DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 38

In den frühen Abendstunden wanderte eine einsame Gestalt durch den Spiegelsaal in Versailles. Das große Bankett, das im Schloss Ludwig des XIV. in der Nähe von Paris stattfand, war der erste große Kongress seit dem schicksalsträchtigen Gipfeltreffen in Babylon, das die Weltgemeinschaft zum Anlass genommen hatte, die globale Konstitution zu verwerfen. Nun waren die Regierungschefs der Erde wieder unter einem Dach versammelt. Dieses Mal nur mit dem einen Ziel, dieses Nein in ein einstimmiges Ja zu verwandeln! Die Länder, die dem globalen Grundgesetzvorschlag eine Absage erteilt hatten, mussten zur Besinnung gebracht werden. Die Weltgemeinschaft sollte sich nun den Regeln und Gesetzen unterwerfen, die als das Rückgrad des neuen Volksleibes angesehen werden mussten. Gleichzeitig war der Augenblick gekommen, eine gemeinsame Strategie zu entwerfen. Die Zeit schien jetzt reif, um mit starker Hand gegen die Fremdelemente vorzugehen, die durch Terror und Aufstand versuchten, die grundlegenden Freiheitsrechte einer neuen Welt heimtückisch anzugreifen. Auf der einen Seite lag der letzte tragische Terroranschlag in Kopenhagen wie ein dunkler Schatten über den schimmernden Marmorsälen in Versailles, doch auf der anderen wurden die Anwesenden gerade dadurch stark motiviert, diesen Krieg nun zu Ende zu führen. Die Schuldigen mussten gefunden und vors Gericht gebracht werden. Die Hintermänner dieser mörderischen Anschläge sollten nun mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufgespürt und bestraft werden. Der Kampf gegen die religiösen Fundamentalisten musste zu einem siegreichen und triumphierenden Ende geführt werden.

Die finstere, in Schwarz gekleidete Gestalt, die in diesem Augenblick das riesige Galadiner verließ, und sich nun plötzlich in dem fabulösen Spiegelsaal befand, war kein anderer als Kardinal Jürg Ratgeber.

In Gedanken versunken und sich wundernd spazierte er alleine durch die Reihen der leuchtenden Kandelabern, dessen ‚Kerzen’ in den über 350 Spiegeln schimmerten. Hingerissen schaute er sich die Deckenmalereien von Charles Le Bruns an, die wie geöffnete Tore zum Himmel erschienen.

Auf einmal stand er still und starrte in einen der riesigen Spiegel. Ihm fiel auf, dass er nicht länger allein war. Eine zweite Gestalt, ebenso in Schwarz gekleidet, kam von hinten auf ihn zu. Schnell drehte er sich um, um den von hinten auf ihn zukommenden Gast in Augenschein zu nehmen, doch zu seiner Überraschung sah er niemanden. Der Spiegelsaal hinter ihm war leer. Nur aus der Ferne waren Stimmen und Tafelmusik zu hören.

Der Kardinal wirbelte herum und sah im Spiegel in aller Deutlichkeit eine Person hinter sich stehen! Er konnte jedoch nur den schimmernden Umriss einer finsteren Gestalt erkennen. Das Gesicht war durch sein eigenes Spiegelbild verdeckt.

„Zauberspiegel!" rief der Fremde hinter ihm. „Sie zeigen etwas, das nicht existiert und doch da ist!"

„Wer sind Sie?" fragte der Kardinal nervös. „Wenn ich in den Spiegel schaue, sind Sie da, doch wenn ich mich umdrehe sind Sie weg!"

„Stimmt!" antwortete der finstere Gast. „Das sind die besonderen Eigenschaften dieser Spiegel. Sie können das enthüllen, was in der unsichtbaren Welt vorhanden ist!"

„In der unsichtbaren Welt?" Der Kardinal griff nach einem Friesvorsprung, um sich daran festzuhalten.

„Fürchten Sie sich nicht, Herr Kardinal! In Ihren Gottesdiensten sprechen Sie als Priester selbst über diese unsichtbare Welt. Ich habe Sie sagen hören, dass es in der unsichtbaren Welt Gutes und Böses gibt."

„Das stimmt, aber…"

„Ich bin als Repräsentant für das Gute hier, deshalb brauchen Sie keine Angst vor mir zu haben!" Der Fremde lachte gedämpft.

Der Kardinal sah sich um. Der Saal war wie eine Kathedrale, die das Göttliche veranschaulichte. Überall waren Trophäen, Kronen und Skulpturen zu sehen, die über den Sieg und die Macht des Königs erzählen. Die Spiegel glänzten wie Diamanten.

