DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 33

Die beiden Männer, die unter den schattigen Bäumen des Genfer Sees spazieren gingen, unterhielten sich wie alte Freunde. Als sie an einer Kirmes vorbeikamen, dessen Stände mit verlockenden Angeboten gefüllt waren, schauten sie auf die sich drehenden Karusselle. Ein Riesenrad ragte hoch auf über der bunten Landschaft mit seinen Eisverkaufsbuden und Bierschenken. Die beiden ernst dreinschauenden, vornehmen Herren schienen nicht in dieses farbige Bild des Leichtsinns und der Vergnügungen zu passen. Der eine sah aus wie ein Pfarrer, der andere wie ein Staatsmann. Deshalb mutete es seltsam an, dass die beiden vor dem Riesenrad stehen blieben. Einer plötzlichen Eingebung folgend stiegen sie in eine der Gondeln ein. Das Riesenrad setzte sich langsam in Bewegung; die Gondeln erhoben sich im festen Rhythmus, einem eisblauen Abendhimmel entgegen. Hinter ihnen konnte man die schneeweißen Wasserstrahlen eines Springbrunnens sehen, der vom Genfer See gespeist wurde; unter ihnen fuhren die Linienschiffe an den vornehmen, am Ufer entlang gelegenen Prachtvillen vorbei. Von einem dieser herrschaftlichen Häuser, einem kleinen Schloss, das seinerzeit Napoleon Bonarpartes Ehefrau Josephine gehört hatte, blitzte es plötzlich zweimal kurz auf. Sekunden später waren Gewehrsalven zu hören; die beiden Männer in der obersten Gondel sackten leblos auf den Boden.

Gleichzeitig waren die Kabel des Riesenrades von unbekannten Tätern durchtrennt worden, sodass das Riesenrad stillstand. Nur die Gondeln schaukelten noch zwischen Himmel und Erde. Die oberste Gondel schien leer zu sein, auf ihrem Boden lagen jedoch zwei Männer. Der eine tödlich getroffen, der andere blutete aus einer Streifschusswunde. Bei den beiden Verwundeten handelte es sich um den EU-Präsidenten Pierre Henri Clark und dem schwarzen Kardinal, Jürg Ratgeber…

Während dieser Ereignisse, noch bevor die herbeigerufenen Techniker das riesige Rad wieder instand gesetzt hatten, waren Minister und Beamte in den globalen Zentren in Brüssel, Babylon und Washington zur Beratung zusammengekommen. Nach diesem erneuten, mörderischen Anschlag bebten und zitterten die drei mächtigen Machtblöcke. Es schien ganz so, als ob der kolossale Moloch in Europa aufs Neue ins Wanken geraten sei. Unmittelbar nach dem schicksalsschweren Nein zur globalen Konstitution und nach dem immer noch ungeklärten Mord an EU-Vizepräsident John Edwards, war das auf dem Boden der Riesenradgondel tropfende Blut nun ein weiteres Zeichen dafür, dass die Feinde des Systems immer noch konzentriert daran arbeiteten, die kommende Weltregierung zu stürzen. Auf viele Fragen gab es noch keine Antwort…

Wer waren diese unsichtbaren Feinde? Wie konnten sie bekämpft werden? Wie konnte man diesen ständigen Anschlägen auf das globale Grundgesetz, das der ganzen Welt eine sichere Zukunft garantierte, entgegenwirken?

„Dieser Angriff ist ein neuer Sieg für den Neunihilismus", erklärte Bischof Valentin. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Wenn sein Vorgesetzter, Pierre Henri Clark dieses letzte Attentat überlebte, so wie er dies bei einer Reihe früherer gegen ihn gerichteten Anschläge getan hatte, dann würde sich an der EU-Spitze nichts verändern. Sollten aber die Techniker oder der Helikopterrettungsdienst den schwer verletzten Präsidenten nicht lebend zur Erde zurückbringen, dann stand der Vizepräsident als einziger gesetzlicher Nachfolger für den EU-Präsidentenposten und voraussichtlicher Kandidat für das Amt des Weltpräsidenten zur Verfügung…

„Die Meuchelmörder müssen aufgespürt und vor Gericht gebracht werden", fuhr der Bischof fort. „Sie sind nicht nur Menschenmörder sondern teuflische Totschläger, die sich vorgenommen haben, eine göttliche Idee zu vernichten!"

