DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 31

Es war ein finsterer, regenreicher Tag in Brüssel. Der schwarze Himmel erinnerte an die düstere Kulisse eines Katastrophenfilms. Drei der Hauptakteure der soeben abgeschlossenen ‚Aufnahmen’ waren im Europäischen Kommissionsgebäude versammelt. Sie sprachen über ‚den entschwundenen Traum’.

Der spanische Präsident des EU-Parlaments, Johannes Forrel, versuchte die große Niederlage bei der globalen Abstimmung sowie die Ereignisse bei der Einweihung des Babelturms mit ‚menschlicher Schwäche’ zu begründen.

„Die Angst der Bevölkerung ist größer als der Traum einer weltweiten, nationalen Einheit", erklärte er. „Wir sind nun dabei, diese Angst zu vertreiben. Die Herausforderung liegt darin, unseren Traum sorgfältig zu erklären!"

Jean-Claude Strunker, Luxemburgs Ministerpräsident, konnte seine Tränen kaum zurückhalten. „Wir müssen uns eingestehen", rief er mit gebrochener Stimme, „dass Europa und die übrige Welt den Menschheitstraum nicht länger am Leben erhalten kann; wir müssen nun alles in unserer Macht stehende tun, um die Bilder des globalen Traums wieder auferstehen zu lassen!"

Der Kommissionspräsident, José Barbarosso, wies auf die Probleme hin, die langsam den Traum zerschlagen hatten. „Wir müssen gegen die Traumtöter kämpfen!" sagte er.

Am gleichen Abend fand ein Treffen bei Geneviève Strauss im Salon in der Rue Neuve in Drogenboss in Brüssel statt. Der bekannte Photograph Rigmor Schött hatte seine Porträtbilder ausgestellt. „Ich bin keiner, der die menschliche Seele aufdecken kann", erklärte er bei seinem Vortrag, „aber meine Bilder zeigen alles, was in einem Menschen steckt…"

‚Die Seele in der Linse’ hieß die Ausstellung, auf der u.a. Bilder des französischen Staatspräsidenten, sowie des holländischen Ministerpräsidenten und des deutschen Kanzlers zu sehen waren. Alle sahen ratlos aus. Diese Porträts schienen gar keine Seele zu haben; sie ähnelten Photographien von Staatsmännern, die ihre Seele bereits verkauft hatten…

In der Kaminstube saßen wie gewöhnlich Pastor Jeffrey Jones und seine Ehefrau Jennifer. Unter den Zuhörern war auch der junge blonde Aktivist, Dirk van Honthorst. Außerdem war ein schwedischer Bauer namens Nielsson zugegen. Er ging unaufhörlich mit der verketzerten, globalen Konstitution unter dem Arm im Raum hin und her. Der Schwede konnte sie aufschlagen, wie ein Pfarrer seine Bibel. Die anderen betrachteten ihn wie ein wandelndes Lexikon. Er knüpfte niemals seine persönliche Meinung an das Gelesene, sondern zitierte nur den Text. Gerade hatte er den in der Kaminecke Versammelten laut aus der Konstitution vorgelesen, die in diesen Tagen in aller Mund war. Der schwedische Bauer, ein breitschultriger Mann mit halber Glatze, Ende Vierzig, las langsam, in sich gekehrt. Dabei spielte es keine Rolle, ob ihm jemand zuhörte oder nicht; mit seinem dunklen, zerknautschten Anzug sah er aus wie ein Küster. Seine großen, schwarzen Schuhe gaben einem das Gefühl, dass er beim Vorlesen des Traktats überall hineinstampfte. Doch Nielsson war ein gutmütiger Mann. Wegen seiner mangelnden Schulbildung konnte er nur schwer die vielen Fremdwörter in der Verfassung aussprechen, doch schien es ihm immer wieder zu gelingen, eifrig die richtigen Stellen aus der Verfassung anzuführen. Aus diesem Grund hörte die kleine Versammlung ihm aufmerksam zu.

„Aus der Präambel der globalen Verfassung", begann er. Offensichtlich kannte er nicht die Bedeutung ‚Präambel’, und hatte deshalb Schwierigkeiten, das Wort auszusprechen.

