DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 43

Kaiser Wilhelm hatte irgendwo gelesen, dass man unbehagliche Begebenheiten in einer Gesellschaft schnell dadurch abwehren könne, dass man den Puls erregter Leute fühlte …

Aufgrund seiner Machtlosigkeit gegenüber der unkontrollierbaren Situation am Tisch des Kapitäns auf der M.S. König Harald und dem Gefühl, dass Antoinette beim Anblick von Jan vor Erregung fast in Ohnmacht gesunken war, streckte er heimlich seine Hand unter der schneeweißen Tischdecke aus, um ihren Puls zu messen. Es dauerte nur 15 Sekunden bis er ihr Handgelenk wieder los ließ und schnell mit vier multiplizierte. Zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass ihr Pulsschlag weit über dem Normalwert lag. Daher wandte er sich an den Kapitän und bat: „Gestatten Sie, Herr Kapitän, dass ich Frau Apostolou für einen Augenblick ‚entführe’? Ich sehe, dass sie ganz bleich ist und glaube, dass ihr der Seegang zu schaffen macht."

„Selbstverständlich. Wenn Sie einen Arzt brauchen, lassen Sie es mich bitte wissen…"

„Das wird nicht notwendig sein", unterbrach ihn einer der Mönche. „Ich bin Missionsarzt und kann, wenn Frau Apostolou es erlaubt, ihr sogleich behilflich sein. Ich habe hier übrigens ein Mittel in meiner Tasche, das bei Übelkeit hilft…"

Jan nahm die verschlissene Aktentasche, die unter dem Tisch stand. „Erlauben Sie, gnädige Frau, dass ich Sie zusammen mit dem Herrn Leutnant begleite?"

Antoinettes Augen füllten sich aufs Neue mit Tränen. „Gerne", flüsterte sie mit schwacher Stimme und reichte dem Mönch ihre Hand. Dieser nahm sie vorsichtig und führte sie mit unglaublicher Behutsamkeit zum Restaurantausgang. Der mexikanische Pianist folgte den beiden mit den Augen. Weil er sich auf die tiefe Herzenssprache verstand, spielte er mit geschlossenen Augen weiter. Auf seinem Gesicht lag ein gewinnendes Lächeln, so, als ob er eine Liebesszene in einem Theaterstück begleite. Mit strammem Schritt folgte Kaiser Wilhelm den Beiden, die auf die Damensuiten zueilten.

Der andere Mönch betrachtete Ursula und Sara mit einem breiten Lächeln. „Vielleicht fühlen sich die beiden Damen auch unwohl", sagte er scherzend.

„Nee, mir geht es ausgezeichnet", antwortete Ursula mit einem tapferen Lächeln. Mit der weißen Serviette wischte sie sich die Wimperntusche ab. „Aber ich glaube, dass ich gleich mal nachsehen werde, wie es Frau Apostolou geht." Dabei sah sie Jack flehend an…

„Das ist wohl nicht nötig", unterbrach sie der Kapitän lächelnd, „Frau Apostolou befindet sich in guten Händen. Tun Sie mir den Gefallen und genießen Sie dieses Essen an meinem Tisch!"

„Das meine ich auch", rief der Mönch mit einem unerklärlichen Funkeln in seinen Augen aus. „Wir können doch unseren Gastgeber nicht alleine sitzen lassen an diesem festlich gedeckten Tisch. Ich weiß, dass mein Ordensbruder ein tüchtiger Arzt ist, und dass er sich mit dem Unwohlsein von Frau Apostolou auskennt. Ja, ich bin überzeugt, dass er es bereits geschafft hat, die Symptome zum Verschwinden zu bringen! Ich glaube nicht, dass Frau Apostolou bessere Hilfe erhalten kann. Übrigens ist der Herr Leutnant zugegen, sollte weitere Hilfe erforderlich sein…"

Ursula warf dem Mönch einen strengen Blick zu.

Inzwischen war das bestellte Essen auf den Tisch gestellt und die gewünschten Weine eingeschenkt worden. Der Kapitän bemühte sich, das Gespräch in Gang zu halten, doch es schien, als ob der Mönch und Frau Robinson sich beständig durch die Atmosphäre um sie herum ablenken ließen. Der Mexikaner spielte nun mit ganzer Seele. Irgendeine Melodie aus seinem romantischen Repertoire schien Ursula besonders zu berühren, sodass sie die leckeren Speisen kaum anrührte. Als der Mönch lächelnd sein Kristallglas erhob, um zusammen mit dem Kapitän auf eine wohl gelungene Reise anzustoßen, konnte Ursula nur mit viel Mühe ihre Tränen zurückhalten. Sie betrachtete hingegeben das sonnengebräunte Gesicht auf der anderen Seite des Tisches. Sie folgte jede seiner Handbewegungen. Dabei fiel ihr auf, dass er ihren Ehering noch an seiner schlanken Hand trug.

