DIE BLUTIGE NOTIZ
© Johny Noer - www.noer.info


Kapitel 27

„Sie wird E-Bombe genannt", erklärte der pensionierte türkische Generalmajor Abdullah Karadag, der in Berlin EU-Offiziere unterrichtete. „Sie wird mit einer ‚Cruise Missile’ abgeschossen. Bei der Explosion erlöschen alle Lichter; Computer zerschmelzen; jegliche Kommunikation wird unterbrochen. Diese Bombe versetzt Jerusalem in eine totenähnliche Stille. Israel wird in eine Nacht eingehüllt, in der alle alleine sind und nur noch auf den Tod warten."

Seit dem Anschluss der Türkei an die EU hatte der Generalmajor den Posten des Armeechefs im Bereich Zukunftsforschung inne, welcher unter der englischen Bezeichnung ‚Army After Next’ lief. Nachdem er vom aktiven Dienst zurückgetreten war, hatte er sich mit dem Gedanken einer möglichen Invasion auseinandergesetzt, sollten die Unruhen auf dem Tempelplatz außer Kontrolle geraten. „Die E-Bombe steht mit dem alten Kriegsbegriff ‚Blitz’ in Verbindung", fuhr er fort. „Eines ihrer Ziele ist die Demoralisierung der feindlichen Truppen. In den ersten 48 Stunden, nachdem sie ihre Wirkung gezeigt hat, sollen 3000 Präzisionsgesteuerte Bomben und Raketen auf das ausersehene Ziel nieder rasseln."

Ein junger EU-Offizier erhob sich. „Sir", begann er, „was nun, wenn der ‚Blitz’ nicht gelingt und die erwartete Demoralisierung der israelischen Truppen ausbleibt?"

„Umso mehr Grund, sofort hart zuzuschlagen", antwortete der Generalmajor abweisend. Die Wanduhr gab einen lauten Piepton von sich. Der Unterricht war beendet…

Maurice Cabet ging am Spreeufer entlang, an dem das Verteidigungsministerium lag. Als er die Unterrichtsräume verlassen hatte, waren ihm die Blicke seiner Offizierkameraden gefolgt.

„Wie unvorsichtig!" flüsterte ein Leutnant aus London. „Wie kann er es wagen anzudeuten, dass die türkische Bombe nicht den erwarteten Effekt haben könnte?"

Der Generalmajor kam auf sie zu. Er gehörte der alten ottomanischen Offizierstradition an. Doch jene Zeiten waren vorbei, in denen er seine Meinung mit einem Peitschenschlag auf ein Paar hohe, blank polierte Stiefel unterstreichen konnte, doch seine messerscharfe Stimme erinnerte noch immer an einen Peitschenhieb.

„Worüber sprechen die Herren?" fragte er brüsk.

„Über die Wirkung der E-Bombe!"

„Wie heißt übrigens dieser junge Mann?"

Die Offiziere schauten einander fragend an. „Wen meinen Sie, Herr Generalmajor?"

„Den, der in Frage stellte, ob die israelische Armee überhaupt demoralisiert werden könne?"

„Wir sind neu hier. Erst vor kurzem angekommen und kennen deshalb einander nicht mit Namen…"

„Unsinn", unterbrach der Türke. Sein Gesicht war steinhart. „Teilen Sie mir bis zum nächsten Unterricht seinen Namen mit!"

„Sehr wohl, Herr Generalmajor!"

Maurice Cabet atmete tief die kühle Berlinerluft ein. Die großen Flusskähne, die seit eh und je auf der Spree auf und ab tuckerten, bestimmten noch immer das Bild. Ein tief liegender Lastkahn fuhr vorbei. Vor einer unansehnlichen Kajüte stand ein Mann und hielt Ausschau, neben ihm hängte eine Frau Wäsche auf die Leine. Ein paar Kinder hingen an der Reling. Hinter ihnen standen Fahrräder. Ob sie auch auf dem Land wohnten? Wohin gingen sie wohl in die Schule? Maurice hob die Hand zum Gruß. Die Kleinen winkten, die Frau erwiderte seinen Gruß nicht …

Maurice war beunruhigt. Es war zu gefährlich, von einem Handy aus anzurufen. Er musste eine Telefonzelle finden. Die gab es jedoch kaum noch. Er beschloss, eine Tasse Kaffee in einem kleinen Straßencafe zu trinken. „Kann ich bei Ihnen telefonieren?" fragte er die junge Kellnerin.