Die Beamten im Regierungsbüro erhoben ihre Köpfe. Wenn sie ihren Vizepräsidenten so reden hörten, spürten sie ein seltsames Feuer in seinen Worten. Eine tiefe, brennende Leidenschaft…

Nachdem das Rettungsteam die beiden Männer auf eine Bahre gelegt hatten, bedeckte man Pierre Henri Clark mit einem weißen Tuch. Durch die Schusswunde in der Herzgegend hatte er so viel Blut verloren, dass er seinen Wunden erlegen war. Jürg Ratgeber, der durch eine vorbeisausende Kugel nur eine leichte Schnittwunde davongetragen hatte, war bleich und ganz offensichtlich erschüttert. In seinen Händen fand die Rettungsmannschaft eine blutige Notiz, die er nicht loslassen wollte. Ja, es sah ganz so aus, als ob er sie verstecken wolle! Ein Reporter der Wochenzeitschrift ‚Spiegel’ riss sie ihm jedoch aus der Hand. „Niemand weiß bislang, was auf dem Papier steht, das die Handschrift des EU-Präsidenten trägt", berichtete ein BBC-Reporter in einem Sondernachrichtenprogramm.

*

Zur gleichen Stunde sprach Pastor Jones auf einer Pastorenversammlung.

Es ist ein friedlicher Abend, drei Stunden vor Mitternacht. Im Zentrum des Kremls herrscht eine ungewöhnliche Stille. Die Nachrichten aus Genf haben den Moskauer Riesen einen Augenblick gelähmt. In der Krypta einer Kirche, mitten in der mächtigen 12-Millionen Einwohner zählenden Stadt, findet eine Versammlung statt. Die anwesenden Pastoren gehören zur ‚Rebellenbewegung’, die vor dem globalen ‚Nein’ zur Konstitution ‚die sechs Thesen’ an ihre Kirchentüren angebracht hatten. Seit der ‚Jelzin-Ära’ des letzten Jahrhunderts hatte die Mehrzahl von ihnen einen festen theologischen Standpunkt…

In der Krypta spricht man flüsternd über den vor kurzem in Strassburg stattgefundenen Prozess. Pfarrer aus allen Konfessionen hören der Hauptperson des ‚Gemäldedramas’ (wie sie dieses bezeichnen) gerne zu. Alle wissen, dass nach diesen Ereignissen ihre Namen im Strafprozess unter der Nummer Nr. 19/42 geführt werden, und dass bereits mehrere ihrer Kollegen in einem Moskauer Gefängnis, das unter dem Namen ‚Matrosenruhe’ bekannt wurde, in Viererzellen eingesperrt saßen. Pastor Jones, der von den russischen Pfarrern der ‚Sechs-Thesen-Zar’ genannt wurde, ergriff das Wort:

„Die vierte meiner sechs Thesen hat mit dem Verhältnis der Kirche zu Israel zu tun", begann er. Als er den Namen ‚Israel’ aussprach, sahen sich gleich einige der Schwarzgekleideten Zuhörer ängstlich um. Sie hatten strenge Anweisungen aus dem Kreml erhalten, ‚Politik und Kirche getrennt zu halten. Gab es Denunzianten unter der zusammen gewürfelten Schar? War ein ‚Judas’ unter den versammelten Pastoren?

„Als Ausgangspunkt soll mir ein uralter Bericht aus einem der Mosebücher dienen", fuhr Pastor Jones fort, „in dem von einem Propheten aus den Heidennationen die Rede ist. Dieser wird von einem arabischen Fürsten aufgefordert, Unglück über Israel zu bringen. Heute haben wir eine ähnliche Situation: Die arabischen Führer würden viel darum geben, die Kirche mit auf ihre Seite zu bekommen, sodass sie als prophetische Stimme aus den Völkern mit in den Chor einstimmt, der Israel verbannt…"

Eine Frau, die sich an eine der Kryptensäulen gelehnt hatte, folgte aufmerksam der von einem Dolmetscher übersetzten Rede. Auf der einen Seite von ihr war eine Heiligenfigur, die einen Mann mit leuchtendem Gesicht darstellte. In der einen Hand hielt er einen Stab, die andere war zum Gruß erhoben. Es schien, als ob die Frau im Flüsterton die Statue anbetete; in Wirklichkeit aber sprach sie mit leiser Stimme in ein kleines Mikrophon, das im rechten Ohr des ‚Heiligen’ angebracht war.

„Der Prophet, über den ich spreche, ist Bileam", fuhr Pastor Jones fort. „Der Name bedeutet ‚Ausländer. Die ganze Geschichte dreht sich nur um ein Thema: Wie wird es den geistlichen Leitern ergehen, wenn sie sich von Israels Feinden dazu verleiten lassen, Worte des Fluchs über Israel auszusprechen?"

