DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 35

Es wurde von der Hotelrezeption angerufen; die Telefonklingel klang schrill und lang anhaltend. Jeff Straw nahm den Hörer ab. Sein Gesicht bekam einen verbissenen Ausdruck. „Eine Dame, sagen Sie, namens Anna Davids? Nein, Sie sollen sie nicht zu mir raufschicken. Ich werde sie in der Lounge treffen. Danke!"

Jeff Straw stand vor dem Spiegel und rieb sich das Kinn. „Genau wie der Mönch vorausgesagt hat", flüsterte er leise. „Die BBC-Direktorin wird Sie in Ihrem Hotel aufsuchen. Wenn sie kommt, werden Sie wissen, dass sie mit den Privatsoldaten des Papstes unter einer Decke steckt…."

Jeff Straw war gezwungen worden, sich in einer Hinterhofkapelle die Belehrung der Mönche anzuhören; nur der dritten und letzten Belehrung hatte er entkommen können. Ein paar in Mönchskutten gekleidete Riesen hatten ihn festgehalten, sodass ihm nichts anderes übrig geblieben war als den Vortrag des betagten Abts über die fortwährende Macht des Jesuitenordens über sich ergehen zu lassen. Vor der dritten Lektion, die nach Ansicht des Abtes die wichtigste war, hatte er sich dem eisernen Griff der Hünengestalten entwunden und war aus der schwach beleuchteten Kapelle herausgestürmt. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, hörte er die klagende Stimme des Abts: „Er flüchtet vor dem größten Geheimnis. Nun erfährt er nichts von den Plänen, die Rom in petto hat für die letzte Generation!"

… als Jeff Straw ans Tageslicht kam und sich auf dem Rückweg zum Hotel befand, fasste er den Entschluss, die seltsamen Mönche bei der ersten Gelegenheit wieder zu besuchen. „Wenn das Zeichen eintrifft", murmelte er, „dann weiß ich, dass diese in Mönchskutte gekleideten Männer die Wahrheit sprechen! Wenn die Vorhersage des Abts, dass ich heute Abend in meinem Hotel Besuch von der BBC-Chefin, Anna Davids, bekomme, in Erfüllung geht, dann werde ich freiwillig in diese dunkle Kapelle zurückkehren, um der dritten ‚Unterrichtsstunde’ zu folgen. Ich will über die geheimnisvollen Pläne Roms in Bezug auf die letzte Generation Bescheid wissen…"

Und jetzt war diese seltsame Voraussage eingetroffen: Die hübsche, einflussreiche BBC-Chefin stand nun in der Hotelhalle und wartete auf ihn. Die Botschafterin des finsteren, von Hass erfüllten Inquisitionsheers hatte die Absicht, sich bei ihm einzuschmeicheln. Die letzten Worte beim Interview in ihrem Londoner BBC-Büro waren eine Aufforderung zur Überwachung des schwarzen Kardinals. „Vielleicht ist er der nächste Papst", hatte sie gesagt. „Finden Sie heraus, was für eine Art von Mensch er ist, und welche himmlische Vision er umsetzen will, um die Kirche vor dem Untergang zu retten…"

Jeff band sich eine goldfarbene Krawatte um. Er hatte sie vor ein paar Tagen in einer Londoner Tankstelle gekauft. Zusammen mit dem dunklen Hemd erschien sie ihm passend für diesen Anlass.

Anna Davids begegnete ihm mit einem gewinnenden Lächeln. Ihre blauen Augen unter dem blonden Haar blitzten voller Humor. Sie neckte ihn: „Der Herr wünscht also keinen Damenbesuch auf seinem Zimmer, sondern nur in der Hotelhalle!"

„Willkommen! Ich habe einen Tisch bestellt; dort können wir ungestört miteinander reden."

„Und den vorzüglichen Champagner trinken, den ich mitgebracht habe!"

„Wir werden den Kellner bieten, ihn uns eiskalt und stilgerecht zu servieren!"

Als sich das Paar an einem ruhigen Ecktisch im Hotelrestaurant niedergelassen, die Menukarte studiert und die Bestellung aufgegeben hatte, beugte sich Anna Davids vor und flüsterte: „Nun wollen wir uns weiter über geschäftliche Dinge unterhalten. Es geht um den kommenden Papst sowie um die Pläne Roms in Bezug auf ‚die Lehre der letzten Dinge’, wie sie diese ihrer theologischen Tradition gemäß bezeichnen."