„Präambel’ kommt aus dem Lateinischen", unterbrach Pastor Jones, „‚präambulare’ bedeutet ‚vorausgehen’. In der Juristensprache ist dieses Wort die Einleitung eines Gesetzes oder Traktates. Also das gleiche wie in der Musik, wo man von einem Präludium spricht. Bauer Nielsson schaute den Pastor gutmütig an. Er war weder beleidigt noch darüber verärgert, dass man ihn unterbrochen hatte. Ja, er wartete sogar darauf, ob noch weitere Informationen folgen würden.

„Die neue globale Verfassung", fuhr der Bauer in seiner singenden, schwedischen Sprache fort, „hat sich von dem kulturellen, religiösen und himmlischen Erbe der Nationen inspirieren lassen. Diese bilden die Grundlage für die Entwicklung der universellen Werte wie z.B. das unverletzliche und unveräußerliche Recht des einzelnen Menschen, sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtstaatlichkeit."

Er hielt inne und sah Pastor Jones fragend an. Dieser fuhr fort: „Dies sind die ersten Worte des globalen Grundgesetzes. Da der verlesene Abschnitt der erste ist, ist er auch der wichtigste. Wir sind hier an dieser letzten Freistätte für offene Gespräche und freier Meinungsäußerung versammelt, weil niemand das vorliegende Traktat gelesen hat. Kein Weltbürger hat genügend Energie aufbringen können, um sich mit den verfassungsmäßigen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Dies führt dazu, uns einen Strick daraus zu drehen. Unsere Regierungschefs wurden jedoch ersucht, den Wortlaut des Traktats so abzufassen, dass er für jedermann verständlich ist. Gut, lasst uns ihn einmal genauer betrachten…"

Eingehend betrachtete der junge Holländer den Pastor. Gleichzeitig machte er eine Eintragung in sein vor ihm liegendes Notizheft. Als Pastor Jones dies bemerkte, fügte er hinzu: „Ich wiederhole, dass diese Salons die letzte Stätte zu sein scheint, in der man seine Meinung frei äußern kann…"

Dirk v. Hornthorst legte lautlos sein Heft zur Seite und lehnte sich zurück. Er zeigte weder Verachtung noch schien er beleidigt zu sein; er hörte einfach nur zu…

„Wenn die Regierenden die Meinung der Leute von der Straße hören wollen, dann können sie sich nicht damit zufrieden geben, sich um Finanzen oder Jobs zu kümmern. Es ist nicht ausreichend, über Wachstumsraten und einem dynamischen Arbeitsmarkt zu sprechen. Wir müssen zu den ersten zarten Sprösslingen der Inspiration zurück, die in dieser Einleitung zu finden sind. Hier ist von einem Erbe die Rede. Das ‚religiöse Erbe’! Deshalb kann kein Staatsmann oder Politiker darüber klagen, wenn die christliche Bevölkerung heute die Bibel auf den Tisch legt und fragt: ‚Was bedeuten diese Worte? Wo findet man Ehrfurcht vor diesem kostbaren Erbe, das den leitenden Staatsmännern übertragen worden ist? Wie ist es möglich, dass sie sich in diesem Traktat die Freiheit nehmen, gegen den Willen der Bevölkerung zu handeln, indem sie den Namen des Höchsten darin nicht erwähnen?"

Pastor Jones zeigte auf die ausgestellten Porträtbilder an den Salonwänden. „Alle diese Könige, Präsidenten, Königinnen und Großherzoge werden auf der ersten Seite der globalen Verfassung respektvoll beim Namen genannt", schloss er und fügte hinzu: „Doch ER, der über alle Menschen erhoben ist, und den die Bibel ‚den König der Könige’ und ‚den Herrn der Herren’ nennt, ER wird mit keinem einzigen Wort erwähnt. Deshalb hat dieser Verfassungsentwurf Schiffbruch erlitten. Sollte der nächste Entwurf unverändert bleiben, wird ihn das gleiche Schicksal ereilen!"

Dirk v.H. schob Pastor Jones eine Zeitung über den Tisch. Es war eine Sonntagsausgabe der Tageszeitung ‚Times’. Der Holländer zeigte auf eine Notiz im Blatt, in der den Lesern mitgeteilt wurde, dass Pastor Jeffrey Jones aus Brüssel auf einer neonazistischen Todesliste aufgeführt war.