„Ich habe gehört, dass viele der Arbeiter, die im 17. Jahrhundert diese Spiegel herstellten, aufgrund mangelnder Schutzmaßnahmen starben. Der Herstellungsprozess erwies sich als äußerst gefährlich!"

„Ja gewiss", antwortete der Fremde, der die ganze Zeit darauf achtete, dass sein Gesicht im Spiegelbild des Kardinals verborgen blieb. „Herrlichkeit fordert ihre Opfer!"

„Ja, aber das vorliegende Grundgesetz geht von anderen Voraussetzungen aus. Zuerst muss die Stimme des Volkes gehört werden!"

„Unsinn! Die Stimme des Volkes ist die des Aufruhrs. Die Sonne der damaligen Zeit verlor durch dieses törichte Verlangen ihren Glanz und ging unter. Der Aufruf zur Revolution brachte den König und seine Familie an die Guillotine. Als die ‚Menschenrechte’ auf der Tagesordnung standen, floss das Blut des Adels und tausender nobler Menschen in Strömen! Nein, Herr Kardinal, wir haben andere Pläne mit Ihnen! Ihre Aufgabe ist die totalitäre Sonne! Wenn es Ihnen gelingt, Sie aufgehen zu lassen, haben wir eine große Belohnung für Sie!"

„Eine große Belohnung?" Der Kardinal trat einen Schritt zur Seite, um das Gesicht des Fremden zu sehen. Doch wiederum vergeblich! Die Gestalt hinter ihm folgte seinen Bewegungen, sodass das Gesicht des Sprechers weiterhin im Dunklen blieb.

„Ja, eine große Belohnung, und wenn Sie sich weigern oder zögern, dieser Linie zu folgen, werden Sie entfernt!"

„Entfernt?" Der Kardinal drehte sich blitzschnell herum, um die mit ihm sprechende Person zu sehen, doch der Saal hinter ihm war leer…

„Ja, entfernt" klang die Stimme wieder im Spiegel. „So wie John Edwards entfernt wurde…"

„John Edwards?" Der Kardinal starrte entsetzt in den riesigen Spiegel. „Wer hat ihn ermordet?"

„Das war ich!"

Jürg Ratgeber wich entsetzt zurück. Im gleichen Augenblick spürte er, wie ihm eine eisige Hand auf die Schulter gelegt wurde. Er fühlte, wie ein kalter Strom sich seinem Herzen näherte.

„Auf diese Weise!" hörte er die Stimme hinter sich, „starb John Edwards, und auch Sie werden diese Welt so verlassen, wenn Sie mir nicht gehorchen!"

Der Kardinal stand unbeweglich da. Sein Körper war wie gelähmt. Seine Gestalt wie eine Statue. Langsam drangen die Stimmen aus dem Seitengebäude wieder in sein Bewusstsein ein. Er konnte die Musik aus dem Speisesaal hören. Doch der Saal hinter ihm verblieb leer. Die Gestalt im Spiegel war verschwunden, das Glas jedoch durch Frost und Reif beschlagen. Jürg Ratgeber richtete sich auf. Mit einem schmerzlichen Gesichtsausdruck betastete er mit der rechten Hand seine linke Schulter. Dann verließ er langsam den mit 350 Spiegeln geschmückten Saal des Sonnenkönigs und kehrte in den Festsaal zurück, in dem Musik und Stimmen ertönten…

Als der Kardinal am festlich gedeckten Tisch Platz nahm, war Bischof Valentin gerade dabei, eine Rede zu halten. Sie sollte als Einleitung und Inspiration für den nächsten Tag gelten, wobei es insbesondere um die gemeinsame Strategie ging, die die Weltgemeinschaft in der Bekämpfung des religiösen Fundamentalismus anwenden sollte, damit man den durch diese Ideologie motivierten Hintermännern des Terrors das Handwerk legen konnte.

„Die Spielregeln haben sich geändert!" hörte man den Bischof äußern. „Dies gilt nicht zuletzt im Hinblick auf die in der kommenden Konstitution verankerte Menschenrechtsauffassung! Wir werden deshalb morgen über zwölf Reformen verhandeln, die mit in unseren globalen Grundgesetzentwurf aufgenommen werden sollten. Alle zwölf Gesetzesänderungen richten sich gegen extreme Prediger, die zu Terror und Aufruhr anstacheln. Handelt es sich dabei um Ausländer, sollten sie gleich deportiert werden! Wenn es um die eigenen Bürger des Landes geht, müssen ihre Aktivitäten sofort eingestellt werden, d.h. ihre Webseiten geschlossen, ihre Buchläden und Verlage aufgelöst und ihre Versammlungsräume, ob es sich dabei um Moscheen oder Kirchen handelt, dichtgemacht werden. Egal ob es sich dabei um fundamentalistische Moslems oder gleich gesinnte Christen handelt, sie müssen sofort in Gewahrsam genommen werden! Entscheidend ist dabei nicht länger, ob sie wirklich eine Tat begangen haben, sondern ob man davon ausgehen kann, dass sie möglicherweise eine begehen werden. Extreme Verkündigung kann in dieser gefährlichen Zeit nicht länger geduldet werden!"