„Sind Sie verheiratet?" fragte sie ganz plötzlich. Gleich darauf bereute sie ihre Frage, denn sie sah, wie sie den Mönch in Verlegenheit gebracht hatte. Sie konnte jedoch ihre Gefühle und ihre Sehnsucht nicht länger beherrschen und fuhr gegen ihren Willen fort: „Ich dachte, ein Mönch könne nicht heiraten…"

„Das kann er auch nicht", antwortete Jack, „doch bevor ich dem Mönchsorden beitrat, habe ich eine junge Frau geliebt, und diese Liebe trage ich für immer in meinem Herzen…"

„Ja, so was", rief Ursula aus, während sie an dem eiskalten Weißwein nippte, „Sie haben eine junge Frau gekannt, bevor Sie sich diesem Mönchsorden angeschlossen haben. War es eine unglückliche Liebe?" Wieder kämpfte Ursula kämpfte mit den Tränen. Sie musste sich die ganze Zeit die Augen mit der Serviette abwischen, sodass diese voll war von schwarzer Wimperntusche.

„Nein", antwortete der Mönch herzlich aber ernst, „es war keine unglückliche Liebe. Übrigens lieben wir uns immer noch…" In ihrer aufgestauten Sehnsucht war sie nahe daran, die Hand des jungen Mönchs zu ergreifen, doch dieser zog sie hastig an sich und fuhr fort: „Gott ist mein Zeuge, dass wir von einer innerlichen Herzenssehnsucht verzehrt werden, doch die schwere Pflicht hat uns voneinander getrennt!"

„Die schwere Pflicht?" In einem verzweifelten Versuch vom Kapitän Hilfe zu erhalten, wandte sie sich an ihn. „Kann der Herr Kapitän etwa verstehen, dass zwei Liebende aufgrund einer schweren Pflicht auseinander gerissen werden können?"

„Oh ja, " antwortete der Kapitän mit einem Seufzer, „als ein Mann, der den Großteil seines Lebens auf See zubringen muss, kann ich sehr wohl verstehen, dass ‚die schwere Pflicht" eine schmerzliche Trennung zur Folge haben kann.

Der Mexikanerpianist war dabei, seinen Musikstil zu ändern. Sein breites Lächeln war verschwunden. Die Töne von dem blanken Flügel waren nicht länger schmachtend, einschmeichelnd und verführerisch. Sie waren nun von einem düsteren Unterton geprägt. Die durchgehende Melodie legte auf einen Konflikt an…

„Das begreife ich wirklich nicht", rief Ursula entrüstet. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie ihre Identität gewechselt. Nun war sie nicht länger Ursula Robinson, sondern Ursula Clemens: Funken sprühend, schwarz, die spanische Schönheit, die das Sekretariat im Brüsseler Regierungsbüro geleitet hatte. Die junge Frau, die mit Dreistigkeit und einer überraschenden, inneren Kraft Jack, ihrem zukünftigen Ehemann, zu einer dramatischen Flucht verholfen hatte…

„Das begreife ich wirklich nicht", wiederholte sie, „Darf ich diesen so pflichtbewussten Mönch fragen, wann und unter welchen Umständen er sich erlaubt hat, seine Geliebte zu verlassen?"

Der Mönch starrte die ihm gegenübersitzende, schwarz glänzende Schönheit mit offenem Mund an. Unwillkürlich zog er den Kopf ein, als sie ihn mit ihren Augen anblitzte. Der Mexikaner ließ den Flügel erschallen; die Musik kündigte Sturmwetter an! Schweigend beobachtete der Kapitän seine beiden Gäste. Er rief den Oberkellner zu sich. Dieser schenkte in vollendeter Weise mehr Wein ein. Unbemerkt entfernte er die schwarz gefleckte Serviette und erstattete sie mit einer neuen. Dies tat er mit einer solchen Eleganz, die dem königlichen Hof würdig gewesen wäre.

„Wann?" wiederholte die spanisch aussehende Königin – denn so sah sie in diesem Augenblick aus – „wann, wenn ich fragen darf, und unter welchen Umständen hat dieser Pflichterfüllende Mönch sich erlaubt, seine Herzensdame zu verlassen?"

„Am Tag nach der Hochzeit!"

„Am Tag nach Ihrer Hochzeit! Und wo haben Sie sie zurückgelassen?"

„In der Wüste!"