„Nur im Inland", antwortete sie.

„Ich muss aber nach … Frankreich anrufen."

Das Mädchen betrachtete den jungen, ernsten Offizier. Vielleicht handelt es sich ja um eine ernste Familienangelegenheit. Sie dachte an ihre eigene Familie in Amerika.

„Ich bezahle gerne mehr dafür", sagte der EU-Offizier. „Es ist sehr wichtig für mich. Ich muss nur kurz Bescheid geben…"

„Ok!" gab die in Schwarz und einer weißen Schürze bekleidete Kellnerin nach. „Ich werde das Geld in die für das Personal vorgesehene Telefonkasse legen." Sie führte ihn zum Telefon. Er sah sich vorsichtig um und wählte die Nummer 00972… Es war kein Gespräch nach Frankreich, sondern nach Israel! „Hallo, Jack! Hier ist Maurice. Ja, danke, alles in Ordnung. Hochzeit? Wann? Hör mal… erzähl nicht zu viel. Vielleicht treffen wir uns. Doch ab morgen musst du verschwinden. Ja, ganz untertauchen! Du bekommst noch weiteren Besuch? Hochzeit? Das wird sie wenig kümmern…" Klick! Maurice sah auf den Hörer. Er war unterbrochen worden.

Das Mädchen auf der anderen Seite des Tresens starrte ihn mit ihren großen Augen erschrocken an. „Das Telefon wird abgehört", flüsterte sie. „Es kommen viele junge Männer von der Offiziersschule hierher, um zu telefonieren."

Maurice bezahlte seine Rechnung.

„Sie haben fünf Vorwahlnummern gewählt", wandte sie ein.

„Es war nicht nach Frankreich!" antwortete er. „Aber jedenfalls habe ich genügend dafür bezahlt."

Die Kellnerin trocknete sich die Hände an ihrer weißen Schürze und ging zum Telefon. „Welche Vorwahl hat Frankreich?" fragte sie.

„0033", antwortete er.

Maurice nahm den Telefonhörer und sprach ein paar Minuten mit seiner Mutter in St.Brieuc. Danach legte er auf und wollte das Gespräch bezahlen.

„Dies geht auf meine Rechnung", sagte das Mädchen lächelnd.

„Ja aber, warum?"

„Weil ich in ein paar Minuten Besuch bekomme. Man wird mir etliche Fragen stellen. Ich möchte ihnen nur sagen, dass Sie nach Frankreich angerufen haben. Mit der anderen fünfstelligen Ziffer werden Sie Schwierigkeiten bekommen…"

„…aber wieso?"

„Sie werden dann keinen Kaffee mehr hier trinken können, und wir verlieren einen Kunden."

Mit einem feuchten Tuch wischte sie die Theke sauber. „Und das wäre doch bedauerlich", fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

Maurice betrachtete sie eingehend. Dann drehte er sich um und ging zur Tür. Von dort wandte er sich noch einmal um. „Danke!" Mit ein paar Schritten war er auf dem Bürgersteig, ging jedoch wieder zurück und fügte hinzu: „Sie haben ein hübsches Lächeln!"

*

 

„Na also!" Der türkische Generalmajor a.D. schlug sich auf die Schenkel, gerade so, als ob er immer noch eine Reitpeitsche in der Hand hielte. „Er ist Franzose! Und kommt aus St.Brieuc. Aus der wunderschönen Bretagne. Und heißt Cabet, Maurice Cabet? Kommt mir der Name nicht irgendwie bekannt vor? Ein sozialistischer Rebell aus Paris, Cabet?... ‚Etienne Cabet’, ein irrer Idealist, der in Texas eine neue Welt schaffen wollte? Aha! Das muss also einer seiner Enkel sein… sicher genauso verrückt!"

Der Türke stand mit der Akte des jungen, französischen Offiziers in der Hand. „Jawohl", fuhr er fort, „ein Christ aus der Rue Turgot in Paris. Von denen haben wir schon gehört. Wir brauchen nur Engels in Jerusalem zu fragen! Er kennt diese Leute! Und was haben wir da? „Aha, ‚war möglicherweise an dem Überfall auf den Transport des Babylontors beteiligt, als dieser eine Spreebrücke überquerte’ … die, übrigens nicht weit von hier entfernt liegt! Ja, ja: Die traurige Geschichte des babylonischen Tores. Hat man jemals die Hintermänner dieses Verbrechens ausfindig gemacht? Vielleicht kann dieser Cabet zur Aufklärung dieses Komplotts beitragen. Ich werde ihn im Auge behalten!"