„Was soll das bedeuten?" fragte J. Jones überrascht.

„… dass Sie mit Namen und Adresse auf einer Internetseite stehen, die ‚Red Watch’ heißt.

„Na, und?"

„Dass Sie als Feind gelten, der umgebracht werden soll!"

„Warum?"

„Weil Sie die Existenz Israels verteidigen!"

Jennifer Jones nahm ihren Mann an der Hand. „Was sollen wir machen?" fragte sie unglücklich.

„Untertauchen!" antwortete Dirk v.H.

*

Als sich der Wüstenjeep mit den drei Flüchtlingen, Professor Fruchtenbaum, Jan und Jack über die Sandpiste in der Nähe des Grenzfortes König Salomons, gegenüber dem antiken Ort Bozra an der alten jordanischen Grenze in Bewegung setzte, blieben zwei eng beieinander stehende Gestalten hinter ihnen zurück. Die beiden jungen Frauen, die ihnen weinend hinterher winkten, waren Antoinette und Ursula. Einige Meter weiter zurück standen Kaiser Wilhelm und Sara…

Der bittere Augenblick des Abschieds war gekommen: er hatte wie ein angstvoller Schatten über der Musik und dem Tanz am Hochzeitsfest gehangen. Während die Wüstennacht von frohen Stimmen widerhallte, und die Zelte wie eine Mondmalerei war, auf der Silhouetten zu sehen waren, die Essen und Wein an die reich gedeckten Tische brachten, wich der Schmerz nicht aus den Gesichtern der jungen Brautleute. Alle wussten, dass sich hinter dem schneeweißen Brautschleier ein gestohlenes Glück verbarg. Auf den Gesichtern der jungen Männer lag eine mit Trauer gemischte Freude. Bald würde sich die Sonne über Edom erheben und mit ihr ein neuer warmer Tag über die Aravaebene. Der Morgentau würde verdunsten und die Tränen dieses neuen Tages vertrocknen lassen; die Hitze schwerer Zeiten stand erst noch bevor.

„Richtung Babylon!" sagte Professor F.

„Welche Art von Aufgabe?" fragte Jan.

„Das Geheimnis zu erklären!"

„Welches Geheimnis?" Jack war Feuer und Flamme.

„Das bestgehütete Geheimnis des Universums!"

„Wo verbirgt es sich?"

Der Professor betrachtete einen Augenblick die beiden jungen Männer. Dann lächelte er; eine erwartungsvolle Freude huschte über sein Angesicht. „Dieses Geheimnis", antwortete er bedeutungsvoll, „ist von Ewigkeit an in Gott verborgen."

Im Wüstenjeep herrschte vollkommene Stille. Jack stierte nach hinten. Doch die winkenden Gestalten waren verschwunden. Jan, der am Steuer saß, betrachtete die vor ihnen liegende, unebene Sandpiste. Eine Schlange wand sich eilig über den Weg und verschwand blitzschnell im Gebüsch. Der Professor nahm seine verschlissene, in Leder eingebundene Bibel aus seiner schwarzen Reisetasche. Er öffnete sie und fand die Stelle, nach der er suchte. Er las laut: „Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen…"

Er schwieg; dabei sah er seine beiden Mitreisenden über den Brillenrand an. Sie hörten ihm aufmerksam zu, während der Jeep über das unfahrbare Terrain rumpelte. Alle hatten das Gefühl, dass gerade dieser Augenblick der Anfang einer langen Reise war, dessen Ende niemand von ihnen absehen konnte. Das Vorgelesene war wie eine Programmerklärung. Ein Manifest! Ein Leitfaden, der die Richtung anzeigte für die Aufgabe, die sie erwartete. Der Professor fuhr fort: „… und ans Licht zu bringen, was die Verwaltung des Geheimnisses sei, das von den Zeitaltern her in Gott, der alle Dinge geschaffen hat, verborgen war!"

„Es ist also von einem Plan die Rede", schloss er, während er die Bibel in die schwarze Reisetasche zurücklegte. „Ein Errettungsplan!" Er spannte die Riemen an seiner Ledertasche. „Ein Geheimnis, das von den Zeitaltern her in Gott verborgen war…"

„Was ist das für ein Geheimnis? wiederholte Jack in einem beharrlichen Tonfall seine Frage.