Der Kardinal sah sich im festlich erleuchteten Saal um. Er bemerkte, dass die französischen Tischgäste seiner Rede eifrig zustimmten. Auch die englischen Repräsentanten schienen einzusehen, dass dies der einzig mögliche Weg war…

„Bislang war es niemandem verboten, seinem fundamentalistischen Glauben an den Koran oder der Bibel entsprechend zu denken, reden oder zu schreiben", fuhr der Bischof fort. „Doch es hat sich herausgestellt, dass Terror und Verbrechen gegen die Zivilisation unseres Systems in diesen verrotteten Gewässern gedeiht…"

Rauschender Beifall folgte. Ermutigt sprach der Bischof weiter: „Sektiererische Verkünder stellen die größte Gefahr für unsere Gesellschaft und die Sicherheit unserer Bürger dar. Jetzt sind es nicht mehr ihre verborgenen Handlungen, die aufgespürt und bestraft werden müssen, sondern ihre geheimen Motive! Ihre Predigt reicht aus, um die Moschee schließen zu können und diese ‚geistlichen’ Leiter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Kirchen, Missionshäuser und so genannte freikirchliche Versammlungshäuser dürfen nicht länger als Brutstätten eines gefährlichen, fundamentalistischen, sektiererischen Schlangengezüchts dienen!"

Wieder erklang Beifall, und der Bischof endete: „Die Meinungsfreiheit ist kein Privilegium, das gegeben wurde, um missbraucht zu werden! Nein, Meinungsfreiheit ist ein demokratisches Fundament, das zusammenbricht, wenn es von religiösen Sekten niedergetrampelt wird! Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Karl Marx ein Bibliothekszimmer im Britischen Museum zur Verfügung gestellt bekommt, in dem er seinen revolutionären Hass gegen Andersdenkende verbreiten kann… Sie haben alle erlebt, wozu das geführt hat! Auch ist die Zeit vorbei, in der man radikalen, religiösen Elementen erlaubt, die Aussagen des Neuen Testaments gegenüber Homosexuellen und anders eingestellten Bürgern zu verdrehen. Der ‚1998 herausgegebene ‚Human Rights Act’ sollte unsere Hände nicht länger gebunden halten, wenn es darum geht, gegen unseren Todfeind zu kämpfen! Das Attentat in Kopenhagen ist der letzte Beweis dafür, dass es nun höchste Zeit ist einzugreifen! Deshalb möchte ich Sie, meine Damen und Herren, bitten, sich darauf einzustellen, dass wir morgen nur von einem einzigen Gedanken beseelt ans Werk gehen: „Dass die Spielregeln sich geändert haben und dass unser Grundgesetz zwölf neue Reformen braucht!"

Während noch der Beifall rauschte, erhob sich der Kardinal und schüttelte dem Bischof herzlich die Hand. Nach dem sonderbaren Erlebnis im Spiegelsaal war er ganz mit dem Gesagten einverstanden. Ja, er vernahm, dass die Rede des Bischofs vom gleichen Geist geprägt war, den er zwischen den zahlreichen, schimmernden Spiegeln verspürt hatte… auch wenn er einige Sekunden lang von Zweifeln geplagt worden war, so waren sie jetzt jedoch wie weggeblasen! Der Bischof hatte das Unerklärliche in Worte zu fassen vermocht! Er hatte in seiner Rede das formuliert, was dem Kardinal in einer Vision gezeigt worden war. „Ich bin ein Repräsentant für das Gute", hatte der Fremde gesagt, und das, was Bischof Valentin einige Minuten später für gut und richtig befunden hatte, harmonierte so wunderbar mit der Botschaft des Fremden: „Die Zeit des Sonnenkönigs kehrt zurück. Alleinherrschaft. Der Totalitarismus…"

„Sie haben recht" rief der Kardinal aus, als er dem Bischof für seine Rede dankte. „Man muss hart gegen jegliche Form von Aufruhr, religiösem Fundamentalismus und Sektentätigkeit vorgehen. Das gilt auch für die Christen!"