Ein älterer, graubärtiger Priester in einem langen, liturgischen Gewand erhob sich und fragte: „Wie können Sie es vom Theologischen her rechtfertigen, dass Sie Vergleiche zwischen diesem alten, in Vergessenheit geratenen, fremden Propheten und der christlichen Kirche in den Nationen anstellen?"

„Das Neue Testament stellt diesen Vergleich an", antwortete Pastor Jones. „Der Apostel Peter beschreibt eine abgefallene Gemeinde, deren Leiter rücksichtslos und geltungsbedürftig sind und nicht davor zurückweichen, überirdische Mächte zu spotten’. In seiner weiteren Beschreibung stellt der Apostel den erwähnten Vergleich an, indem er erklärt: ‚Sie sind abgeirrt, das sie den geraden Weg verlassen haben und sind nachgefolgt den Weg Bileams, des Sohnes Beors…"

„Das heißt", erklärte Pastor Jones abschließend auf die Frage des Priesters, „dass der Ausländer Bileam, der Israels Gott kannte, im Neuen Testament mit dem abgefallenen Teil der Kirche verglichen wird, der ungefestigte Seelen verführt’. ‚In ihrer Verirrung haben sie den Weg Bileams eingeschlagen’, warnt der Apostel." Pastor Jones sah über die stille, Schwarzgekleidete Versammlung hinweg und fügte hinzu: „Ich bin heute hier, um Sie vor dem ‚Weg Bileams’ zu warnen. Er führt zu einer feindlichen Haltung Israel gegenüber – die Folge werden Untergang und Verderben sein!"

Bei diesen Worten beugte sich die Frau zum rechten Ohr der glänzenden Heiligenstatue und murmelte ein Gebet. Während sie sprach, starrte sie unverwandt auf die schwarze Zuhörerschar. Man hörte, wie sie die Vornamen der Anwesenden anführte: Wladislaw, Wadi, Michail, Andrej, Wladimir, Sergej, Abramovitch, Anatoli…

„Nachts, als der Gesandte des moabitschen Fürsten im Haus des ausländischen Propheten übernachtete, warnte Gott ihn", fuhr Pastor Jones fort. „Du sollst nicht mit ihnen ziehen!" sagte der Herr. Den gleichen Rat kann ich der Gemeinde Jesu in den Nationen geben: ‚Gehe nicht mit ihnen!’ Sie wollen euch dazu bringen, Bekenntnisse und Resolutionen gutzuheißen, zu der sich kein Teil der Gemeinde Christi bekennen sollte; sie wollen, dass Sie Israel verbannen! Im nachfolgenden will ich Ihnen die weitere Entwicklung aufzeigen."

In dem Augenblick wurden die Türen zur Krypta geöffnet; Männer in Uniform stürmten herein. Etliche Pfarrer wurden aufgerufen, ihre Namen notiert und ins Gefängnis ‚Matrosenruhe’ gebracht. Pastor Jones führte man in einen Seitenraum forderte ihn auf, sich hinzusetzen. Vor ihm stand ein Agent in Zivil. „Sind Sie sich darüber im Klaren, dass der EU-Präsident Pierre Henri Clark vor einigen Stunden ermordet wurde? Aus diesem Grund muss ich Sie bitten, mir das Manuskript auszuhändigen, das Sie heute für Ihren Vortrag benutzt haben."

Pastor Jones übergab dem Agenten ein kleines Bündel Notizen. Der Agent schaute überrascht auf die wenigen Zeilen und fragte: „Ist das alles?"

Pastor Jones nickte…

Der Agent stempelte eine Seite nach der anderen und schrieb in die Ecke ein Dato mit seiner eigenen Unterschrift.

„Um Ihrer eigenen Sicherheit willen, und um Ihre Unschuld beweisen zu können, möchte ich Sie bitten, mir gewisse Fragen in Verbindung mit den Notizen dieses Vortrags zu beantworten", fuhr der Agent lächelnd fort. „Wir wollen uns darüber ein wenig unterhalten…"

