DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 28

Noch bevor die Sonne über Bozra aufgegangen war und die schmerzliche Abschiedsstunde heranrückte, konnte man auf dem Weg zur Zwölfpalmenoase eine Gestalt entdecken, die auf das schlafende Zeltlager zukam. Der Mann ging langsamen Schrittes, tief in Gedanken versunken, sich leicht auf einen Stock stützend. Hin und wieder blieb er stehen und schaute auf die Berge im Morgenrot. Es lag ein Duft frischen Taus über der steinigen Steppe. Auch die Einöde hatte beim Anblick der jungen Leute, die nun auseinander gerissen wurden, Tränen in den Augen. Die Tauben flatterten um den Mann herum, als er sich dem Camp näherte; Hunde liefen ihm bellend entgegen, bis sie Professor Fruchtenbaum erkannten…

„Schon so früh auf?" fragte John Williams, als er beim Hundegebell aus dem Zelt trat. „Ja", antwortete der Professor. „Ich war in der Zwölfpalmenoase, da ich keine Ruhe finden konnte. Irgendetwas nimmt an diesem Morgen seinen Anfang. Es ist etwas bisher nicht Gewesenes, das jetzt in diese Welt eintritt. Nicht nur bei uns hier in der Wüste, sondern überall! Dort in dem großen Universum; ein unsichtbarer Leib nimmt langsam Form an…"

Das musst du mir schon ein wenig näher erklären", lächelte John W. „Setz dich hierher und genieße den Sonnenaufgang über den Bergen. Ich komme gleich mit einer Tasse Kasse, dann kann mir der Herr Professor in einer für jeden Menschen verständlichen Sprache erklären, was ihn in den frühen Morgenstunden in der Zwölfpalmenoase so bewegt hat…"

„Ich reise zusammen mit den beiden jungen Männern", sagte Fruchtenbaum, als ihm eine dampfende Tasse Kaffee serviert wurde. Er sah zu den flammendroten Bergen über Bozra auf und fuhr fort: „Wir bewegen uns nun auf eine Zeit zu, in der ein unsichtbarer Leib am Entstehen ist…"

„Ein solcher Ausdruck bedarf einer näheren Erklärung…"

Professor F. nahm ein zerfetztes, vergilbtes Dokument aus seiner Tasche. „Wenn ich erklären soll, was ich mit diesem Ausdruck meine, dann musst du mir einige Minuten geduldig zuhören. Der Professor faltete das abgenutzte und zusammengeflickte Stück Papier auseinander: „Dies ist ein handgeschriebener Bericht, den ich vor einigen Jahren in die Hände bekam. Wie du siehst, ist dieses Dokument in einem schlechten Zustand, denn ich trage es immer mit mir herum. Der Inhalt hat etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun, und auch mit dem Beschluss, den ich heute Morgen gefasst habe."

„…dass du die beiden jungen Männer begleiten willst, um dich mit ihnen gemeinsam auf die Flucht zu begeben?" „Genau! Ich glaube, dass der Augenblick gekommen ist, in dem etwas Unsichtbares Form angenommen hat und nun in die sichtbare Welt eintreten wird…"

Der Professor betrachtete die Sonne, die sich wie eine glühende Säule über der Wüste erhob. „Es ist ein neuer Tag", sagte er. „Eine Stunde, die die Sonne stärker erstrahlen lässt…"

Der Professor setzte seine Brille auf, glättete vorsichtig das Dokument und fuhr fort: „Es ist der Bericht eines deutschen SS-Offiziers namens Hermann Gräbe. Er beschreibt in allen Einzelheiten, was sich am 5. Oktober 1942 in einem abseits gelegenen Ort an der Ostfront abgespielt hat. Hier sein Wortlaut:

