DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 42

Das stattliche Schiff ‚M.S. König Harold’, eines der 11 Schiffe der Expresslinie, traf die letzten Vorbereitungen, um von der norwegischen Stadt Bergen auszulaufen. Der Kapitän und seine in weiß gekleideten Offiziere standen oben auf der Schiffsbrücke und betrachteten, wie Passagiere und Gepäck an Bord gebracht wurden. Es herrschte immer noch reger Verkehr zwischen den alten, winkligen Warenhäusern am Hafen. „Wir bekommen frommen Besuch", lachte der Kapitän und wies auf zwei in Kutten gekleidete Mönche, die sich mit einem einfachen, altmodischen Handkoffer und einer verschlissenen Aktentasche ‚bewaffnet’, auf den Landesteg zu bewegten. „Sie sind auf der Jagd nach der Mitternachtssonne, um ihre Botschaft bis ans Ende der Erde zu bringen", fügte er hinzu. Die übrigen Offiziere stimmten in sein Lachen ein und kamen mit weiteren, munteren Bemerkungen, während ein Stewart ihnen dampfendheißen Kaffee servierte. Die beiden Mönche trugen dunkelbraune Gewänder mit einem Seil um den Leib; ihre nackten Füße steckten in offenen Sandalen. „… ich hoffe nicht, dass es ihnen zu kalt wird an den Füßen", rief ein Offizier aus, während er vorsichtig aus der heißen Kaffeetasse trank. „Sie sind sich doch hoffentlich darüber im Klaren, dass dies hier keine Südseereise ist. Am nördlichen Wendekreis ist es kalt; in der Nähe des Nordpols gibt es Eis und Schnee. Von Trondheim bis Hammerfest laufen die Leute nicht barfuss herum…" Alle auf der Brücke Anwesenden fingen aufs Neue an zu lachen, während sie ihren Blick mit freundlicher Nachsicht über die beiden Mönche schweifen ließen.

„… und der dort", fügte ein dritter Offizier hinzu (denn dies war eine der wenigen Vergnügungen der Besatzung, die an Bord gehenden Passagiere zu beobachten) …"der dort seht aus wie einer aus einem Film über ‚Lawrence von Arabien’. Er wies diskret auf Kaiser Wilhelm, der seine Wüstenuniform mit dem Eisernen Kreuz und seinem Leutnantsabzeichen trug.

„Hübsche Damen bringt er da mit sich", bemerkte ein anderes Crewmitglied. Er nickte anerkennend und wies bedeutungsvoll auf Sara hin, die ein langes, braunfarbenes, arabisches Gewand trug. Es war handgewebt und von verschiedenfarbigem Muster. Ursula und Antoinette hatten für die Reise hübsche Kostüme in europäischem Modestil angezogen. „Sorgen Sie dafür, dass diese Gesellschaft heute Abend zu mir an den Tisch eingeladen wird, und zwar der Wüstenoffizier mit den Damen sowie die beiden Mönche", rief der Kapitän begeistert aus. „Hier in diesen Breitengraden passiert so wenig; es könnte ein ganz gemütliches Beisammensein werden!" Alle nickten. „Ja, in der Tat das könnte ganz gemütlich werden!"

Bevor Kaiser Wilhelm mit seinen Damen die Landungsbrücke erreichte, wurden sie von ein paar Herren in Popelinmänteln angehalten. Obwohl die Sonne nicht schien, trugen sie Sonnenbrillen.

„Dürfen wir um Ihre Pässe und andere Identitätspapiere bitten?" sagte der eine höflich. Es war deutlich zu erkennen, dass er sich damit besonders an die arabisch aussehende Dame wandte.

Nachdem er eilig die Papiere durchgesehen hatte, erklärte er, dass sie persönlich mitreisen würden, weil das neue Überwachungssystem für diesen abseits gelegenen Teil der Welt fordere, dass sich alle Passagiere zu einem besonderen Interview in einem in der Nähe des Schiffssalons gelegenen Büro einzufinden haben…

„Die sonst üblichen Passkontrollen hat man ja abgeschafft", erklärten sie höflich, „auf diese Weise versuchen wir nun die alten Grenzen zu beschützen…"

„Natürlich!" erklärte Kaiser Wilhelm bereitwillig. „ Wir führen in unserem Wüstengebiet auch solche Kontrollen durch." Er lächelte kollegial und schüttelte den Männern die Hand.