„Darüber will ich euch in den kommenden Tagen mehr erzählen. Jetzt will ich nur so weit gehen und sagen, dass wir drei ein eigenartiger Ausdruck dieses Geheimnisses sind…"

Die beiden jungen Männer sahen sich verblüfft an. Letzteres erschien ihnen offensichtlich rätselhaft. Der Professor nickte und wiederholte – eher für sich selbst: „… wir drei sind ein Ausdruck eines sehr großen Geheimnisses!"

*

Maurice Cabet war von der Offizierschule in Berlin spurlos verschwunden. Ebenso die junge Kellnerin vom ‚Kanalcafe’ an der Spreebrücke, die ihre Arbeit gekündigt hatte. Ihr Zimmer in einer kleinen Vorstadt hatte sie ebenfalls aufgegeben. „Ich komme nicht zurück", hatte sie ihren Vermietern, die ihr traurig zum Abschied winkten, lächelnd erklärt. Sie hatten die junge, amerikanische Studentin, Mary Schwartz, von der North Carolina State Universität, die nur ihren Morgenjob hatte, um sich Geld für ihr Studium zu verdienen, lieb gewonnen. In der übrigen Zeit hatte sie an Dinosaurierskeletten geforscht und erklärt, dass sie eine Studienreise zum Naturhistorischen Museum nach London unternehme, um die Knochen eines Tyrannosaurier-Rex-Fossils zu untersuchen. „Ich bin dabei, eine Dissertation für das Wissenschaftsmagazin ‚Science’ zu schreiben", erzählte sie.

Anderen Nachbarn hatte sie jedoch berichtet, dass sie als Fachberaterin in einer Pariser Computerfirma Anstellung gefunden hatte, die auf der Spielzeugmesse E3 in Los Angeles ein Spiel für Kinder vorgestellt hatte. Dieses habe bei den staatlichen Behörden großen Anklang gefunden. „Es ist ein Spiel, das auf der darwinschen Entwicklungslehre basiert, und das den Kindern die Möglichkeit gibt, neue Lebensformen zu schaffen", erzählte sie ihren interessierten deutschen Nachbarn in Berlin. „Das Spiel beginnt damit, dass die Kinder eine Zelle entwickeln, die im giftgrünen Urschleim überleben soll. Da die Kinder immer wieder neue Formen von ‚Computerleben’ entwickeln, wird die Erde bald nur so von Schlangen und dreibeinigen Laufvögeln wimmeln; darüber hinaus werden hüpfende Bären zu sehen sein, die ihre Beute mit sägeförmigen Schwänzen erschlagen…"

Die Nachbarn erschauderten, während Mary Schwartz mit ihrem amüsanten, amerikanisch-deutschen Akzent weiter sprach. „Die Idee, die dahinter steckt, ist, dass die stärkere Rasse überlebt. Die Kinder haben die Möglichkeit, ihre Urzeitungeheuer mit vielen Köpfen und Angriffsmitteln auszustatten. Wie sie dabei vorgehen, bleibt ganz allein ihrer Phantasie überlassen …"

Ihren engsten Freunden hatte sie außerdem erzählt, dass sie sich in einen jungen Offizier aus der nahe gelegenen EU-Schule verliebt habe, und dass sie sich gemeinsam mit ihm nach Jerusalem absetzen wolle, da sie Jüdin sei und die Absicht habe, nahe Familienangehörige in der Heiligen Stadt zu besuchen.

Niemand wusste, welche Erklärungen der Wahrheit entsprachen. Eins war sicher: Mary war verschwunden, und das Kanalcafe würde weniger Gäste haben, denn sie war hübsch, amüsant und phantasiereich…

Was Mary nicht wusste, war, dass das EU-Überwachungszentrum in Wien sie unentwegt beobachtete. Die junge Studentin mit der tiefen Einsicht in die darwinsche Evolutionstheorie war das Topgespräch bei der geplanten, globalen Kampagne, die darauf hinzielte, die Bevölkerungen zur Annahme des neuen Grundgesetzes zu bewegen. „Im Hinblick auf die pädagogische Erziehung, die nun in Gang gesetzt werden soll, steht sie ganz oben auf der Liste", äußerte der Leiter des globalen Geheimdienstes, Adolf Engels, in Jerusalem. „Sorgen Sie dafür, dass sie hierher kommt, damit ich mit ihr sprechen kann…"

