DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 32

Jeff Straw war zu einem Gespräch mit seiner neuen Chefin, Anna Davis, der Geschäftsführerin der BBC Worldwide, eingeladen. Es wurde gemunkelt, dass die junge Frau einen Rechenschaftsbericht vorgelegt hatte, der dem Fernsehsender innerhalb eines Jahres zusätzliche 6 Millionen Euro Gewinn eingebracht hatte. Der amerikanische Journalist trat deshalb mit einem gewissen Respekt in das Londoner Direktionsbüro ein.

Er war angenehm überrascht, als ihn die hübsche, blonde Chefin freundlich entgegenkommend begrüßte. Sie schien kein bisschen geschäftsmäßig reserviert zu sein. Nach einer allgemeinen Unterhaltung über BBCs vermehrte Möglichkeiten innerhalb DVD und Mobiltelefon sowie der wachsenden Zusammenarbeit mit den lokalen Fernsehstationen, kam Anna Davids zur Sache.

„Als Sie für CNN arbeiteten, haben wir mit Bewunderung Ihre Reportagen verfolgt", begann sie, „und wir haben Sie nun nach London eingeladen, weil wir der Ansicht sind, dass Ihre Sendungen durch eine innere Überzeugung und ehrliche, dokumentarische Haltung gekennzeichnet waren."

„Das hört sich ja gerade so an, als ob Sie mir bereits eine Lohnerhöhung geben wollten", lächelte Jack Straw. Er betrachtete interessiert die lächelnde, blonde Chefin auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er stellte fest, dass sie ganz in Grün gekleidet war; einfach, smart und feminin. Um den Hals hatte sie ein feines Seidentuch gebunden; überraschend blau. Ihr helles Haar glänzte im Schein des hereinfallenden Lichts. „Wäre ein gutes Bild", dachte er…

„Wir haben Anweisungen aus Babylon, Berlin und Brüssel erhalten, die uns in aller Deutlichkeit die Richtlinien für die zukünftige, globale Arbeit vorgeben.

„Das heißt?"

„Das heißt", seufzte Anna Davids, „dass wir keine frei Hand im Hinblick auf die groß angelegte Kampagne haben, die nun in Gang gesetzt werden soll, um alle Nationen und Völker dazu zu bringen, ja zu sagen zum globalen Grundgesetz. Bei den Regierungschefs der verschiedenen Länder schlug es wie eine Bombe ein, dass der Bürger die vorgeschlagene Konstitution verwarf; allmählich scheinen sie begriffen zu haben, warum er dazu nein sagte. „Schuld daran ist die Unwissenheit", behaupten sie. Deshalb soll der Bürger langsam aber sicher dazu erzogen werden, ja zu sagen. Alle zur Verfügung stehenden Medien werden mit in diesen Kampf einbezogen. Auch wir haben unsere Aufgabe zugeteilt bekommen, und ich habe Sie nun hierher bestellt, dass Sie über die Richtlinien Ihrer Sendungen informiert werden können. .."

Jeff Straw beobachtete seine junge, hübsche Arbeitgeberin. Er konnte seinen Blick nicht von ihrem hübschen Gesicht wenden; ihre glänzenden, blauen Augen nahmen ihn gefangen. „Sie werden mich nicht mit in dieses Boot nehmen können", unterbrach er. „Ich werde niemals ein Teil dieser Propagandamaschinerie…"

Der Blick ihrer blauen Augen nagelte ihn auf dem Stuhl fest. „Das habe ich auch nicht erwartet, Mr. Straw."

„Was denn?"

„Die werden auch mich nicht dazu kriegen, bei dieser Lügenkampagne mitzumachen!" Anna Davids hielt ihren eleganten Silberfüller wie einen warnenden Zeigefinger hoch, „aber ich bleibe im Boot!"

„Was soll das heißen?"

„… dass ich nicht Überbord springe, sondern versuchen werde, von innen heraus der Lüge entgegenzuarbeiten!"

„Wie?"

„Indem ich die Wahrheit sage…"

Jeff Straw erschien das Bild vor ihm wie ein bezauberndes Gemälde. In Gedanken hatte er die ganze Zeit seine Kamera auf die elegante, in Grün gekleidete Schönheit gerichtet. Seine Aufnahmen nahmen alle Details wahr: Die sanften, nicht übertriebenen Handbewegungen, die lachlustigen Augen, die eisblauen Blitze, der zarte, weiße Teint, die energische Nase, das blendende Lächeln, und dann der bewegende Hintergrund, dass diese zarte, dynamische Person der Programmredaktion 6 Millionen Euro Gewinn eingebracht hatte.