*

Die junge Amerikanerin spazierte verwundert durch das seltsam anmutende Renaissance Schloss in dem kleinen, an der italienischen Ostküste gelegenen Ort Urbino. Wie ‚vom Himmel gefallen’ stand sie lange und betrachtete die Musikinstrumente des verstorbenen Grafen, seine Rüstungen und Waffen, sowie seine zahlreichen, vergilbten Bücher. Ihr fragender Blick ließ vermuten, dass sie nicht wusste, wo sie war oder warum sie sich an diesem Ort befand. Mit vorsichtigen Schritten begab sie sich in Graf Federico da Montefeltros Studierzimmer, wo sie wie in Trance ihren Blick über die 28 Gemälde gleiten ließ, die in zwei Reihen unter der Decke angebracht waren. „Die unterste Reihe", bemerkte sie mit einem fernen Blick, „sind Menschen, die an Gott glauben!" Dann ging sie in benebeltem Zustand weiter. Sie war in ein langes, schwarzes Seidenkimono gehüllt. Ihr langes, dunkles Haar hing lose herunter, ihre Haut war bleich, und ihre Hände zitterten leicht. Unterwegs musste sie sich auf Stühlen und anderen Möbelstücken festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ja, schließlich gaben ihre Knie nach, und sie sackte auf dem jahrhundertealten, kalten, grauen Marmorboden zusammen. Gleich streckten sich ihr ein paar fürsorgliche Hände entgegen; zwei Krankenschwestern halfen ihr behutsam, wieder auf die Beine zu kommen. Sie redeten freundlich lächelnd auf die junge Frau ein und führten sie in den sonnendurchfluteten Raum zurück, der als Krankenzimmer eingerichtet war. Sie öffneten die Fenster, die den Blick auf die fast unbekannte Universitätsstadt mit ihrer sonnen beschienenen Piazza della Repubica freigab. Vorsichtig legten sie die erschöpfte Amerikanerin ins Bett und bereiteten eine Injektionsspritze vor. Nachdem sie einen dünnen Strahl durch die Nadel in die Luft gespritzt und noch einmal das Krankenjournal geprüft hatten, gaben sie Mary Schwartz eine Spritze, durch die sie in einen tiefen Schlaf versetzt wurde…

*

„Wie geht es unserer Patientin?" Die Frage kam von Adolf Engels, der sich zusammen mit zwei Herren, dem Anschein nach Ärzten, in dem kleinen Cafe am Marktplatz auf einigen verschrammten, orange angestrichenen, metallnen Barhockern niedergelassen hatte. Das hinter dem Cafe liegende Geschäft hatte seine Fensterläden geschlossen; daneben war eine mit Graffiti bemalte Mauer, auf der Universitätsstudenten mit großen Buchstaben ‚TOD DEM GLOBALEN GRUNDGESETZ’ gemalt hatten. Die starke Mittagssonne schien Speerspitzen blendenden Lichts in die schattige Ecke werfen zu wollen, in der die drei Männer Kaffee tranken und an ihrem Glas mit eiskaltem Wasser nippten.

„Alles geht nach Plan", antwortete der eine der Herren, die beide in schwarzen Anzügen mit offenem Hemd gekleidet waren. „Mary Schwartz muss nun in der ersten Zeit nach ihrer Entführung aus Frankreich in einen Zustand versetzt werden, in dem sie sich verfolgt fühlt! Wir versuchen im Augenblick, sie davon zu überzeugen, dass sie von den wilden Tieren, die sie in der Höhle gesehen hat, verfolgt wird, also von Panthern, Leoparden, Bisonochsen, Mammuten, und Säbeltigern! Später werden es dann Personen sein, sogar einige, bei denen sie sich vorher sicher gefühlt hat, und damit werden wir medizinisch die Möglichkeit schaffen, dass sie uns um Hilfe bittet, und sich im Besonderen an Sie wendet, Herr Engels!"

„Ausgezeichnet!" rief A. Engels aus. „Was wir hier in Angriff nehmen, ist ein Experiment, das für die Zukunft großer Bedeutung haben kann. Sehen Sie sich bloß den hässlichen Slogan an, den diese ungezogenen Studenten hier hinter uns auf die Mauer geschrieben haben…"

Sie wendeten sich alle drei einen Augenblick der mit schwarzem Spray unterstrichenen Botschaft: ‚TOD DEM GLOBALEN GRUNDGESETZ’ zu, wonach die beiden Männer sich wieder A. Engels zukehrten, um zu hören, was er noch zu sagen hatte…

„Was ich meine, ist folgendes", fuhr der Sicherheitschef vertraulich fort, „ Es muss eine Sinnesverwandlung stattfinden!" Er nahm einen Schluck des bittersüßen Kaffees und spülte ihn mit kaltem Wasser herunter.