Maurice Cabet war Mathematikstudent. Bereits am ersten Tag, als er Hand in Hand mit der hübschen Kellnerin vom Kanalcafe spazieren ging, - und das Wasser an der Spreebrücke in der Frühlingssonne funkelte – kam es zu einer ersten Diskussion zwischen Maurice und Mary. Das Gespräch war jedoch so schmetterlingsleicht wie die ersten Blüten auf den Apfelbäumen; am Anfang dieser ersten Diskussion fiel kein einziges, hartes Wort. Keiner der beiden Verliebten wusste, dass gerade dieses Thema, das sie nun so eifrig und scherzend debattierten, zu einem riesigen Ungeheuer heranwachsen würde. Ja, es würde einen solchen Schatten auf ihre junge Liebe werfen, dass das Band zwischen ihnen dadurch gesprengt werden konnte.

„Natürlich muss jede wissenschaftliche Theorie, die bewiesen werden kann, akzeptiert werden! Es wäre ein schicksalsschwerer Ausdruck von törichtem Vorurteil, ja, der größte Wahnsinn, wenn man sich wissenschaftlichen Beweisen widersetzen wollte. Versteh mich nicht falsch, Mary. Ich habe nichts gegen deine wissenschaftlichen Studien und den darwinschen Theorien, wenn sie wirklich wissenschaftlich bewiesen werden können. Doch wenn es Lügen sind oder eine ‚falsche Wissenschaft’, mit der dich so sehr beschäftigst, dann habe ich natürlich gewisse Einwände vorzubringen…

„Welche?" fragte Mary munter und siegessicher.

„Den mathematischen Einwand!"

„Mathematischen Einwand?" Mary schien überrascht.

„Was meinst du mit ‚mathematischen Einwand’?

„Das möchte ich dir gerne erklären", begann Maurice, während er Mary zu einer Bank hinzog. Sie setzte sich, um ihm zuzuhören.

„Wir sind nun in Berlin, und ich möchte im Jahr 1922 beginnen. Der Erste Weltkrieg mit vielen Gefallenen und großen Verlusten ist überstanden. Dies ist ein geeigneter Zeitpunkt für mein Countdown, weil wir zum Ganzen einen größeren Abstand haben und meinen Vorschlag objektiver betrachten können."

Mary beugte lächelnd den Kopf. Ihre triumphierende Haltung spornte Maurice an, seine mathematische Beweisführung vom Jahr 1922 darzulegen. Berlin, der Ort, an dem sie sich gefunden hatten und nun in der ersten Frühlingssonne saßen. Ihr Herz schlug dem jungen EU-Offizier warm entgegen, als sie seinen Eifer sah. Insgeheim bewunderte sie an ihm, dass er dabei so sachlich blieb.

„Also: Berlin 1922, als die Weltbevölkerung zwei Milliarden Menschen zählte."

„Zwei Milliarden?" fragte Mary überrascht.

„Ja, 1922, bei der so genannten ‚Berliner Volkszählung’ lebten 1.804.187.000 Menschen auf dieser Erde…"

„Ok! Na und?"

„Das heißt, dass die Bevölkerung der Erde sich 30mal verdoppeln musste, um diese Zahl zu erreichen."

Mary badete ihr hübsches Gesicht in der warmen Sonne. Lächelnd beobachtete sie die Vögel, die um ihre Füße herum hüpften.

„Du hörst mir ja gar nicht zu!" Maurice war entrüstet.

„Doch, ich höre dir zu; Im Jahre 1922 hat sich die Weltbevölkerung über 30mal verdoppelt." Sie setzte sich aufrecht hin und fragte mit größerer Aufmerksamkeit: „Warum ‚30 Mal’? Wie kommst du zu dieser Zahl?"

Maurice erhob sich und fuhr eifrig seine Belehrung weiter fort: „In der ersten Verdopplungsperiode gab es nur zwei Menschen. In der zweiten waren es vier; in der dritten acht Menschen. In der vierten Periode sechzehn…"

Mary nickte zustimmend.