*

Die anwesenden Parlamentsmitglieder stierten verblüfft auf das Buch, das Ibrahim Saad Nasser gerade auf den Tisch geworfen hatte. Sie waren in einem Raum der EU-Kommission in Brüssel versammelt, an dessen Wand Bilder von Staatsmännern hingen, die internationale Abkommen unterschrieben hatten. Das erste Bild stellte den deutschen Politiker Adenauer dar, der als Präsident des parlamentarischen Rats das Grundgesetz vom 23. Mai 1959 unterschreibt. Auf dem zweiten Bild sind etliche in roter Robe gekleidete Richter im deutschen Bundesverfassungsgericht zu sehen. Vor ihnen liegt ein dünner Papierstapel, daneben eine Karaffe Wasser und ein Glas. Sie scheinen über menschliche Schicksale und die Zukunft vieler Nationen entscheiden zu können…

Das vor Ibrahim Nasser liegende Buch war ein älteres, in rot eingebundenes, zerfetztes Exemplar von Adolf Hitlers ‚Mein Kampf’.

„Verlassen Sie bitte nicht den Raum", rief der ägyptische Soziologieprofessor aus. An seiner Stimme war deutlich zu erkennen, dass er Dozent war. Als solcher war er gebeten worden, den ersten Teil der Gespräche einzuleiten, die sich mit der augenblicklichen, großen Herausforderung beschäftigte: Wie konnten die Regierenden die Weltbevölkerung dazu bringen, ja zu einer Verfassung zu sagen, die gerade mit einem klaren Nein beantwortet worden war? Ibrahim Nasser schockierte nun die Verhandlungsgruppe, als er zur Einleitung Hitlers ‚Mein Kampf’ auf den Tisch legte…

„Ohne dass ich mich weiter zu diesem Werk äußere", begann der Professor, „enthält es ein Paar Sätze, aus denen wir etwas lernen können!"

Die kleine, aus ca. 20 Personen bestehende Gruppe betrachtete Ibrahim N. mit hoch gezogenen Augenbrauen. Welche Lehre könnte in Hitlers ‚Mein Kampf’ wohl von Nutzen sein?

Der Ägypter las: „Die breite Volksmasse besteht nicht aus Professoren oder Diplomaten. Das wenige, abstrakte Wissen, das die Volksmasse besitzt, ist nichts im Vergleich zu dem, was durch ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht werden kann. Die positive oder negative Einstellung entsteht in der Gefühlswelt der Massen. In dieser Gefühlswelt herrscht jedoch eine außerordentliche Stabilität. Es ist schwerer Glauben zu erschüttern als verstandesmäßiges Wissen. Liebe ist stärker als Achtung, Hass ausdauernder als Abscheu. Die vorherrschende, wissenschaftliche Einstellung war niemals Treibkraft für die mächtigsten Umwälzungen dieser Welt, sondern der mitreißende Fanatismus, der sogar zur reinen Hysterie ausarten konnte."

Ibrahim N. hielt eine Pause; danach setzte er mit Nachdruck fort: „Derjenige, der die breite Masse gewinnen will, muss den Schlüssel kennen, der die Herzenstür öffnet. Dieser heißt nicht Objektivität, - diese ist nur ein Ausdruck von Schwachheit -, sondern Wille und Kraft…"

Bei diesen Worten erhob sich ein junger Mann. Er ging an den Tisch, auf den der Ägypter Hitlers Buch gelegt hatte und nahm das Buch, riss das von vornherein zerflatterte Exemplar mit Leichtigkeit mittendurch, ging ans Fenster und warf die zerrissenen Seiten hinaus. Er wandte sich an die sprachlose Versammlung, die diesen Vorgang ruhig mit verfolgt hatte ohne einzugreifen oder einen Kommentar von sich zu geben.

„Wenn Sie hier Gefühle ansprechen", rief er Ibrahim N. zu, „so haben Sie hiermit meine Reaktion auf Ihre Einleitung vor Augen geführt bekommen! Nun habe ich genug gehört! Ich werde nicht weiter an dieser Ausschusssitzung teilnehmen…"

„Sind Sie etwa Jude?" fragte der Ägypter.

„Ja, und gerade Ihr Zitat aus ‚Mein Kampf’ hat meinem ganzen Geschlecht das Leben gekostet. Sie wurden von den Handlangern der Gefühlspropaganda ermordet…"

Als der junge Mann den Ausschusssaal verlassen hatte, wandte sich Ibrahim N. an die übrigen Teilnehmer. „Wir stehen nun der Herausforderung gegenüber, Vorschläge einzubringen, wie wir die unlesbare, schwerfällige, globale Verfassung unter die Menge bringen können", sagte er. „Ich hoffe nicht, dass es mehrere solcher Einwände gibt. Unsere Sache eilt; es gilt, keine Zeit zu verlieren…"