„Wenn das Nein des globalen Grundgesetzes in ein Ja umgewandelt werden soll, dann müssen alle zur Verfügung stehenden Mittel genutzt werden, um diese ‚Verwandlung’ Wirklichkeit werden zu lassen! Mary Schwartz ist für uns ein geeignetes Beispiel; sie ist mit ihrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung ganz auf unserer Seite, doch gefühlsmäßig zieht es sie in eine andere Richtung: Sie ist in einen jungen Mann verliebt, der ein 100%iger ‚Neinsager’ ist. Er ist ein so genannter ‚Gläubiger’; diese Leute gehören zu unseren größten Gegnern! Meine Herren, die Frage ist nun folgende: ‚Sind Sie imstande, den durch ihre Gefühle motivierten Entscheidungsprozess dahingehend zu verändern, dass sie ihrem gesunden Verstand entsprechend handelt, und sich nicht durch ihr Herz betrügen lässt..?"

Die beiden Herren nickten zustimmend. Als ein Sonnenstreif von der Piazza della Republica einen Augenblick lang den Schatten verjagte, leuchteten ihre Hemden in schimmerndem Weiß.

„Wir haben ein vortreffliches Programm, Herr Engels, und wir fühlen uns geehrt, dass sie uns dazu ausersehen haben, unser Experiment an dieser Patientin durchzuführen. Natürlich ist dies mit gewissen Ausgaben verbunden. Eine besondere Expertise muss angewandt werden, was die Überwachung der Patientin anbelangt, doch schon nach kurzer Zeit werden wir Resultate vorweisen können: Mary Schwartz wird sich gegen das Verhältnis wenden, das Sie mit Recht als ‚Herzensbetrug’ bezeichnen, und sich der rationalen Welt- und Lebensanschauung verschreiben, die die Grundlage unserer globalen Vision darstellt. ‚Wir vertrauen auf die Vernunft’ wie es so schön in unserer Konstitution heißt."

Adolf E. hörte zufrieden zu. „Es ist ein heimliches Experiment", fügte er hinzu und erhob sich. „Das dürfte schon durch die Ortswahl klar sein." Er schaute zum Schloss hoch. „Der Mafiagraf Federico da Montefeltro, der Militärgeneral des Papstes, der 1482 in Ferara auf dem Schlachtfeld starb… würde anerkennend nicken, wenn er wüsste, was in seinem alten Schloss vor sich geht…"

*

Die letzten Sonnenstrahlen erhellten die Piazza della Republica, als A. Engels den Platz überquerte, um ins Schloss zurückzukehren. Der sanfte Abendwind streifte sein Gesicht. Das sanfte Säuseln ließ die Zweige in den Bäumen leicht erzittern. Die Blätter schienen vom Strahlenglanz einer anderen Welt durchleuchtet zu werden. Der ihn streifende Abendwind flüsterte ihm irgendetwas Böses zu…

Adolf Engels war kein gewissensloser Mann. Nein! Er hatte ein Gewissen! Als er so langsam unter den gealterten, gräulichen, von der Sonne gebleichten Baumkronen einherging, dachte er über den Sinn des Lebens nach. Die Heiligenfiguren an den Häusergiebeln betrachteten ihn prüfend. Als er hin und wieder einen heimlichen Blick auf das Schloss des Grafen Montefeltro warf, wurde ihm das Herz schwer. Er ließ sich auf eine Bank nieder. Es überfiel ihn eine seltsame, ihm unbekannte Müdigkeit: Er hatte plötzlich das Gefühl, als ob ein schwerer Mantel vom Himmel über ihn gefallen sei.

Von der zur Kirche führenden Allee steuerte ein alter Priester direkt auf den Platz zu. Mit erhobenem Haupt ging er langsam zwischen den Bäumen entlang, die in der letzten Abendsonne wie eine schweigende Kolonne da standen. Sein weißes Haar wehte leicht in der Brise. Er hatte einige Bücher unter dem Arm. Hinter ihm läuteten die Kirchenglocken. Die Vesper war vorbei…

Er ging auf die Bank zu, auf der Engels tief in Gedanken versunken saß. Schweigend setzte er sich neben ihn. Nach einer Weile fing er ohne Umschweife an zu reden. Er machte weder Bemerkungen zum Wetter, noch stellte er irgendwelche Fragen an den Fremden. Er sprach direkt – wie ein alter Bekannter – in A. Engels Situation hinein:

„Sie müssen sich in Acht nehmen, dass Ihr Gewissen nicht gebrandmarkt wird!"

„Gebrandmarkt?" A. Engels schaute hoch. Ein paar Tauben flatterten über den Platz. Das Läuten der Kirchenglocken vibrierte in der Luft. „In meinem Gewissen gebrandmarkt? Was meinen Sie denn damit?"