„Also in einer Wüste! Einen Tag nach ihrer Hochzeit! Dann kann ich verstehen, warum ihr Mann nun in einer armseligen Mönchskutte und Sandalen herumläuft, denn er sollte ewig Buße tun für seine Grausamkeit und sein mangelndes Verständnis…" Ursula hatte sich erhoben und sprach mit wachsender Verbitterung immer lauter. Sara legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm, doch sie schob sie von sich. Mit seinen großen, dunklen Augen folgte der Mexikaner die sich ihm darbietende Szene und flog mit seinen braunen Händen über die Tangenten des Flügels. Hin und wieder sandte er einen dankbaren Blick zum Himmel hinauf und ließ den Donner heranrollen! Die Restaurantgäste starrten zu ihm hinüber; es war, als vernähmen sie eine spannende Erzählung aus einer anderen Welt. Allen im Raum war in diesem Augenblick klar, dass etwas Ungewöhnliches und Bedeutungsvoll bevorstand. Etliche Passagiere erhoben sich, um die Vorstillung, die sich vor ihren Augen abspielte, besser mitverfolgen zu können. Einige näherten sich zögernd dem Tisch des Kapitäns. Die Kellner standen wie schwarzweiße Säulen hinter den Tischreihen. Der Kapitän hatte sich erhoben, um Ursula zu beruhigen, die jedoch mit flammendem Blick unangefochten fortfuhr: „… und nun zieht der so Pflichterfüllende Mönch ins Land der Mitternachtssonne, um die armen Heiden zu bekehren, während er die Auserkorene seines Herzens in einer großen, gefährlichen Wüste zurückgelassen hat! Wirklich mutig, und wie selbst aufopfernd! Wie edel… doch möchte ich den jungen, frommen Mönch gerne fragen, ob er vielleicht die Tränen der jungen Braut gezählt hat? Und ob er während seines allerheiligsten Abendgebets wohl ihr Weinen vernommen hat, und sich ihres innigen Sehnens bewusst ist?"

Dabei brach Ursula in Tränen aus. Sie strömten ihr nur so übers Gesicht, wobei sie keinerlei Anstrengungen mehr unternahm, den aus ihrem inneren kommenden Strom aufzuhalten. Sara stand an ihrer Seite; sie hatte ihren Arm um Ursulas Schulter gelegt. Jack saß hilflos da in seiner Kutte; er schien keiner Bewegung fähig zu sein. Die Passagiere sammelten sich in kleinen Gruppen; die gedeckten Tische standen mehr oder weniger verlassen da. Die brennenden Kerzen auf den Tischen flackerten; der Mexikaner spielte im tiefsten Moll; wobei der Flügel in die Knie zu sinken schien. In himmlischer Ergriffenheit war das Gesicht des Pianisten unentwegt auf den Tisch des Kapitäns gerichtet. Es war eindeutig, dass der letzte Akt des Dramas begonnen hatte, in dem alles, was bislang im Verborgenen gelegen hatte, ans Licht gebracht wurde.

Gerade da geschah das Ungewöhnliche: Kapitän Tune Brobjerg, der sich bis dahin ruhig und abwartend verhalten hatte, griff plötzlich in die Situation ein. In seiner eleganten, schneeweißen Uniform trat er achtungsgebietend in die Mitte des Restaurants. Alle Augen richteten sich auf ihn; die Klaviertöne glitten gedämpft in den Hintergrund; der Mönch erhob sich und ging vorsichtig auf Ursula zu, die immer noch leise schluchzte. Die Stille, die sich über das vornehme Dinner gesenkt hatte, veranlasste die drei am Tisch des Kapitäns Sitzenden aufzusehen. Plötzlich stand der Leutnant mit Antoinette sowie der Arztmönch, der sich zu Beginn als ‚Bruder Jan’ vorgestellt hatte, vor ihnen.