„Wir kamen ohne Schwierigkeiten zu einigen ausgegrabenen Schächten. Als wir in ihrer Nähe standen, hörten wir eine schnelle Reihenfolge von Maschinengewehrsalven. Die Leute, die von den Lastwagen abgestiegen waren, - Männer, Frauen und Kinder -, wurden gezwungen, sich auszuziehen. Ein SS-Offizier mit einer Peitsche in der Hand behielt sie im Auge. Es wurde ihnen befohlen, ihr Eigentum auf verschiedene Stapel zu legen: Schuhe, Kleidung und Wäsche. Ich sah Haufen mit über 1000 Paar Schuhen. Ohne Weinen oder Murmeln entkleideten sich die Neuankömmlinge und standen nun in Familiengruppen zusammen. Sie umarmten sich und verabschiedeten sich ein letztes Mal, während sie auf neue Befehle der SS-Soldaten warteten, die am Rande der Grube standen, immer noch mit der Peitsche in der Hand…"

Hier hielt Prof. Fruchtenbaum inne. Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. Mit gebrochener Stimme fuhr er mit dem Vorlesen fort:

„Mir fiel besonders eine achtköpfige Familie auf. Ein Mann und seine Frau; sie waren ungefähr 50 Jahre alt. Ihre Kinder umringten sie. Das Kleinste war ein Jahr alt, ein paar der Kinder waren 8-9 Jahre alt; zwei ältere Töchter 20-24. Eine ältere, weißhaarige Frau hatte das Baby auf dem Arm. Sie wiegte die Kleine während sie ihr leise vorsang…"

Wieder hielt Professor F. inne. Er holte tief Luft, als ob er zum Weiterleisen neue Kraft schöpfen müsse. Dann fuhr er fort: „Die Eltern sahen ihre Kinder mit Tränen in den Augen an. Der Vater hielt den Zehnjährigen an der Hand, während er sanft auf ein einredete. Dem Kleinen fiel es schwer, seine Tränen zurückzuhalten. Der Vater erhob seine Hand und streckte sie gen Himmel; mit der anderen streichelte er den Kopf des Jungen und schien ihm dabei etwas zu erklären…"

Der Professor warf John W., der mit gebeugtem Kopf dasaß, einen viel sagenden Blick zu. „In diesem Augenblick rief der SS-Mann am Grubenrand einem seiner Kameraden einige Worte zu. Dieser zählte eine bestimmte Anzahl Personen aus der Menge ab und befahl ihnen, zum Grubenrand zu gehen. Unter ihnen befand sich die besagte Familie. Ich erinnere mich noch an eine der Töchter, eine starke Brünette, die mir beim Vorbeigehen mit dem Finger ein Zeichen gab und flüsterte: „Dreiundzwanzig!" Als ich auf die andere Seite der Grube ging, sah ich vor mir ein grauenerregendes Massengrab. Die Leichen lagen dicht übereinander gestapelt. Nur die Köpfe waren sichtbar. Die meisten hatten offene Wunden, aus denen das Blut über ihre Schultern floss. Einzelne bewegten sich noch. Einige hoben eine Hand, um zu zeigen, dass sie noch am Leben waren. Das Grab war zu Zweidrittel gefüllt. Es waren über 1000 Leichen. Ich sah dem Mann nach, der diese Hinrichtungen ausführte. Es war ein SS-Soldat. Er saß mit baumelnden Beinen über der Grabkante. Mit einem Maschinengewehr lag auf den Knien und einer Zigarette zwischen den Lippen… Die nackten Menschen traten an den Rand und sanken dabei in die lehmige Erde. Sie nahmen die vom SS-Mann angegeben Plätze ein. Dann war das Rattern der Maschinengewehrsalven zu hören…

Auf dem Rückweg sah ich eine neue Lastwagenladung mit Kranken und Invaliden ankommen. Einige Frauen, die bereits nackt waren, waren dabei, eine ältere Frau zu entkleiden. Sie war nur noch Haut und Knochen. Sicherlich gelähmt, denn sie wurde von zwei anderen gehalten. Die Nackten führten sie an den Rand des Grabens…"

Der Professor senkte sein Papier und hielt inne. Es fiel John W. im starken Licht der Morgensonne auf, dass dieses vergilbte Dokument sicher viele Mal auf- und zusammengefaltet worden war, denn die Faltstellen waren völlig durchlöchert. Er bemerkte auch, dass die bleiche Tinte, mit der der Bericht niedergeschrieben war, an einigen Stelle ausgelaufen war… durch Regentropfen oder auch von Tränen durchnässt.