„Indem Sie die Wahrheit sagen?" wiederholte er.

„Ja, indem ich die Wahrheit sage."

Anna Davis erhob sich, um Jeff Tee einzuschütten. „Das ist auch der Grund, weshalb ich Sie zu diesem Gespräch eingeladen habe. Es ist nicht unsere Aufgabe, eine Gegenkampagne zu starten, um den bereits abgefahrenen Propagandazug zu stoppen oder zu sabotieren. Als Fernsehredaktion sind wir nicht dafür zuständig, eine Opposition zu bilden. Diese würde übrigens bald zum Schweigen gebracht werden. Nein, wir halten an unserem Recht fest, die dokumentierte Wahrheit darzulegen. Und ich glaube, Mr. Straw, dass es auch heute noch Menschen gibt, die die Wahrheit lieben. Dazu gehören Sie. Wir brauchen Ihre Hilfe!"

„Sie wollen, dass ich alles über den Kardinal in Erfahrung bringe?"

„Ja… über den vermutlich nächsten Papst."

„Was soll ich tun?"

„Die Wahrheit berichten! Sie ist bisher niemandem bekannt. Wir wissen nur, dass Jürg Ratgeber ein Mann in den 70ern ist. Und dass er als Junge einer neonazistischen Bewegung angehört hat, doch das beweist noch lange nicht, dass er Antisemit ist. Ich bin nicht mit der Überschrift einverstanden, den die israelische Zeitung ‚Yedihot Aharonot’ über ihn gebracht in Bezug auf seine mögliche Kandidatur für den Papststuhl gebracht hat: Weißer Rauch, schwarzer Posten!" Die englischsprachige Tageszeitung ‚Jerusalem Post’ schrieb einen Leitartikel mit der Überschrift: „Ratgeber ein Nazi? Glauben Sie das nur nicht!" Es wird Ihre Aufgabe sein herauszufinden, welche der beiden Zeitungen die Wahrheit schreibt.

„Und sonst?"

„Sie sollten die theologische Auffassung des Kardinals näher in Augenschein nehmen. Ich sehe z.B., dass ein gewisser Vatikanexperte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, ein gewisser Doktor Yitzhak Minirabini, den Kardinal wie folgt zitiert: ‚Es ist gegen unseren christlichen Glauben, sich außerhalb von Jesus Christus als dem einzigen Mittler Hoffnung auf Errettung zu machen!’ In diesem Zusammenhang erklärt der hebräische Doktor: ‚Diese Aussage bringt die gegenüber unserer jüdischen Religion gehegten Verachtung ans Licht. Denn das würde ja heißen, dass es für uns Juden keine Errettung gibt!’

Jeff Straw nickte nachdenklich.

Anna Davis fuhr fort: „Welche Einstellung hat dieser ‚schwarze Kardinal’ zu den Moslems? Gelten seine Worte über Jesus Christus als dem einzigen Vermittler auch ihnen? Oder was mit den Katholiken, die Maria als Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen ansehen? Wie ist seine Haltung dazu? Das Gleiche gilt seinem offenen Angriff auf Homosexuelle, doch wie steht es in der Praxis im Hinblick auf das priesterliche Zölibatsgelübde… einer Verordnung, die in hohem Grad homosexuelles und pädophiles Verhalten innerhalb der eigenen, kirchlichen Reihen begünstigt. Wie steht es mit seiner Haltung gegenüber Israel? Schöne Worte und Bekenntnisse alleine sind nicht ausreichend. Es müssen Handlungen folgen! Sie müssen diese Verhältnisse ans Licht bringen, Mr. Straw. Wir wollen die Wahrheit hören!"