*

Freude und Erwartung erfüllten das kleine Wüstencamp bei John Williams Zelt. Kaiser Wilhelms EU-Jeeps waren für den bevorstehenden, feierlichen Anlass frisch gewaschen und poliert. In drei Tagen sollte Hochzeit sein! Eine dreifache Hochzeit: Jan Apostolou, der junge griechische Filmproduzent mit seiner Antoinette Dupont aus Paris sowie Jack Robinson, der britische Fallschirmspringer des Gogkrieges, der unter der Bezeichnung ‚Geiselnehmer’ traurige Berühmtheit erlangt hatte, mit Ursula Clemens, der Privatsekretärin des bayrischen Ministerpräsidenten, sowie der deutsche EU-Leutnant, Kaiser Wilhelm, der sich mit 15 Kamelen und einem halben Dutzend Eseln Sara, die hübsche Tochter des Beduinen Machmets ‚erworben’ hatte.

Eine buntere Zusammensetzung wäre kaum denkbar gewesen. In großer Eile hatte man Einladungen an Familie und Freunde von nah und fern versandt. Die jungen Frauen waren mit dem Anfertigen ihrer Brautkleider beschäftigt. Man hatte mehrere Zelte für Gäste und Helfer aufgestellt. Der Kaiser hatte der EU-Mannschaft strengen Befehl erteilt, sich mit niemandem anzufreunden. „Es finden auch so genügend Hochzeiten statt!" hatte er erklärt. „Zuwiderhandlungen werden nicht geduldet!"

… aber es war, als ob der Frühling seinen Einzug hielt; eine leichte Brise wehte über die Wüste hinweg und ließ den feinen Sand wie einen Brautschleier über das Zeltlager nieder rieseln, sodass es nicht leicht war, dem Befehl des Kaisers zu folgen.

Plötzlich kam, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ein Befehl aus Jerusalem. Dem Kaiser fiel es schwer, dem kurz gefassten, barschen Befehl im Tagesrapport Folge zu leisten. Dieser lautete: „Nehmen Sie den Geiselnehmer Jack Robinson und seinen Gehilfen Jan Apostolou fest. Beide sollen heute, am 30. September, 16.00 Uhr in Jerusalem vorstellig werden!" Der Kaiser sah auf seine Uhr. Das war in fünf Stunden. Er schaute verzweifelt zu den Zelten hinüber, wo er das glückliche Lachen der jungen Frauen hörte! Er sah Antoinette, Ursula und Sara damit beschäftigt, ihre Kleider anzuprobieren. Sein Blick wanderte zu Jack und Jan, die aus der Wüste zurückkamen… jung, lachend, voller Freude. Im Schatten der Zelte sah er John Williams, Professor Fruchtenbaum und den noch amtierenden Präsidenten, Pierre-Henri Clark, wie sie im Gespräch vertieft zusammen saßen. Bei den Kamelen erblickte er den Reporter, Jack Straw, der mit seiner nicht zu entbehrenden Kamera umherwanderte. Alles atmete Frieden und Harmonie – und nun war dieser schonungslose Befehl aus dem Hauptquartier in Jerusalem gekommen. Die eiserne Faust des Systems, ein Vergeltungsschlag für die vor einigen Tagen in Babylon stattgefundenen Ereignisse! Das, was bei der Einweihung des Babelturmes geschehen war, würde niemals in Vergessenheit geraten. Dies war nun der furchtbare Racheakt der Union! Die Verhaftungen würden nun beginnen. Diese waren nur die ersten …

Kaiser Wilhelm entschied sich, mit Pastor Jones zu sprechen. Er sah ihn im Gespräch mit seiner Frau Jennifer und Virginia Williams. Sie waren von einer Schar spielender Kinder umringt. Er ging direkt auf sie zu.

*

Man muss sie an ihrer schwächsten Stelle treffen", sagte Bischof Valentin, der vom Gipfeltreffen aus über Jerusalem gereist war, um sich mit dem Sicherheitschef Adolf Engels zu treffen. Sie saßen nun beide in seiner Wohnung im ‚Zementkoloss’, den der Bischof scherzend als das hässlichste Gebäude in der Nähe des Tempelplatzes bezeichnete.