„Ich bin der Ansicht", fuhr der Professor fort, nachdem er sich geräuspert hatte, „dass diese kleine 8-köpfige Familie die Meinige ist. Meine jüdischen Verwandten kommen nämlich aus der Gegend, die Ortsangabe, der Zeitpunkt, die Anzahl der Personen und deren Alter alles passt, ebenso wie die Tatsache, dass sie genau am 5. Oktober 1942 von einer SS-Einheit mit dem Lastwagen abgeholt wurden. Dies hat mich dazu veranlasst, weitere Nachforschungen anzustellen. Aus anderen Quellen weiß ich, dass unmittelbar nach der Erschießung dieser acht Personen noch ein Transport mit invaliden Juden eintraf; hauptsächlich Frauen. Meines Erachtens ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet ich diesen handgeschriebenen Bericht eines SS-Soldaten in die Hände bekomme. Ja, ich bin überzeugt, dass dies geschehen ist, damit ich persönlich niemals vergessen soll, was dort geschehen ist…"

John W. erhob sich und legte schweigend seine Hand auf die Schulter des Professors. Er spürte, dass die gebeugte Gestalt vor ihm zitterte… wie von einem heftigen Schluchzen geschüttelt.

Professor F. legte das zusammengefaltete, gelbe Blatt vorsichtig in seine Brieftasche zurück. Dann wischte er sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und flüsterte: „Wenn die Zwei mich auf die vor ihnen liegende, lange Reise mitnehmen wollen, dann will ich gerne mit ihnen gehen. Sie sind beide jung und unerfahren; sie befinden sich nämlich nicht nur auf der Flucht. Ich hoffe, du verstehst mich nicht falsch, wenn ich sage, dass sie ‚ausgesandt werden’. Etwas Neues ist geboren. Ein unsichtbarer Leib muss nun auferstehen. Ein langer, schmerzlicher Prozess, der an diesem Morgen in eine neue Phase eintritt. Eine neue Epoche beginnt!"

John Williams nickte. Die Sonne hatte inzwischen an Kraft gewonnen. In ihrem Glanz stieg sie immer höher auf, als ob sie allen Wüstenbewohnern sagen wolle, dass sie mit Sicherheit ihre Bahn durchlaufen werde.

Die frisch vermählten Paare traten aus ihren Zelten. Sie gingen, jeder für sich, so nah nebeneinander her, als ob sie niemals mehr voneinander Abschied nehmen müssten.

*

Die Position des ägyptischen Soziologieprofessors, Ibrahim Nasser, gegenüber den so genannten ‚demokratischen Prinzipien’ war durch die Niederlage der Volksabstimmung vom 27. September erheblich geschwächt worden. Die Bevölkerungen mehrerer großer Nationen hatten die Gelegenheit genutzt, um ihr Misstrauen und ihre Unzufriedenheit gegenüber dem System zum Ausdruck zu bringen…

„In solch wichtigen Fragen können wir nicht dem Volk die Entscheidung überlassen", sagte er. Aufgrund seiner Kandidatur für den Außenministerposten in einer kommenden Weltregierung war er zu einem kurzfristig einberufenen Treffen nach Babylon eingeladen worden. Politiker und Staatsmänner hörten dem früheren Verfechter der Demokratie, der wegen seiner mutigen Meinungsäußerungen viele Jahre im Gefängnis gesessen hatte, aufmerksam zu.

„Nachdem am 27. September der Beweis erbracht worden ist, dass die Massen durch ihre unreife Einstellung den Fortschritt nur aufgehalten haben, sollten wir in Zukunft derlei Volksabstimmungen abschaffen! Die deutsche Vorgehensweise war die richtige", fuhr der bekannte Menschenrechtsverfechter fort, „in Deutschland weiß man aus bitterer Erfahrung, wie Demagogen und extreme Agitatoren das ganze Volk ins Unglück stürzen können, wenn ihnen das System eine derart unsichere Plattform wie die einer Volksabstimmung zur Verfügung stellt …"

Die meisten schlossen sich der Meinung des früheren, radikalen Soziologieprofessor an, der Jahre zuvor in seinem Kamp für die Demokratie und gegen das totalitäre System so weit gegangen war, dass er mit Polizeigewalt aus dem Parlamentssaal in Kairo entfernt werden musste. Heute hatte sich seine Sprache geändert!

