prähistorischen Malereien stundenlang ihren Namen ausgerufen hatte, war er langsam dabei den Verstand zu verlieren. Untröstlich und verbittert hatte er unter der Zeichnung eines Säbeltigers Rache geschworen. „Ich werde euch schon noch kriegen, ihr elendigen Verbrecher!" hatte er gerufen, und das Wort ‚Rache’ hatte nicht nur in den unterirdischen Felsenhöhlen widergeklungen, sondern hatte sich auch in seinem Kopf eingenistet, als er wieder an die Oberfläche kam.

Während seines Aufenthaltes in Paris hatte Maurice Cabet regelmäßig die Gemeinde in der Rue Turgot, nur ein paar hundert Meter von Mont Martre entfernt, besucht. Dort hatte er eine gute, gesunde, evangelische Verkündigung mit auf den Weg bekommen. Diese schien jedoch nun aus seinem Bewusstsein ausgelöscht zu sein bei dem Gedanken, dass ‚das System’ (wie er es nannte) Hand an seine geliebte Mary gelegt hatte. Als er seine EU-Offiziersuniform in Stücke riss und in einem Haufen Gartenabfall verbrannte, sprach er verbissen mit sich selbst. Seiner Meinung nach schien es unmöglich, seine Feinde lieben zu können. Nach dem Kauf eines alten Gewehrs mit Zielfernrohr in einem finsteren Großstadtviertel brachte er in weiteren Selbstgesprächen seine Absicht zum Ausdruck, Adolf Engels auf keinen Fall zu ‚segnen’.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Maurice ihre Spur bis hin zum Palazzo Ducale in der italienischen Stadt Urbino verfolgt. Er war darüber informiert worden, dass der Sicherheitschef aus Jerusalem heimliche Experimente auf dem Renaissance Schloss des Mafiagrafen Federico da Montefeltron, nicht weit vom Elternhaus des berühmten Malers Raphael, durchführte.

„Wenn er meine geliebte Seele mit seinen medizinischen Experimenten zerstört, werde ich ihn umbringen", murmelte Maurice vor sich hin. Er hatte sich ein Zimmer mit Aussicht auf das Schloss gemietet. Sein Fenster lag so nah an dem Palast, dass er mit bloßen Augen mitverfolgen konnte, was hinter den alten Renaissancemauern vor sich ging.

Eines frühen Morgens, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die Alleepappeln erreicht hatten, und während morgenfrische Tauben mit Gold unter den Flügeln über die Piazza della Republica flatterten, stand Maurices Herz fast still. Von einem Schlossfenster zum anderen konnte er der Gestalt einer jungen Dame folgen, die sich – in den zartesten Weißtönen gekleidet - tastend durch eine der Schlossgänge fortbewegte. Plötzlich sah er sie fallen. Zwei Krankenschwestern kamen angelaufen und halfen ihr wieder auf die Beine, wonach sie den Weg zurückgeführt wurde, den sie gekommen war. In einem südlich gelegenen Zimmer mit offen stehenden Fenstern und hellen, flatternden Gardinen beobachtete er, wie die weiß gekleideten Krankenschwestern die junge Frau aufs Bett legten. Kurz danach erschienen zwei Herren im Zimmer, die offenbar die Patientin untersuchen wollten. Wenig später entdeckte er die gleichen Herren im Gespräch mit einer dritten Person, die er kurz zuvor in der Pappelallee zum Schloss heraufspazieren gesehen hatte. Maurice betrachtete den Neuankömmling in seinem Fernglas. „Das muss Adolf Engels sein!" flüsterte er und strich dabei mit der einen Hand liebkosend über den blanken Kolben seines vor kurzem erstandenen Gewehrs. „Er hat es verdient, eine Kugel in den Kopf zu bekommen!"