„Bei dem peinlichen Treffen, das vor einigen Wochen im Parlamentsgebäude in Strassburg stattfand, „rief ich die rebellischen Pastoren zur Räson. Ich erinnerte sie an die biblische Ermahnung, ‚der Obrigkeit Gehorsam zu leisten’! Dies ist ihr schwacher Punkt! Wenn wir sie mit ihren eigenen Waffen schlagen können, wird diese rebellische Bewegung schnell erlahmen, und ihre Leiter werden kapitulieren."

Adolf Engel hörte interessiert zu. „Ich habe kein großes Bibelwissen", rief er aus, „doch wenn wirklich in ihrem eigenen Buch steht, dass sich Pastor Jones und seine Sippschaft ‚unterordnen sollen’, dann haben Sie Recht… genau an diesem Punkt muss man sie treffen!" Bei diesen Worten blitzten seine Augen vergnügt auf. Als erfahrener Geheimagent sah er gleich vor seinem inneren Auge die Möglichkeit der Infiltrierung. Er erhob sich und ging auf und ab, während er glücklich seine These entwickelte. Dabei bewegte er sich wie eine Spinne in ihrem Gewebe. „Genau an dieser Stelle treffen wir ins Schwarze!" sagte er.

Der Bischof folgte ihm mit kaltem Blick. Wenn er den Geheimchef für diesen Plan gewinnen könnte, wäre viel erreicht. Dann stünde ihm bereits ein gigantischer Apparat zur Verfügung. In diesem Falle könnte der globale Geheimdienst, dieses gut organisierte Organ, in Bewegung gesetzt werden. Verhaftungen könnten in die Wege geleitet werden, und parallel dazu die erforderliche Umerziehung der aufrührerischen Kräfte in Gang kommen. Den Propagandaapparat würde man mit diesem einfachen Satz aus dem Neuen Testament speisen: „Alle sollen sich den Obrigkeiten unterordnen, die über ihnen stehen!"

„Steht dies wirklich so geschrieben?" rief Adolf Engels vergnügt aus. „Das kann doch nicht wahr sein! Wenn ihr eigener Apostel eine solche Sprache spricht, welcher arme, elendige Pastor würde es dann wagen, sich gegen die Heilige Schrift aufzulehnen." Bei den Worten ‚Heilige Schrift’ nahm die Stimme des Geheimchefs einen ernsten Klang an. Er sprach diese Worte weder mit Hohn noch Verachtung aus. Einen Augenblick lang war er selbst von der unfassbaren Möglichkeit überwältigt, dass es ihm gelingen könnte, mit einem einzigen Satz aus der Bibel, tausende von rebellischen Pastoren in die Schranken zu verweisen. „Lesen Sie mir es noch einmal vor!" bat er den Bischof. Er sprach mit einem solchen Eifer, als ob er Trost für seine eigene Seele suchte…

Der Bischof begann zu lesen. Seine Stimme war ruhig und beherrscht. Er war ein Mann von Autorität und Übersicht… nicht wie der Geheimchef, der sich von einer augenblicklichen, neuen Entdeckung seiner Möglichkeiten hinreißen ließ. Bischof Valentin war ein Kirchenhirte, der im Grunde genommen auch für die Seele des EU-Chefs verantwortlich war, der aber auch nicht zulassen konnte, dass die Kirche Christi angegriffen wurde.

„Ich lese aus dem dreizehnten Kapitel des Briefes an die Römer", fuhr der Bischof bedeutungsvoll fort; dabei sprach er in einem Tonfall, als ob er vor einer Kirchengemeinde stünde. Adolf Engels stand wie ein Schuljunge an seiner Seite. In diesem ‚andächtigen’ Augenblick hatte er seine Hände gefaltet. „Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten, staatlichen Mächten; denn es ist keine staatliche Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet."

Er schaute Adolf Engels über die Brille hinweg an. Dieser sog jedes Wort wie ein Durstiger, dem man ein Glas kaltes Wasser gegeben hatte, in sich auf. Im Universum des Geheimchefs machte jeder einzelne Satz Sinn. Er fühlte das gesegnete Gewicht eines großen, scharfen Schwertes, das ihm in die Hände gelegt wurde. Während der Bischof vorlas, entwickelte er in seinem trainierten Gehirn eine Strategie. Nun wusste er, was zu tun war. Mit diesem Mittel würde er imstande sein, diesen Kirchenaufstand von innen her zu zerschlagen. Sein ganz besonderes Interesse galt dieser Möglichkeit, denn der beharrliche Widerstand der daran Beteiligten hatte ihm solch große Probleme bereitet…

Der Bischof fuhr fort: „Wer sich daher der staatlichen Macht widersetzt, widersteht sich der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ihr Urteil empfangen!"