„Außerdem werden dabei nur Steuergelder verschwendet!" erklärte Ibrahim N. „Man hat über einen längeren Zeitraum beobachten können, was sich in der Volksseele abspielt und in welche Richtung der Wind bläst. Wenn man dann erahnt, dass derart widerstrebende und destruktive Kräfte dabei ihre Hände im Spiel haben, sollten Entscheidungen dieser Art von kompetenten Politikern getroffen werden, die die Situation besser beurteilen können, weil sie einen besseren Überblick haben…"

„Was mit dem Inhalt des alten Maastricht-Vertrages, Artikel F, Absatz 1?" fragte ein jüngerer holländischer Staatsmann. Auch Holland hatte dem globalen Grundgesetz eine Absage erteilt.

„Was steht darin geschrieben?" fragte der Ägypter. Er war mit dem europäischen Prozess, der zu dieser Niederlage geführt hatte, nicht besonders vertraut.

„Er besagt, ‚dass die Union die nationale Identität und die auf demokratischen Prinzipien gegründete Regierungsform ihrer Mitgliedsstaaten respektiert…"

„Was wollen Sie damit sagen?" Dem ägyptischen Professor fiel es schwer, sich seine Irritation nicht anmerken zu lassen.

„Ich meine", fuhr der junge Holländer unverdrossen fort, „dass ‚demokratische Regierungsformen’ immer auf Volksabstimmungen aufbauen, denn nur hier kann der Volkswille zum Ausdruck gebracht werden…"

I. Nasser erhob sich. Zur Überraschung aller Anwesenden sprach er nun die gleichen Worte aus, die EU-Präsident Pierre-Henri Clark nur wenige Monate zuvor in Brüssel geäußert hatte: „Wir brauchen nicht noch mehr Volksabstimmungen, was wir brauchen, ist ein starker Mann, der die Welt aus dem politischen Morast herausführen kann, in den sie gesunken ist. Geben Sie uns einen Mann mit Kraft und Ausdauer. Ob er nun ein Gott ist oder ein Teufel, so werden wir ihm folgen!"

Der Ägypter machte Anstalten, den Saal zu verlassen. Er nahm seine Dokumentenmappe, ein älteres Ledertaschenmodell, das etwas Klassisches an sich hatte. Das blanke, etwas verschlissene Material legte die Vermutung nahe, dass diese Mappe ihm viele Jahre als Aktentasche gedient hatte. Der Messingverschluss gehörte einer vergangenen Zeit an. Die Mappe war leicht und vermittelte den Eindruck, dass sie nur wenige Dokumente enthielt. Ibrahim Nasser war ein Mann, der eine Sache nach der anderen anging. Doch eine Angelegenheit wie diese nahm seine ganze Konzentration in Anspruch. Sie füllte sein ganzes Dasein; die einzelne Frage forderte all seine Kraft! Er verabschiedete sich freundlich von seinen Zuhörern. Als er am Holländer vorbeiging, legte er seine schlanke Hand auf die Schulter des jungen Mannes und sagte leichthin: „Sie werden auch noch klüger!" Danach verschwand er, um sich auf den Weg zu seiner Privatsuite zu machen. Unterwegs kam er am Palastsaal vorbei, in dem er kurz zuvor dem festlichen Auftakt zum Zehnergipfeltreffen beigewohnt hatte. Neugierig ging er in den nun leeren, halbdunklen Raum. Langsam wanderte er zur Endwand, die mit dem großen, roten Szenevorhang bedeckt war. Einen Augenblick blieb er still stehen und schloss die Augen. Vor seinem inneren Auge konnte er wieder den festlich erleuchteten Saal sehen. Er hörte die leichte, babylonische Flöten- und Harfenmusik und erlebte aufs Neue den Augenblick, als Sklaven und Sklavinnen in Gewändern aus der Zeit Nebukadnezars die Gäste an den vornehm gedeckten Tischen bedienten. Er erinnerte sich, wie plötzlich das Fest durch rebellische Aktivisten unterbrochen wurde, denen es gelungen war, durch computergesteuertes Material vier Worte an die weiß gekalkte Wand zu projizieren. Es waren die gleichen Worte, die - infolge des 2500 Jahre alten biblischen Berichts – bei einem Gästeempfang des babylonischen Königs an der gleichen Wand erschienen waren.