Jeff beobachtete die blonde Schönheit mit leicht hochgezogenen Augenbrauen. Es fiel ihm schwer, seine Überraschung zu verbergen. Ihre Redensart glich der der Mönche. Es war kein Unterschied zwischen den Formulierungen des kahlköpfigen Abtes und den Ausdrücken dieser modernen BBC-Chefin zu erkennen. Beide sprachen über einen heimlichen Plan. Über Roms verborgene Absichten und über die letzte Generation von Menschen auf diesem Erdball.

„Sie haben sicher von dem Terroranschlag in Kopenhagen gehört?" fuhr sie ernst fort, „und Sie sind über die Festnahme des Dänen John Williams in Kenntnis gesetzt worden. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie ihn persönlich kennen. Sie haben sogar Zeit in seinem Wüstencamp zugebracht, ja, Sie haben sogar an einer dreifachen Hochzeit teilgenommen. Wie denken Sie über seine Verhaftung und die seiner Frau Virginia? Sind sie schuldig?"

„Nein!"

„Wer steht denn hinter dieser Festnahme?"

„Ein homosexueller, amerikanischer Bischof und ‚der schwarze Kardinal’!"

Anna Davids schien ganz offensichtlich verblüfft. „Sie sind aber gut informiert!"

„Das ist mein Job; Sie selbst haben mich ja gebeten, den Kardinal zu ‚verfolgen’…"

„Was wissen Sie noch?"

„Dass er versucht, sein Verbrechen zu vertuschen, indem er das angreift, was die New York Times als ‚Neodarwinisches Dogma’ bezeichnet."

„Und was ist das?" Anna Davids große, blaue Augen sahen ihn fragend an.

„Sie fragen, was das ist? Dies ist für Sie doch kein unbekannter Begriff. Dieses Dogma durchdringt die neue Weltverfassung von der ersten bis zur letzten Seite. Es geht um das ‚Recht des Starken’ und prägt wie einen Glaubenssatz die ganze Wissenschaft, die bei der Genforschung, Abtreibung, Politik und Christenverfolgung mitmischt…"

„Das war aber ein großer Mundvoll."

„Ja, ein bitterer. Mehr als bitter: giftig! Diejenigen, die versuchen, sich einen solchen Cocktail zu mixen, werden einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleiden. Nach dem ersten Schluck werden sie Blut spucken…"

„Und der schwarze Kardinal warnt vor dieser Mischung?"

„Ja, weil er mit stärkeren Getränken vertraut ist…"

„Wie zum Beispiel?"

„Mord, Betrug, Lüge, Gotteslästerung… und Verfolgung der wahren Christen!"

„Beweise!" Anna Davids blaue Augen erschienen eiskalt.

„Die werde ich vorlegen, sobald ich die echte ‚blutige Notiz’ zwischen die Finger kriege!"

„Sie meinen den geheimnisvollen Zettel mit den letzten Worten des ermordeten EU-Präsidenten?"

„Ja!"

„Der liegt wohl unter Polizeiverschluss in Kopenhagen!" Diese Erklärung war eher eine Frage als eine Behauptung. Anna Davids starrte Jeff Straw prüfend an.

„Das Stück Papier ist gefälscht!

„Gefälscht?"

„Ja! Es ist nicht die Handschrift des Präsidenten und nicht sein Blut, das auf der ‚roten Notiz’ klebt.

„Wessen Blut ist es denn?"

„Das Blut des schwarzen Kardinals. Doch wird er dies damit zu erklären versuchen, dass auch er in der Gondel gesessen hat, als die Scharfschützen beide Männer aufs Korn genommen hatten. Der Präsident wurde getötet, der Kardinal nur leicht verletzt. Ein Streifschuss über der Wange…"

„Und was soll das bedeuten?" Anna Davids stellte ihr leeres Glas hin, um es sich von Jeff wieder füllen zu lassen. Er schenkte ihr von dem mitgebrachten, perlenden Champagner ein, füllte sein eigenes Glas und erhob es zum Gruß.

„Das heißt, dass der schwarze Kardinal ein gedungener Mörder ist; er hat die Scharfschützen bezahlt! Der Präsident wusste zu viel über ‚die Lehre der letzten Dinge’. Er wäre imstande gewesen, die Pläne Roms im Hinblick auf die letzte Generation durcheinander zu bringen; deshalb musste er aus dem Weg geräumt werden!"

Anna Davids nippte an ihrem Glas. „Was wissen Sie über mich?" fragte sie plötzlich.

„Über Sie?"

„Ja, über mich. Sie wissen ja so viel, deshalb kann es gut sein, dass Sie auch etwas über mich in Erfahrung gebracht haben?"

„Vielleicht!" antwortete Jeff, „doch was, das werde ich nicht erzählen!"