Als Jeff Straw das Direktionsbüro des BBC Gebäudes verlassen hatte, hob Anna D. den Hörer. Sie drückte auf einen Knopf und wartete, während sie mit ihrem Silberfüller spielte. Als sie jemanden in der Leitung hatte, sagte sie nur: „Er ist einer der Unsrigen!" Dann legte sie den Hörer vorsichtig auf. Danach ging sie ans Fenster, von wo aus sie den neuen BBC Mitarbeiter betrachtete, der gerade die Straße überquerte. Lächelnd klickte sie ihren Silberfüller. Dann ging sie zurück an den Schreibtisch und drückte noch einmal auf einen der Knöpfe drückte. Eine Frauenstimme ertönte über den Minilautsprecher: „Ja, Frau Davids."

„Finden Sie heraus, in welchem Hotel Mr. Straw wohnt. Und seine Zimmernummer!"

„Sehr wohl, Frau Davids…"

*

Das seltsam zu Ende gegangene Interview Jeff Straws mit seiner zukünftigen Chefin war nicht die einzige rätselhafte Begebenheit, die in Verbindung mit dem Auftakt zur globalen Aufklärungskampagne stattfand und auf internationaler Ebene verwirklicht werden sollte. Bei allem ging es einzig darum ein Nein in ein Ja umzuwandeln. Hinter den Kulissen des gewaltigen Aufgebots an Staatsmännern und schwarzen Limousinen gingen heimliche Transaktionen vor sich. In den Korridoren der Regierungsbüros fanden im Verborgenen Gespräche statt. Eine der bisher mächtigsten Initiativen der Geschichte, die die Erziehung der Weltbevölkerung, ‚recht’ zu denken zum Ziel hatte, lief langsam vom Stapel. Schwarze und rote Propagandamethoden waren nichts gegen den groß angelegten Einsatz, der nun vorbereitet wurde. Der Unwissenheit des Weltbürgers sollte nun ein Ende gemacht werden! Jedes Mittel war recht, um dieses hohe Ziel zu erreichen; keine Handlung wurde als verbrecherisch oder unmoralisch angesehen, wenn sie nur dazu beitragen konnte, dass der Verfassungsentwurf, der beim ersten Mal so schmählich Schiffbruch erlitten hatte, jetzt angenommen wurde. Wieder wurde am globalen Grundgesetz herumgefeilt. Nicht um seinen Inhalt zu verändern, sondern um ihr die Form zu geben, die notwendig war, damit das glühende Metall der Paragraphen in Millionen von Menschenherzen eingebrannt werden konnte. In diesem Schmelzofen sollten die Herzen so geformt werden, dass der flüssige, siedende Feuerstrom einer neuen Weltordnung in das Völkermeer fließen konnte. Ein mühsamer Lernprozess, der den Massen das rechte Verständnis einer neuen Erde mit einer neuen Regierung und einer neuen Zukunft beibringen sollte…

Niemand wusste, wer hinter den vier finsteren Gestalten stand, die in einer kleinen Hinterhofwohnung in Brüssel ihre gut geölten Gewehre mit Zielfernrohr bereithielten. Keiner ahnte, wer Pastor Jones’ Namen auf die neonazistische Todesliste gesetzt hatte. Niemand wusste, wer die unermüdlichen Nachforschungen über die drei Flüchtlinge Jack, Jan und Professor F. anstellte. Es verblieb ein Rätsel, weshalb John Williams weiterhin halbwegs illegal in der großen Wüste leben musste. Wer hatte den Mord an John Edwards begangen? Wer suchte Mary Schwartz auf, um sie zur Teilnahme an der Weltkampagne für die globale Konstitution zu bewegen? Und mit wem sprach BBC-Direktorin Anna Davis, als der Fernsehjournalist Jeff Straw ihr Büro verlassen hatte?

*

Als Jeff Straw in der City von London an einem dunklen Torbogen vorbeikam, traten ihm drei Männer in den Weg und zogen ihn in den finsteren Eingang hinein. Sie hielten ihn so lange fest im Griff bis er ruhig geworden war. Als er aufhörte, Widerstand zu leisten, ließen sie ihn los. Alle drei waren in Mönchskutten gekleidet.

Jeff Straw konnte im Halbdunkel einen vierten, älteren, weißhaarigen Mann erkennen. Er hatte einen milden Gesichtsausdruck und gute Augen. „Sie brauchen sich nicht zu fürchten", sagte er. „Wir wollen Ihnen nichts Böses, wir wollen Ihnen nur helfen!"