Der Kapitän stand einen Augenblick schweigend da. Die beiden Mönche wechselten Blicke; es war überdeutlich, dass sie in ihrer frommen Verkleidung bald entlarvt sein würden. Die beiden Sicherheitsagenten, die während des Essens durch Zeichen und Augenkontakt mit dem Kapitän in Verbindung gestanden hatten, waren bereit, helfend einzugreifen. Sie hielten sich schussbereit. Eine nähere Erklärung dieses sonderbaren Auftritts am Tisch des Kapitäns lag in der Luft, und alle erwarteten nun, dass der Schiffskapitän ihnen diese nun geben würde! Warum hatte eine der Damen am Tisch des Kapitäns einen Schwächeanfall erlitten, und weshalb war sie wohl von einem fremden Mönch mit einer solch übertriebenen Fürsorge zu ihrer Kabine zurück begleitet worden? Warum hatte nicht der uniformierte Begleiter der Damen, der Herr Leutnant, beschützend seinen Arm um die junge, bleiche Dame gelegt statt dieses fremden, jungen Mannes in Mönchskutte? Die Passagiere, die sowohl mit heimlicher als auch unverhohlener Neugier dem dramatischen Auftritt gefolgt waren, wollten – ohne dass die Frage formuliert worden war – gerne wissen, warum die andere Dame in der kleinen Gesellschaft den anderen Mönch mit solch intensivem Interesse betrachtet hatte. Ja, mehr als das, sie hatte ihn mit einer solchen Gerührtheit und Ergriffenheit angeschaut, dass ihre Gefühle schließlich mit ihr durchgegangen waren und sie ihre Tränen nicht zurückhalten konnte. Warum hatte der andere Mönch nun versucht sie zu trösten, statt der elegant gekleideten Araberin, die nun eigenartigerweise beim Leutnant Schutz suchte. Wie konnte es nur angehen, dass dieser europäisch aussehende Offizier in Wüstenuniform die arabische Dame beschützend an sich zog? Was ging hier eigentlich vor? Welche Intrigen spielten dabei eine Rolle? Was hatte der Kapitän, die oberste Autorität des Schiffes, mit dieser bunt gemischten Gesellschaft zu tun? Warum hatte er diese Mönche, den Offizier und die drei leicht erregbaren Damen bereits am ersten Abend zu sich an den Tisch geladen? Warum hielt er die ganze Zeit nach der alten Ledertasche Ausschau, die der eine der Mönche dicht neben sich unter den Tisch gestellt hatte? Weshalb hatte der Pianist den Verstand verloren und wie verrückt gespielt? Er hatte sich nicht, wie dies normalerweise so üblich ist, sich mit leichter Tafelmusik zufrieden gegeben. Und weshalb standen nun die zwei dunkel gekleideten Herren mit Sonnenbrille dort in der Ecke? Sie schienen wie aus einem ‚Actionfilm’ mit Spionen und Agenten zu kommen. Alle im Lokal sahen sich gespannt um. Dies hier war allzu nervenaufreibend, wenn nicht eine Erklärung abgegeben würde.

Der Kapitän bat alle Anwesenden, wieder ihren Platz einzunehmen. Dem Pianisten wurde ein Zeichen gegeben, das Klavierspiel zu unterbrechen, was er nur widerstrebend tat.

„Meine Damen und Herren", begann der Kapitän. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu erklären, was sich hier heute Abend abgespielt hat."

Die beiden Mönche warfen sich einen viel sagenden Blick zu. Beide behielten den Ausgang im Auge. Was würde als nächstes geschehen? Man hatte sie in ihrer Verkleidung entlarvt. Was würde der Kapitän sagen?

Der Kapitän drehte sich langsam um und ging an seinen Tisch zurück. Er ging auf den Mönch mit der braunen Ledertasche zu. Freundlich, aber bestimmt nahm er ihm diese aus der Hand. Lächelnd hob er sie über seinen Kopf, um sie der erstaunten Versammlung zu zeigen. „In dieser alten Aktentasche", fuhr er fort, „liegt der Schlüssel zum Verständnis dieses Mysteriums, dessen Sie, meine Damen und Herren, heute Abend Zeuge geworden sind. Es ist ein Bericht voller Dramatik, Blut und Liebe. Heute Abend ist der Vorhang zum zweiten Akt dieses ergreifenden Schauspiels gefallen. Ich werde mich deshalb der geheimnisumwitterten Mappe liebevoll annehmen. Sie soll erst am letzten Tag unserer 11-tägigen Reise geöffnet werden."

Mit diesen Worten rief der Kapitän die zwei dunkel gekleideten Herren mit Sonnenbrille und übergab ihnen die Ledermappe.

„Um die Spannung auf unserer gemeinsamen Reise zu erhöhen", fuhr der Kapitän lächelnd fort, „kann ich Ihnen erzählen, dass diese beiden Männer hier nur als Mönche verkleidet aufgetreten sind. Deshalb möchte ich die beiden Herren bitten, sich umzuziehen. Ich erwarte sie dann in ihrer normalen Kleidung. Wenn wir dann alle in einer gemütlicheren Atmosphäre um das Festessen herum versammelt sind, werde ich Ihnen den letzten Teil des Schauspiels erzählen…"

Bei diesen Worten konnte sich der mexikanische Pianist nicht länger beherrschen. Er beendete die Rede des Kapitäns mit einem berauschenden, glücklichen Tonschwall. Der Beifall der Passagiere brach los; die beiden Mönche erhoben sich und verschwanden. Kurz darauf kamen sie, in einen Anzug gekleidet, zurück. Sie setzten sich nicht wieder nebeneinander, sondern Jan nahm neben Antoinette Platz, die gleich seine Hand ergriff, und Jack setzte sich neben seine Frau, die ihren Kopf an seine Schulter legte. Alle sahen nun den Kapitän erwartungsvoll an. Was hatte er noch mehr auf Lager?