„Warum nicht?"

„Weil Sie mich dann auf der Stelle entlassen würden!"

Anna Davids erhob sich. Sie leerte ihr Glas und warf es auf den Boden. Beim klirrenden Geräusch drehten sich die anderen Gäste nach dem abseits gelegenen Tisch um. Sie bemerkten, dass die große, blonde Dame nach ihrer weißen Weste griff, die sie sich über den Stuhl gehängt hatte. Wütend rief sie dem Mann mit dem goldfarbenen Schlips irgendetwas zu. Dieser erhob sich und streckte abwehrend die Hände aus, doch anscheinend schien die ganz in weiß gekleidete Dame wirklich zu meinen was sie sagte. Hoch aufgerichtet und schnellen Schrittes verließ sie den Tisch. Der junge Mann im dunklen Hemd und der leuchtenden Krawatte setzte sich schweigend wieder an den Tisch und schenkte sich ein weiteres Glas Champagner ein. Ein Kellner kam herbeigeeilt, fegte die Scherben auf ein Kehrblech und packte sie vorsichtig in eine auf dem Tisch liegende Zeitung.

Jeff wies auf die Zeitung hin. „New York Times! bemerkte er.

Der Kellner nickte desorientiert.

„Ich möchte gerne die Titelseite haben."

„Aber gerne", antwortete der Ober, riss die Vorderseite der Zeitung ab und reichte sie dem Mann am Tisch.

„Hier steht", sagte der Gast mit dem goldenen Schlips, „dass der schwarze Kardinal einen ‚bioethischen Kampf’ ausfechten will."

„Na so was", antwortete der Ober höflich.

„Aber er sollte lieber erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren!"

„Jawohl", antwortete der Kellner und beugte sich nieder, um noch ein paar Glasscherben aufzusammeln…

*

Im Kopenhagener Flughafen ging eine breitschultrige Gestalt mit flatterndem, hellem Popelinemantel langsam die Treppe des El-Al Fluges herunter. In der rechten Hand hielt er eine kleine, leichte Ledertasche. Der Verschluss war abgewetzt und das Leder verkratzt. Mit der linken Hand stützte er sich auf das Geländer der Landungstreppe, an dessen Ende zwei Herren in fast gleicher Kleidung auf ihn warteten. Beide trugen dunkle Sonnenbrillen. An ihrem Auftreten konnte man deutlich erkennen, dass es sich um dienstbeflissene Beamte handelte.

Die beiden Männer traten respektvoll an die Treppe, um den Gast aus Israel zu begrüßen zu können, sobald dieser dänischen Boden betrat.

„Willkommen, Mr. Engels", sagte der eine Däne mit deutlich skandinavischem Akzent. Der andere wiederholte den Gruß in einer Weise, die bezeugte, dass der Fremde ein hohes Maß an Ansehen besaß. Mr. Adolf Engels aus Jerusalem kannte sich besser in Sachen Terror und Sicherheitsveranstaltungen besser aus als die Polizei im Allgemeinen. Er war auch über Mr. John Williams informiert. Letzterer war auch der Grund seines Besuches in Kopenhagen.

*

„Die Herren behaupten, dass dies nicht die Handschrift des EU-Präsidenten sei?" Adolf Engels, den man auf dem Polizeipräsidium in Kopenhagen willkommen geheißen hatte, legte das kleine, blutgetränkte Stück Papier, das der Gastgeber ihm gerade überreicht hatte, auf den Tisch. Es war in einer Plastiktüte mit der Bezeichnung: ‚24776/44.P.H.C. – Handschrift’ aufbewahrt worden. Die Nummer war rechts in der Ecke auf phosphorgelben Hintergrund mit schwarzem Stift aufgetragen worden.

„Durch unsere Untersuchungen sind wir zu diesem Schluss gelangt", antwortete die Polizeichefin.

„Auf was stützen sich diese Untersuchungen?"

„Auf die Aussagen von Handschriftexperten."

„Sie stimmen mit mir überein, dass das Papier aus dem Notizblock herausgerissen wurde, den der Präsident in seiner Tasche hatte?"

„Ja, darüber hat man uns in Kenntnis gesetzt."

„Ich habe den Notizblock des Präsidenten hier", sagte Adolf Engels und legte einen kleinen, goldbraunen Abreißblock in Miniformat auf den Tisch; Das abgerissene Stück Papier stammt aus diesem Block. Er enthält andere Notizen, die der Präsident mit dem gleichen Kugelschreiber niedergeschrieben hat."

„Und die Handschrift?" Die Stimme der Polizeidirektorin klang scharf.