Nach diesen Worten umarmten sie einander herzlich. Ihre Umarmung war mehr als nur eine Geste der Anerkennung; sie war das Zeichen eines Übereinkommens. Eines Bundes. Einer gegenseitigen Verpflichtung…

Einige vorübergehende Gäste lächelten über die vertraute und brüderliche Art, in der die beiden miteinander sprachen: Ein protestantischer Bischof und ein katholischer Kardinal…

Als der Kardinal sich wieder setzte, befühlte er mit der rechten Hand seine linke Schulter. Bei der innerlichen Umarmung war ihm der eisige Schmerz durch alle Glieder gefahren. Beim herzlichen Händedruck waren Eisspeere durch seine Arme bis ins Herz hinein geschossen. Dieser Schmerz war sicherlich von den schnellen Bewegungen aufgetreten. Vielleicht hatte sich ein Rückenwirbel verschoben. Morgen würde er zum Arzt gehen. Dieser konnte ihm zweifellos helfen…

Der Redaktionssekretär Jørgen Olesen von der dänischen Tageszeitung ‚Politiken’, hatte in der internationalen Nachrichtenzeitschrift TIMES einen Artikel gelesen, der seine ganze Aufmerksamkeit geweckt hatte. Darin ging es um ein Interview mit einer jungen, irakischen Selbstmordattentäterin, die nach einem kurzen Gebet bereit war, sich selbst in die Luft zu sprengen, um so viele amerikanische Soldaten wie möglich mit in den Tod zu reißen! Der Artikel trug die Überschrift: ‚Gedanken einer Bombenattentäterin’.

„Ich würde gerne einen ähnlichen Artikel über die Gedankenwelt schreiben, in der sich John Williams befindet", erklärte er bei einem Redaktionsmeeting. „Ich will den Zusammenhang zu ergründen versuchen, der zwischen seinem fundamentalistischen Glauben und diesem teuflischen Terrorakt in Kopenhagen besteht…"

Da sowohl der Chefredakteur als auch die Polizei und Regierungskreise in Christiansborg die Idee des Journalisten genial fanden, wurde ihm freier Zutritt zum Vestre Gefängnis gewährt, in dem John W. und seine Frau einsaßen.

Als Jørgen Olesen John Williams traf, war er nicht über seine offene und ehrliche Haltung überrascht! Er wusste im voraus, dass der Mann, dem er nun die Gelegenheit gab, über seinen Glauben zu sprechen und Stellung zu beziehen im Hinblick auf den Terrorangriff in Kopenhagen, nicht fordern würde, nur maskiert photographiert werden zu wollen, wie dies laut Berichten in der TIMES bei muslimischen Selbstmordattentätern der Fall war.

„Wie der Apostel im Neuen Testament", hatte John W. gesagt, „gehe ich nicht verborgen ans Werk, und ich habe es nicht nötig, mein Gesicht zu verhüllen, sondern ich befehle mich offen dem Gewissen aller Menschen an…"

„Der junge islamische Terrorist berichtet", begann Jørgen O., „dass er vor seiner Terrorhandlung Allah bittet, seine Mission zu segnen und so viele Amerikaner wie möglich mit sich in den Tod reißen zu können. Sind Sie mit der gleichen Absicht nach Kopenhagen gereist? Hat Gott Sie gesandt?"

„Erstens", antwortete John W. ernst, „ist es nicht mit dem christlichen Glauben zu vereinen, Gott um so viele getötete Feinde wie möglich zu bitten! Als Jesus die endzeitliche Christenverfolgung voraussagt, ermutigt er seine Nachfolger, für ihre Feinde zu beten. ‚Ihr habt gehört’, sagt Er, ‚dass gesagt wurde: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist…"

„Es stimmt also, dass gesagt worden ist, dass wir ‚unsere Feinde hassen sollen’?"

„Ja, so steht es im alten Bund geschrieben. Aber die Worte: Ich aber sage euch deuten auf einen neuen Bund hin. Der junge Mujahadin-Krieger richtet sich jedoch nach einer Lehre, die nicht für den Menschen gilt, der den Geboten des Neuen Bundes folgt! Jesus sagt: ‚Liebet eure Feinde’, deshalb ist der Gedanke, dass ein Nachfolger Christi im Gebet darum fleht ‚so viele wie möglich umbringen zu können, völlig absurd, denn es widerspricht vollkommen der neutestamentlichen Lehre! Ich habe mit dem Terrorangriff in Kopenhagen nichts zu tun. Meinem Glauben und meiner Überzeugung gemäß wäre ich niemals imstande gewesen, meinen Mitmenschen gegenüber ein solches Blutbad anzurichten!"

Am folgenden Tag erschien der volle Wortlaut dieses Interviews in der Tageszeitung ‚Politiken’. In Christiansborg wurde der Artikel mit gemischten Gefühlen aufgenommen…