„Das ist ein Ausdruck, der in diesem Buch gebraucht wird!" Der Priester nahm einen schweren, in Leder eingebundenen Band von den Büchern, die er auf die Bank gelegt hatte. „Der Apostel sagt hier ausdrücklich, ‚dass in späteren Zeiten manche vom Glauben abfallen werden, indem sie betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen Gehör schenken… die in ihrem eigenen Gewissen gebrandmarkt sind!"

„Lehren von Dämonen? A. Engels starrte den Priester mit dem schlohweißen Haar ungläubig an. Ihm fiel der stahlgraue Blick auf. Die Ruhe, die von dem Geistlichen ausging, entwaffnete ihn.

„Ja, die Lehre von Dämonen! Das Experiment, das Sie auf dem Schloss durchführen, ist dämonischer Art!"

Engels saß steif und regungslos, wie vom Blitz getroffen. Er atmete schwer. Trotz seiner offensichtlichen Atemnot fuhr der Priester umbarmherzig fort. Seine grauen Augen ließen sein Opfer nicht aus den Augen…

„Die Persönlichkeit eines anderen Menschen auf medizinischem Wege ändern zu wollen, ist mehr als tragisch. Diejenigen, die so etwas tun, werden in ihrem Gewissen ‚gebrandmarkt’. Wie glühendes Eisen brennt sich diese Untat in ihre innerste Gedankenwelt ein. Sie werden von ihr Tag und Nacht heimgesucht. Eine derartige, schwarz gefärbte Sünde wird Sie niemals verlassen! Es gibt kein menschliches Mittel, das imstande wäre, diese aus Ihrem Herzen zu entfernen…"

Als Engels aufstand, hörten die Kirchenglocken auf zu läuten. Der Platz lag in Stille gebadet. „Wer sind Sie?" fragte er.

Der Priester sammelte in aller Ruhe seine Bücher zusammen. „Sie sind mir schon einmal begegnet!" sagte er gedämpft, „und wir werden uns wieder sehen. Aber heute Abend habe ich Ihnen nur eins zu sagen: „Geben Sie auf Ihr Gewissen Acht; Sie stehen in der Gefahr ‚gebrandmarkt’ zu werden! Das, was Sie sich vorgenommen haben zu tun, stammt aus der ‚Lehre der Dämonen’!"

Die Tauben erhoben sich wieder vom Platz und zogen einen Kreis über die beiden Männer. A. Engels bemerkte, dass sie alle weiß waren. Der Priester nickte höflich zum Abschied und steuerte auf eine der winkligen Gassen zu. A. Engels ging gedankenverloren zum Schloss zurück.

*

Das große Passagierschiff ‚M.S: König Harold’, das zur Abendzeit Bergen verließ, um mit einer Geschwindigkeit von 11 Knoten Richtung Nordkap zu fahren, rief Erinnerungen an die ‚Titanic’ wach. Die Passagiere befanden sich auf dem Weg zum Restaurant, wo am Tisch des Kapitäns für sieben Personen gedeckt war. Die Kellner standen zum Servieren bereit. Aus der Schiffsküche kam ein verlockender Duft herüber. Von einem großen, blanken Flügel in der Mitte des Lokals erklang leichte Klaviermusik. Der Pianist, der allem Anschein nach Mexikaner war, nickte den eintretenden Gästen lächelnd zu. Sie bekamen gleich von den in schwarz und weiß gekleideten Kellnern ihren Platz zugewiesen. Einer der Bediensteten, ein etwas älterer Herr in schwarzem Anzug und Rangabzeichen am Ärmel, empfing Kaiser Wilhelm und die Damen. Der Kaiser beeindruckte die im Saal Anwesenden in seinem khakifarbenen Wüstendress, und die drei Damen weckten ihre Neugier. Aufmerksame Blicke folgten den Vieren, die mit einer vornehmen Handbewegung zum Tisch des Kapitäns geleitet wurden. Hier begegneten sie den ‚Oberbefehlshaber’ des Schiffes, der in blendendem Weiß mit Gold auf der Schulterpartie die vier Passagiere willkommen hieß.

„Mein Name ist Kapitän Tune Brobjerg. Während meiner vielen Dienstjahre habe ich die Gelegenheit gehabt, die meisten Schiffe unserer Gesellschaft kennen zu lernen. Seit 1893 befahren wir diese Gewässer, deshalb brauchen die Damen sich nicht zu beunruhigen, wenn die Reise etwas schaukelig wird."