Ibrahim N. ging zögernd auf den roten Szenenvorhang zu. Er hatte aus verlässlicher Quelle gehört, dass die Rebellen besondere Laserstrahlen benutzt hatten, mit denen sie imstande waren, Worte in die Steinwand einzubrennen, die danach nicht mehr entfernt werden konnten! Egal, wie kräftig man auch versucht hatte, die Endwand rein zu waschen, war es nicht gelungen! Selbst, nachdem man die Wand gründlich gereinigt und neu gekalkt hatte, kamen die Worte wieder zum Vorschein! „Es gibt nur eine Möglichkeit sie zu entfernen", erklärte der Vizepräsident John E. und fügte hinzu: „Sie muss abgerissen werden!" Doch John Edwards lag nun in seinem Grab! Ermordet! Ein eisiger Gegenstand war ihm auf die Schulter gelegt worden; dieser hatte sein Herz innerhalb von Sekunden erfrieren lassen.

Der ägyptische Soziologieprofessor tastete sich durch den halbfinsteren Raum. Er wollte zum Bühnenvorhang, um zu sehen, ob die vier Worte wirklich immer noch an der Wand zu sehen waren. „Ich werde die Wand niederreißen lassen", hatte John E. gesagt. Das war nicht geschehen. Er war seinem Mörder begegnet, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte. Sollten die vier Worte immer noch auf der Kalkwand stehen, mussten sie entfernt werden.

I. Nasser zog den roten Vorhang zur Seite und ging hinter ihn, um besser die weiße Endwand betrachten zu können. Mit einer sonderbaren Mischung aus Furcht und Verwunderung betrachtete er die Stelle, an der sich die vier Worte durch den Kalk und Stein eingebrannt hatten. Sie standen immer noch da, ja, im Halbdunkeln hatten sie einen seltsamen Schimmer: ‚Mené, mené, tekel, ufarsin’

Der Professor und Kandidat für den Posten des Außenministers in der kommenden Weltregierung stand schweigend vor dem uralten, aramäischen Text. Wieder hatte er das gleiche Gefühl wie an dem Abend, als er die Worte zum ersten Mal an der Endwand des Palastsaales gelesen hatte. Die Worte schienen an ihn persönlich gerichtet zu sein:

„Du bist gewogen und allzu leicht befunden worden!"

I. Nasser hörte hinter sich ein leises Geräusch und wollte sich umdrehen, konnte aber nicht. Er war überzeugt, dass er nicht alleine im Saal war. Seine Augen weit aufreißend, erwartete er, dass irgendetwas geschehen würde. Ja, er beugte seinen Kopf ein wenig und kniff die Augen zusammen, so, als stelle er sich vor, dass er nun einen Nackenschuss hören würde. Eine Sekunde lang gelang es ihm, seinen Blick zu erheben, um noch einmal die vier ‚Grußworte’ über seinem Kopf zu sehen: Mené, mené, tekel, ufarsin!"

Dann spürte er eine eisige Kälte über seinem linken Arm. Eine graue, knöchrige Hand legte sich ihm auf die Schulter. Er war der Meinung, ein leichtes Brodeln vernommen zu haben. Ganz sicher aber war er, dass ihm ein paar schneeweiße Flocken auf die Jacke fielen. Er spürte, wie seinem Herzen ein eisiger Stoß versetzt wurde. Ihm wurde schwindelig, doch er blieb aufrecht stehen… und lauschte… um zu hören, was weiter geschehen würde…