„Das ist ja unglaublich", rief Adolf Engels aus und riss dem überraschten Bischof die Bibel aus der Hand. „Warum hat mir bisher keiner davon erzählt?" Er suchte eifrig nach der Stelle, die der Bischof vorgelesen hatte, konnte sie jedoch nicht finden. „Wo steht das?"

„Hier!"

In würdiger Pose zeigte ihm der Bischof den vorgelesenen Abschnitt.

Adolf Engels las laut:"… Sie widersetzen sich der Anordnung Gottes! Sie werden verurteilt! Nun bin ich auch ein Fundamentalist! Nein, nein…" Er erhob abweisend die Hände … „ich meine, nichts mit ‚Symbolik’ oder ‚Mythen’ oder dergleichen. Dies hier ist das reine Gotteswort! Hier steht es ja schwarz auf weiß, dass die Teufel, gegen die wir in den letzten Monaten gekämpft haben, nicht nur uns Widerstand leisten. Nein, ‚sie widersetzen sich der Anordnung Gottes’. Und die Elendigen, die die Einweihung unseres Babelturmes zunichte gemacht haben, und die die halbe Welt in Aufruhr versetzt haben, ‚sie haben dadurch ein Urteil auf sich geladen!" Adolf Engels atmete erleichtert auf. „Also müssen sie verurteilt werden! Genau deshalb müssen sie inhaftiert werden! Wir haben Gott dabei auf unserer Seite. Diese mörderischen Aufrührer werden sich bald der Lehre der Apostel beugen müssen!"

*

Die Frage ist, ob wir ihnen gehorchen sollen", sagte Pastor Jones, als er den Haftbefehl sah, den der Kaiser ihm vorgelegt hatte. Nach den Ereignissen in Babylon müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der Krieg begonnen hat. Auf dem halben Erdball wird es nun zu Verhaftungen kommen, und sie werden – mit den homosexuellen Bischöfen an der Spitze – verlangen, dass wir uns ‚der Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, beugen!" Sie werden uns laut aus der Bibel vorlesen, und den Brief an die Römer zitieren, in dem geschrieben steht, ‚dass es keine Obrigkeit gibt, die nicht von Gott verordnet ist". Sie werden sagen: Da könnt ihr selbst sehen! Hier steht es schwarz auf weiß, dass diejenigen, die sich der Obrigkeit widersetzen, gegen Gottes Anordnung handeln, und dadurch Gottes Gericht auf sich ziehen. Ich sage jedoch", Pastor Jones sah dabei die um ihn herum versammelte, kleine Schar mit ernstem Blick an, „dass sich hier wirklich die Frage stellt, ob wir diesem Haftbefehl in der Tat stattgeben sollen!"

Jack und Jan waren hinzugekommen. Kaiser Wilhelm stand in seiner EU-Leutnantsuniform zwischen ihnen und wusste nicht, was er tun sollte. Ursula hielt sich nah an Jack und Antoinette schmiegte sich an Jan. Sara stand mit groß aufgerissenen Augen hinter dem Kaiser. Die geplante dreifache Hochzeit hang nun an einem seidenen Faden. Pastor Jones saß mit dem Haftbefehl aus Jerusalem in der Hand. Innerhalb von 4-5 Stunden sollten die beiden jungen Männer hinter Schloss und Riegel gebracht werden, und es war die große Frage, wann und ob sie ihre Freiheit überhaupt jemals wieder erlangen würden. Man hatte die großen Gefangenenlager im Osten wieder eröffnet, und es schien höchstwahrscheinlich, dass Jack und Jan ganz von der Bildfläche verschwinden würden. Falls der Kaiser dem Befehl nicht Folge leistete, war auch sein Schicksal besiegelt. Die Ernennung zum Leutnant würde ihm aberkannt und sein Eisernes Kreuz entfernt werden. Darüber hinaus müsste er mit einem Gefängnisaufenthalt rechnen.