Alle lachten höflich. Der Kapitän sah zum Eingang hinüber. Er erwartete noch zwei weitere Gäste. „Ich habe noch ein paar Passagiere eingeladen, uns Gesellschaft zu leisten", erklärte er, „und bitte, meine Damen, erschrecken Sie nicht, wenn gleich zwei in Kutten gekleidete Männer hereinkommen. Es sind zwei Mönche eines mir unbekannten religiösen Ordens, die bis in die nördlichsten Gegenden reisen wollen, in der fünf Monate im Jahr Finsternis herrscht…"

„Uh, wie spannend", riefen die Damen wie aus einem Munde.

„Ja, das stimmt!" lächelte der Kapitän. „Es wird ganz sicher ein interessanter und unterhaltsamer Abend werden. Sehen Sie, da kommen sie…"

Der Anzuggekleidete Oberkellner hatte die beiden Mönche am Restauranteingang in Empfang genommen. Der mexikanische Pianist nickte auch den zuletzt Angekommenen lächelnd zu. Mit einer vornehmen Handbewegung führte der Oberkellner die beiden in Kutten gekleideten Männer an den Tisch des Kapitäns. Auf dem Wege dorthin starrten die übrigen Restaurantgäste auf die nackten Füße in den offenen Ledersandalen. Die vier Passagiere am Tisch des Kapitäns hatten sich umgedreht, um die Neuankömmlinge in Augenschein zu nehmen. Als die Mönche sich dem Tisch näherten, erhoben sich sowohl Kaiser Wilhelm als auch die drei Damen. Die Mönche schoben ihre Kappe zurück. Ursula und Antoinette streckten ihnen wie hypnotisiert ihre Hände zum Gruß entgegen. Jack und Jan standen ebenfalls einen Augenblick unbeweglich. Der Kapitän beobachtete die Vier aufmerksam. Kaiser Wilhelm und Sara wechselten Blicke. Kapitän Tune Brobjerg stellte die Vier, die ihre Hände zur Begrüßung ausgestreckt hatten, einander vor.

„Dies ist Frau Antoinette Apostolou und Frau Ursula Robinson", ertönte die ruhig und gedämpft klingende Stimme des Kapitäns. „Und diese beiden Herren sind…?"

„Bruder Jack und Bruder Jan", unterbrach ihn Jan, der sich nach dem überraschenden Wiedersehen am schnellsten wieder gefasst hatte. Bei seinen Worten füllten sich Antoinettes Augen mit Tränen. Sie sehnte sich danach, seine Hand nur eine Sekunde länger in der ihrigen zu halten…

„Bruder Jack!" wiederholte der andere Mönch verwirrt, als er Ursula mehrmals begrüßte, deren Augen ebenfalls auf sein Gesicht und seine ausgestreckte Hand gerichtet waren.

Sara trat schnell zwischen sie. „Ich bin die Frau dieses Offiziers", sagte sie, indem sie Kaiser Wilhelm Platz gab. Letzterer hatte sich von seiner Verblüffung noch nicht erholt und deshalb nur mit gewissem, militärischem Anstand die Hacken zusammengeschlagen.

Der weiß gekleidete Kapitän beobachtete lächelnd das sonderbare Gebaren dieser drei Paare. Sein forschender Blick ruhte lange auf den beiden Mönchen. Dann rief er den Oberkellner, der gleich darauf der kleinen Gesellschaft die Menukarten überreichte. Das Licht glitzerte in den blank polierten Weingläsern, und der mexikanische Pianist spielte leise, romantische Musik. Es schien, als ob sein geübtes Auge die am Tisch des Kapitäns herrschende, innerliche Stimmung aufgefangen hätte. Die Damen versuchten gemeinsam die Speisekarte zu studieren, während unaufhörlich Freudentränen darauf nieder tropften. Die Mönche saßen über die Menukarte gebeugt, während sie in flüsterndem Ton miteinander sprachen. Der Kellner stand mit verschiedenen Weinen bereit, und der Kapitän beobachtete fortwährend mit heimlichem Interesse das eigenartige Benehmen, das sich vor seinen Augen abspielte. Zu Füßen der Mönche stand eine verschlissene Ledermappe mit einer blank geriebenen Spange. Hin und wieder steckte einer der Mönche seine Hand unter den Tisch, um zu untersuchen, ob sie immer noch da war. Der Kapitän nickte den beiden Männern, die die Pässe der Passagiere am Landesteg untersucht hatten, heimlich zu. Sie nickten unbemerkt zurück… Die M.S. König Harald setzte ihre 11-tägige Reise fort, hinaus in die Nacht und unter dem Tausendsternehimmel der nördlichen Breitengrade…