„Mir helfen?" Jeff Straw starrte die drei Riesen an, die ihn in den Toreingang geschleppt hatten. Ihm fiel auf, dass auch sie keinen harten Gesichtsausdruck hatten und ihn nicht scheel anblickten. Ganz im Gegenteil: Sie lächelten ihn an, als ob er zu ihren Freunde zählte.

„Ja, wir wollen Ihnen helfen!"

„Sie haben aber eine merkwürdige Art zu helfen." Jeff zupfte an seiner Jacke und zog seinen Schlips zurecht. Einer der Riesen in Mönchskutte bürstete den Staub von seiner Hose. Jeff fiel auf, dass ihre Füße in Sandalen steckten; sie waren unbestrumpft.

„Womit wollen Sie mir helfen?"

„Sie warnen vor ihr!" Der Alte zeigte auf die Fenster des BBC Chefbüros.

„Mich vor Frau Davids warnen? Ist sie etwa eine gefährliche Frau?"

„Lebensgefährlich!"

„Lebensgefährlich?"

„Ja!" Der alte Mann sah Jeff ernst an. „Sie will nicht nur Ihre Arbeitskraft. Sie will sie ganz besitzen: Leib und Seele!"

„Leib und Seele?" Jeff Straw starrte die Riesen im finsteren Eingangsportal an. Sie nickten übereinstimmend: „Ja", wiederholten sie: „Leib und Seele!"

Weshalb?" fragte Jeff überrascht.

„Weil sie mit dem Teufel unter einer Decke steckt!"

„Mit dem Teufel?"

Der Greis betrachtete Jeff mit mildem Blick. „Kommen Sie, wir wollen Sie darüber aufklären."

Jeff folgte den Vieren in einen Hinterhof. Am Ende lag ein garagenähnliches Gebäude, das von Hochhäusern umgeben war. Das Tor hatte zwei ovale, in Blei eingefasste Fenster mit farbigen Glasmosaiken, die biblische Motive darstellten. Es war eine Kapelle. Die Männer waren in der Tat Mönche…

Über dem Innern der Kapelle ruhte ein religiöses Halbdunkel. Hinten an der Wand hang ein Kreuz. Figuren gab es keine. Auch keine Bilder. Nur ein paar harte Holzbänke. Die Riesen setzten sich.

„Ignatius von Loyola, ein spanischer Ritter des 16. Jahrhunderts ist auf dem Rückmarsch", begann der weißhaarige Mönch. „Wir kennen seine Gesetze, Regeln und Absichten, denn wir sind seine gehorsamen Sklaven gewesen. Wenn er auftaucht, wird er wieder behaupten, dass er eine direkte Botschaft vom Himmel erhalten hat. Doch glauben Sie ihm nicht. Seine Lehre kommt aus der Hölle; sie wird das neue Europa und die ganze Welt in Ketten legen."

Jeff Straw setzte sich zwischen den in Sandalen und brauner Kutte gekleideten Männern. Er hörte ihnen aufmerksam zu, denn er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er hier eine Belehrung erhielt, die ihm bei seiner zukünftigen Arbeit von Nutzen sein konnte. Außerdem war der junge Journalist daran interessiert zu erfahren, warum diese Mönche Anna Davids, die er als freundliche und bezaubernde junge Dame kennen gelernt hatte, als Teufel ansahen. Was hatte der alte Ordensvater ihm zu erzählen?

„Der neue Ignatius wird, wie sein Vorgänger, vom kommenden Papst besondere Privilegien fordern. Dieser wird sich zu anfangs gegen eine solch grobe Vorgehensweise wehren. „Die Spuren sind erschreckend", wird er sagen. Doch er wird sich beugen, wenn er erfährt, dass Ignatius das vierte Gelübde der Jünger zum größten und bedeutungsvollsten erheben wird, und damit ist Europa und die übrige Welt verkauft!"

„Das vierte Gelübde?"