Ursula, Antoinette und Sara weinten leise vor sich hin. Während Pastor Jones seine Position darlegte, fanden die drei jungen Frauen zusammen. Wie versteinert standen sie etwas abseits und horchten. Der Wüstenwind wehte durch ihr langes Haar. Ihre Kleider flatterten, doch selbst waren sie wie Statuen. Eng umschlungen, als ob sie einander vor einem grausamen Schicksal beschützen wollten, folgten sie dem Gespräch.

„Es ist wichtig für uns selbst und andere, dass wir verstehen, was der Apostel mit dem Gebot, ‚sich den übergeordneten, staatlichen Mächten unterzuordnen, meint. Wenn wir diese Aussage missverstehen, oder vom System dazu verführt werden, die Worte des Apostels anders aufzufassen als sie gemeint sind, dann kann das bedeuten, dass wir uns selbst großen Schmerz zufügen und unserer Freiheit beraubt werden. Letzteres wäre sehr tragisch, denn dadurch würden wir dem Feind Gelegenheit geben, wie gierige Wölfe die Herde zu berauben, die der Herr uns anvertraut hat."

Die jungen Leute lauschten. Professor Fruchtenbaum nickte zustimmend. „Das Neue Testament berichtet", unterbrach er, „dass der Apostel Paulus von den Plänen erfuhr, ‚ihn aus dem Weg zu räumen’. Er wusste auch, dass das Stadttor Tag und Nacht bewacht wurde’, um seiner habhaft zu werden. In einem seiner Briefe schreibt er: ‚In Damaskus ließ der Statthalter des Königs Aretas die Stadt bewachen, um mich zu ergreifen, doch ich wurde in einem Korb durch ein Loch in der Mauer niedergelassen und entwich ihren Händen…"

Der Professor sah die jungen Männer an. „Ich glaube", sagte er ruhig, ‚dass auch ihr ‚den Händen der Behörden entweichen sollt’. Ebenso wie der Apostel sollt auch ihr flüchten und versuchen zu überleben, damit ihr so lange wie möglich frei dem Herrn dienen könnt… Im Hinblick auf den Abschnitt im Brief an die Römer, in dem geschrieben steht, dass wir ‚uns der übergeordneten Obrigkeit unterordnen sollen’ erklärt der Apostel gleichzeitig, dass ‚die Regenten nicht ein Schrecken für das gute Werk sein sollen, sondern für das böse’. Unsere Welt hat viele üble Machthaber erlebt, die Gutes tuende Menschen verhaftet und ermordet haben. Ihnen sollen wir uns nicht unterordnen. ‚Sie trägt das Schwert nicht umsonst’, erklärt der Apostel und fügt hinzu: ‚Sie ist eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut’! Jakob wurde von Herodes mit dem Schwert hingerichtet. Dies war keine gute Handlung; deshalb sandte Gott einen Engel, um Petrus aus dem Gefängnis zu befreien. Dieser Engel ordnete sich nicht dem bösen König unter; Peter kooperierte mit ihm, als er flüchtete und sich versteckt hielt."

Pastor Jones erhob sich. „Genug damit!", sagte er. „Die Hochzeiten werden nicht abgesagt! Sie werden heute Abend stattfinden! Der Kaiser wird die Genehmigung der Behörden einholen, die Ablieferung der Gefangenen aufgrund einer höchst persönlichen Angelegenheit um einen Tag verschieben zu dürfen! Bevor die Sonne aufgeht, werden sich die beiden auf der Flucht befinden… Danach muss der Kaiser versuchen, seinen Vorgesetzten in Jerusalem den Vorfall plausibel zu machen…"

Mit diesen Worten liefen die drei jungen Frauen zu ihren zukünftigen Ehemännern. Der Kaiser war von dem Gehörten noch ganz benommen, als Sara ihn mit sich zog, um ihm zu zeigen, welche Vorbereitungen sie getroffen hatte. Die beiden anderen jungen Paare verschwanden Arm in Arm in der großen Wüste. Boten wurden nach allen Richtungen ausgesandt, um allen Gästen mitzuteilen, dass das Hochzeitsfest bald beginnen würde. Kurze Zeit später kamen die ersten Kamele von Machmets Zelten an. Musik und Tanz waren zu hören, und die Nacht brach herein… Doch mit der aufgehenden Sonne war der Augenblick des Abschieds und der Tränen gekommen. Ein neuer Tag hatte begonnen. Eine finstere, drohende Zeit der Verfolgung. Der Kampf des Systems gegen die Untergrundkirche nahm hiermit seinen Anfang…