*

Auf dem langen Korridor vor dem Ausschusssitzungszimmer wanderte eine schwerfällige ‚Küstergestalt’ auf und ab. Es war der Bauer Nilsson. Seine riesigen Schuhe sanken tief in den flauschigen Teppich. Der Sicherheitsbeamte beobachtete ihn misstrauisch. Wie es seiner Gewohnheit entsprach, hatte er die schwere, globale Verfassung unter den Arm geklemmt. Als er am Zimmer angekommen war, in der die Ausschusssitzung stattfand, blieb er stehen und horchte. Die Stimmen hinter der Tür waren jedoch so schwach, dass er nichts hören konnte. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und ein jüdisch aussehender Mann stürmte heraus. Das Fenster im Raum stand offen und das Papier eines zerrissenen Buches mit abgenutztem rotem Umschlag flog, nachdem es aus dem Fenster geworfen worden war, durch einen Windstoß wieder hinein und wirbelte durch den Raum. Eine einzelne Seite flog bis auf den Flur, wo Bauer Nilsson sie vorsichtig aufhob. Überrascht stellte er fest, dass es sich um eine Seite aus Hitlers ‚Mein Kampf’ handelte. Er stand still und las laut vor sich hin:

„Der großen Masse ist es nur begrenzt möglich, Zusammenhänge zu erfassen. Ihr Auffassungsvermögen ist gering, und ihre Vergesslichkeit immens! Aus diesem Grund muss jede Form von Propaganda sich auf so wenige Punkte beschränken, dass sie als Schlagwort verwendet werden können! Der Mann von der Strasse muss der Auffassung sein, dass Wille und Kraft vorhanden sind, um die propagierten Grundwahrheiten zu verwirklichen.

Der ‚Küster’ richtete sich auf. Die Sicherheitsbeamten sammelten weitere Papierfetzen vom Boden auf. Sie folgten Nilsson mit ihrem Blick. Dieser nahm nach seiner Gewohnheit die schwere Verfassung in die Hand und schlug sie auf. Murmelnd las er den ersten Satz aus dem Grundgesetz: „Das globale, kulturelle, religiöse und humanistische Erbe ist die Grundlage für die Entwicklung der universalen Werte: Die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Einzelnen ebenso wie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit…"

Bauer Nilsson stand wieder still. Dann dachte er laut: „Ob ‚das Unverletzliche’ wohl verletzt und das ‚Unveräußerliche’ veräußert werden kann? Er las weiter: „nebst Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit’. Er lächelte geheimnisvoll. „Das mit der ‚Freiheit und Gleichheit’ gehört also nicht mit zu den unveräußerlichen Werten. Nein, diese bekommen wir noch obendrein!" Er beugte sich unbeholfen und unterstrich das Wort ‚nebst’ mit rot. Das heißt: ebenso wie, schrieb er an den Rand des Textes. Die anderen universalen Werte müssen erst noch entwickelt’ werden.

Ein Sicherheitsbeamter ging auf ihn zu.

„Was machen Sie denn da?" fragte er im Befehlston.

„Ich stelle Vergleiche an!" antwortete der Bauer.

„Vergleiche?"

„Ja, Vergleiche! Bauer Nilsson zeigte ihm die aus Hitlers Mein Kampf herausgerissene Seite und den mit rot unterstrichenen Abschnitt aus dem globalen Grundgesetz.

Der Sicherheitsbeamte las.

„Das verstehe ich nicht", sagte er und schüttelte den Kopf: „Ich bin nicht hier, um das globale Grundgesetz zu lesen, sondern um Wache zu halten.

„Genau!" rief Bauer Nilsson aus. „Sie müssen auf die dort drinnen aufpassen." Er wies vielsagend auf das Ausschusssitzungszimmer. „Sie sind dabei ‚das Unverletzliche’ zu verletzen!"

„Das Unverletzliche zu verletzen?"

„Ja, das Unverletzliche zu verletzen." Bauer Nielsson zeigte ihm die abgerissene Seite aus ‚Mein Kampf’. „Ich stelle Vergleiche an", wiederholte er.

„Ok!" antwortete der Sicherheitsbeamte nachsichtig. „Aber das können Sie auch draußen tun! Hier drinnen stellen wir keine Vergleiche an!"

„Na so was, hier drinnen stellen Sie also keine Vergleiche an?"

„So ist es!" unterbrach ihn der Sicherheitsbeamte und führte ihn den Gang entlang. „Hier drinnen machen wir das nicht. Dafür müssen Sie nach draußen gehen!"