„Ja, das vierte Gelübde. Die anderen drei sind allgemeine Mönchsgelübde, sie haben keinen besonderen Reiz! Es sind die Gelübde der Armut, des Zölibats und des Gehorsams gegenüber einigen gleichgültigen Klosterregeln. Doch das vierte Gelübde kann den Vatikan aus seinem Schlaf wecken! Es verpflichtet nämlich jeden Erdenbürger zu einen totalen, und bis in den Tod nicht zu widerrufenden Gehorsam gegenüber dem Papst. Dieses Gelübde stellt dem Papststuhl ein mehrere Zehntausende stark zählendes Heer zur Verfügung; ein solches Gelübde wird kein Papst ablehnen! Auch ein Jürg Ratgeber nicht. Der ‚schwarze Kardinal’ wird ja sagen zu diesem gehorsamen Sklavenheer, das Könige stürzen und unbekannte, gefährliche Männer aus dem Staub erheben kann. Das vierte Gelübde wird wieder eingeführt, und Ihre neue Chefin, obwohl sie eine Frau ist, ist an dieses Gelübde gebunden; deshalb befinden Sie sich in Gefahr. Wir haben Sie hierher gebracht, um Sie zu warnen…"

Jeff Straw erhob sich, um zu gehen, doch die drei Riesen fassten ihn sanft an die Schulter und zwangen ihn mit einem milden Lächeln, sich wieder hinzusetzen. „Ich möchte Sie nun auf die äußerste Konsequenz dieses vierten Gelübdes aufmerksam machen", fuhr der Greis fort. Er stellte sich vor Jeff und begann mit seiner Belehrung…

*

Eine einsame Gestalt kämpfte sich durch den heißen Wind der Aravaebene. Sie befand sich auf dem Rückweg von der Zwölfpalmenoase zum Zelt, das wie ein leuchtender, weißer Diamant vor den Bergen Edoms lag. Hin und wieder blieb sie stehen. Der Mann, der einen weißen, verstaubten, breitkrempigen Hut aufhatte, starrte nach Bozra herüber. Der Ort lag in einer Senke auf dem Gebirgsrücken; man konnte die Mauern der alten Festung, dessen riesige Steine sieben Jahrhunderte vor Christus dort angebracht worden waren, nur unklar erkennen.

„Wer ist der, der von Edom kommt, von Bozra in grellroten Kleidern?" flüsterte der Mann vor sich hin. Er richtete sich auf und jagte die Fliegen aus seinem Gesicht. Dann fuhr er fort, als ob er einige Zeilen zitierte, die er auswendig kannte: …"Er, der prächtig ist in seinem Gewand, der stolz einher zieht in der Fülle seiner Kraft!"

Der einsame Wüstenwanderer kämpfte sich weiter durch den glühenden Wind. Seine Kleidung flatterte um ihn herum. In der rechten Hand hielt er einen Stock, auf den er sich leicht stützte. Wieder blieb er stehen und drehte sich um, als ob nun seine Worte in eine andere Richtung ausgesandt werden sollten. Aus dem Zitat konnte man verstehen, dass er die Frage beantwortete, die er sich gerade selbst gestellt hatte: „Wer ist der, der da kommt?"

„Ich bin es!" rief er bestimmt in den Wind hinein. Die Eulen auf den Bergen flatterten hoch und segelten mit breiten Flügeln über ihm.

„Ich bin es!" fuhr er fort, indem er die Worte eines Anderen aussprach. „Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet, der mächtig ist zu retten!"

Einen Augenblick stand der Mann still und lauschte. Die Worte schwanden nicht mit dem Wind über die Ebene dahin. Sie blieben in der Luft hängen und breiteten sich wie eine heiße Dunstglocke über den steilen Hängen des edomitischen Gebirges aus.

Der Mann im Wüstenwind wandte sich zum Berg um und rief: „Warum ist Rot an deinem Gewand und sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?"

Die vom Wind umwehte Gestalt drehte sich um und ‚antwortete’: „Ich habe die Kelter allein getreten, und von den Völkern war kein Mensch bei mir. Ich zertrat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meiner Erregung. Und ihr Saft spritze auf mein Kleider, und ich besudelte mein ganzes Gewand…"

Die Eulen auf dem Berg segelten im Tiefflug über den einsamen Mann in der Wüste. Einen Augenblick lang hatte man das Gefühl, dass sie aggressiv seien. Ihr krummer Schnabel glänzte in der Sonne. Der Dunst über dem Berg löste sich auf; es schien, als ob sich ein gebahnter, goldener Weg von Bozra über die Aravaebene bis hin zur Zwölfpalmenoase bildete. Bei diesem Anblick nahm der Wanderer seinen Hut ab, beugte sein Knie im Sand und betete, mit dem Stab in der Hand, seinen Herrn und Erlöser an.