„In der zehnten Verdopplungsperiode waren es 1024 Menschen." Maurice schwieg und sah Mary bedeutungsvoll an. Danach fügte er hinzu: „In der zwanzigsten Verdopplungsperiode waren dann schon eine Million Menschen auf der Erde, und in der dreißigsten Periode über eine Milliarde. Das Jahr 1922, das sich mitten in der 31. Periode befindet, zählte also fast zwei Milliarden. Meine Logarithmentafel lässt mich nicht im Stich!"

Mary stand von der sonnenwarmen Bank auf. Die Vögel an ihren Füßen flogen eilig davon und verschwanden über der silberblanken Fläche des Flusses. Die Beiden spazierten langsam Hand in Hand die Treppen zum Kanal hinunter. Mary machte einen nachdenklichen Eindruck…

„Wie lange ist eine Verdopplungsperiode?" fragte sie.

„Etwas über 150 Jahre…"

„Woher weißt du das?"

„Von den Juden!"

„Was meinst du damit?"

„Hier ist noch eine Bank", sagte Maurice lächelnd. „Meine Zuhörer müssen sich wohl fühlen, und hier ist auch etwas Schatten. Du musst mir geduldig zuhören…"

„Gerne", antwortete Mary und setzte sich. „Ich mag deine Vorträge… obwohl ich nicht einer Meinung mit dir sein kann."

„Nun gut! Es gibt einen Begriff, den man die ‚Hales-Chronik’ nennt; sie basiert auf dem biblischen Septuagintatext. Diese behauptet, dass in meinem Berliner Jahr, 1922, genau 5077 Jahre seit der Sintflutkatastrophe vergangen sind. Das heißt, dass nach den Berechnungen von Hales heute 5077 Jahre seit der bemerkenswerten Zeit vergangen sind, in der Noah und seine Frau auf dieser Erde lebten. Diese Zwei sieht der Wissenschaftler als unsere eigentlichen Vorfahren an…"

„Und sie haben vor gut 5000 Jahren gelebt?"

„Genau! Sie lebten vor gut 5000 Jahren. Die Bevölkerung vor ihnen, die genau 16.384 Seelen zählte, kamen bei der Sintflut um…"

„Woher kennst du die genaue Anzahl der Menschen, die bei der Sintflut ums Leben kamen?"

„Reines Rechenstück."

„Wie?"

„Wenn Noah (z.Zt. in meinem Berliner Jahr) vor 5077 Jahren gelebt hat, dann lebte Adam vor 7333 Jahren. Mit der angegebenen ‚Verdopplungsperiode’ (von gut 150 Jahren) kommt man zu der bei der Sintflut Umgekommenen auf die Zahl 16.384…

Mary schüttelte den Kopf. „Du gehst von der Voraussetzung aus, dass die Schöpfung stattgefunden hat", hielt sie ihm entgegen, „die Wissenschaft beschäftigt sich nicht mit Abenteuergestalten wie Adam und Noah…"

Maurice machte einen Schritt auf sie zu. Sein Tonfall war herausfordernd. Mary sah ihn erschrocken an. So hatte er bis dahin noch nicht mit ihr gesprochen. Die Vögel an ihren Füßen flogen erschrocken fort. Es war gerade so, als ob sich eine finstere Wolke vor die Sonne schob.

„Seit wann gibt es Menschen auf dieser Erde?"

„Seit zwei Millionen Jahren", antwortete sie ohne zu zögern.

„Gut!" antwortete er scharf. Er machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er die Zahl auf eine unsichtbare Tafel schrieb. Mary folgte seinen Bewegungen mit weit aufgerissenen Augen. „Wenn sich die Anzahl der Menschen zwei Millionen Jahre lang jedes 150. Jahr verdoppelt, dann haben wir es mit einem Begriff zu tun, den man ‚die ersten zwei in der 1240. Potenz’ nennt. Das Resultat: 20 Billionen Menschenseelen, gefolgt von genauso vielen Nullen wie es Tage im Jahr gibt. Mary! Eine solche Bevölkerung kann doch die Erde niemals fassen! Deshalb darfst du deine Theorie nicht als Wissenschaft bezeichnen…"

Bei diesen Worten stand Mary auf; die beiden spazierten nun langsam an dem im Sonnenlicht getauchten Flussufer entlang. Sie gingen nun nebeneinander her… ohne sich an der Hand zu halten!