„Es ist die Handschrift eines Sterbenden, zittrig und zusammenhangslos. An den Aussagen der Handschriftexperten kann gezweifelt werden."

„Sie meinen also, dass dieser Papierfetzen echt ist?"

„Ja. Und die Botschaft darauf auch! Sie haben recht daran getan, John Williams zu verhaften!"

„Auf dieser ‚roten Notiz’ befindet sich nicht das Blut des Präsidenten!" Die Polizeichefin hob die nummerierte Plastiktüte hoch.

„Das stimmt!" antwortete Adolf E. „Es ist das Blut des verwundeten Jürg Ratgeber. Bevor der Präsident starb, reichte er dem Kardinal das Blatt Papier. Dieser nahm es in die Hand, mit der er sich zuvor Blut von der Wange abgewischt hatte. Eine ganz einfache Erklärung! Deshalb brauchen wir auch die ganze Sache nicht noch komplizierter zu machen."

Die Polizeichefin wechselte Blicke mit den dänischen Polizisten.

Adolf Engels fiel das augenblickliche Schweigen auf. Deshalb wiederholte er in gebieterischem Ton: „Wir brauchen die ganze Sache nicht zu komplizieren, oder?"

Die Polizeichefin zögerte.

„Die Aufforderung dazu kommt aus Brüssel", fügte Adolf E. mild hinzu.

„Ich verstehe!" antwortete die Polizeidirektorin, erhob sich und verließ in aller Eile den Raum. Ein paar Kollegen folgten ihr…

Adolf E. nahm die Plastiktüte und legte sie in seine alte, braune Ledertasche. Er schloss die abgeschabte Schnalle und reichte einem der Anwesenden seine Kaffeetasse hin. „Haben Sie noch etwas Kaffee?"

*

Die Polizeidirektorin saß einen Augenblick lang mit gebeugtem Kopf in ihrem Büro. Die beiden Männer, die ihr gefolgt waren, schwiegen. Dann erhob sie den Kopf und sah sie an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Zum ersten Mal", brach es aus ihr hervor, „wird mir klar, dass dieser Job ein Männerjob ist…"

Die beiden Polizeioffiziere erhoben sich und sahen sich unsicher an. Ihre Chefin war schluchzend zusammengebrochen. Kurz darauf riss sie sich jedoch zusammen, knöpfte ihre Uniformjacke auf und sagte gedämpft: „Sie sind sich vermutlich darüber im Klaren, dass wir es hier mit dem größten Justizmord unserer heutigen Zeit zu tun haben."

Die Männer nickten.

Während die Polizeidirektorin sich die Tränen abwischte, fuhr sie weiter fort: „Als der EU-Präsident von der Gondel auf die Erde zurückgebracht wurde, waren seine Hände voller Blut. Er hatte sich den Kopf festgehalten, und zwar an der Stelle, wo er von der tödlichen Kugel getroffen worden war. Danach hatte er seine Notiz geschrieben, der man die Bezeichnung ‚blutige Notiz’ gegeben hat, weil sein Blut den kleinen Zettel aus seinem Notizblock rot gefärbt hatte! Es ist unmöglich, dass darauf nur die Blutspuren vom Kardinal zu finden sind. Der Mann, mit dem wir eben gesprochen haben, ist ein Gesandter aus Babylon und Brüssel. Er hat nur eine Aufgabe zu erfüllen und zwar: „Sicherzustellen, dass John Williams und seine Frau hinter Schloss und Riegel verbleiben! Er will uns von ihrer Schuld überzeugen und uns auf die Probleme aufmerksam machen, die sie in der Wüste verursachen. Es gibt einige Leute, ich weiß nicht wer, die diesen Wüstenbewohnern an den Hals wollen. Deshalb haben wir die Nachricht erhalten: ‚Nehmen Sie sich in Acht vor den Wüstenbewohnern. Sie müssen bekämpft und ausgerottet werden!’ Doch diese Botschaft ist verfälscht! Die rote Notiz, die Adolf Engels an sich genommen hat, ist falsch. Was sollen wir nur anstellen?"

„Wir müssen dafür sorgen, dass wir diesen roten Zettel zurückbekommen!" rief einer der Männer.

Die Polizeichefin sah auf. Über ihr Gesicht zog ein Lächeln. „Sie haben Recht!" rief sie. „Wir müssen diesen roten Zettel zurückkriegen. In den Händen dieses Mannes ist er zu gefährlich…"

Die beiden Männer erhoben sich. „Wir werden uns dieser Sache annehmen", sagten sie und verließen eilig das Büro…